Mit ‘Chris Pine’ getaggte Beiträge

Um mal gleich in medias res zu gehen: Ja, WONDER WOMAN ist tatsächlich allein deshalb schon ungewöhnlich, weil es bislang der erste in der in den letzten zehn Jahren auf uns niedergegangenen Flut von großbudgetierten, mit viel Marketingpower in die Multiplexe gepushten Superhelden-Comicverfilmungen ist, der sich den Luxus einer echten weiblichen Hauptfigur gönnt. Und auch wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der das so sieht, halte ich es für mitnichten für einen Zufall, dass er aus dem Hause DC kommt und nicht von Marvel stammt, die sich wohl auch in hundert Jahren noch nicht dazu entscheiden können werden, ihrer Black Widow ein Soloabenteuer zu gestatten: Das MCU verströmt für mich in erster Linie gepflegte, weitestgehend mutlose Langeweile, während DC es mit ihren überkandidelten Kraftbolzen geschafft haben, so ziemlich jeden gegen sich aufzubringen. Weiter so! Die Kehrseite der Medaille: Es ist heute wahrlich nicht viel nötig, einen Film zu produzieren, der geradezu als feministisches Manifest gefeiert werden muss. Das möchte ich aber nicht Patty Jenkins ankreiden, vielmehr sagt es ziemlich viel über den Status quo in Hollywood aus, das ein Film allein deshalb schon revolutionär daherkommt, weil er eine Frau ins Zentrum eines effektgespickten, großbudgetierten, nicht explizit auf ein weibliches Publikum hin optimierten Eventmovies stellt.

Das ist in der Tat ziemlich traurig, macht WONDER WOMAN aber kein bisschen schlechter. Vielleicht wird man sich irgendwann, wenn sich der Rauch gelegt hat, daran erinnern, welche Vorarbeit Jenkins (oder Produzent und Drehbuchautor Zack Snyder) geleistet haben: Der Film war ein großer Erfolg, was angesichts der vernichtenden Kritiken, die MAN OF STEEL, BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE oder SUICIDE SQUAD zuvor eingefahren haben, an ein kleines Wunder grenzt, und könnte insofern einen neuen Präzedenzfall geschaffen haben: Ja, Superheldenfilme können tatsächlich auch dann Geld einspielen, wenn sie um eine Frau kreisen. Dass WONDER WOMAN diesen Aspekt gleich an der Oberfläche seiner Handlung mitverhandelt, liegt in der Natur der Sache. Schon die Comicvorlage entstand in den 1940er-Jahren aus der Beobachtung ihres (männlichen) Schöpfers, dass es keine weiblichen Superhelden gab. Er erdachte die Amazonenprinzessin Diana, die auf einer fernab der Zivilisation liegenden Insel ohne männliche Population aufwächst und die es dann für ihre Heldentaten in „unsere“ Welt verschlägt.

Auch im Film muss sich Diana (Gal Gadot) in einer reinen Männerwelt behaupten, eine Herausforderung, die die Auswahl der geeigneten Garderobe genauso miteinschließt wie den Einsatz auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Ganz selbstverständlich ist das in WONDER WOMAN nicht: Die ohne Männerkontakt aufgewachsene und deshalb in und an Liebesdingen ebenso unerfahrene wie uninteressierte Schönheit, muss natürlich die Liebe zu einem Mann entdecken und ihn mit Fragen über Sex und Beziehungen löchern. Ferner stehen ihr nach dem Auftakt auf ihrer Heimatinsel ausschließlich harte Macker zur Seite, die ihr helfen: Zum großen Sieg am Ende ist das Opfer ihres Freundes Steve (Chris Pine) nötig und in einer tränenreichen Rückblende gibt es dann auch das verbale Liebesgeständnis. Einen ähnlichen Rückzieher macht WONDER WOMAN auch in anderer Hinsicht: Als sie den vermeintlich für den Krieg Verantwortlichen Ludendorff (Danny Huston) umgebracht hat, in dem Glauben danach kehrte der Frieden ein, und feststellen muss, dass der einfach weiter geht, glaubte ich für einen Augenblick tatsächlich, WONDER WOMAN könnte ohne den langweiligen Superschurken und das obligatorische Duell enden. Dem ist natürlich nicht so: Wie alle DC-Filme, an denen Snyder mitgewurschtelt hat, verliert sich auch dieser in einem überkandidelten, vor Pathos triefenden und dem naiven Charme des Films krass zuwiderlaufenden Scharmützel mit einem in letzter Sekunde aus dem Hut gezauberten Obermotz.

Aber grundsätzlich hat mir WONDER WOMAN ganz gut gefallen: Mit seinem historischen Hintergrund schlägt er wunderschön die Brücke zu den Ursprüngen der Superheldencomics, als sich Captain America und Konsorten bevorzugt mit Nazis rumprügelten. Die gibt es hier zwar nicht, aber zwischen den deutschen Kriegsverbrechern des Ersten Weltkriegs und den Schergen um den Führer besteht zumindest in diesem Film nur ein äußerst marginaler Unterschied. Sogar ein entstelltes wissenschaftliches Mastermind gibt es, die teuflisch-geniale Giftgaserfinderin Dr. Maru (Elena Anaya). Die Mischung aus Action, Fantasy und Humor funktioniert über weite Strecken sehr gut und daran, dass bei den Spezialeffekten die Devise herrscht „mehr ist mehr“ habe ich mich dann mittlerweile auch gewöhnt. WONDER WOMAN ist einer der besseren Filme die die Superheldenwelle hervorgebracht hat: Das macht ihn zwar nicht zu einem Meisterwerk, schon gar nicht zu einem, das den Eventmovie genderpolitisch revolutionieren wird, aber man kann gewiss darauf aufbauen. Was ich so gelesen habe, reißt JUSTICE LEAGUE mit dem Arsch aber wieder ein, was Jenkins hier aufgebaut hat …

horrible-bossses-2-10Sequels haben bei mir derzeit gute Karten: Analog zu KICK-ASS 2 gefällt mir auch HORRIBLE BOSSES 2 um Längen besser als der doch reichlich zwiespältige erste Teil. Der Unterschied zwischen beiden Filmen manifestiert sich zum einen in der nun endgültig völlig abstrusen Storyline, in die sich auch die übersteuerten Figuren besser einfügen, zum anderen – nur scheinbar im Widerspruch dazu – in der größeren Empathie, die Anders ihnen entgegenbringt. Während Jennifer Anistons sexsüchtige Zahnärztin im Vorgänger noch als psychopathisches Biest und misogynes Zerrbild der selbstbewussten Frau durchging, hat sie ihre Sucht im Sequel endlich zur Kenntnis genommen und versucht sie in einer Selbsthilfegruppe in den Griff zu bekommen: Dass ihre Bemühungen eher erfolglos sind, sie die Sitzungen dazu zweckentfremdet, sich an den Berichten ihrer Leidensgenossen aufzugeilen und neues Fleisch zu akquirieren, macht sie fast schon zur tragischen Figur, die deutlich mehr komisches Potenzial in sich birgt.

Der deutsche Verleihtitel KILL THE BOSS 2 macht indes überhaupt keinen Sinn mehr: Nick (Jason Bateman), Dale (Charlie Day) und Kurt (Jason Sudeikis) sind nach ihren Erfahrungen aus dem Vorgänger unter die Unternehmer gegangen und erhalten ein lukratives Angebot vom Großhändler Bert Hanson (Christoph Waltz). Dem liegt allerdings gar nichts an einer fairen Geschäftsbeziehung, vielmehr will er die drei in die Pleite treiben und sich ihr Unternehmen unter den Nagel reißen. Ein erneuter Mordversuch kommt nicht infrage, so viel haben die drei Protagonisten gelernt, aber irgendwie auch Spaß an kriminellen Aktivitäten gefunden, mit denen man lästiges verantwortliches Handeln adrenalinfördernd umgeht. Also wird kurzerhand Rex (Chris Pine) entführt, der selbstverliebte Sohn Hansons, und ein stattliches Lösegeld gefordert. Der Plan wird allerdings dadurch verkompliziert, dass Rex über deutlich mehr kriminellen Drive verfügt, seinen Vater inbrünstig hasst und an dem Coup beteiligt werden will.

Regisseur Sean Anders fährt ganz gut damit, sich auf seine drei Antihelden zu konzentrieren, deren Miteinander mehr Raum erhält als noch im Vorgänger, in dem ihnen die drei titelgebenden Bosse Konkurrenz machten. Nick hat alle Hände voll damit zu tun, seine infantilen, enorm begeisterungsfähigen, aber nicht besonders intelligenten im Zaum zu halten, was ihm mal besser, mal schlechter gelingt. Der eklige Rex – Chris Pine hat sichtlich Spaß an seiner Rolle – weiß die drei geschickt gegeneinander auszuspielen und Nick ist dann doch zu ehrgeizig, um den Idioten allein das Ruder zu überlassen. Doch je näher die Amateure ihrem Ziel kommen, umso häufiger stolpern sie über die von ihnen selbst gelegten Fallstricke. HORRIBLE BOSSES 2 ist witziger, zotiger, aber gleichzeitig auch visuell einfallsreicher: Sehr schön ist die Sequenz gestaltet, in der der Plan der vier wie ein perfekter Film abläuft, sich z. B. ein Blutfleck in einer nahtlosen Überblendung in die Spiegelung roten Neonlichts in einer Pfütze verwandelt. Auch toll, wie alles, was in diesem „Vorstellungsfilm“ noch so  perfekt war, später in der Umsetzung nur noch halb so gut funktioniert oder sich als lediglich filmischer Effekt entpuppte: Die Perücke, mit der sich Kurt in Bert Hanson verwandeln soll, lässt ihn wie einen Wischmop aussehen, die Pagenkostüme, mit denen sich Nick und Dale verkleiden, entsprangen lediglich der überbordenden Fantasie Dales, der sich nun sehr enttäuscht darüber zeigt, ganz undramatisch in zivil fliehen zu müssen.

Am klügsten ist aber die von „Motherfuckah“ Jones (Jamie Foxx) kommende Einsicht, dass der Zuschauer es bei den Protagonisten mitnichten noch mit drei unschuldigen Tölpeln auf Irrwegen zu tun hat. Die Art und Weise, wie sie ihre Probleme nun schon zum zweiten Mal mit einem Verbrechen lösen wollen, und dabei trotzdem beharrlich das Selbstbild aufrechterhalten, lediglich in die Ecke gedrängte Normalos zu sein, die keine andere Wahl haben, macht sie zu den eigentlichen Gestörten des Films.

Durch die Unachtsamkeit eines Bahnmitarbeiters rast ein führerloser, mehrere hundert Meter langer und mit hochexplosiven Chemikalien beladener Zug auf eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zu. Zur gleichen Zeit befinden sich der alte Zugführer Frank (Denzel Washington) und der neue Schaffner Will (Chris Pine) auf Kollisionskurs. Nachdem sie dem Tod haarscharf entgangen sind, begeben sie sich auf eine Verfolgungsjagd: Ihr Ziel ist es, den außer Kontrolle geratenen Zug einzuholen, mit ihrer Lokomotive anzudocken und ihn so zu bremsen …

Man kann sich darüber streiten, ob Tony Scotts letzter Film ein passender Abschluss einer leider vorzeitig beendeten und oft nicht genug gewürdigten Regielaufbahn ist. Mit den Hightech-Thrillern, die Scotts Filmografie seit den mittleren Neunzigerjahren bestimmten, hat UNSTOPPABLE herzlich wenig zu tun. Die einzige offenkundige Anbindung an sein Werk ist die Mitwirkung seines Lieblingsschauspielers Denzel Washington, der  in 4 der letzten 5 Filme Scotts die Hauptrolle übernahm. Passend zu seinem Sujet ist UNSTOPPABLE ungemein geradlinig, läuft von der ersten Sekunde zielstrebig auf sein Finale zu, wird dabei wie der führerlose Zug immer schneller, entwickelt einen immer stärkeren Sog. Keine Tricks, keine Twists, keine Verschwörungen oder technischen Gimmicks: Nur ein Zug und zwei Typen, die den Tag retten wollen, weil sie die einzigen sind, die dazu noch in der Lage sind. Und weil es irgendwie auch ihr Job, ihre Pflicht ist. Ja, auch hier gibt es die obligatorische Kommandozentrale mit ihren zahlreichen Bildschirmen, Telefonen, ein- und ausgehenden Updates, die Blicke auf den Fernseher mit seinen News-Flashes. Aber diese Elemente sind hier eher der Genrekonvention geschuldet – UNSTOPPABLE entspringt der in den Siebzgerjahre geprägten Tradition des Katastrophenfilms, der sich ja nicht nur Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Feuersbrünsten,  Fluten und Stürmen, sondern auch abstürzenden Flugzeugen, sinkenden Schiffen und eben außer Kontrolle geratenen Zügen widmete –, weniger Scotts persönlicher Obsession. Sie sind ein nötiges Handlungselement, nicht selbst Thema. Hier rückt stattdessen etwas in den Mittelpunkt, was bei Tony Scott oft von der Technik an den Rand gedrängt wird: der Mensch. Und insofern ist UNSTOPPABLE dann vielleicht als eine Art erklärender Exkurs, als Kommentar, Fußnote zum eigentlichen Textkorpus zu verstehen: Alle schöne und nützliche Technik nutzt uns nichts, wenn es keine Menschen gibt, die verantwortungsvoll damit umgehen. Irgendwann versagen alle tollen Hightech-Gadgets und dann liegt es an zwei gottverdammten Eisenbahnfahrern, die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Die trotz aller Spannung nicht ganz von der Hand zu weisende Enttäuschung über die Simplizität von UNSTOPPABLE ist bei mir irgendwann totaler Euphorie gewichen. Gibt es etwas Schöneres, Erhebenderes als diesen „Alltagsheroismus“, dem Scott hier ein Denkmal errichtet? Zwei Arbeitern dabeizuzusehen, wie sie ihr Leben riskieren, ohne jedes Kalkül, ohne Selbstherrlichkeit und falsches Pathos, um eine Katastrophe zu verhindern, die sie persönlich ja nicht trifft? Einfach, weil sie Menschen sind, die es als ihre Pflicht ansehen, das Leben anderer Menschen, die genauso gewöhnlich sind wie sie selbst, zu retten. Dieser vermeintlich banale Katastrophen-Thriller ist plötzlich gar nicht mehr so banal, sondern im Gegenteil überaus profund. Er ist voller Liebe und wenn man ihn sich ansieht, mit zunehmend feuchteren Augen, dann begreift man, dass es keine Alternative zur Solidarität gibt. Jeder könnte ein Opfer sein. Und ein Held. Vielleicht gibt es Filme, die geeigneter sind, zu zeigen, was für ein Filmemacher Tony Scott war. Aber wenn man wissen will was für ein Mensch Tony Scott war, dann muss man UNSTOPPABLE sehen.