Mit ‘Christopher McQuarrie’ getaggte Beiträge

Zuerst: Ich habe keinen einzigen Roman aus Lee Childs Reihe um den Titelhelden aus McQuarres Film gelesen, kann also wenig dazu sagen, inwiefern der Figur da Recht oder Unrecht widerfahren ist. Der Film hat mir ganz gut gefallen, aber er hat auch seine Probleme, die man auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage bemerkt.

Wie eigentlich immer, wenn eine beliebte Romanfigur den Weg auf die Leinwand findet, waren die Liebhaber auch im Falle von JACK REACHER damals enttäuscht. Die Besetzung mit Superstar Tom Cruise wurde durchaus kontrovers diskutiert, zumal mit ihm in der Haupt- und Titelrolle auch klar war, dass die Härten der Romane zugunsten der Massenverträglichkeit weichen mussten. Reacher ist ein mit allen Abwassern gewaschener Superprofi, Ex-Militärpolizist mit undurchsichtiger Vergangenheit, ein Loner, der, wenn er will, jahrelang von der Bildfläche verschwindet, Menschen mit einem gezielten Schlag zum Krüppel machen kann, zudem über das Denkvermögen eines avancierten Schachcomputers, ein fotografisches Gedächtnis und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügt. Die Figur ist, wie man dieser Beschreibung entnehmen kann, ein echter Supermann, für den Cruise, dessen MISSION:IMPOSSIBLE-Held Ethan Hunt ähnlich übermachtig, aber deutlich comichafter angelegt ist, in vielerlei Hinsicht die Idealbesetzung darstellt. Es gibt wahrscheinlich niemanden, der eine solch übertriebene Figur auf der Leinwand glaubwürdig verkörpern kann, ohne dafür auf entwaffnende Selbstironie zurückgreifen zu müssen. Cruise ist selbst eigentlich kaum noch ein Mensch, sondern eine Entertainment-Maschine, die in ihrem eigenen Kosmos schwebt, bevor sie sich wie einst Zarathustra dazu herbalässt, wieder einmal zu den Sterblichen hinabzusteigen. Er ist wahrscheinlich der größte Actionstar der Welt, aber er hat sich diesen Ruf nicht unbedingt mit Filmen unbarmherziger Härte erkämpft, wie seine Kollegen. Für JACK REACHER ist das schon auch ein Problem, wenngleich nicht das größte.

Der Film, der auf dem Roman „Sniper“ basiert, beginnt mit dem Attentat eines Scharfschützen (Jai Courtney), der anscheinend wahllos fünf Passanten am Ufer des Ohio Rivers erschießt. Alle Beweise führen zu einem ehemaligen Scharfschützen aus dem Irak-Krieg, der aber keine Stellung zu seiner Involvierung nehmen will (der Zuschauer weiß, dass er es nicht war). Das einzige, was er sagt, ist ein Name: Jack Reacher. Der taucht wenig später in Pittsburgh auf: Er hatte den Verdächtigen, der in Bagdad mehrere US-Soldaten erschossen hatte, damals festgesetzt, musste dann aber mitansehen, wie er freigelassen wurde, weil seine Opfer ordentlich Dreck am Stecken hatten und das Militär keinen Staub aufwirbeln wollte. Nun hofft Reacher, den Mann endlich zur Strecke zu bringen, doch je mehr er sich mit dem Fall beschäftigt, umso mehr wachsen die Zweifel an seiner Schuld. Die Staatsanwältin Helen Rodin (Rosamund Pike) steht ihm bei seinen Ermittlungen zur Seite.

JACK REACHER profitiert zum einen von der immensen Coolness seines Stars, der die allumfassende Souveränität und Abgezocktheit Reachers glaubwürdig verkörpert, und dem Drehbuch McQuarries, der offensichtlich große Freude daran hat, ihm eine geeignete Plattform für seine Show zu liefern. Das Timing stimmt, die Dialoge sind pointiert und erinnern auch sehr schön an die Hard-Boiled-Tradition der Romanvorlage, der der Film in den mit angezogener Handbremse inszenieren Gewaltszene nicht immer gerecht wird. Ein paar mehr Härten hätten JACK REACHER nicht geschadet, wie er aller guten Ansätze zum Trotz und sehr im Kontrast zu seiner subject matter überhaupt etwas bieder und leblos geraten ist. Das zeigt sich etwa in der ausgedehnten Sequenz, in der uns alle Opfer des Amokschützen als unbescholtene Tugendbolzen präsentiert werden, samt pathetischem Musik- und Zeitlupeneinsatz, wenn sie dann noch einmal effektreich ins Gras beißen dürfen. Nach der sehr gelungenen Einführung – der Auftritt Reachers etwa ist wunderbar – wird der Film zusehends stromlinienförmiger, bis er nach viel zu langen zwei Stunden in sein austauschbares Finale mündet, bei dem mich die Hintergründe des Falls schon kaum noch interessierten. Schade ist es vor allem um Werner Herzog, der hier eine sehr schöne Darbietung als diabolischer Schurke abliefert, aber trotzdem wie ein zusätzlich aufgepfropftes Gimmick wirkt: Wie er sich in die verschwurbelte Geschichte einfügt, habe ich dann auch nicht so ganz geblickt.

Unterm Strich dennoch ein ganz hübscher Film, für mich als Cruise-Apologeten und Rosamund-Pike-Schwärmer sowieso, und für Freunde des Hard-Boiled-Thrillers auch. Ist doch schön, dass es solche ernsten Thriller ohne irgendwelchen Schnickschnack noch gibt. Das kann man, bei allen kleineren Fehlern, gar nicht ausreichend loben.

 

In den 23 Jahren, die seit Brian De Palmas erstem Teil vergangen sind, hat es diese Reihe nun also mittlerweile auf fünf Sequels gebracht – und dabei ihre ganz eigene Stilistik geprägt. Vielleicht erinnere ich das falsch, aber MISSION: IMPOSSIBLE war ja damals – mit Ausnahme des Tunnelfinales – eher down to earth, weniger an absurden Actionsequenzen interessiert als am Thrill, den die heute ikonische Heist-Szene mit dem am Seil hängenden Ethan Hunt idealtypisch repräsentierte. Est mit der Verpflichtung des damals super-angesagten John Woo für Teil zwei wurde ein deutliches Bekenntnis zu bildstürmerischer Action abgegeben und spätestens seit Teil vier steht das Franchise vor allem für haarsträubende, spektakuläre Stunts, bei denen sich Hauptdarsteller Tom Cruise enormen Gefahren aussetzt, und den Puls nach oben treibende Actionsequenzen. Diese Ausrichtung hat dazu geführt, dass jeder neue Teil sich zwar damit rühmen darf, einen neuen Standard in Sachen Machbarkeit zu schaffen, aber auch, dass alles andere demgegenüber in den Hintergrund tritt. Ich weiß noch, dass ich den vorangegangenen Teil, MISSION: IMPOSSIBLE – ROGUE NATION sehr gut fand, aber darüber hinaus kann ich mich an fast nichts mehr erinnern. Spontan würde ich behaupten, dass der erneut von McQuarrie inszenierte sechste Teil den Höhepunkt der Reihe bildet (vielleicht neben MISSION: IMPOSSIBLE III, aber den müsste ich erst mal wieder auffrischen), aber ich halte es nicht für unmöglich, dass ich 2021, wenn die nächste Fortsetzung ansteht, erneut Mühe habe, mich an Details zu erinnern.

Aber das ist eigentlich völlig okay. Schon die Serie war nicht für bahnbrechende Substanz berühmt, sondern in erster Linie für die Titelmelodie von Lalo Schifrin, die immer wiederkehrenden Demaskierungen und technische Gimmicks. Die Kinofilme sind nur die konsequente Fortführung auf höchstem produktionstechnischen Niveau: Es geht in ihnen nicht um Inhalte oder darum, kritische Aussagen zur internationalen Diplomatie oder zum Handeln der Geheimdienste zu treffen – mit dem Spionagethriller der Siebzigerjahre hat dieses Franchise nur oberflächlich zu tun, deutlich mehr verbindet sie mit den Filmen um den Superagenten James Bond. Es hat sich auf den spielerischen Umgang mit der Form spezialisiert, grift dafür auf die seit Jahrzehnten etablierten Motive und Mechanismen des Agentenfilms zurück, weil sie eine schöne Basis für die Vexierspiele, Verführungen, Täuschungs-, Ablenkungs- und Überrumpelungsmanöver darstellen, aus denen sie sich zusammensetzen. Ob es wirklich noch einen Sinn ergibt, wer da wen hintergeht und warum, ist von völlig untergeordneter Bedeutung: Es geht dabei vor allem darum, alles ständig in Bewegung zu halten, Sicherheit und Gewissheit zu minimieren und damit die erzählerische Grundlage dafür zu schaffen, dass hier zu jeder Zeit alles möglich ist. Damit korrespondiert auch die Zeichnung des Protagonisten Ethan Hunt (Tom Cruise): Der trug schon in John Woos erster Fortsetzung deutlich messianische Züge, die seitdem aber noch stärker akzentuiert wurden. In MISSION: IMPOSSIBLE III stellte man ihm noch eine Ehefrau (Michelle Monaghan) zur Seite, die er dann retten musste, in FALLOUT dient sie – mittlerweile von ihm getrennt – vor allem dazu, seine Zeichnung als übermenschlicher Retter zu stärken, der für eine Beziehung nicht geeignet ist, weil es ihn von seiner Hauptaufgabe, als Schutzengel über die Menschen zu wachen, abhielte. Die Aufgaben, die er im aktuellen Film zu bewältigen hat, sind unlösbar und dass er trotzdem aus jeder Zwickmühle herausfindet, jeden Sturz oder Kampf überlebt und das Unmögliche möglich macht, wäre eigentlich zum Totlachen, wenn ein anderer als Cruise ihn spielen würde.

Man muss das so deutlich sagen: Ohne Tom Cruise würde das ganze Franchise nicht funktionieren. Es gibt keinen Schauspieler, der diese Rolle übernehmen könnte, ohne dass die um sie herum konstruierten Filme etwas vollständig anderes werden müssten. Cruise ist nicht nur exakt der überlebensgroße Superstar, den es braucht, um die unermüdlich aneinandergereihten Absurditäten halbwegs glaubwürdig erscheinen zu lassen (man stelle sich mal andere Actionstars in dieser Rolle vor: Es geht nicht.), mit seiner an Todessehnsucht grenzenden Tollkühnheit treibt er die Reihe auch immer wieder zu jenen neuen Höhepunkten, die mittlerweile ihr Markenzeichen geworden sind. Zugegeben, ein Highlight wie die Burj-Khalifa-Sequenz aus GHOST PROTOCOL ist hier nicht dabei, aber dafür legt FALLOUT ein insgesamt halsbrecherisches Tempo vor. Das Spektrum reicht von erbittert geführten, ruppigen Keilereien über Verfolgungsjagden mit dem Wagen, dem Motorrad, zu Fuß und per Helikopter, Klettereien in schwindelerregender Höhe, Fallschirmsprünge durch Gewitterwolken und natürlich präzisen Shootouts. Im Finale gilt es nicht eine, sondern gleich zwei Atombomben zu entschärfen, wozu Hunt eine Fernsteuerung in seinen Besitz bringen muss, mit der der schurkische August Walker (Henry Cavill) im Hubschrauber davonfliegt. Für das Happy End muss er also den Hubschrauber erreichen, Walker bezwingen und ihm den Zünder abnehmen, während seine Partner Luther (Ving Rhames), Benji (Simon Pegg) und Ilsa (Rebecca Ferguson) zur gleichen Zeit nicht nur die Bomben finden, Feinde bezwingen und die richtigen Kabel durchknipsen müssen. Wenn FALLOUT zu Ende ist, ist man reif für einen Beruhigungstee. Doch die beste Sequenz ist eine andere für mich: Hunt muss den zu Fuß entkommenden Walker einholen, wobei ihm aber der kürzeste Weg versperrt wird. Der Weg, den er wie ein Irrer rennend zurücklegt, führt ihn daher über zahlreiche Umwege über Dächer, durch Großraumbüros und die obligatorische Fensterscheibe. Hier werden dann am ehesten Erinnerungen an die alten Kracher eines Jean-Paul Belmondo wach (der Schauplatz Paris tut sein Übriges), doch trotz der offenkundigen Reminiszenz schafft McQuarrie es, diese ganze Sequenz frisch, modern und innovativ erscheinen zu lassen, eben so, wie es sich für die Reihe gehört.

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT wird dem hart erarbeiteten Ruf des Franchises (ich weiß, der Begriff ist furchtbar) mehr als gerecht, stellt ein gut zweistündiges Bombardement an Edge-of-your-Seat-Sequenzen, physischem Actionkino und erzählerischen Winkelzügen dar, das in jeder Sekunde spielerisch-leicht und enorm sexy daherkommt. Gerne mehr davon!

Mit meinem MIssfallen für Brad Birds Vorgänger, MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL stehe ich, wie ich kürzlich festgestellt habe, ziemlich allein dar. Na gut, wenn man vollkommen spannungslos inszenierte Actionsequenzen und Soap-Opera-Humor auf der großen Leinwand mag, ist  der vierte Teil wahrscheinlich wirklich brillant. (Sorry, der musste sein.) Mir mundet McQuarries neuester Serien-Beitrag wesentlich besser, weil man zum ersten Mal seit J. J. Abrams drittem Teil wieder das Gefühl hat, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Schüsse und Fausthiebe krachen überaus schmerzhaft und Superagent Ethan Hunt (Tom Cruise) riskiert mal wieder mehr als nur den perfekten Sitz seiner Frisur. Zu behaupten, ROGUE NATION sei „realistisch“, setzte zwar ein reichlich naives Realitätsverständnis voraus, auch dieser Film bewegt sich in einem Comic-Paralleluniversum, in dem man sich mit bloßen Händen an startende Flugzeuge hängt oder bei 250 Sachen vom Motorrad abspringt, ohne sich einen Kratzer zu holen, aber insgesamt ist die Inszenierung wieder deutlich körperlicher. Sean Harris gibt als Solomon Lane, abtrünniger Kopf einer Terrororganisation, die die Weltordnung stürzen will, einen wunderbar bedrohlichen Schurken, ohne dabei auf Augenrollen und Zähnefletschen zurückgreifen zu müssen. die Schwedin Rebecca Ferguson ein sinnliches Love Interest Ilsa Faust, das sein Mysterium bis zum Ende bewahren darf. Gut, ich wäre auch diesmal wieder gut ohne den erneut eine Nummer zu breiten Humor ausgekommen, aber das mag auch an den EInfaltspinseln in der Reihe hinter uns gelegen haben, die jeden noch so zarten Witz mit schallendem Gelächter kurz vor dem Zwerchfellriss quittiert haben. Wenn man schon ins Kino geht, dann muss eben der maximale Spaß aus dem „Event“ gezogen werden, auch wenn es einen reichlich verzweifelt aussehen lässt.

Diese neuen Ambitionen in Richtung Vollbedienungs-Entertainment – die ersten drei MISSION: IMPOSSIBLE-Filme waren ja eher ernste Angelegenheiten – passen natürlich zu den Action-Set-Pieces, die schon in De Palmas erstem Teil zur Science Fiction tendierten, stehen aber m. E. im Widerspruch zu den in McQuarries Film wieder stärker zu vernehmenden Politthriller-Tendenzen. Nicht, dass McQuarrie an jenem unterkühlten Stil gelegen wäre, der besonders in den Siebzigern typisch war, aber jenseits der fantasievoll-spinnerten Heist-Szene – seit dem ersten Teil ein Muss – beharken sich die verfeindeten Parteien vor allem über jene Psychospielchen und Täuschungsmanöver, die seit jeher die Spezialwaffe des Geheimagenten sind. So drosselt der Regisseur das Tempo im letzten Drittel merklich, nachdem ROGUE NATION zuvor der viel zitierten Achterbahnfahrt glich. Vielleicht das größte Manko des Films: Er weiß am Schluss keinen mehr oben drauf zu setzen und der eigentliche Höhepunkt – die direkte Auseinandersetzung mit dem Schurken – mutet antiklimaktisch an. Andererseits würde ich das eher als schöpferische Eigenheit, denn als Manko verbuchen wollen. McQuarries größte Leistung ist es wahrscheinlich, ein Franchise-Movie gedreht zu haben, das den „Auteur“ dahinter noch erkennen lässt, nicht zur anonymen, am Marketing-Reißbrett entstandenen Massenware verkommt. Man mag von Tom Cruise halten, was man will: Als Produzent scheint er ein überaus fähiger, integrer Mann zu sein und seine Actionfilme – siehe auch den von McQuarrie gescripteten EDGE OF TOMORROW – bringen frischen Wind ins Hollywood- und Marvel-Einerlei.