Mit ‘Claus Biederstaedt’ getaggte Beiträge

uebermut_im_salzkammergutNach dem doch etwas drögen WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE zeigt Lustmolch Hans Billian, wie’s geht mit dem Schlagerfilm. Der Generationenkonflikt wird konsequent ausgespielt und in den Mittelpunkt gerückt, die Jugend mit ihrer Vorliebe für Badespaß, körperbetonte Kleidung, Liebeleien und die unverzichtbare „Jatz“-Musik darf den Spießern nun ganz ohne Relativierungen zeigen, was sie von erhobenem Zeigefinger, überkommenen Anstandsregeln und Prüderie hält. Und sie ist dabei so erfolgreich, dass sie die gemäßigten Kräfte erfolgreich auf ihre Seite zieht, während die lustfeindlichen Ultraspießer zum Schweigen gebracht werden. Das Dörfchen Thomaskirchen darf danach als „befreit“ gelten. Dass Klein Martina, ein dickliches Rotzbalg mit Feuermelder-Gesicht, ihren „Hit“ „Immer dicker wird mein Papi“ zum Besten geben darf, muss man als Konzession an demokratische Grudnwerte verstehen.

Die Revolution beginnt indessen im Kleinen: Die fesche Birgit (Helga Sommerfeld) will nach eineinhalb Jahren Beziehung mit Rolf (Claus Biederstaedt) endlich dessen Eltern kennenlernen. Weil die aber einfache Bauern im Salzkammergut sind, die mit einem „Mannequin“ wie Birgit gewiss nichts anzufangen wissen, denkt der sich immer neue Ausreden aus. Selbst ist die Frau: Birgit reist kurzentschlossen selbst nach Österreich und heuert bei Rolfs Eltern als neue Magd an, um sich als patentes Mädel und geeignetes Eheweib anzudienen. Das sorgt für die zu erwartenden Schwänke, bei denen es selbstredend nicht bleibt, denn was ein echter Schlagerfilm ist, der gibt sich mit einem Handlungsstrang allein nicht ab. So trudeln dann bald schon Schlagerstar Gus Backus (Gus Backus) samt seinem Manager Fred (Thomas Alder) ein: Ersterer verdreht der frechen Tankwärtin Christine (Margitta Scherr) den Kopf, die stets ihr voll aufgedrehtes Radio dabei hat und die Spießer des Ortes mit „heißer Jatz-Musik“ in den Wahnsinn treibt (letzterer nutzt seinen Dr. jur. um als vermeintlicher Arzt an den Gliedmaßen rumzufummeln, aber darum geht es hier nicht). Mit Entsetzen nimmt Gus zur Kenntnis, dass es keinen einzigen Ort in ganz Thomaskirchen gibt, wo junge Leute ihren Spaß haben können, und verspricht, an diesem unhaltbaren Zustand etwas zu ändern: Ein großes Musikfestival soll her, und während die Betonköpfe im Stadtrat noch darüber streiten – ein besonders verklemmter Zeitgenosse bezeichnet die Jugendlichen gar als „Untermenschen“ – trudelt Rolf in seiner Heimat ein, mit der vornehmen Doris (Hannelore Auer) im Schlepptau („Mein Bikini verliert im Wasser die Form!“), um Birgit eifersüchtig zu machen.

Dieses Sammelsurium aus sich überkreuzenden Plots und Subplots bietet, wie es in diesem Genre Usus ist, immer wieder reichlich Gelegenheit, die Darsteller in spontane Gesangsdarbietungen ausbrechen zu lassen oder auch musikalische Gäste anzukarren, damit es etwas Abwechslung gibt, und die sattsam bekannten Zoten und Verwechslungsspielchen anzuschieben. Das alles ist nicht neu und schon gar nicht originell, aber Billian inszeniert mit deutlich mehr Verve als sein anämischer Kollege Grimm den schon genannten WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE und Lust an der – zwar verborgenen, aber doch unübersehbaren – Schweineigelei. Es geht natürlich niemals richtig zur Sache, aber es lässt sich kaum übersehen, dass ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT wesentlich körperlicher ist als andere Vertreter des Genres, etwa wenn Protagonistin Birgit in einer Szene mit einer wildgewordenen Sau ringt. Der kämpferische Unterton, der in Grimms Film zugunsten der großen Schlussharmonie gemildert wird, steigert sich hier zum deutlich vernehmbaren Schlachtgesang: Die ätzenden Lustfeinde werden dann auch nicht bekehrt, sondern konsequent mit Pauken und Trompeten vertrieben, auf dass sie nie mehr wiederkommen. Jetzt bin ich auf Billians ICH KAUF MIR LIEBER EINEN TIROLERHUT gespannt.

Der Schlagerfilm, unentdeckte Weiten … Einst fluteten sie die bundesdeutschen Kinos: Federleichte Komödien, deren Besetzungslisten beliebte Schauspieler, Sänger und Sängerinnen, aus Funk und Fernsehen bekannte Stars und Sternchen an einem pittoresken Urlaubsort vereinten, auf dass sie die noch etwas einfacher als heute zu erwärmenden Zuschauerherzen mit ihren Darbeitungen erfreuten (und anschließend in die Plattenläden trieben). Es war aller kommerziellen Erwägungen zum Trotz ein unschuldiges Genre, geprägt von Herz, Leichtigkeit, Schwung und einer gewissen Naivität, die unverschämt offen am Revers getragen wurde. Eskapismus in Reinkultur, aber im besten Fall von unwiderstehlichem Drive und fast schon hysterischer Lebensfreude. Die streitbaren Errungenschaften, die das Genre in den Siebzigerjahren „feierte“, haben seinen Ruf leider nicht nur nachhaltig beschädigt, sondern geradezu planiert. Vielleicht zum Glück, denn die Vorstellung, Helene Fischer mit ihrer freudlos auf Hochleistung getrimmten Sangeskampfkunst und ihrem teutonischen Synthetikstampf auch noch als Schauspielerin auf der Kinoleinwand ertragen zu müssen, reicht aus, um zartbesaiteten Gemütern die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Die Zeiten, in denen Vivi Bach mit ihrem niedlichen dänischen Akzent „schmissige“ Melodien mit putzigen lyrischen Belanglosigkeiten veredelte, oder Sänger mit Namen wie „Claus Herwig“ oder „Gerhard Wendland“ zu Stars avancieren konnten, sind leider lang vorbei.

WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE – was wäre das deutsche Filmgeschäft eigentlich ohne den Wörthersee? – ist ein idealtypischer Schlagerfilm, gewiss keiner der herausragenden, aber durch und durch „nett“. Vivi Bach ist die freiheitsliebende, musik- und tanzbegeisterte Evelyn, Tochter des cholerischen Musikbox-Herstellers Bender (Hubert von Meyerinck, göttlich wie immer), und landet als Erziehungsmaßnahme in einem Internat an besagtem See, nachdem sie mit ihrem Freund Eddy (Eddi Arent) wieder einmal die Nacht zum Tage gemacht hat. Im Internat regieren Frau von Grafenstein (Grethe Weiser) und ihre Allzweckwaffe Fräulein Fingerl (Johanna König) mit strenger Hand, doch gegen Lebenslust und Erfindergeist von Evelyn, die sich sofort zur Anführerin der überschaubaren Schülerinnenschaft aufschwingt, können auch sie nichts ausrichten. Als die schöne Blondine mit dem gesunden Teint im benachbarten Erlenhof den schnieken Musikstudenten Hans (Claus Biederstaedt) musizieren hört, ist es um sie geschehen und die handelsüblichen Verwechslungen und Turbulenzen können beginnen. Am Ende ist Papa Bender zufrieden, Evelyn schließt Hans in die Arme, der brave Eddy bekommt die hübsche Erlenhof-Wirtin Gerti (Margitta Scherr) ab und Benders Chauffeur Adalbert (Kurt Großkurt) ehelicht Fräulein Fingerl.

So betulich und spießig die Schlagerfilme auch sind, eines fällt auf: Es sind immer die Vertreter der Elterngeneration und sonstige Autoritätspersonen, die ihr Fett weg bekommen, als zugeknöpfte Langweiler, Verzichter und Spielverderber überführt werden, deren Lebensentwurf von der unbekümmerten Jugend infrage gestellt wird. Dass der aufgestaute Frust nicht für die Rebellion oder gar den Bruch ausreicht, alle Auflehnung letzlich bloß spielerischen Charakter hat und am Ende die Versöhnung gefeiert werden darf, ist wohl nicht zuletzt dem Anspruch geschuldet, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Kein Konflikt hat hier Bestand, jedes Problem ist genauso flüchtig wie die klebrigsüßen Schlager, die in unablässiger Folge aneinandergereiht werden. Im Vergleich zu einer Sternstunde wie Hofbauers TAUSEND TAKTE ÜBERMUT, der die collagenhafte Form des Schlagerfilms dazu nutzte, sich von allen inszenatorischen Zwängen zu lösen, kommt der vom wenig renommierten Hans Grimm gedrehte WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE als bestenfalls routiniert rüber. Das ganz große Delirium stellt sich leider nicht ein, und der schönste Einfall ist wohl der, wenn die Magd Theres (Lolita) beim Kühemelken ein Lied anstimmt und sich dabei in die Südsee träumt (die Musik erweist sich als die Milchproduktion steigender Faktor, eine Erkenntnis, die Musikbox-Bender eine ganz neue Käuferschicht und ungeahnte Märkte beschert). Ansonsten sind es vor allem die Schauspieler und das mit sicherem Gespür für Wortwitz verfasste Drehbuch (Autor Max Rottman arbeitete auch am vorgenannten Hofbauer-Film mit), die für das Amüsement sorgen. Hubert von Meyerinck, Grethe Weiser, Johanna König und Eddi Arent ziehen alle Register ihres Können und hieven den Film so eben über den Durchschnitt. Dennoch süß.