Mit ‘Chris Evans’ getaggte Beiträge

captain_america_civil_war_ver18_xlgDie beiden Filme um den „first avenger“ namens Captain America sind wahrscheinlich das beste, was unter dem Marvel-Logo bislang über die Leinwand geflimmert ist. Gerade der vorangegangene Teil wurde geradezu euphorisch aufgenommen und etablierte das inszenierende Bruderpaar der Russos sofort als neue Hoffnung am Franchise-Himmel. Wenn man sich den Drive anschaut, mit dem sie die Actionsequenz realisiert haben, mit der CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR beginnt, ist man geneigt, in die Jubelarien miteinzustimmen. Das Tempo ist hoch, der Schnitt frenetisch, ohne dabei die Übersichtlichkeit zu zerstören, und darüber hinaus ziemlich zupackend und brachial – durchaus überraschend für eine doch eher kindgerechte Comicverfilmung, deren Vielzahl an CGI einer echten, spürbaren Physis oft eher im Weg steht. Aber tonal hatte sich ja schon der Vorgänger vom bunten Firlefanz der anderen Filme des MCU abgehoben und die Brücke geschlagen zum Politthriller der Siebzigerjahre. Man mag es den Russos nicht verdenken, wenn sie die Erfolgswelle so lange reiten wie es geht und sich mit weiteren Comicverfilmungen gesund stoßen, aber insgeheim frage ich mich schon, zu was die beiden wirklich im Stande wären. „Wirklich“, das meint in diesem Fall: nicht in ein enges Konzept gepfercht, das wenig Freiheiten erlaubt, dafür aber vorsieht, dass innerhalb von knapp zwei Stunden ca. ein Dutzend handelnder Hauptfiguren eingeführt, ca. 28 offen herumliegende Handlungsfäden aufgenommen und nebenbei die nächsten zehn Filme angeteasert werden müssen.

Ich gebe, wie schon bei X-MEN: APOCALYPSE, gern zu, dass ich CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR deutlich besser fand als die letzten Marvel-Filme: Die Geschichte um den Riss, der durch die Superhelden-Mannschaft geht und sie plötzlich zu Feinden macht, ist um Längen interessanter als der Kampf um irgendwelche Steine mit unklaren Eigenschaften. Die Actionszenen sind, wie erwähnt, griffig inszeniert, die große Schlacht der Protagonisten gegeneinander stellt eine gelungene Übersetzung der Comic-Panels in Filmbilder dar, ebenso wie Spider-Mans unentwegte Sprücheklopferei hier sehr schön adaptiert wird. Und langweilig, wie so mancher Kollege, fand ich den Film auch nicht. Trotzdem muss ich nach 24 Stunden des Sackenlassens irgendwie konstatieren, dass CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR so gut wie gar keine Spuren bei mir hinterlassen hat. Er ist einfach so vorbeigerauscht. Ich weiß, oft genug lobe ich Filme für solche „Flüchtigkeit“ und Trivialität. Aber der hier will ja nicht flüchtig und trivial sein, sondern ist in jeder Sekunde mit dem Wissen um die Schlüsselfunktion produziert worden, die er im Übergang des MCU in die nächste Phase innehat. Satte 250 Millionen hat das Ding gekostet, das muss man sich mal vorstellen. Und dann hat man am Ende das Gefühl, eine überproduzierte Episode einer Fernsehserie gesehen zu haben. In irgendeinem Text, den ich unmittelbar nach dem Kinostart gelesen habe, fiel der Schreiber fast auf die Knie vor dem angeblichen erzählerischen Finessenreichtum, der Kunstfertigkeit, mit der alle zuvor angestoßenen Plotfäden hier zusammenlaufen. Ich glaube, für diese Form verblendeter Begeisterung bin ich zu alt: Das ist keineswegs genial, sondern genau wie in den zugrundeliegenden Heftchen (oder eben in einer Fernsehserie), nur dass man die in einer Viertelstunde durchgelesen hatte, nur einen Monat bis zur nächsten Ausgabe warten und dann nur ein paar Mark fuffzich dafür berappen musste, anstatt wie jetzt mit lauten Dröhnen der Marketingmaschine ein „Jahrhundertereignis“ vorgesetzt zu bekommen, dem dann ein ganzer Industriezweig seinen Merchandisingmüll hinterher kippt.

Ich finde es schade, dass ich nach mittlerweile zwei?, drei? Filmen immer noch nicht mehr über Hawkeye, Falcon oder Black Widow weiß, als dass sie Pfeile schießen, Flügel haben oder kämpfen können. Dass bei all der Zeit, die sie sich nehmen, entscheidende Handlungsmomente trotzdem noch lieblos hingeschludert oder schlicht hanebüchen wirken, Neuankömmlinge wie Black Panther oder Scarlet Witch (jaja, die war schon bei AVENGERS: AGE OF ULTRON dabei, aber wer will sich das alles merken), außer einem optischen Eindruck keinerlei Wirkung hinterlassen und das alles seltsam leer und leblos wirkt. Die Comics ließen auf wenigen Seiten und in statischen Panelen ganze lebendige Universen vor dem Auge entstehen, CIVIL WAR hingegen könnte auch in einem Gewerbegebiet gedreht worden sein, so aseptisch fühlt er sich an. Ich glaube, der Drang danach, die stilisierten, mal im- dann wieder expressionistischen Bilder der Comics in „realistische“ Filmbilder zu übersetzen, raubt den Figuren genau das, was ursprünglich mal ihre Kraft ausmachte und Menschen überhaupt dazu brachte, sie in ihre Herzen zu schließen: In den bunten Kästen gefangen wirkten Captain America, Iron Man und Konsorten wirlich überlebensgroß. In Fleisch und Blut sind sie Clowns mit überkandidelten Problemen.

 

183661Mir fällt gerade kein guter Einstieg ein, deshalb beginne ich mal mit der Prämisse des Films: In nicht allzu ferner Zukunft rast der Überrest der Menschheit in einem riesigen gepanzerten Zug über die unter Schnee und Eis begrabene Erdoberfläche. Man wollte eigentlich nur der Erderwärmung Einhalt gebieten, stattdessen leitete man ein neue Eiszeit ein. Führer des Zugs ist der sagenumwobene Erfinder und Unternehmer Wilford (Ed Harris): Er sitzt an der Spitze und kontrolliert die Geschicke aller Passagiere, deren Dasein immer trost- und hoffnungsloser wird, je näher sie am hinteren Ende des Zuges platziert sind. Unter diesen Geschundenen befindet sich auch Curtis (Chris Evans), der gemeinsam mit dem greisen Krüppel Gilliam (John Hurt) eine Revolte plant. Zusammen mit den anderen armen Teufeln und im Verbund mit dem Schlossknacker Nam (Kang-ho Song) wollen sie an die Spitze des Zuges stürmen und ihn in ihren Besitz bringen.

SNOWPIERCER ist sogenanntes High-Concept-Kino, was zunächst einmal bedeutet, dass es nur wenig Luft für Überraschungen, Improvisationen, Leichtigkeit, Exkurse oder Müßiggang gibt. Der Film erinnert in seiner offensichtlich gleichnishaften dystopischen Erzählung stark an prämillenniale Filme à la CUBE, THE MATRIX oder FIGHT CLUB: Natürlich geht es nicht bloß um Machtkämpfchen an Bord eines Zuges, sondern um gesellschaftliche Klassenunterschiede, darum, wie das bestehende System von den Mächtigen am Leben gehalten wird, wie und ob man es von Innen heraus zersetzen kann, sowie um epistemologische Probleme wie Perspektivität oder Kontextwissen. Dass man das Geschehen solchermaßen auf eine höhere Ebene hieven soll, kommuniziert der Film in seiner ganzen Form bereits mit. Demnach dürften auch nur die naivsten Filmseher am Ende überrascht sein, wenn Curtis feststellen muss, dass er gar nicht gegen das System gekämpft hat, sondern dass seine Rebellion auch nur Teil eines Spiels war, dessen Rahmenbedingungen er nicht überblicken konnte. Die armen Teufel am Zugende werden nicht etwa aus Grausamkeit oder Willkür geknechtet und hingerichtet, sondern um das fragile „Ökosystem“ an Bord zu erhalten, und ein Mittel, den „Bestand“ zu regulieren, ist eben auch eine von oben gesteuerte oder zumindest geduldete Revolte.

SNOWPIERCER bedient sich, das ahnt man schon, wenn man hört, dass sich da jemand vom hinteren Abteil eines Zuges zur Lok vorkämpfen soll, einer Videospieldramaturgie: Der Weg Richtung Zugführer wird durch die verschiedenen Abteile, die durchquert werden müssen, in Level aufgeteilt, die immer größere Herausforderungen stellen. Auch visuell verändert sich der Film mit laufender Spieldauer: Die schmutziggrauen Quartiere der Sklaven weichen bald freundlicheren, gar farbenfroh eingerichteten Wagons, bevor man die klaustrophobische Enge der Arche auf Schienen in den letzten Sekunden von SNOWPIERCER schließlich ganz verlässt. Und je näher Curtis seinem Zeil kommt, umso näher rückt nicht nur die Enttarnung des mysteriösen Wilford, sondern auch die des Helden selbst, der seinerseits ein dunkles Geheimnis mit sich herumschleppt. Das Drehbuch von Bong Joon-hos Films ist lehrbuchmäßig konstruiert, kreiert immer wieder Szenen, die sich rückblickend als Vorwegnahmen des Endes entpuppen, lässt alle zunächst lose scheinenden Teile am Schluss wie durch ein Wunder an ihren Platz fallen, wo sie sich dann zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen. Das kann man durchaus honorieren oder bewundern, aber es macht den Film eben auch sehr steif und rigide – und ironischerweise zu einer Maschine, die ähnlich rücksichtslos voranprescht wie der titelgebende, monströse Zug. Ich hatte das vor nicht allzu langer Zeit schon einmal bei INCEPTION: Alles ist dem größeren Sinn unterworfen, noch jedes Detail muss irgendeine Bedeutung im großen Ganzen haben. Bei SNOWPIERCER habe ich das zwar als nicht ganz so unangenehm empfunden, weil Bong Joon-ho ein sehr viel besserer Regisseur ist als Christopher Nolan, aber wenn man seine Filme GWOEMUL oder SALINUI CHUEOK kennt (beide ebenfalls mit Kang-ho Song), dann weiß man, wie sehr er hier vom Script eingeschnürt wurde. Das ist aber nicht das einzige Problem, das ich mit dem Film habe: Je nach Lesart ist SNOWPIERCER mir seinem Die-da-oben-wir-hier-unten-Manichäismus entweder politisch naiv oder aber furchtbar schicksalsgläubig und religiös. Und beides beißt sich heftig mit seiner äußeren Form.





 

So, da sind wir mal wieder, beim nächsten großen Marvel-Superheldenfilm, den ich mir eigentlich nicht mehr ansehen wollte, dann aber doch wieder weich geworden bin. Es sind das Gefühl, bei diesem einen Mal vielleicht doch etwas verpassen zu können, und die Neugier darauf, wie die nächsten filmischen Äquivalente zu den zweidimensionalen Vorlagen die Transition überstanden haben, die mich immer wieder zugreifen lässen. Wer ein Herz für die Superhelden-Comickultur hat, wird von Marvel auf diese Art und Weise mit jeder neuen Verfilmung eingefangen: mit einem Versprechen, zu dem die mindestens milde Enttäuschung fast schon dazugehört, um das Bedürfnis nach der nächsten Installation zu sichern. Die Masche funktioniert bislang noch, aber mit jedem Film, der folgt und sich dann doch wieder nur als Vorspiel auf das große, unüberbietbare Finale – oder auch nur auf den nächsten Verwertungszyklus – entpuppt, wächst auch die Gefahr, die Geduld überzustrapazieren oder Erwartungen zu schüren, die unmöglich zu erfüllen sind.

Auch über den zweiten AVENGERS-Film AGE OF ULTRON hätte ich schon vorab einen Text schreiben können, den ich dann nach der Sichtung kaum hätte modifizieren müssen. Man weiß ja mittlerweile, wie das läuft, was man erwarten kann und was man auch diesmal wieder nicht bekommen wird. Der zweite Teil hat mir eher gut gefallen, aber das liegt auch daran, dass ich deutlich Schlimmeres erwartet hatte. Neben den Jubelarien und ausufernden Diskussionen, die jeder neue Marvel-Film im Netz unweigerlich auslöst, kann man recht verlässlich auch Quasi-Verrisse von Leuten lesen, denen es ganz ähnlich geht wie mir. Da wird zu Recht bemängelt, dass eigentlich jeder Superhelden-Film nur noch der Teaser für die kommenden Projekte ist, dass vor lauter Charakteren, die da zusätzlich zu der Armada an eh schon existerenden eingeführt werden, kaum noch Zeit bleibt, tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, dass jegliche Vision, die möglicherweise einmal am Anfang stand, der radikalen Zielgruppenoptimierung zum Opfer gefallen ist. Das alles trifft auch auf AGE OF ULTRON zu. Regisseur Joss Whedon ließ sich nach der Fertigstellung wenig versöhnlich über die Erfahrungen mit Marvel zitieren, genervt über die Einmischung der Produzenten und die ständigen Kompromisse. Man sieht dem fertigen Film an, was drin gewesen wäre, aber nicht sein durfte, weil die nächsten 32 Subplots zu triggern waren, die dann bis ins Jahr 2022 vielleicht gelöst sein werden.

Die Thematisierung der Frage, wie weit man zur Sicherung des Friedens gehen darf, was ein solcher mit kriegerischer Gewalt gesicherter Frieden überhaupt wert ist, wann „gut“ endet und „böse“ beginnt, ist dabei eigentlich sehr interessant. Exemplifiziert wird sie zum einen durch die Geschichte Ultrons (James Spader), einer von Tony Stark (Robert Downey jr.) geschaffenen künstlichen Intelligenz, die der Kontrolle durch die Superhelden entweicht und zu dem nicht ganz abwegigen Schluss kommt, dass die Menschen Schuld am Zustand der Welt sind und demnach ausgelöscht gehören, zum anderen durch Bruce Banner (Mark Ruffalo), der als Hulk während eines Wutanfalls eine ganze Stadt verwüstet, auch seine Freunde fast umbringt, und daraufhin an seiner Eignung als Wohltäter zu zweifeln beginnt. Außerdem gibt es noch zahlreiche weitere Subplots und Exkurse, die Zeit beanspruchen und dem Film durch die daraus resultierende Oberflächlichkeit zwangsläufig den Charakter einer aufgeblähten Soap-Opera-Episode verleihen. Der Haupt-Erzählstrang um Ultron ist ein gutes Beispiel für die Probleme, die mangelndes editorisches Gespür verursacht: Innerhalb von zwei Szenen reift er von der Idee zur Realität, eine Szene später mutiert er bereits zum Superschurken mit Weltvernichtungsplan. Dass der vollanimierte Blechkasten überhaupt über etwas Charakter verfügt, ist einzig der Stimme von James Spader zu verdanken. Was Marvel erstaunlicherweise immer noch nicht gemerkt hat: Ein solcher Film steht und fällt mit einem vernünftigen Bösewicht. Bisher hatten es die Helden aber immer nur mit völlig austauschbaren Pappenheimern zu tun, auf deren Zugkraft noch nicht einmal die Macher selbst zu vertrauen scheinen. Wer glaubt, dass sich das mit Thanos ändern wird, hat mein aufrichtiges Mitleid.

Das Tempo, das AGE OF ULTRON geht, trägt natürlich dazu bei, dass man sich nicht langweilt, nie zu lang bei einer Sache aufhalten muss, immer die nächste effektlastige Actionszene um die Ecke lugen sieht. AVENGERS: AGE OF ULTRON ist mit „kurzweilig“ schon ganz gut beschrieben, lässt aber jede Nachhaltigkeit vermissen. Es gibt ein paar schöne Bilder, etwa während der einleitenden Actionsequenz, in der die Kamera atemlos über ein Schlachtfeld fährt und immer wieder bei einem anderen Avenger „hängenbleibt“, oder im Zweikampf zwischen dem „Hulkbuster“ und Hulk – wie überhaupt die Szenen mit dem grünen Wutklumpen bei mir für einen enormen Anstieg der Stimmungskurve sorgten (Vision (Paul Bettany) ist auch ein HIngucker), aber nichts, was einen wirklich packt und sich unauslöschlich einbrennt, wie Actionfilme das im Idealfall leisten. Nichts bekommt überhaupt die Zeit, irgendeine über den ersten Wow-Effekt hinausgehende Wirkung zu entfalten, weil atemlos sofort die nächste Story angerissen oder beendet werden muss. Es ist wirklich erstaunlich: Da wurde eine Viertelmilliarde Dollar (!) dafür ausgegeben, einen Film zu drehen, dessen herausragendste Eigenschaft ist, dass er sich binnen kürzester Zeit verflüchtigt wie ein leiser Pups.

David Ayer hat die Fahne des Polizeifilms, eines Genres, dem in den USA eine ähnliche Bedeutung zukommt wie dem Western und das gegenwärtig vor ähnlichen Problemen steht, in den letzten 20 Jahren hochgehalten wie sonst kaum ein Filmemacher. Als Drehbuchautor war er bereits an Genrebeiträgen wie TRAINING DAY, DARK BLUE oder S.W.A.T. beteiligt, bevor er die Tradition als Regisseur mit dem großartigen END OF WATCH, SABOTAGE und eben STREET KINGS selbst fortsetzte.

STREET KINGS ist Ayers erst zweiter Spielfilm nach dem mir noch unbekannten HARSH TIMES, doch lässt er die Expertise des Regisseurs für sein Genre bereits erkennen. Inszeniert nach einem Script von Hardboiled-Papst James Ellroy, ist STREET KINGS bis aufs Skelett reduziert, wird weniger von Charakteren bevölkert als von Archetypen und scheint eine Art abstrakte Aktualisierung und Bestandsaufnahme des Copfilms am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Milenniums. Er erzählt eine altbekannte Geschichte und lässt einen Einzelgänger-Cop gegen die Korruption in den eigenen Reihen antreten. Am Ende hat er zwar eine Schlacht gewonnen, doch ein Triumph ist das nicht, noch nicht einmal ein ideeller: Das Netz der Korruption ist nämlich bereits so eng gewebt, dass selbst eine vermeintliche Niederlage dem System noch in die Karten spielt. Der ehrliche, geradlinige Polizist ist nicht mehr der natürliche Feind des crooked cop, sondern längst sein heimliches Helferlein. Während es Serpico, dem Schutzpatron aller unbestechlichen Bullen, in Sidney Lumets gleichnamigem Film noch gelang, seine Autonomie zu bewahren, sich gegen die Mordanschläge von Kollegen zu behaupten und eine weiße Weste zu behalten, sieht die Zukunft für den „Helden“ von STREET KINGS ungleich trauriger aus. Alle Schwarz- und Weißtöne sind längst zu einem uniformen Grau verwaschen.

Ayer lädt seinen nachtschwarzen Film mit existenzieller Schwere auf und profitiert dabei von einem Hauptdarsteller, der in eher ungewohnter Rolle überrascht. Keanu Reeves, einst Hollywood-Beau und kommender Superstar, bevor seine unglückliche Rollenauswahl ihn bei seinem Aufstieg ausbremste, ist mit seinem etwas hölzernen, minimalistischen Spiel zu einer Art Running Gag verkommen, so eine Art Antipode zum ähnlich verlachten Nicolas Cage, und sein Name garantiert meist für ebenso unerklärliche, bizarre Flops. Sein Spiel war schon immer etwas ungelenk, weshalb er als linkischer, aber gutherziger Trottel in BILL AND TED’S EXCELLENT ADVENTURE eine Idealbesetzung war, aber seit seiner Kollaboration mit den Wachowskis scheint alles Leben aus ihm gewichen, Reeves im blutarmen Neo-Modus hängengeblieben zu sein. Als ausgebrannter, zynischer, rassistischer Cop kann er hier zwar nicht mehr an seinen einstigen Status anknüpfen, aber er lässt erahnen, in welchen Rollen man ihn noch besetzen kann. Vielleicht erlebt Reeves in ein paar Jahren tatsächlich seine Wiedergeburt als Hollywood-Schurke. Seiner Rolle als Detective Tom Ludlow kommt es entgegen, dass Reeves schon immer etwas langsam schien: Ludlow, der es gewohnt ist, die Dinge in die Hand zu nehmen, ist hier der nur scheinbar aktive Part, viel eher aber die Spielfigur anderer, deren Motive er nicht einmal beginnt zu begreifen. Wenn er denkt, man wolle ihn drankriegen, sind im Gegenteil alle darauf bedacht, ihn von jeder Schuld reinzuwaschen, und wenn er glaubt, nur auf eigene Rechnung zu arbeiten, liefert er seinen bestechlichen Kollegen mit seinen Verhaftungen nur die Argumente, die sie brauchen, um ihr dreckiges Spiel fortzusetzen.

Wenn es etwas zu kritisieren gibt an STREET KINGS – abgesehen davon, dass Ayer nicht angetreten ist, das Genre zu revolutionieren, sondern sich ganz und gar damit zufrieden gibt, innerhalb seiner abgesteckten Grenzen zu arbeiten –, dann ist es ein unguter Rassismus, der sich in seiner Darstellung des urbanen Verbrechens Bahn bricht. Unter den Übeltätern, gegen die die Polizisten antreten, findet sich kein einziger Weißer, dafür aber eine bunte Mischung von Afroamerikanern (darunter die Rapper Common, The Game und der Stand-up Comedian Cedric the Entertainer), Latinos und Asiaten. Besonders augenfällig wird dieses Missverhältnis in einer kurzen Szene, die Tom Ludlow nach seiner Strafversetzung bei der Annahme von Beschwerden zeigt: Er bekommt es dabei ausschließlich mit übelsten Ghetto-Klischees, von den fetten Afro-Ladies bis hin zum lateinamerikanischen Gangbanger mit Karohemd, zu tun. Ich will nicht anzweifeln, dass das dem Bild entspricht, das sich in manchen Bezirken US-amerikanischer Großstädte zeigt, aber in STREET KINGS, einem Film der fast ausschließlich mit Folien arbeitet, wirken diese „Besetzungscoups“ unangenehm programmatisch, billige Vorurteile aufgreifend und damit schürend. Ist es wirklich nur Zufall, dass die einzig durch und durch positiv gezeichnete Figur vom späteren Captain America Chris Evans gespielt wird?

 

 

Kürzlich habe ich einen sehr dummen Artikel gelesen(Cracked.com mag ich eigentlich sehr gern, aber die Filmtexte fallen mir immer häufiger negativ auf), in dem die Geschäftsstrategie der Marvel-Konkurrenten DC (Superman, Batman etc.) hinsichtlich ihrer Filme genüsslich auseinandergenommen wurde. Die Grundthese des hingeschluderten Textes lautete, dass die Verantwortlichen für die filmische Umsetzung der DC-Comics nicht in der Lage seien, ihre Lehren aus den immens erfolgreichen Marvel-Vorbildern zu ziehen. Als ein wichtiges Beispiel für die seiner Meinung nach verfehlte Konzeption führte der Autor an, dass die DC-Filme überwiegend auf Düsternis setzten, wo doch Marvel gerade mit dem überwältigenden Erfolg von GUARDIANS OF THE GALAXY bewiesen habe, dass das Publikum das genaue Gegenteil sehen wolle. Mal ganz davon abgesehen, dass die Kritik an sich idiotisch ist – Wer sagt, dass nicht zwei unterschiedliche „Produkte“ Erfolg haben können? Wer bräuchte DC-Verfilmungen, wenn sie ein bloßer Abklatsch der Marvel-Filme wären? Und was schriebe wohl ein ideenloser Nerd, wenn DC das Erfolgskonzept des Konkurrenten 1:1 übernähme? –: Sie ist schlicht falsch. Denn wenn CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER kein düsterer und grimmiger Superheldenfilm ist, dann weiß ich es auch nicht. Nachdem Joe Johnstons Vorgänger, der mir auch schon ganz ausgezeichnet gemundet hatte, sich weitestgehend einer nostalgischen Reanimation des in Zeiten des Zweiten Weltkriegs die Werte der freien Welt gegen die Nazis verteidigenden dienstältesten Marvel-Helden verschrieben hatte, befassen sich Anthony und Joe Russo mit der Frage, welche Funktion eine solch anachronistische Figur heute noch übernehmen könnte. Die Antworten, die sie finden, drohen in ihrer konsequentesten Lesart nicht nur, dass Konzept des „Superhelden“ gänzlich zu erodieren, sie machen CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER auch zum bislang mit Abstand ernstesten und erwachsensten  der grassierenden Marvel-Verfilmungen.

Die Organisation S.H.I.E.L.D., unter deren Schirmherrschaft Steve Rogers (Chris Evans) als Supersoldat Captain America und zahlreiche andere Superhelden ihren Dienst zum Schutz der USA versehen, entpuppt sich zu Beginn des Films als zu bedrohlicher Macht angewachsener Popanz. Ein Konflikt zwischen dem braven Diener und seinem Vorgesetzten Nick Fury (Samuel L. Jackson) bahnt sich schon früh an, als letzterer seinen Untergebenen in das neueste Projekt von S.H.I.E.L.D. einweiht: Wissenschaftliche Forschung hat es ermöglicht, zukünftige Verbrecher zu ermitteln und die Organisation so in die Lage versetzt, sie à la MINORITY REPORT präventiv zu bestrafen. Rogers ist von diesem Plan alles andere als angetan, sieht die eindeutig totalitaristischen Tendenzen hinter einem solchen Vorhaben und beginnt somit auch an der Legitimation seines Arbeitgebers und der Rechtmäßigkeit seiner eigenen Missionen zu zweifeln. Auch der S.H.I.E.L.D.-Offizielle Alexander Pierce (Robert Redford) will sich nicht länger damit begnügen, Verbrecher zu jagen und nach ihrer Festsetzung zu bestrafen. Er sieht sich als „Realist“ und seine Überzeugung fasst er mit dem Satz „to build a better world sometimes means having to tear the old one down“ zusammen. Mit dem Niederreißen dieser alten Welt anzufangen, kann er kaum erwarten. CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER befasst sich unverkennbar mit der Entwicklung, die die so genannte freie Welt seit 9/11 immer näher an einen nun möglicherweise kurz bevorstehenden Wendepunkt geführt haben: den Moment, in dem das ins Extrem getriebene Sicherheitsbedürfnis der Wohlstandsnationen droht, sie in totalitäre Regime zu verwandeln, die ihren Bürgern schon bei bloßem Verdacht mit drastischen Repressalien drohen. Siehe alle politischen Vorstöße zur Überwachung und „Terrorismusbekämpfung“.

Passend zu dieser Thematik werfen die Russos fast allen pubertären Zierrat über Bord und gestalten ihr Sequel in Struktur, Ton und Dramaturgie nach dem Vorbild der unterkühlten Spionage- und Politthriller der Siebzigerjahre. (Die Besetzung von Redford, der in zwei der wichtigsten Vertreter jenes Genres mitwirkte – Pakulas ALL THE PRESIDENT’S MEN und Pollacks THREE DAYS OF THE CONDOR –, ist ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl.) CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER befasst sich zunächst mit der langsamen Entfremdung Rogers‘ von seinem Arbeitgeber, den Verdachtsmomenten und stärker werdenden Zweifeln, um den Spieß dann in der zweiten Hälfte, nach einem unerwarteten, als Zäsur wirkenden Ereignis umzudrehen. Der bisherige Vorkämpfer für die Werte der Demokratie ist nun der Abtrünnige und Landesverräter, der seine Unschuld nur dann beweisen kann, wenn er den Drahtzieher des Komplotts ausschaltet. Passend dazu fallen die Actionszenen hier eine ganze Spur weniger exaltiert, dafür aber erheblich ruppiger aus als zuvor. Ein Einsatz Rogers‘ auf einem von Terroristen gekaperten Schiff ist eine Studie in Sachen Geschwindigkeit und brachialer Effizienz, und auch die weiteren Actionsequenzen betonen eher die zerstörerische Gewalt als dass sie jugendliche Omnipotenzträume und Bewegungsfreude bebilderten. Es ist letztens der Vorlage geschuldet, dass CAPTAIN AMEIRCA: THE WINTER SOLDIER nicht zur deprimierenden Dystopie wird. Am Ende ist es eben doch kein inhärentes systemisches Problem, das den Sündenfall von der humanistisch gesinnten Polizeiorganisation zum Terrorherrscher begründet, sondern die Infiltration durch die Abkömmlinge der Nazivereinigung Hydra, die Rogers glaubte, im vorangegangenen Film zerschlagen zu haben. Genretypisch ufert das Sequel zum Showdown hin in eine ausgedehnte, aber selten wirklich innovative oder gar begeisternde Material- und Effektschlacht aus, die nach den vorangegangenen Ereignissen durchaus etwas befremdlich und inkonsequent anmutet, aber den rundum positiven Gesamteindruck kann dieser verzeihbare Schönheitsfehler auch nicht schmälern. Auf die weitere Entwicklung in den kommenden Marvel-Filmen bin ich überaus gespannt, was ich nach den letzten Installationen nicht gerade sagen konnte.

Reed Richards (Ioan Gruffudd) und Sue Storm (Jessica Alba) stecken mitten in ihrer Hochzeit, da droht der Weltuntergang: Als Vorhut des Weltenvernichters Galactus hat dessen unfreiwilliger Helfer, der Silver Surfer, sich die Erde als nächstes Ziel ausgeguckt. Es bleibt den Fantastischen Vier nicht viel Zeit, die Welt zu retten und damit das gelingt, müssen sie sogar mit ihrem Erzfeind Victor von Doom (Julian McMahon) kooperieren. Doch der interessiert sich eigentlich nur für das Surfbrett des Außerirdischen, das die Quelle seiner Macht zu sein scheint …

Ein Bekannter hat mir vorgeworfen, in meiner Kritik zu FANTASTIC FOUR zu freundlich gewesen zu sein: Er hat sicherlich Recht, denn Tim Storys Superheldenfilm repräsentiert all das in Reinkultur, was am großen Hollywood-Eventfilm so hassenswert ist. Film selbst, so scheint es, verkommt hier zum Mittel zu dem einzigen Zweck, möglichst viel Geld zu verdienen. Ein Film, der viel Geld einspielt, ist automatisch ein guter Film. Weil die Filmproduktion aber immer teurer wird, muss das Risiko minimiert werden, Geld zu verlieren. Das spricht gegen originelle Ideen, gegen Anspruch und Intelligenz und für Franchisebildung, Cross Promotion und runtergedummte Plots, die eben möglichst viele Menschen ansprechen sollen. FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER ist nach dem Vorgänger auch nur der nächste logische Schritt. Alles ist ein bisschen größer, der Film ist noch schneller und flacher (u. a. weil man die Charaktere nicht mehr erst einführen muss), der Humor noch platter, die Product Placements noch dreister und mit dem Silver Surfer wird ein möglicher Spin-off-Kandidat vorgestellt und auf Markttauglichkeit getestet. Meine Geduld war dann auch irgendwann erschöpft, nachdem der erste Teil noch von meiner Altersmilde profitiert hatte. Die vier Protagonisten sind unerträglich eindimensionale Dummbeutel, Johnny Storm, die menschliche Fackel, gar ein hedonistischer, eitler Geck, dem man einen aggressiven Herpes ans selbstverliebt grinsende Maul wünscht, aber ganz bestimmt keine Superheldenfähigkeiten. Die Liebesgeschichte zwischen Reed und Sue dient allerhöchstens dazu, Vorurteile gegen traditionelle Beziehungsmodelle zu bestätigen und das Ding – dessen Umsetzung mittels eines altmodischen Rubber Suits ich eigentlich ganz niedlich finde – ist kaum mehr als Quelle unzähliger Zoten. Am ärgerlichsten ist ganz sicher, wie offensiv der Film den Zuschauern seinen Produktcharakter vor die Füße rotzt: Er macht gar keinen Hehl mehr daraus, dass er kaum mehr als eine Werbefläche ist. Als Johnny die neuen, über und über mit Sponsorenlogos versehen Heldenkostüme vorstellt und Reed entsetzt abwinkt, fragt Johnny nur schnippisch: „What have you got against capitalism?“ Dieser „Gag“ ist auf so viele verschiedene Arten und Weisen verkommen, dass mir eigentlich nix mehr dazu einfällt. Wenn Produzenten über ihre mangelnde Integrität, die sie dazu bringt, dem Publikum Geld für längere Werbespots aus der Tasche zu ziehen, nun auch noch offen Witzchen machen können, ihren Zuschauern also auch noch ihre Frechheit unter die Nase reiben, nachdem sie sie betrogen haben, dann ist zweifellos eine Geschmacksgrenze überschritten.

Das ist aber nicht alles, was FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER zum Ärgernis macht: Denn in der Darstellung des Silver Surfers sieht man, wie leichtfertig hier Talent verschleudert wurde. Den melancholischen Surfer, wahrscheinlich eine der poetischsten Comicschöpfungen der langen Superheldengeschichte, vom Comic auf die Leinwand zu bringen, ohne sich dabei völlig zu verheben, dürfte nämlich eine der schwierigeren Aufgaben sein, die man sich in Sachen Comicverfilmung vornehmen kann. Angesichts der Lieb- und Gedankenlosigkeit, mit der man sich der Fantastischen Vier angenommen hat, war das Fiasko eigentlich vorprogrammiert. Doch immer wenn der Silver Surfer seine Bahnen durch den Film zieht, spürt man förmlich, wie sich das Herz in der Brust hebt, wie die bleischwere Seelenlosigkeit auf einmal von Bedeutung, Poesie und Emotion durchbrochen wird. Diese Figur ist so stark, nicht einmal das dümmliche Püppchengesicht von Jessica Alba kann ihren Eindruck schmälern. Anstatt mich – wie so viele Comicnerds – also über die Eierlosigkeit aufzuregen, die bei der Umsetzung des Weltenzerstörers Galactus ohne Frage an den Tag gelegt wurde (aus dem – filmisch sicherlich schwierig originalgetreu umzusetzenden – Alien mit dem Riesenkopf wurde kurzerhand und wenig einfallsreich eine riesige kosmische Gewitterwolke), freue ich mich lieber über den wunderbaren Silver Surfer, der allerdings damit gestraft ist, in einem Film rumzufliegen, der eine Rettung gar nicht verdient hat. Den Eichingerbernd hat Galactus ja schon aufgefressen, von mir aus kann er sich als nächstes diesen Film einverleiben. Wahrscheinlich hat er aber Angst vor den Blähungen und dem Sodbrennen.

PS: Meine erste Begegnung mit dem Silver Surfer hatte ich in meiner Kindheit, als ich im Nachtprogramm Jim McBrides BREATHLESS, ein loses Remake von Godards À BOUT DE SOUFFLE erwischte: Dessen Protagonist, ein kleiner Ganove namens Jesse (Richard Gere), ist ein großer Verehrer des Surfers und liest an mehreren Stellen des Films aus den Comics vor. Keine große Sache, aber man erhält einen guten Eindruck von der Figur und davon, was für einen fantastischen Film man mit ihr drehen könnte. FANTASTIC FOUR: RISE OF THE SILVER SURFER kratzt noch nicht einmal an diesen Möglichkeiten, hat weniger kosmische Atmosphäre als jene Szene mit Jesse im Comicladen. Hier ist ein Youtube-Clip, in dem die Silver-Surfer-Szenen aus BREATHLESS zusammengefasst werden:

Der Wissenschaftler Dr. Reed Richards (Ioan Gruffudd), sein Assistent Ben Grimm (Michael Chiklis), Reeds Ex-Freundin Sue Storm (Jessica Alba) und ihr Bruder Johnny (Chris Evans) begeben sich gemeinsam mit Auftraggeber Victor von Doom (Julian McMahon) – Sues neuem Partner und Chef – ins Weltall, um dort Forschungen vorzunehmen. Nachdem sie dort einem kosmischen Sturm und starker Strahlung ausgesetzt worden sind, ist ihre DNA irreparabel verändert: Reeds Körper ist elastisch wie Gummi, Sue kann sich unsichtbar machen, Johnny verwandelt sich in einen menschlichen Feuerball und Ben hat einen Körper aus Stein. Während sie versuchen, ihren Fähigkeiten auf den Grund zu gehen, sieht von Doom, dessen Haut langsam eine metallene Konsistenz annimmt, eine Chance, seine neuen Talente zur Machtvergrößerung zu nutzen. Dabei sind ihm die „Fantastischen Vier“ natürlich im Weg …

Die Geschichte hat das Urteil über diese Inkarnation der Fantastischen Vier bereits gesprochen: Nachdem weder dieser Film noch die Fortsetzung bei Publikum und Kritik besonderen Eindruck machen konnten, ist bereits ein Reboot in Planung. Der Fairness halber muss man sagen, dass FANTASTIC FOUR nicht die Katastrophe ist, die viele vergrätzte Nerds in ihr sehen wollen, sondern lediglich eine ziemlich seelenlose, wenig einfallsreiche oder gar kreative Verfilmung eines Comics, das ein sensibleres Händchen als das von Regisseur Tim Story gebraucht hätte – und ein deutlich besseres Drehbuch. Dass FANTASTIC FOUR fast ein Kinderfilm geworden ist, istdabei gar nicht das Problem: Die Fantastischen Vier eignen sich ganz sicherlich nicht für ein düsteres Update im Stile von Batman oder eine humorvolle Postmodernisierung. Die Comics stammen aus einer sehr unschuldigen Zeit und die Wissenschaftlerfamilie um Reed Richards hatte daher immer etwas Betuliches; sie waren immer quasi die soapopereske Variante ihrer actionlastigeren Marvel-Kollegen. Doch weil sie eben so fest in den Sechzigerjahren und dem so genannten Silver Age verwurzelt sind, wäre ein nostalgischer Ansatz – wie etwa bei Johnstons CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER – sicherlich die Ideallösung gewesen. Ein in ihrer Zeit angesiedelter Film, ein Superhelden-Period-Piece (wie es Vaughn mit X-MEN: FIRST CLASS versucht hat), das wäre es gewesen.

Dafür hätte es natürlich eines längeren Atems bedurft, einer gewissen Risikofreudigkeit, wahrscheinlich eines höheren Budgets und ein paar Gedanken darüber, was die Fantastischen Vier als Comicserie überhaupt auszeichnet. Zu viel Arbeit für jemanden, der bloß an Rendite interessiert ist. FANTASTIC FOUR ist flüchtig, mit knapp 95 Minuten Laufzeit geradezu kurz und stets bedacht darauf, seinen Zuschauern bloß nicht zu viel abzuverlangen. Die inneren Konflikte der Protagonisten werden in durchsichtigen Onelinern adressiert, die Bezug auf ihre neuen Fähigkeiten nehmen, vom Soundtrack blubbern eindimensionale Popsongs, die 2005 wahrscheinlich der heißeste Scheiß waren, schon sieben Jahre später aber furchtbar dated wirken, jede Szene ist mit Werbung und Product Placements zugepflastert und nichts, aber auch gar nichts bleibt über den Film hinaus hängen. Das kann man schon an der Besetzung festmachen, die sicherlich nicht schlecht ist, aber die Figuren auf optische Reize reduziert – Gruffudd ist etwas blass, Alba ist hübsch, Evans der jugendliche Heißsporn, Chiklis dick und kernig, McMahon eben der Schmierlappen aus NIP/TUCK. Es gibt keine einzige Szene, in der diese Darsteller wirklich etwas zu leisten hätten, keine Differenzierungen, nichts. Es ist zum einen den Effekten zu verdanken, dass das Interesse nicht völlig versiegt, zum anderen dieser stromlinienförmigen Kurzweiligkeit. Man hat einfach nicht viel Zeit, sich zu langweilen. Wenn das der Anspruch ist, dann ist FANTASTIC FOUR schon ganz ok: das filmische Äquivalent zur Fahrstuhlmusik halt. Wem das Comic etwas bedeutet oder wer von Film mehr als bloße Berieselung erwartet, dem dürfte das aber deutlich zu wenig sein.