Mit ‘Clancy Brown’ getaggte Beiträge

Das Poster mit dem Star Spangled Banner, dem furchtsam/hoffnungsvoll in die Ferne blickenden Pärchen von Papa und Töchterlein nebst bärtigem Schuft im Funkenregen sowie der Frage „How far would you go to protect your home?“ lässt Schlimmes befürchten, das sich dann zum Glück aber nicht bewahrheitet. HOMEFRONT ist ein angenehm bodenständiger Actioner, wie er heute, wenn überhaupt, eigentlich direkt auf Heimkino-Medien veröffentlicht oder gestreamt wird, und das Poster verrät die Ratlosigkeit, die die Marketingabteilung angesichts dieses aus der Zeit gefallenen Films ergriff. Wie zum Teufel sollte man das Ding bewerben, um Menschen dazu zu motivieren, an der Kasse ein Ticket zu lösen und zwar in solcher Menge, dass nicht nur die Produktionskosten von 22 Millionen wieder reinkämen, sondern auch noch ein schöner Gewinn? Also entschied man sich für die Patriotennummer, auch wenn der Film mit der suggerierten Bedrohung für die USA of A rein gar nichts zu tun hat.

HOMEFRONT, dessen Drehbuch von keinem Geringeren als Sylvester Stallone geschrieben und ursprünglich als RAMBO-Sequel erdacht worden war, beginnt wieder einmal mit Statham in Langhaarperücke – wie auch schon HUMMINGBIRD – als Mitglied einer Rockergang, die fett im Meth-Geschäft steckt. Doch natürlich ist er in Wahrheit ein Undercover-Cop und am Ende des actionreichen Prologs erschießt er den Sohn des Anführers Danny T (Chuck Zito), der daraufhin in den Bau wandert. Schnitt in die Gegenwart, in der Phil Broker, wie er nun heißt, irgendwo in Louisiana lebt und sich dort mit seinem neunjährigen Töchterchen Maddy (Izabela Vidovic) vom Tod der Ehefrau/Mutter erholt. Der Plot kommt in Gang, als Maddy einem Bully mit vom Papa erlerntem Kampfwissen die Fresse poliert und damit den Zorn der Eltern des Bullys (Kate Bosworth & Marcus Hester), eines fiesen Redneck-Pärchens, auf sich und den hinzugezogenen, eigenbrötlerischen Papa zieht. Zur Sippe der beiden gehört auch „Gator“ (James Franco), ein lokaler Krimineller mit Ambitionen im Meth-Business, der sich für sie der Sache annimmt und dabei Einblick in Brokers Vergangenheit erhält. Er kontaktiert den einsitzenden Danny T, der seine Killer zu Broker nach Hause schickt …

Ein bisschen STONE COLD, ein bisschen Redneck-und-Hillbilly-Action im Stile von WALKING TALL, ein bisschen herzige Papa-und-Tochter-Dynamik und erstklassige Production Values sind die Zutaten, die HOMEFRONT für mich zu einer kleinen, feinen und vor allem unerwarteten Überraschung machten. Die Regie übernahm Gary Fleder, der vor rund 20 Jahren kurzzeitig mal als hoffnungsvolles Talent galt, als er erst den Tarantino-Klon THINGS TO DO IN DENVER WHEN YOU’RE DEAD inszenierte und kurz darauf den prestigeträchtigen KISS THE GIRLS. Mit der ganz großen Hollywood-Karriere wurde es nichts, der Mann arbeitet heute überwiegend fürs Fernsehen, aber für einen Timewaster wie HOMEFRONT, der keine inszenatorische Inspiration benötigt, sondern in erster Linie professionelles Management und sauberes Handwerk, ist er der richtige Mann. Auch die Action – eigentlich nicht seine Spezialität – kommt fett, zupackend und physisch (die Cinematography stammt von Theo van de Sande, der u. a. für BLADE oder THE MARINE sowie für etliche Adam-Sandler-Filme verantwortlich zeichnet). Er lichtet die Bayous Louisiana, die maroden Kleinstädte und Werkstätten sowie die schillernde Metropole New Orleans in tollen Bildern ab und rennt damit bei mir, der ich ein Faible für Südstaatenromantik habe, offene Türen ein. In der größten Actionsequenz, dem Überfall der Killer auf Brokers Haus, kommt richtig Stimmung auf, wenn der Held die Bösewichter beherzt mit der Pumpgun umnietet, dass sie meterweit fliegen, Arme und Beine bricht oder mit dem Messer Hauptschlagadern durchtrennt. Man erkennt in der Zeichnung Brokers und in der Anbahnung des Konfliktes tatsächlich Stallones Handschrift wieder – der Loner mit dem guten Herzen und der gewalttätigen Vergangenheit, der in der Emigration auf dem Land einfach nur in Ruhe gelassen werden will, aber immer wieder Ärger bekommt, ist ja eine Persona, die Stallone in seiner langen Karriere immer wieder verkörperte – und kann HOMEFRONT zudem deutlich als Vorstufe des aktuellen RAMBO: LAST BLOOD betrachten, in dem der Elitesoldat ja auch sein Heim vor anrückenden Drogengangstern verteidigen muss.

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i ist die Besetzung des Films: Statham ist kein Stallone und hat das Manko, dass er nicht genug Pizazz mitbringt, um die sagen wir mal „durchschnittlichen“ Filme, in denen er meist mitspielt, aufzuwerten, aber als Papa, der keinen Ärger will, aber ihn magisch anzuziehen scheint, ist er super. Als Schurke gibt James Franco eine überzeugende Darbietung, auch wenn er leider keinen großen Schlussfight bekommt und eher durch feige Gemeinheiten und miese Pläne auffällt. Aber er trägt seinen Teil dazu bei, dass ich bei der Sichtung regelmäßig die Faust in der Tasche ballen musste. Winona Ryder, einst Schwarm und Muse der Generation X, bevor ein Ladendiebstahl-Skandal die Karriere versaute, spielt die von Gator manipulierte Biker-Braut und wertet eine Rolle auf, die sonst eher zum Wegwerfen-Part hätte geraten können. Das gleiche gilt für Clancy Brown, der den besorgten Sheriff spielt. Der eigentliche Hingucker ist aber Kate Bosworth als drogenabhängige Redneck-Mama, einen Part, in den sie sich offensichtlich mit methodacterischer Verve stürzte, und in dem sie – abgemagert, verhärmt, biestig – kaum wiederzukennen ist. Die Darstellerin sollte eigentlich mit ihrem Part als Lois Lane in Singers missratenem SUPERMAN RETURNS zur attraktiven Leading Lady aufsteigen, aber ihre Leistung kam leider nicht gut an und sie „verschwand“ in der Folge in kleineren, weniger populären Filmen. Hier jedenfalls holt sie das Optimum aus ihrer Nebenrolle heraus, der Stallones Drehbuch einen schönen Arc verlieh. Ihr merkt schon: Mir hat HOMEFRONT besser gefallen, als ich es verargumentieren kann. In Stathams durchwachsener Filmografie definitiv ein Gewinner.

 

 

Damals, in den Achtzigern, da dachte ich, diese Art von professionell gefertigten, routiniert, aber mit im besten Sinne „unsichtbarer“ Handschrift inszenierten Action-Thriller-Komödien, zu denen auch SHOOT TO KILL gehört, würde es ewig geben, gewissermaßen als solides Fundament des Hollywood-Outputs. Ein Irrglaube: Heute ist diese Spielart des bodenständigen, rundum unterhaltsamen, aber niemals überkandidelten Kinos beinahe völlig ausgestorben. Spottiswoodes Film habe ich damals schon geliebt, aber dann irgendwann aus den Augen verloren. Anlässlich von ENEMIES CLOSER, dem aktuellen Film von Spottiswoodes altem Eighties-Regie-Kollegen Peter Hyams, ist er mir wieder eingefallen und sofort auf meine imaginäre Rewatch-Liste gewandert.

Wahrscheinlich ging SHOOT TO KILL damals sogar als „high concept“ durch: Er verbindet das immer beliebte Fish-out-of-water-Thema mit dem typischen Buddy-Movie-Kniff zweier unterschiedlicher Typen, die gegen ihre anfängliche Abneigung zusammenarbeiten müssen, verpflanzt eine Verbrecherjagd aus ihrem natürlichen Großstadtsetting in die Bergwelten des pazifischen Nordwestens. Als zusätzliches Mittel der Spannungserzeugung wird der Schurke mit einer Gruppe unschuldiger Angler zusammengebracht und seine Identität zunächst geheimgehalten. So arbeitet der Film zunächst an zwei Fronten: Der FBI-Agent Warren Stantin (Sidney Poitier), ein typischer Stadtmensch, muss sich in der Verfolgung gegenüber dem mürrischen Bergmann Jonathan Knox (Tom Berenger) als echter Kerl erweisen und ihn gleichzeitig im Zaum halten, die tapfere Bergführerin Sarah (Kirstie Alley), Knox‘ Freundin, in deren Gruppe sich der Killer eingeschlichen hat, sich gegen diesen zur Wehr setzen. Spottiswoode inszeniert mit der sicheren Hand des versierten Handwerkers, immer zielstrebig und mit dem sicheren Gespür dafür, wann sein Film eine Prise Humor vertragen kann, Poitier und Berenger agieren ohne Firlefanz und Manierismen, Michael Chapmans Kamera (u. a. RAGING BULL, HARDCORE, DEAD MEN DON’T WEAR PLAID) fängt die majestätische Landschaft ein und schlägt gekonnt die Brücke zum Abenteuerfilm und Western und John Scott lässt in seinem Score die Synthiedrums pumpen, dass es eine wahre Freude ist. Es ist erstaunlich, dass man Filme dieser Effizienz und Perfektion früher für identitätslos und anonym halten konnte: Heute vermisst man sie an allen Ecken und Enden, wünscht sich einen Auftragsregisseur wie Spottiswoode herbei, der solche von der ersten bis zur letzten Sekunde packenden Hundertminüter ohne Ausfall und Peinlichkeit über die Rampe schickt.

In der schönsten Szene des Films werden Stantin und Knox beim Erklimmen eines Berggipfels von einem Schneesturm überrascht und müssen sich eine Schneehöhle graben, um sich zu schützen. In der gebärmutterartigen Geborgenheit der engen Höhle zieht Knox seines nassen Klamotten aus, fordert Stantin auf, es ihm gleichzutun, und beginnt den vor Kälte zitternden Cop mit den Händen zu reiben und mit seinem eigenen nackten Körper aufzuwärmen. Die Szene wäre heute ganz gewiss Anlass für dumm-homphobe Witzchen, aber hier wird sie ganz straight ausgespielt. Es ist ein wunderbarer, ungeheuer menschlicher Moment, der ein Interesse für die Charaktere offenbart, das man so kaum noch gewohnt ist.