Mit ‘Claude Rains’ getaggte Beiträge

Auch mit diesem Film verbindet mich eine lange Geschichte, die bis zu meinem sechsten Lebensjahr zurückreicht, als meine Eltern den Film in unserer allerersten Videothek ausliehen. Jahrelang habe ich ihn immer nur stück- und szenenweise gesehen, aber schon das reichte aus, um mir seine Bilder unauslöschlich einzubrennen. Für mich ist LAWRENCE OF ARABIA die Gottwerdung des Monumentalfilms und die Definition von Kino, sofern ich das anhand der Konservensichtungen, auf die sich mein Urteil gründet, überhaupt adäquat beurteilen kann. Auf der großen Leinwand ist die visuelle Opulenz dieses Epos, kongenial begleitet von Maurice Jarres orientalisch anmutendem Score, wahrscheinlich kaum auszuhalten. Jedes Bild ist ein Fest der Farben, des Lichts und der Bewegung, eine Zelebrierung dieser unglaublichen, gleichermaßen unwirtlichen wie majestätischen Landschaft. Mittendrin Peter O’Toole mit einer Darbietung, die als die Krönung seiner Kunst gelten darf. Der Ire hatte vielleicht das Pech, diese Rolle zu einem sehr frühen Zeitpunkt seiner Laufbahn zu spielen. Sie war im Grunde genommen danach für ihn schon nicht mehr zu überbieten und lässt den Betrachter auch mit dem Abstand von nunmehr über 50 Jahren noch sprachlos zurück. Wenn man weiß, dass der notorische Trinker und Lebemann in den Drehpausen des auch körperlich immens strapaziösen Projekts nichts anbrennen ließ, mutet seine Leistung, die keinen einzigen Fehlgriff kennt, schlicht übermenschlich an. Was er hier leistete, ist kaum angemessen in Worte zu fassen.

LAWRENCE OF ARABIA ist ein Film, der es einem schwer macht, von Superlativen abzusehen, lässt heutige Epen, die seinen Einfluss kaum verleugnen können, reichlich alt aussehen, und das nicht nur, weil sie dem irrwitzigen logistischen Aufwand, den Lean betreiben musste, klinisch-sichere Rechnerpower entgegensetzen und so im Vergleich an Bildgewalt einbüßen. Auch intellektuell bedeutet LAWRENCE OF ARABIA eine Herausforderung, die dem Zuschauer heute nur noch selten zugemutet wird. Wer glaubt, Monumentalkino diene nur der Erbauung, befriedige ein triviales Bedürfnis nach große Bildern, muss diese Meinung nach Betrachtung von Leans Meisterwerk revidieren. Dabei scheint der Film zunächst noch einem etwas naiven Romantizismus anzuhängen, malt das zum Klischee geronnene Bild des weißen Aussteigers auf der einen Seite und des edlen Wilden auf der anderen. Doch spätestens nach der Intermission kippt LAWRENCE OF ARABIA, wird zum resignativen Antikriegs- und Anti-Interventionsfilm, dessen Lektionen sich auch heutige Machthaber noch erteilen lassen sollten. Alle, wirklich alle scheinbaren Gewissheiten, die der Zuschauer während der ersten 140 Minuten erlangt zu haben glaubte, entpuppen sich während der letzten anderthalb Stunden als bittere Irrtümer, der vermeintliche Held als tarurige Marionette eines unerbittlichen Systems, dessen Fäden ihn umso stärker festhalten, je mehr er sich von ihnen zu lösen versucht.

Lawrence, ein zuverlässiges, aber immer auch etwas verträumtes, tolpatischiges Mitglied der britischen Armee in Ägypten während des Ersten Weltkriegs, blüht geradezu auf, als er den Auftrag erhält, den Araberprinz Feisal (Alec Guinness) ausfindig zu machen, um ihn dazu zu überreden, den Briten im Kampf gegen die Türken zu helfen. Der junge Lawrence ist sogleich fasziniert von der Kultur der Beduinen, erlangt erst ihr Vertrauen, indem er ihre Interessen respektiert, anstatt sie bloß für seine Zwecke zu benutzen, dann ihren Respekt, als er mit ihnen die als undurchquerbar geltende Wüste Nefud durchquert. Er vereint die verfeindeten Stämme und führt sie zum Angriff auf die von Türken besetzte Küstenstadt Akaba, die die Araber in einer blutigen Schlacht zurückerobern. Doch das Blutvergießen führt zur ersten Zäsur, zum Riss im Bild des strahlenden Helden: Die Grausamkeit des Wüstenvolkes, die er als „zivilisierter“ Brite zunächst verabscheute, beginnt einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn auszuüben. Hat er seine Herkunft bereits vollständig hinter sich gelassen, den Kulturwechsel vollzogen? Der Wunsch, aus der Armee auszusteigen, den er vor seinen Vorgesetzten äußert, die ihn in seiner arabischen Tracht eben noch für einen Spinner hielten, wird ihm versagt, zu wichtig ist er für sie mittlerweile geworden. Bis nach Übersee ist die Kunde von „Lawrence von Arabien“ gedrungen: Der amerikanische Journalist Jackson Bentley (Arthur Kennedy) sieht in dem Mann ein geeignetes Objekt, um dem amerikanischen Volk den Kriegseintritt schmackhaft zu machen. Konnten die Briten den blonden Träumer zu Beginn gar nicht schnell genug in die Wüste schicken, hat nun plötzlich jeder ein großes Interesse an dem Mann, der unter der Last der Erwartungen immer mehr in die Knie geht.

Die berühmtesten Szenen des Films stammen fast alle aus jenen ersten zweieinhalb Stunden, die von Lawrence Aufstieg zum Held der Araber erzählen und zahlreiche vergleichbare Filme beeinflussten, ja beinahe ein ganzes Subgenre begründeten (man denke nur an Costners DANCES WITH WOLVES): Die unbeschreibliche Szene, als Sherif Ali (Omar Sharif) sich aus dem Hitzeflimmern am Horizont herausschält, Lawrence‘ Rettungsaktion in der Nefud und sein selbstvergessener Tanz in der Tracht der Beduinen, die Eroberung Akabas und die Ankunft am Suez-Kanal, schließlich die Aufruhr im britischen Offiziersheim in Kairo, wo Lawrence und sein Diener Farraj wie Außerirdische beäugt werden. Dieser Teil des Films ist schlicht atemberaubend und lässt die ideologschen Zweifel, die Lawrence‘ Mission und sein kolonialistischer Blick auf die stolzen Wüstenkrieger ausüben, fast verstummen. Zu aufregend ist das, was einem da geboten wird. Die Quittung erhält man mit den herunterziehenden Schlussakten, die einem gnadenlos vor Augen führen, dass man einer Fata Morgana aufgesessen ist. Lawrence verwandelt sich mehr und mehr in einen desillusionierten, blutrüstigen Feldherren, die Utopie eines arabischen Staates unter britischer Duldung als Hirngespinst, die edlen Krieger als hoffnungslos untereinander verfeindet, Prinz Feisal als ebenso zynischer Politiker wie sein britischer Widerpart Dryden (Claude Rains). Die Liebe zu Arabien, die Lawrence nach der Eroberung Akabas noch gestand, ist in tausend Scherben zerbrochen, schlimmer noch das eigene Selbstbild. Zurück bleibt ein tief neurotischer Mann, dessen Altruismus sich vielleicht doch nur aus den eigenen Neurosen speiste. Lean legt den Schluss sehr nahe, dass es nicht zuletzt der Wunsch war, der eigenen, im Militärdienst als defizitär empfundenen Homosexualität zu entfliehen, sich und anderen der eigenen Männlichkeit zu versichern, die Lawrence antrieben und schließlich zum Mörder werden ließen. Was als filmische Heldenverehrung und Denkmalsetzung begann, endet als Psychogramm eines Zerrissenen in einer Welt kurz vor dem Abgrund.

the invisible man (james whale, usa 1933)

Veröffentlicht: September 4, 2008 in Film
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Griffin (Claude Rains) hat ein Serum erfunden, das ihn unsichtbar werden lässt. Weil er aber noch nicht weiß, wie er die Wirkung rückgängig machen kann, versteckt er sich in dem kleinen Ort Iping, dessen Bewohner er mit seinem unberechenbaren und soziopathischen Verhalten aber schon bald in Angst und Schrecken versetzt. Sein Unsichtbarkeitsserum hat nämlich eine unangenehme Nebenwirkung: Es macht seinen Benutzer wahnsinnig. Und so verliert sich Griffin bald schon in irrwitzigen Weltherrschaftsfantasien …

Nach einem Roman von H. G. Wells drehte James FRANKENSTEIN Whale THE INVISIBLE MAN, dessen Effekte auch heute noch zu gefallen wissen und natürlich das Herzstück des Films sind. Whale legt trotz seiner bescheidenen Mittel schon die Grundlage, auf der etwa Carpenter (MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN) oder Verhoeven (HOLLOW MAN) dank der Möglichkeiten moderner Effekttechnologie nur noch aufbauen mussten. Wenn Griffin hier erzählt, dass aufgenommene Nahrung in ihm bis zur Verdauung sichtbar bleibt, ist das die entscheidende Inspiration für Carpenter, genau dies zu zeigen. Gleiches gilt für Griffins Erläuterung, er erscheine im Nebel als „bubble“, in Bezug auf Verhoevens HOLLOW MAN. Und selbst im Ton scheint er die beiden genannten Filme zu vereinen, scheinen diese wie spielfilmlange Ausprägungen seiner schon im Original angelegten Potenzen: Griffins Konflikt mit den einfältigen Dorfbewohnern beschert dem Film zu Beginn zahlreiche burlesk anmutende Szenen, die das komische Potenzial des Stoffes ausspielen, das wohl auch Carpenter gesehen hat. Griffins immer häufiger auch in die Tat ungesetzten Wahnvorstellungen hingegen antizipieren die grimmige Misanthropie von Verhoevens Film. Angesichts dieser beiden stimmungsmäßig kaum unter einen Hut zu bringenden Nachfolger mutet es umso rätselhafter an, dass THE INVISIBLE MAN wie aus einem Guss wirkt, seine beiden Gesichter sich perfekt ergänzen, anstatt sich gegenseitig zu aufzuheben. Eine Erklärung bietet vielleicht der (seit GODS & MONSTERS nicht mehr besonders originelle) Rückgriff auf Whales Person: Im (komischen) Zusammenprall des irren Intellektuellen mit dem piefigen Spießertum streicht Whale einen Konflikt heraus, der ihm, einem homosexuellen Filmemacher, wahrscheinlich nicht ganz unbekannt war. Es ist bezeichnend für Whales Weltbild und seinen Humor, dass er diesen Konflikt jedoch nicht dazu nutzt, Rache zu üben, sondern stattdessen Selbstironie und -kritik einfließen lässt. Seine gebildeten Protagonisten sitzen in ihren mondänen Lesezimmern und Salons, während das einfache Volk sich in seinen eigenen vier Wänden schikanieren und angreifen lassen muss. Ja, die Sympathien des Films liegen durchaus bei den einfältigen Proletariern aus Iping, die letztlich die Opfer der Spiele der Gebildeten sind. Die Tragik, die Griffins Figur umweht, bleibt so ungreifbar wie er selbst, echtes Mitleid mit ihm kann der Zuschauer kaum aufbringen. Auch am Schluss, wenn er auf dem Sterbebett wieder sichtbar wird, stellt das zwar eine finale Versöhnung mit dem Charakter dar, seine vorher vollbrachten Schandtaten kann das aber nicht rückgängig machen. DIe Katharsis bleibt aus, doch Rains‘ Griffin muss in seiner Verortung zwischen den Polen „Held“ und „Schurke“ als eine der faszinierendsten Figuren des populären Films betrachtet werden. Vergleichbares Lob kann man dem ganzen Film aussprechen: THE INVISIBLE MAN ist einer der stärksten Monster- bzw. Horrorfilme der Universal. Das Design seines Titelhelden ist unvergesslich und bemerkenswert effektiv in seiner Einfachheit, ein Geniestreich, der längst tief im kollektiven Bildergedächtnis verankert ist, auch dann, wenn man Whales Film nie gesehen hat.