Mit ‘Cinzia Monreale’ getaggte Beiträge

beyond_darkness_poster_02Es ist noch kein Jahr her, dass ich BUIO OMEGA zum letzten Mal gesehen habe, auf dem Fernsehschirm, in einer nicht so berauschenden Version. Deshalb will ich hier auch nur zwei Dinge ergänzen, die mir gestern bei der Sichtung im Kino aufgefallen sind.

1. Fand ich die damals berüchtigten und bei Jugendschützern sehr „beliebten“ Splattereffekte in besagter letzter Sichtung eher underwhelming, haben sie im Kino doch erhebliche Wirkung entfaltet. Es macht eben doch eine Menge aus, ob man sich die Missetaten des fiesen Frank in vertrauter und an Ablenkung reicher heimischer Umgebung ansieht oder im Kino auf großer Leinwand, wo man ihnen regelrecht ausgeliefert ist. Die Präparierung seiner Geliebten ist supergarstig und eklig, genauso wie die spätere Entsorgung eines dickleibigen Mädchens in einer Wanne voll blubbernder Salzsäure.

2. Vor allem die Musik von Goblin macht aus der von D’Amatos gewohnt behäbig inszenierten Schauermär (das ist nicht negativ gemeint) einen echten Reißer. Gerade die erste halbe Stunde, die Frank dabei begleitet, wie er seine Geliebte wieder ausgräbt, mit nach Hause nimmt und dort präpariert, wird erst durch den treibenden Goblin-Groove zum Nägelkauer par excellence. Blendet man die Musik aber bewusst aus, zeigt BUIO OMEGA dieselben langen, eigentlich ereignislosen Einstellungen und das sedierte Spiel mäßig begabter Mimen, das D’Amatos Filmen diese ganz eigene Qualität verleiht. Es stellt sich die Frage, wie wohl die späteren D’Amatos rüberkämen, wenn sie nicht durch traurig-karge Budgets gehandicappt gewesen wären. Natürlich aber auch, ob man denn überhaupt will, dass sie durch eine solche „Verbesserung“ ihrer eigentümlichen und singulären Qualitäten beraubt würden. Die Begegnung mit BUIO OMEGA im Kino war nicht nur ein Highlight meines Filmjahres, sondern darüber hinaus mal wieder sehr lehrreich.

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3119311148_aa4f03e2f3Als Fulci diesen Italowestern drehte, da war selbst die durch Castellaris KEOMA eingeleitete Renaissance schon wieder passé. Aber mit dem Dreck, dem Nihilismus, den kaputten Helden und den sadistischen Schurken, die man mit DJANGO und seinen Ahnen verbindet, hat SELLA D’ARGENTO eh nur wenig zu tun. Vielmehr lässt er Fulcis Liebe für den klassischen Hollywood-Western und überhaupt das amerikanische Kino erkennen (ich fühlte mich etwas an Hathaways NEVADA SMITH erinnert)- und wirkt damit mehr als etwas anachronistisch.

Als Junge erschießt Roy Blood den Mörder seiner Vaters, einen der Männer des schurkischen Thomas Barrett. Viele Jahre später reitet er, nun ein gutaussehender Mann (Giuliano Gemma), ziellos durchs Land und hinterlässt, wie uns der melancholische Titelsong berichtet, eine Leichenspur. Ein Mordauftrag, den ihm der Halsabschneider Two-Strike Snake (Geoffrey Lewis) vermittelt und den er widerwillig annimmt, erweist sich als Falle und bringt ihn mit dem kleinen Thomas (Sven Valsecchi) zusammen, dem Neffen von Barrett (Ettore Manni). Der Wunsch, seinen Vater zu rächen, kollidiert mit väterlichen Gefühlen für den kleinen Jungen, dessen Familie er nicht zerstören will …

SELLA D’ARGENTO ist handwerklich über jeden Zweifel erhaben, was vor allem die kürzlich erschienene HD-Version deutlich macht, die die die von der Sonne ausgedörrten Bilder und die wunderschönen, spannungsreichen Bildkompositionen voll zur Geltung bringt. Aber irgendwie wollte der Funke einfach nicht überspringen. Fulcis Film ist sichtlich in dem Vorhaben gefertigt, großes Kino zu machen, nicht nur für eine beschränkte Zielgruppe, sondern buchstäblich für die ganze Familie. Die wenigen Härten – es gibt einige blutige Einschüsse zu bewundern – hat man damals, vor rund 40 Jahren, halt so mitgenommen, ansonsten steht die Freundschaft zwischen dem Revolverheld, dem man den skrupellosen Killer nicht so wirklich abnimmt, und dem blonden Jungen im Vordergrund, reiten die beiden in einem eher lustigen als kitschigen Ende gar zusammen in die Sonne, Blood auf seinem stolzen Hengst, der kleine Thomas auf einem niedlichen Zwergpony. Das ist nicht per se zu verurteilen, aber mir fehlten dann doch die Aha-Momente, die Brüche, die ungewöhnlichen Ideen, mit denen Fulcis Werk sonst geradezu gespickt ist. Nette, gediegene Abendunterhaltung, aber nicht mehr. VIelleicht hätte ich den Film auch nicht zur Mittagszeit schauen sollen.

fr21991 waren fast noch die Achtziger. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man sich heute kulturelle Artefakte aus jener düsteren Epoche der Menschheitsgeschichte ansieht, und auch Joe D’Amatos später Ausflug ins Horrorgenre bestätigt diese Erkenntnis wieder einmal. FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLA MORTE war in einer der ersten Splatting-Image-Ausgaben besprochen worden, die ich in den Händen hielt; wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, in der kurze Zeit später eingestellten Rubrik Pan&Scan, die sich vornehmlich mit Videopremieren beschäftigte. Ich erschloss mir meine Filmwelt gerade neu und war überrascht, den Namen D’Amato, den ich aus dem ausgiebig studierten „Lexikon des Horrorfilms“ und den darin enthaltenen Tiraden über etwa MAN-EATER kannte, wiederzufinden. Über den traurigen Status quo des italienischen Horrokinos wusste ich noch nichts, für mich sah das so aus, als hätte sich gar nichts verändert, als machten die ganzen Regisseure von einst unverändert weiter. Wenig später war ich dann klüger. Der Name „D’Amato“ tauchte danach allenfalls noch in Verbindung mit früheren Glanztaten auf den Seiten der SI auf, möglicherweise auch in der Rubrik „Pornotions“, aber über neue Horrorfilme las man dort nie wieder von ihm.

Nicht nur deshalb stimmt FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLA MORTE heute melancholisch, wenn nicht gar traurig. Mit dem Wissen über die wenig später endgültig erfolgte Abwicklung – Lebenszeichen wie DELLAMORTE DELLAMORE oder LA SINDROME DI STENDHAL entpuppten sich als schnell verpuffende Nebelkerzen – ist man gar geneigt, die Geschichte über einen Toten, der von einer Komapatientin mittels Gedankenkraft zum Leben erweckt wird, um ihre Peiniger zu bestrafen, als Allegorie auf den italienischen Horrorfilm zu betrachten. Zumal dieser Tote von Donal O’Brien gespielt wird, einem alten Recken des Italofilms, der für alle großen Genre-Regisseure, seien es Lenzi, Martino, Girolami, Fulci oder Castellari, vor der Kamera gestanden hatte, in Italowestern, Gialli, Kriegs-, Horror- und Endzeitfilmen. Wie er da als alternder, anscheinend geistig nicht mehr ganz bei Kräften befindlicher Ex-Boxer Ric und Faktotum der Videothekarin (!) Georgia (Cinzia Monreale) durch den Film stapft, ihr auch im Leben ebenso stumm zur Seite steht wie als belebter Kadaver mit stierem Blick und klaffender Obduktionsnarbe, kann man schon sentimental werden, weil er doch so offenkundig Relikt einer vergangenen, besseren Zeit ist.

Ob man FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLA MORTE etwas abgewinnen kann, hängt aber nicht nur von der emotionalen Bindung ans italienische Kino ab, sondern auch von der Bereitschaft, hier und da die Augen zusammenzukneifen, nicht so sehr das zu fixieren, was da ist, sondern sich vorzustellen, was da hätte sein können – und, so man denn die englische Asynchronfassung „genießt“, von der Fähigkeit, die grauenvollen Sprecher, die bisweilen an Schlaganfall-Patienten denken lassen, zu ignorieren (teilweise sind diese noch nicht einmal des Englischen mächtig, manchmal machen sie aber auch einfach nur völlig widersinnige Pausen im Satz, aber immer klingen sie so furchtbar, dass man sich die Ohren abreißen möchte). Die Schauspieler agieren bis auf O’Brien schrecklich hölzern, die Settings sind zweckdienlich bis unansehnlich, Inszenierung und Schnitt oft unglücklich. Welche „Hausaufgaben“ der vielleicht dreijährige Sohn Georgias da etwa machen soll, bleibt das Geheimnis des Drehbuchs, und die mütterliche Entscheidung, dem Kleinkind ein eigenes Telefon neben das Bett zu stellen, muss man mit eigener elterlicher Erfahrung zumindest als „mutig“ bezeichnen. Wahrscheinlich humorvoll gemeinte Szenen wie jene, in der sich ein vermeintlich wahnsinniger Killer, der es auf das Leben des Rotzbalgs abgesehen hat, als harmloses Autopannenopfer mitsamt herumgetragener Stoßstange erweist, sind so unglücklich in Szene gesetzt, dass sie eher unfreiwillig komisch wirken. Der Eingeweihre weiß solche Idiosynkrasien natürlich zu schätzen, aber in einer Zeit, in der Konkurrenzprodutionen aus Übersee immer perfekter, glatter, fetter und konventionalisierter wurden, war damit auf dem Markt kein Blumentopf mehr zu gewinnen – auch nicht, wenn es bei einer Kopfzermatschung noch einmal splatterte wie in alten Zeiten. Dem Freund des italienischen Genrekinos würde ich FRANKENSTEIN 2000 – RITORNO DALLE MORTE dennoch ans Herz legen: Es ist eben ein idealer Abschiedsfilm. Und ein Abschied ist ja immer auch mit Schmerzen und Tränen verbunden.

 

beyond_darkness_poster_02„Übles Machwerk, dessen Sadismus und Zynismus kaum zu übertreffen sind“, krakeelte der Filmdienst wie eine hyperventilierender Marktschreierin mit sich überschlagender Stimme, der Filmbeobachter diagnostizierte dagegen schon beinahe sachlich eine „[u]nnütze und ekelhafte Spekulation auf die niedersten Instinkte des Menschen“. Auch der deutsche Verleih hatte sich mit dem Titel SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF mächtig ins Zeug gelegt und seinen bescheidenen Teil dazu beigetragen, dass D’Amatos Film lange Zeit als einer der berüchtigtsten Vertreter des damals reüssierenden Splatterfilms italienischer Prägung galt. Ich fühlte mich demnach mächtig verrucht, als ich den Film damals in den Player schub, war anschließend aber eher verwirrt als wirklich verstört. In Erinnerung gelieben sind mir von damals nur einzelne, unverbundene Bilder – herausgerissene Fingernägel, natürlich die Leichensuppe -, vor allem aber der Eindruck einer eigenartig dekadent-morbiden Stimmung. Im Unterschied zu anderen Horrorepen, die ich mir damals in Reihe einverleibte, wollte BUIO OMEGA nicht so richtig Spaß machen.

Heute sehe ich das ein bisschen anders: Das Gemantsche, das die Sittenwächter damals auf die Barrikaden brachte und die Fans in die Videotheken trieb, ist eigentlich kaum noch der Rede wert. Klar, wie der blutarme Frank (Kieran Canter) seine tote Freundin ausnimmt, um sie fachgerecht zu konservieren, ist ein bisschen eklig, aber das ist ein Besuch beim Metzger unter Umständen auch. Die Effekte lassen die Detailfreude und Kunstfertigkeit eines Tom Savini total vermissen, was an Talent und Geduld fehlte, wird vor allem durch die entsprechend überdrehte Sounduntermalung wettgemacht – mit durchaus komischem Effekt. Das knorpelige Krachen etwa, das ertönt, wenn Frank dem Leichnam zwei Schläuche in die Nasenlöcher einführt, könnte ich mir auch gut als makabren Klingelton vorstellen. Äußerst geschickt ist auch der Schnitt, der den Eindruck erweckt, mehr zu sehen als tatsächlich gezeigt wird. Wunderschön, wie D’Amato vom Bild des Leichengeblubbers, das nach einer Säurebehandlung übrig geblieben ist, auf ein schleimiges Schmorgericht blendet, das die perverse Haushälterin Iris (Franca Stoppi) mit Inbrunst in ihr offenes Maul schaufelt, dass es nur so spritzt und sprotzt. Man liest das vielleicht schon heraus: BUIO OMEGA ist vor allem eine geschmacklose Komödie, eine derangierte Romanze, die von jener seltsamen Stimmung lebt, die auch D’Amatos spätere Softerotik-Filme auszeichnet.

Frank ist ein verwohnter, schmollmündiger Lappen, der wohlbehütet im von den Eltern geerbten Schlösschen lebt, in besonders schweren Momenten sogar die Brust seiner herrischen Haushälterin bekommt. Die überfürsorgliche Matrone macht sich große Hoffnungen, den reichen Schnösel zu ehelichen, weshalb sie eine alte Hexe engagiert, dessen Freundin Anna (Cinzia Monreale) mit einem tödlichen Fluch zu belegen. Und siehe da: Es funktioniert tatsächlich! Doch anstatt vor Trauer in den Schoß der groben Iris zu stürzen, beginnt Frank stattdessen eine unselige Liebschaft mit dem toten Körper der Verblichenen, was Iris gar nicht gern sieht. Als sich die Leichen zu stapeln beginnen – der völlig orientierungslose Frank hat Gefallen am Morden gefunden -, nutzt die Hintergangene ihr Wissen als Druckmittel und ringt dem wenig standhaften Jungmann ein halbherziges Heiratsversprechen ab. Das folgende Verlobungsbankett ist der heimliche Höhepunkt des Films, denn Iris hat ihre ganze degenerierte Verwandtschaft an den volkstümlich geschmückten Tisch gebeten. BUIO OMEGA profitiert erheblich von seinem eher ungewöhnlichen Alpensetting und den sonnigen Bildern grün bewaldeter Hügel und idyllisch daliegender Bergdörfer, die einen effektiven Kontrast zur moralischen Verkommenheit der Protagonisten und der Distanziertheit der Inszenierung bilden. (Man fragt sich, was wohl dabei herausgekommen wäre, wenn die Lisa-Film sich am Splatter-Boom beteiligt hätte.) Goblin haben dazu einen fantastischen Pianoscore komponiert, der die Groteske zur schwermütigen Tragödie überhöht. BUIO OMEGA wirkt nicht wenig wie eine geschmacksentgleiste Parodie auf typische Romantic Comedies, die sich um die Frage drehen, ob sie sich nun kriegen oder nicht, nur dass das Objekt der Begierde, von dem der Schönling nicht lassen kann, hier eine Leiche ist, und die eifersüchtige Neue eine perverse Matrone mit fragwürdigen Tischmanieren. Am Ende fährt Onkel Joe ein paar krachlederne Geisterbahneffekte auf, lässt die Schwester der toten Anna für einen kurzen Besuch vorbeischauen und Iris per Lautsprecher eine Stimme aus dem Jenseits spielen, um den ungebetenen Gast zu vertreiben. Allein in den letzten fünf Minuten verbrät D’Amato mehr Ideen als andere Filmemacher in eineinhalb Stunden, sodass man sich reif fühlt fürs Säurebad – oder für die Brust von Iris.