Mit ‘Christian Wolff’ getaggte Beiträge

„ALT HEIDELBERG ist der ultimative Verzichtsfilm“: Zu dieser an das Vokabular des Hofbauer Kommandos angelehnten Beschreibung ließ ich mich kurz nach der Sichtung auf Facebook hinreißen, in einem ersten Versuch, das eben Gesehene einzuordnen. „Verzicht“: Dieses Wort ist zum prägenden Stempel für solche Filme häufig deutschen Ursprungs geworden, die an der hierzulande weit verbreiteten Unsitte kranken, ihren Protagonisten jedweden körperlichen Genuss mithilfe abstruser moralischer Argumentationen madig zu machen oder gleich ganz zu verbieten. „Verzicht“ heißt demzufolge die Krankheit der langsam vertrocknenden Hausfrauenprimel, die lieber auf den lieben Gott und die Sittenpredigten ihrer Mitmenschen hört als auf den Lustschrei ihres Unterleibs, und des fleißigen Mannes, dem das Bruttosozialprodukt wichtiger ist als das regelmäßige Freispülen der Samenstränge. ALT HEIDELBERG nun handelt direkt, unmittelbar vom Verzicht, nicht nur in der Hinsicht, dass er seinen Protagonisten (und diverse Nebencharaktere) vor die Wahl zwischen Lusterfüllung und Verzicht stellt, sondern auch, weil diese Wahlmöglichkeit von Anfang an nur virtuell ist. Noch nicht einmal hier, im Kino, dem Ort des Eskapismus und der Wunscherfüllung, einer Oase der unendlichen Möglichkeiten inmitten der Wüste bundesdeutscher Biederkeit, gönnt Drehbuchautor und Regisseur Marischka seinem Helden den Ausbruch aus der Tristesse der Realität, sondern wirft ihn mit geradezu sadistischer Boshaftigkeit in Ketten, um sich diese Brutalität von seinen wahrscheinlich überwiegend weiblichen Zuschauern mit salzigen Tränen bezahlen zu lassen.

Karl-Heinrich (Christian Wolff), Erbprinz des erfundenen Herzogtums Sachsen-Karlsburg, soll sein Studium in Heidelberg aufnehmen. Der strenge Stundenplan, der für ihn ausgearbeitet wird, versetzt seinen Lehrmeister Dr. Jüttner (Gert Fröbe), einen jovialen älteren Herren, in schiere Raserei, weiß er doch, dass zum Studium nicht nur das Lernen, sondern auch das Leben gehört. Zumal in Heidelberg, dessen wunderbaren Wein und köstliches Bier er in seiner eigenen Studienzeit lieben gelernt hat. Er begleitet Karl-Heinrich sehr zum Missfallen seines spießigen Kammerdieners Lutz (Rudolf Vogel) und achtet im Folgenden darauf, dass dieser ausgiebig teilnimmt am Studentenleben. Karl-Heinrich legt die vornehme Zurückhaltung bald ab, wird zum beliebten Kameraden in seiner Burschenschaft und verliebt sich darüber hinaus in die brave Käthi (Sabine Sinjen), rehäugiges Kellnermädel in dem Gasthof, in dem Karl samt Gefolgschaft residiert. Das Liebesglück wird jäh unterbrochen, als sich der Gesundheitszustand von Karls Onkel in der Heimat rapide verschlechtert und die Anwesenheit einer Vertretung unabdingbar wird …

ALT HEIDELBERG ist die vierte Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Wilhelm Meyer-Förster aus dem Jahr 1901. Zuvor hatte sich unter anderen der große Ernst Lubitsch 1924 an dem Stück versucht und es unter dem Titel OLD HEIDELBERG für MGM inszeniert. Das Lexikon des Internationalen Films geht wenig zimperlich mit Marischkas Umsetzung um, bezeichnet es im gewohnten, mit gepfefferten Invektiven angereicherten Stil als „[m]it Burschenherrlichkeit, gedämpfter Sentimentalität und kitschigen Postkartenbildern aus dem Neckarland angereicherte Pseudo-Romantik“. Wenn man dieses Urteil auch nicht zur Gänze abweisen mag – wie hier einer Zeit hinterhergetrauert wird, in der Burschenschaftler nachts saufend durch die Straßen ziehen und deutsches Liedgut grölen, befremdet den heutigen Zuschauer mehr als nur ein bisschen –, so verwundern doch die Vorwürfe „gedämpfter Sentimentalität“ und „Pseudo-Romantik“, die vermuten lassen, da wurde einfach irgendein naheliegender Vorwurf aus dem Hut gezaubert, um sich mit dem Film nicht näher beschäftigen zu müssen. ALT HEIDELBERG ist von einer zutiefst fatalistischen Weltsicht geprägt, die sich schwerlich nur mit dem Verweis auf den affirmativen Rührstück-Charakter begründen lässt. Glück ist in ALT HEIDELBERG in dem Moment, in dem man ihm am nächsten ist, immer schon wieder im Verschwinden begriffen. Karls Zeit in der badischen Studentenmetropole ist von Anfang an begrenzt, die Flucht nur von vorübergehender Dauer. Sein Studium ist kein Wendepunkt in seinem Leben, sondern nur eine kurze Zäsur, nach der er so weitermachen muss, wie es für ihn von Herkunft wegen schon immer vorgesehen war. Marischkas Film erzählt eben nicht davon, wie man sein Glück in die eigene Hand nimmt, wie man sich gegen das Schicksal stemmt und sich selbst verwirklicht, sondern wie man am Ende doch immer nur jenen Weg geht, der einem vorgegeben ist. Was einem dann noch bleibt, das ist die Erinnerung.

Der ganze Film ist voll Bedauern verpasster Gelegenheiten und nicht ausreichend gewürdigter Momente, voller Gewissheit des nahenden Todes, maroder Körper und Resignation gegenüber der Zukunft, die wahrscheinlich doch nur eine Enttäuschung aller naiven Jugendträume ist, die man sich einst nicht verkneifen konnte. Vielleicht kommt irgendwann im Leben einmal die Gelegenheit, die Vergangenheit kurzzeitig aufleben zu lassen, zurückzukehren an die Orte der Jugend, sich noch einmal vom Zauber vergangener Tage bescheinen zu lassen: Aber auch diese Momente halten letztlich nur Schmerz bereit, machen sie doch überdeutlich klar, dass zu viel Zeit vergangen ist, um sie noch einmal zurückdrehen zu können. Dr. Jüttner hat noch einmal Glück: Er kann auf seine alten Tage noch einmal nach Heidelberg, sich noch einmal den Lastern der Jugend, dem Wein und dem Bier hingeben, aber es ist klar, dass das nicht mehr als seine Ehrenrunde ist. Als Karl zwei Jahre nach seiner Abreise nach Heidelberg zurückkehrt, kann er nur noch Jüttners Grab besuchen, immerhin an einem idyllischen Plätzchen mit Blick auf Heidelberg gelegen. Auch sonst ist Karls Besuch von der Einsicht in die Unabänderlichkeit der Dinge geprägt: Noch einmal lädt er seine Burschenschaft in den Gasthof ein, doch außer zweien erkennt er niemanden mehr. Was ein rauschendes Wiedersehensfest werden sollte, wird ein schweigsames, bedrücktes Beisammensitzen, das die Erkenntnis bringt, dass sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt. Immerhin zeigt das Wiedersehen mit Käthi, das die alte Liebe noch da ist, aber sie darf eben nicht sein. Zu Hause wartet die dem Prinzen zugedachte Prinzessin. Es gibt hier kein Happy End, nicht in dieser Welt, nicht in Heidelberg. Karl steht auf und geht, ohne sich umzudrehen.

 

 

verbrechen-nach-ladenschlussAls Fabian König (Christian Wolff) auf Auftrag eines Lehrers in ein Haus einbricht, um dort einen Hund von seinem brutalen Besitzer zu befreien, wird er erwischt und in Konsequenz von der Schule verwiesen: Sein Lehrer will von der ganzen Sache nichts gewusst haben. Gemeinsam mit seinen Freunden Günter „Bimbo“ Steppe (Claus Wilcke), Joachim „Teddy“ von Eikelberg (Wolfgang Koch), Jürgen Richter (Jörg Holmer) und Teddys Schwester Viola (Corny Collins) gerät Fabian, beginnend mit kleinen Diebstählen denen bald echte Brüche folgen, auf die schiefe Bahn. Die Situation verkompliziert sich, als er Ulla (Heidi Brühl) kennen lernt und sich in sie verliebt. Das junge Mädchen ist von zu Hause ausgerissen und lebt nun unter falschem Namen bei der dubiosen Frau Kallies (Erica Beer), die insgeheim daran arbeitet, Ulla auf den Strich zu schicken, und bei der außerdem der Hehler Bregulla (Walter Clemens) ein und aus geht. Viola, Fabians bisherige Freundin, wird eifersüchtig, die Jugendbande droht an den inneren Spannungen zu zerbrechen. Als Fabian eines abends Zeuge wird, wie sich Bregulla an Ulla vergreift, kommt es zum Handgemenge. Wenig später ist der Hehler tot und Fabian findet sich wegen Totschlags vor Gericht wieder. Viola nutzt die Gelegenheit für ihre Rache. Doch Fabian ist unschuldig …

Alfred Vohrer schuf mit VERBRECHEN NACH SCHULSCHLUSS ein wunderbares, ausuferndes Sittengemälde in düsterem Schwarzweiß, das weniger durch Kompaktheit oder Homogenität begeistert, als durch die Vielzahl verschiedener Eindrücke, die es bietet, die Irrwege, in die sich der Plot aufspaltet, die immer neuen Details, der niemals vorhersagbaren Geschichte um Fabian. Daran, den langsamen Abstieg Fabians in die Kriminalität zu protokollieren, ist Vohrer nur wenig interessiert, auch die zunehmend größer werdenden Gaunereien streift er bestenfalls. Stattdessen werden die Beziehungen der Figuren untereinander beleuchtet, immer wieder ein bestimmter Lifestyle ins Zentrum gerückt, der in deutlichem Kontrast zur Lebensrealität des Jahres 1959 steht. Die sieht man gleich zu Beginn, nachdem Fabian der Schule verwiesen wurde: Von seinem Vater, einem strammen Militaristen, hat er weder Verständnis noch auch nur Mitleid zu erwarten, darf sich stattdessen anhören, wie enttäuscht er sei, dass aus seinem Sohn kein Soldat geworden ist, sondern ein Taugenichts, der „Negermusik“ hört. Den Bruch vollzieht Fabian auf der Stelle, als er dem Vater vorwirft, der Neger- lediglich die Marschmusik vorgezogen und im Rausch „die Welt zerschlagen“ zu haben, wo bei den Jugendlichen bestenfalls ein paar Stühle dran glauben müssen. Im Gartenhaus der wohlhabenden Eikelbergs findet Fabian mit seinen Freunden Unterschlupf, Geborgenheit und den Raum, die eigenen Träume zu verwirklichen. Hier arbeitet man nun daran, mit Einbrüchen und Diebstählen reich zu werden, inszeniert sich mit Kippen und Cognac als Mann von Welt oder als fesche Gangsterbraut. Vor allem Fabian geht in diesem Spiel auf, bewegt sich auf dem neuen Terrain wie ein alter Hase, wenn er mit dem Hehler Bregulla Deals macht, neue Coups ausbaldowert, die hübsche Ulla umgarnt oder dem abtrünnig gewordenen Jürgen einen brutalen Denkzettel verpasst.

Die eine Hälfte der Freude, die VERBRECHEN NACH SCHLUSCHLUSS bereitet, besteht darin, die Manierismen der  Jugendlichen zu beobachten und sie mit dem Verhalten heutiger Kids – oder mit der eigenen Vergangenheit – abzugleichen. Alle kleiden sich wie die Großen, Fabian immer ganz adrett im Jackett, sein Griff zur Zigarettenschachtel und dem Metallfeuerzeug perfekt durchchoreografiert, ohne den Hauch des Prolligen, sondern mit akkurater Fingerhaltung Lebensart und Stil suggerierend, auch wenn er in der Absteige des miesen Hehlers sitzt und die Abnahme geklauter Radios verhandelt. Zur großen Party im Gartenhaus wird Jazzmusik gehört, die Joachim am kleinen Schlagzeug mit gefühliger Beckenbehandlung begleitet, die Mädels schwingen den Petticoat und mit der freundlich-herablassenden Ansprache „Kinder“ untermalt man den eigenen Gastgeberanspruch. Dagegen die brave Ulla: Als Fabian mit ihr für ein Wochenende im Haus eines alten norddeutschen Ehepaars auf Sylt einkehrt, bietet sie dem alten Mütterchen gleich an, bei der Hausarbeit behilflich zu sein, bevor sie dann in der Nordsee-Brandung mit Fabian auf den Spuren Burt Lancasters und Deborah Kerrs wandelt.

Die andere Hälfte besteht darin, sich davon überraschen zu lassen, wie Vohrer diese Geschichte zu Ende ezählt. Vom strengen Richter (Hans Nielsen) wird Fabian zu fünf Jahren Haft verurteilt und die Crime-does-not-pay-Erzählung scheint eigentlich abgeschlossen. Doch der sympathische, mitfühlende Gefängnisarzt Dr. Knittel (Peter van Eyck) nimmt den armen, von aller Welt verlassenen Fabian unter seine Fittiche, kommt einer Lüge auf die Spur und bringt alles wieder ins Lot. Peter van Eyck gibt den Arzt mit jenem onkelhaften Charme und jener Altersweisheit, die im deutschen Film dieser Zeit untrügliche Anzeichen des Guten sind. Als Arzt, Psychologe, Seelsorger, Sozialarbeiter und Detektiv in Personalunion nimmt er sich des Jungen an, versorgt erst seine Verletzungen nach einem Selbstmord – er lobt ihn noch dafür, dass er das Messer richtig angesetzt, längs, nicht quer geschnitten hat –, richtet ihn dann psychisch wieder auf, konfrontiert den noch immer mitleidlosen Vater, dessen Gerede von der Soldatenehre er mit dem Hinweis auf sein Hinkebein ins Leere laufen lässt – „Ich habe aus dem Krieg nichts mitgenommen, nur etwas dagelassen.“ –, enttarnt die Lüge der Frau Kallies, der eigentlichen Mörderin, und vereint die beiden Liebenden wieder miteinander. Der eine Traum, jener vom Leben als Gangsterboss, wird gewissermaßen durch das Wirken zweier blonder Engel von einem anderen abgelöst: Der Weg in die Bürgerlichkeit, für die Fabian zu Beginn nur noch Verachtung übrig hatte, steht am Ende wieder sperrangelweit offen. Unter anderen Umständen würde ich diesen Umschwung in die Naivität vielleicht kritisieren, aber in VERBRECHEN NACH SCHULSCHLUSS nimmt er eine so märchenhafte Qualität an, dass ich ihm dafür unmöglich böse sein kann, im Gegenteil schmachtend vor ihm in die Knie gehen muss.

Und dann ist da noch diese Szene, in der sich die beiden Gefängniswärter über ihre Butterbrote unterhalten: „Was hast du denn drauf?“ „Leberwurst. Und du?“ „Schmalz.“ „Wollen wir tauschen?“ „Na klar.“ Glück kann sehr einfach sein.