Mit ‘Chris Hemsworth’ getaggte Beiträge

Das als „postmodern“ apostrophierte Kino, wie es in den Neunzigerjahren vor allem durch den kometenhaften Aufstieg Tarantinos zum Trendthema wurde, hatte seine Credibility schon wenig später fast vollständig verloren: Weil zu viele einfältige Pendants es lediglich für hohle Witzchen und das unproduktive Zurschaustellen des vorgeblichen Popkultur-Wissens missbrauchten, war der anfänglich noch vorhandene Witz bald dahin. Der Rückzug in eine durch und durch künstliche Welt, in der nichts so gemeint war, wie es schien, und selbst das ironische Augenzwinkern noch ironisch gebrochen wurde, führte geradwegs in die moralische Obdachlosigkeit. Der Horrorfilm (der sein postmodernes Coming-out möglicherweise 1997 mit Wes Cravens SCREAM hatte) litt besonders unter dieser Entwicklung: Weil sein Erfolg von der vollständigen emotionalen Immersion des Zuschauers abhängt, davon, dass der sich darauf verlassen kann, nicht verschaukelt zu werden, musste er in eine schwere Krise geraten, wenn die Gräueltaten, die er abbildete, in Gänsefüßchen gesetzt wurden. All die Splatterkomödien, die seit den späten Achtzigerjahren die Videotheken und Festivalleinwände fluteten, bezogen sich nicht mehr auf eine wie auch immer geartete Wirklichkeit und die Angst vor ihr, sondern nur noch auf andere Filme. Es stand nichts mehr auf dem Spiel, weder für die Protagonisten noch für den Zuschauer: Der Todesstoß für ein Genre, das seinen Zuschauern eigentlich Angst machen will.

THE CABIN IN THE WOODS ist auf den ersten Blick ein mustergültiges Beispiel  dieses postmodernen Horrorkinos und demnach auch anfällig für obige Kritik. Aber dann doch wieder nicht. Dass der von Genrespezialist und Popkultur-Nerd Joss Whedon produzierte und geschriebene Film deutlich ambitionierter, cleverer und aufwändiger daherkommt als der spießige Kinderkram, der das Fantasy-Filmfest-Publikum sonst zuverlässig frühzeitig ejakulieren lässt, ist dabei nicht der einzige Grund für seinen Erfolg. Whedon und sein Regisseur, Debütant Drew Goddard, begnügen sich nämlich nicht damit, lediglich fingerfertiges Nerdjerking zu betreiben. Natürlich richtet sich der Film an Horrorfilm-Fans, an Geeks, die sofort wissen, dass Sam Raimis epochemachender THE EVIL DEAD Pate bei der Prämisse stand, die wissen, dass es nichts Gutes bedeuten kann, wenn in einem finsteren Keller aus einem Buch mit kryptischen lateinischen Formeln vorgelesen wird. Der Unterschied zu jenen Legionen unbedarfter Horrorkomödien, deren Macher lediglich ihren Lieblingsfilmen huldigen wollen, ohne deren visionäre Kraft jedoch nur annähernd zu erreichen, besteht darin, dass Goddard und Whedon, ganz selbstverständlich mit jenen Reminiszenzen umgehen. Wenn sie sich die Rahmenhandlung bei THE EVIL DEAD borgen, dann nicht, um sich als Kenner zu gerieren und sich mit ihrem Publikum zu verbrüdern, sondern weil jener Film nun einmal die Blaupause für zahlreiche Epigonen lieferte. Es geht ihnen nicht um Expertenwissen, sondern genau um das Gegenteil: Sie refrenzieren popkulturelles Allgemeingut. Hinter dieser Strategie verbirgt sich eben nicht jene müde „Von-Fans-für-Fans“-Huldigung: THE CABIN IN THE WOODS zitiert sich nicht selbstzweckhaft und regressiv durch die jüngere Horrorfilmgeschichte. Er reflektiert auf der Handlungsebene, worin der kulturelle Mehrwert des modernen Horrorfilms besteht, welche soziale Funktion ihm zukommt.

Die Gruppe bunt gemischter Freunde – die „Jungfrau“, die Schlampe, der Sportler, das „Gehirn“ und der Clown – ahnt nicht, dass ihr Ausflug in eine einsame Waldhütte einem größeren Zweck dient. Beobachtet von Staatsbeamten, die das sich entspinnende Blutbad mit derselben amüsierten Routine betrachten, mit der auch Splatterfans sich durch die neueste Genrekost arbeiten, treten sie einen Mechanismus in Gang, der sie das Leben kosten wird. Doch ihr Tod dient nicht bloß dem Amüsement: Wie das Menschenopfer in weniger zivilisierten Zeiten sterben sie, um die Götter zu besänftigen, die im Zentrum der Erde hausen. Die Beamten sorgen mit ständigem Nachschub dafür, dass das so bleibt.

Der Witz von THE CABIN IN THE WOODS besteht – abseits von seinem Twist, der jedoch bereits mit der ersten Szene des Films telegrafiert wird und eigentlich kein Twist im eigentlichen Sinne ist – darin, dass er suggeriert, dass alle Horrorfilme, die wir kennen, letztlich Dokumentationen realer Ereignisse sind. Das Horrorgenre dokumentiert, was den Fortbestand der Menschheit überhaupt erst sichert. Das ist nicht nur eine sehr hübsche Idee, es ist auch eine größere Ehrerbietung als jeder dumpfbackige Kettensägenwitz es je sein könnte.

Weil Thor (Chris Hemsworth), Sohn Odins (Anthony Hopkins) und Anwärter auf den Thron von Asgard, einen Krieg gegen die „Frost Giants“ aus Jotunheim anzettelt, wird er von seinem Vater auf die Erde verbannt und seiner Kräfte beraubt. Während er in einem kleinen Kaff in New Mexico die Wege der Wissenschaftlerin Jane Foster (Natalie Portman) kreuzt und sein Hammer Mjolnir das Interesse der Organisation S.H.I.E.L.D. weckt, arbeitet sein Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) zu Hause daran, die Macht zu übernehmen …

Als Fan des Marvel-Helden Thor muss man für gewöhnlich viel Spott über sich ergehen lassen. Mit seinem pompösen Gehabe, seinen blonden langen Haaren und der gestelzten Diktion (in den englischen Originalversionen der Comics sind seine Dialogzeilen vollgestopft mit „thou“s und „thy“s) ist der nordische Donnergott zwischen all den Mutanten, genialen Wissenschaftlern und menschlichen Tough Guys, die das Marvel-Universum bevölkern, ein krasser Außenseiter. Eine Verfilmung der Comicreihe – der Marvel wohl auch deshalb eine Zwangspause verordnet hat, weil Thor bestehenden Coolness-Konzepten diametral entgegengesetzt ist – war von daher denkbar schwierig. Während sich seine Superheldenkollegen je nach vorherrschenden Trends rebooten und umkonfigurieren lassen, gibt es bei Thor im entscheidenden Punkt keine Kompromisse: Er ist ein nordischer Gott. Wenn man ihm das nimmt, dann macht die ganze Figur keinen Sinn mehr. Die Macher von THOR standen also vor der schwierigen Aufgabe, die Figur auf die Leinwand zu transferieren, ohne ihre Wurzeln zu kappen, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der nordische Mummenschanz nicht allzu sehr ins Alberne abdriftet. Die Entscheidung, Kenneth Branagh auf den Regiestuhl zu hieven, ließ zunächst befürchten, dass die Produzenten dieses spezifische Problem einer Thor-Verfilmung eben nicht erkannt hatten: Sollte THOR tatsächlich ein dröger Kostümfilm im Stile seiner „werkgetreuen“ Shakespeare-Adaptionen werden? Einen spielerisch-leichten Umgang mit seinen Stoffen war man von dem Briten bisher schließlich eher nicht gewohnt. Letztlich scheint die Besetzung des Regisseur-Postens bei diesen Eventfilmen aber nahezu irrelevant: Zu viel Geld steht auf dem Spiel, als dass die Studios sich ihre Gewinnkalkulation von einer einzelnen Person und seiner höchst singulären „Vision“ kaputtmachen ließen. Und so mutet auch THOR sehr anonym und stromlinienförmig an: Allerdings stechen dafür die Pointen auch stärker hervor als beispielsweise in IRON MAN oder THE AVENGERS.

Ja, wider Erwarten hat mir THOR richtig gut gefallen – und vielleicht ist es tatsächlich nur dieses „wider Erwarten“, dass mich hier behaupten lässt, dass THOR von den vergangenen Marvel-Verfilmungen für mich die ist, bei der die Mischung aus verantwortungsbewusster Hommage, aufgedunsenem Effektbrimborium, käsigen B-Film-Charme und postmodernem Augenzwinkern am besten funktioniert, die den Spirit der zugrunde liegenden Comics am besten einfängt. Chris Hemsworth verleiht dem großmäuligen, selbstverliebten Popanz Gestalt und Persönlichkeit, findet mit Branagh und den Autoren einen Weg, die potenziell lächerliche Figur glaubwürdig und ohne allzu großes Pathos auf die Leinwand zu bringen. Die Szenen, in denen der Held selbst zur Zielscheibe des Spottes wird, ziehen ihn nicht ins Lächerliche, sondern konturieren ihn als aus der Zeit Gefallenen. THOR verfolgt über weite Strecken eine Fish-out-of-Water-Plotline, die immer wieder mit Ausflügen in das fantastische Asgard kontrastiert wird. Donnergott Thor wird so zu einer ambivalenten Figur: Seine Heldentaten sind real, jedoch nicht eins zu eins auf unsere Welt übertragbar. Um der Erbe seines Vaters zu werden, dient ihm die Erde als der Ort, an dem er Demut lernt und seine Methoden überdenkt. Was auf den ersten Blick ein lahmer Kostümfilm zu werden drohte, ist die erfolgreiche Bewältigung des weiter oben geschilderten Problems geworden: THOR zeigt, wie man auf der Erde ein altertümlicher Gott sein kann, ohne sich zu verraten. Und wie man ihn zum Protagonisten eines Films machen kann.

Was dem Film dabei sehr zugute kommt – und vielleicht ist das dem Enfluss Branaghs geschuldet, den man nun nicht gerade im Verdacht haben muss, ein Comicnerd zu sein –, ist, dass er sich nie zu ernst nimmt, sich trotz seines gigantomanischen Budgets von 150 Mio. Dollar als fest im B-Film verwurzelt zeigt. THOR kommt angenehm flüchtig und unaufgeregt daher: Anders als bei anderen Marvel-Filmen hat man hier nicht ständig das Gefühl, dazu angehalten zu werden, ehrfurchtsvoll und im Wissen um den historischen Moment auf die Leinwand zu starren. Schon dass der Film wenigstens zur Hälfte in einem kleinen Wüstenkaff spielt, zeugt von einer Bescheidenheit, die auch anderen Comicverfilmungen ganz gut zu Gesicht stünde. In der Rezeption, wie sie die Filme vornehmen, drohen meiner Meinung oftmals der Spaß, die kindliche Unschuld und die Naivität der Comics flöten zu gehen. Superheldengeschichten darf man ruhig ernst nehmen, aber man sollte trotzdem nicht vergessen, dass es dabei nicht zuletzt um bunte Bildchen, überlebensgroße Figuren und die Erfüllung von Kinderträumen geht. THOR hat keine Angst, sich zu genau dieser Trivialität voll zu bekennen. Ein Gewinner. Trotz Natalie Portman.