Mit ‘Claude Mulot’ getaggte Beiträge

u44224ggjc9Der Maler Frédéric (Philippe Lemaire) verliebt sich in die schöne Anne (Anny Duperey) und zieht mit ihr in das Schloss seiner Eltern. Seine Lebengefährtin Moira (Elizabeth Teissier) ist davon nicht sonderlich begeistert. Als sie Anne konfrontiert, kommt es zur Katastrophe: Die junge Frau erleidet schwere Verbrennungen, ist daraufhin fürchterlich entstellt – und ziemlich mies gelaunt. Frédéric hingegen ist verzweifelt und plant, seiner großen Liebe mit der (unfreiwilligen) Hilfe junger Damen ein neues Gesicht zu geben.

Der spätere Pornoregisseur Claude Mulot orientierte sich für sein Debüt unverkennbar am zehn Jahre zuvor unter der Regie von Georges Franjus entstandenen Horrorklassier LES YEUX SANS VISAGE und reicherte es mit saftigen Elementen des Pulp-Romans an. Frédérics Liebe und Wahn bieten Anlass für softerotische Einlagen und theatralisch-melodramatischen Schmonzes, darüber hinaus sorgen die Zwerge Olaf und Igor für jenes herzhafte Krachen der saftigen Schwarte, das für mich erst den besonderen Charme dieser Sorte Gothic-Grusler ausmacht. Wie auch die Filme eines Paul Naschy oder Jean Rollin sowie diverse Giallos, die im Grenzbereich zwischen Psychothriller und Horror angesiedelt sind, verkörpert Mulots Film einen ungehemmten Expressionismus, der sich in einem Überschwang der Emotion, großer Farbenpracht und einer Mischung klassischer und modernerer Motive niederschlägt. Was Mulot abgeht, ist die Intellektualität seines oben genannten französischen Kollegen, aber atmosphärisch stehen sich beide dennoch nahe. Das verfallene Schloss im Wald könnte auch der Schauplatz eines Rollin-Films sein und die beiden Zwerge würden sich bei ihm auch wohlfühlen. Mit der Beziehung, die der Maler zu seiner jungen Geliebten unterhält, sieht es da schon anders aus: LA ROSE ÉCORCHÉE ist, da muss man sich nichts vormachen, nicht gerade progressiv in seinem Rollenverständnis. Wenn die Handlung in das Sanatorium von Professor Römer (Howard Vernon) schwenkt, in dessen Garten sich die nackten Schönen tummeln, sind die zweifelhaften Herren in den speckigen Trenchcoats garantiert nicht weit. (Gut, die haben wahrscheinlich auch die Vorführungen von Rollins Filmen besucht, dürften dort aber durchaus das ein oder andere Mal weggenickt sein.)

Ich mag diese Spielart des erotischen Gruselfilms europäischer Provenienz sehr gern, auch weil es an entsprechenden Vertretern nicht gerade ein Überangebot gibt und jeder deswegen umso wervoller erscheint. Hier gab es die Vollbedienung: Einen trüben männlichen Helden, eine bezaubernde Schönheit, dunkle Begierden und Pläne, grunzende Zwerge in Tierfellen, kreischende Frauen, Kandelaber, dunkle Flure, Nebel, Gewölbe und natürlich Howard Vernon, der jeden Film besser macht. Das alles untermalt von einem stimmungsvollen Score (Jean-Pierre Dorsay), in ebensolchen Bildern eingefangen und mit einem perfekten Ende, das die niederschmetternde Schicksalsschwere zum Kulminationspunkt bringt. Einfach toll! Mehr muss nicht gesagt werden.

Joëlle (Pénélope Lamour) ist mit dem Architekten Eric (Jean-Loup Philippe) verheiratet, der meist zu erschöpft von der Arbeit ist, um seiner Frau noch sexuelle Befriedigung verschaffen zu können. Eines Tages meldet sich das vernachlässigte Geschlechtsteil Joëlles zu Wort: Es ermutigt potenzielle Sexualpartner zum Angriff oder demütigt chauvinistische Schlappschwänze. Während Joëlle zum wissenschaftlichen und medialen Phänomen heranreift, haben die Betroffenen mit den Folgen der Mutation zu kämpfen.

Ein Film, wie er in dieser Form wohl nur aus Frankreich kommen konnte: LE SEXE QUI PARLÉ, international etwas griffiger PUSSY TALK betitelt, wurde eigentlich als Hardcore-Porno gedreht, kam dann aber auch in soften Fassungen in die weltweiten Kinos. Zu spektakulär und erfolgversprechend war die Idee mit der sprechenden Pussy, als dass man dieses Potenzial an ein Trenchcoatpublikum allein verschenkt hätte. Claude Mulot bezieht natürlich jede Menge Witz aus der Überraschung von Männern und Frauen, die plötzlich von einer vulgären Scheide angemacht werden, und aus dem dominant-aggressiven Tonfall des Allerheiligsten. Doch der Film stürzt niemals in die Untiefen der Zote, wie das etwa bei einem deutschen Film dieses Themas unvermeidbar gewesen wäre.

Die Grundstimmung von LE SEXE QUI PARLÉ ist eher depressiv, die Farbgebung dunkel und kalt, gleiches gilt für den schwermütigen Synthiescore. Unter der Sexkomödie schwelt nicht nur ein Ehedrama um sexuelle Frustration, sondern auch ein Bodyhorror-Film, der nie so ganz durchbrechen darf. Ein ausgedehnter Teil der Handlung besteht aus einer langen Rückblende auf Joëlles Vergangenheit, in der ihr sexueller Werdegang untersucht und der Ursprung ihrer Deformation gesucht wird. Am Ende wird alles damit gelöst, dass sich Eric endlich einen Ruck gibt und es seiner Gattin mal wieder so richtig besorgt – der nicht wirklich überraschende Schlussgag, dass nun Erics bestes Stück aufbegehrt, scheint eher aus kommerziellen Erwägungen eingefügt worden zu sein und sollte wahrscheinlich nicht überinterpretiert werden. Ich habe mich während der Sichtung andauernd gefragt, wie LE SEXE QUI PARLÉ sich wohl im französischen Original verhält: Die deutsche Synchronstimme für die Pussy ist ziemlich überdreht, klingt so, wie sich der deutsche Spießer anno 1975 wahrscheinlich eine Emanze vorgestellt hat, und trägt wesentlich dazu bei, dass die zwei Gesichter von Mulots Film nicht so richtig in Einklang finden. Gut möglich, dass LE SEXE QUI PARLÉ mit zurückhaltenderem Originalton stimmiger ist. Wirklich vermisst habe ich auch die fehlenden Hardcore-Szenen: Hätte ich auch nie gedacht, dass ich das mal schreiben würde, aber auch wenn LE SEXE QUI PARLÉ durchaus als „normaler“ Spielfilm funktioniert, ist es doch jedesmal ein Letdown, wenn da plötzlich abrupt weggeschnitten wird und sich alle wieder von ihrer Bettstatt erheben, auf die sie sich doch gerade erst niedergelassen haben. Da möchte man, fast wie die sprechende Pussy gen Leinwand rufen: „Jetzt steck‘ ihn endlich rein!“

coutgorEin Fotomodell, das sich jeden Abend mit zerrissenen Kleidern in die Polizeistation flüchtet, um eine Vergewaltigung zu melden, aber von den zuständigen Beamten nur noch ausgelacht wird. Eine „Agentur“, die ihre beiden Models in höchst fragwürdige Shootings – etwa nachts auf dem Friedhof – verwickelt. Obszöne Anrufe, eine Reihe blutiger Morde, ein offensichtlich psychopathischer Killer, ein klobiges Mietshaus, das von einem Swimmingpool-artigen Teich umgeben ist, ein stets am Rande des Nervenzusammenbruchs agierender Ex-Freund. Das sind die Zutaten von Claude Mulots noch nicht einmal 80 Minuten langem Thriller, den vom typisch italienischen Giallo einzig die typisch französische Unterkühltheit unterscheidet.

Schwelgt die Thriller-Spielart vom Stiefel in Pop-Art-Exzessen, verzeichnet sie die sexuellen Neurosen ihrer Protagonisten zu escheresken Kathedralen des Kink, genießt sie es, den Zuschauer in den mit großer Spielfreude und viel Humor konstruierten Handlungslabyrinthen hoffnungslos stranden zu lassen, erinnert sie mithin an den Blick durch ein buntes Kaleidoskop, hat LE COUTEAU SOUS LA GORGE (zu Deutsch: Das Messer an der Kehle) mit seinen trostlosen Bildern urbaner Dunkelheit, fleischlicher Niedertracht, seelischer Hoffnungslosigkeit und hämmernder Brutalität eher Ähnlichkeit mit der opaken Oberfläche schwarzen Glases. Am deutlichsten wird der Unterschied, wenn man dem Soundtrack lauscht, das stählerne Pochen und pulsierende Wabern von Alain Guélis‘ quasi-industriellem Score den heißlaufenden Beat-Eskapaden seiner südeuropäischen Kollegen gegenüberstellt. Die Angst der Mythomanin Catherine (Florence Guérin) hat hier nichts Ornamentales, die Abgezocktheit der Agentin Valérie (Brigitte Lahaie) und ihres stets besoffenen, klumpfüßigen Fotografen J.B. (Jean-Pierre Maurin) nichts Belustigendes, die Morde wirken nicht wie Übungen in Performance-Kunst: Nein, Claude Mulot hat durchaus Thrill und Terror im Sinn. Stilistisch ist er auf dem richtigen Weg, aber für echte Durchschlagskraft ist seine Mordmär dann leider doch etwas zu flüchtig und schematisch. Trotzdem eine durchaus sehenswerte Kuriosität.

Mulot, Regiseur und Drehbuchautor war überwiegend im Pornofilm unterwegs, oft unter dem Namen „Frédéric Lansac“, versuchte sich aber auch an Horrorfilmen (LA ROSE ÈCORCHÈE, zu Deutsch: DAS BLUTIGE SCHLOSS DER LEBENDEN LEICHEN), Komödien (C’EST JEUNE ET CA SAIT TOUT!, zu Deutsch: DIE JUGEND WEISS EBEN ALLES), Krimis (LE SAIGNÉE) oder Dramen (BLACK VENUS). LE COUTEAU SOUS LA GORGE war sein letzter Film. Ein Jahr später ertrank er im Alter von nur 44 Jahren in St. Tropez, wo Max Pécas sein Drehbuch zu ON SE CALME ET ON BOIT FRAIS À SAINT-TROPEZ verfilmte.