Mit ‘Cloris Leachman’ getaggte Beiträge

Als ihr Mann sie verlässt, emigriert die Mexikanerin Flor (Paz Vega) mit ihrer Tochter Cristina (Shelbie Bruce) in die USA. In der hispanischen Gemeinde L.A.s ist sie fest integriert, muss weder die englische Sprache lernen noch irgendwie in Kontakt mit US-Amerikanern treten. Nach sechs Jahren bewirbt sie sich auf die Stelle als Haushälterin und Kindermädchen der Familie Clasky: Vater John (Adam Sandler) ist ein renommierter Spitzenkoch, seine Gattin Deborah (Téa Leoni) eine tief verunsicherte, neurotische Hausfrau, die vor allem mit der Tochter Bernice (Sarah Steele) ihre Probleme hat. Engagiert wirft sich Flor in ihre neue Aufgabe, die schon bald Probleme aufwirft: Deborah versucht Cristina mit ihrem Geld an sich zu binden und zwischen Flor und John entwickelt sich eine Romanze …

Vordergründig eine romantische Liebeskomödie, die ihre Protagonisten vor die Entscheidung zwischen Vernunft und Bauch bzw. Herz stellt, setzt sich SPANGLISH dahinter mit hispanischer und US-amerikanischer „Mentalität“, der Integration und schließlich der Frage nach nationaler Identität auseinander. Flors Abwehrhaltung, die sich zunächst in ihrem Unwillen äußert, die englische Sprache zu lernen, im weiteren Verlauf immer wieder auch in ihrer Ablehnung der gutgemeinten finanziellen Zuwendungen der Claskys und schließlich in ihrem Kampf gegen die in ihr aufkeimenden Gefühle für John, gründet letztlich auf dem Bedürfnis, ihre eigene Identität zu wahren, ihre Herkunft zu ehren und die Verbindung zu ihrer Tochter zu schützen. SPANGLISH ist eine Rückblende, die Bebilderung eines Aufsatzes Cristinas, mit dem sie sich um ein Stipendium bewirbt und in dem es um ihr größtes Vorbild geht. Die Antwort kann für sie nur „Meine Mutter“ lauten und warum, das soll eben der Film zeigen.

SPANGLISH zeigt auf liebenswerte und leichte, dann aber auch auf sehr nachdrückliche Art und Weise, wie das ist mit der „Integration“, die ja auch hierzulande immer wieder eingefordert, aber oft genug mit Assimilation oder gar Unterwerfung verwechselt wird. Die Entscheidung Flors, in die USA zu gehen, erfolgt aus ganz rationalen Erwägungen: Es ist der Ort, an dem auf ihre Tochter eine bessere Zukunft wartet. Alle ihre Handlungen zielen darauf ab, ihrer Tochter diese Zukunft zu ermöglichen, ohne jedoch die Verbindung zu ihr zu verlieren. Schon die Tatsache, dass ihre Tochter die englische Sprache beherrscht, ihr in der Kommunikation mit Amerikanern voraus ist, ist für Flor mit einer gewissen Angst besetzt; einer Angst, die sie jedoch aushalten muss, weil Cristina in diesem Land aufwachsen soll. In der vielleicht schönsten Szene des Films fungiert Cristina als Übersetzerin für Flor, muss John auf Geheiß der Mutter maßregeln, weil der ihr für einen Ferienjob einen großen Geldbetrag gegeben hatte. Und obwohl sie das Geld doch eigentlich behalten will, transportiert sie mit jedem übersetzten Wort auch den Zorn, die Angst ihrer Mutter, als lägen diese bereits in der Sprache.

Flor kämpft um das Recht, ihren eigenen Weg zu gehen, eigene Entschiedungen zu treffen und auch ihre eigenen Fehler zu machen. Deborah jedoch sieht sich mehr und mehr in der Rolle des Wohltäters, der den „armen“ Immigranten zu einem besseren Leben verhilft. Dieser Wunsch resultiert auch in einer nagenden Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Leben. Die eigene Tochter ist ihr zu dick, der Ehemann unterstützt sie nicht genug, mit beängstigender Strenge quält sie sich durch ihr Fitnessprogramm, als müsse sie sich für irgendetwas bestrafen. Sie wirkt immerzu getrieben, unentspannt, unzufrieden, unfähig den Moment zu genießen, vom Drang besessen, das, was sie hat, kaputtzumachen, weil es ihr nicht genug ist. John ist da ganz anders: Als sein Restaurant euphorische Kritiken bekommt, da freut er sich nicht etwa über den Ruhm, der damit verbunden ist, das Geld, das er verdienen wird, sondern bedauert, den Verlust von Freiheit, Ruhe und Gelassenheit, der damit einhergehen wird. Dass sich Flor und John zueinander hingezogen fühlen, ist keine Überraschung. Aus einer patriarchalischen Kultur kommend, ist sie beeindruckt von seiner Weichheit und Empfindsamkeit, während er ihre Kraft und ihre innere Ruhe bewundert, Eigenschaften, die seiner Frau völlig abgehen. Aber es ist auch klar, dass es für beide keine gemeinsame Zukunft geben kann: Flor muss und will ihren eigenen Weg gehen – und die Zerschlagung einer amerikanischen Familie ist auf diesem Weg nicht vorgesehen.

James L. Brooks Film beeindruckt mit kleinen Beobachtungen und der Leistung, die er aus Adam Sandler herauskitzelt. Was könnte der leisten, wenn nur mehr Regisseure sein Potenzial erkennen würden?

 

Die USA während der Dreißigerjahre: Während die Bürger schwer unter der Depression leiden, macht sich eine Gruppe von Männern einen Namen damit, dass sie sich das fehlende Geld auf ihre Weise beschaffen – mit Banküberfällen. Einer dieser Männer ist John Dillinger (Warren Oates), der mit seiner Gang den Status eines Volkshelden erlangt. Ihm – und seinen Zeitgenossen, Wilbur Underhill, genannt „The Tri-State Terror“, Theodore „Handsome Jack“ Klutas, George „Machine Gun Kelly“ Barnes, Charles Arthur „Pretty Boy“ Floyd (George Kanaly) und George „Babyface“ Nelson (Richard Dreyfuss) – dicht auf den Fersen ist FBI-Mann Melvin Purvis (Ben Johnson), der es sich zur Herzensangelegenheit gemacht hat, jeden der Gangster persönlich zur Strecke zu bringen …

Writer/Director John Milius konzentriert sich in seinem Film auf die letzten beiden Jahre des „Staatsfeinds Nr. 1“, wechselt zwischen dessen Überfällen und der mit zunehmender Intensität geführten Jagd Purvis‘ hin und her und beleuchtet so eine Epoche, in der vielleicht endgültig der Schlussstrich unter die Wildwest-Vergangenheit der Vereinigten Staaten gezogen und der Schritt zum Rechtsstaat – mit allen Konsequenzen – gezogen wurde. Historisch ist die Dillinger-Geschichte natürlich vor allem deshalb relevant, weil sie gleichzeitig auch der Beginn der Erfolgsgeschichte von Hoovers FBI ist. Milius ergründet noch einmal die Faszination der Zivilgesellschaft mit Gangstern und Outlaws sowie die Frage, wie es derjenige zu etwas bringen soll, der doch nichts hat. Als ein Südstaaten-Sheriff die fein angezogenen, von attraktiven Damen begleiteten und mit schicken Autos ausgestatteten Gangster erblickt, schöpft er sofort Verdacht: „Decent folks don’t live that good.“ Das Verbrechen von Dillinger und seinen Kollegen besteht auch darin, dass sie sich der vorgesehenen kapitalistischen Hackordnung nicht unterordnen wollen.

Milius stellt mit Purvis und Dillinger die beiden widerstrebenden Kräfte gegenüber, zeigt ihre Verbundenheit in der Differenz – ein Standard des Gangsterfilms: Wenn Purvis im Gespräch mit einem kleinen Jungen geradezu erzürnt darüber ist, dass dieser Dillinger, aber nicht ihn kennt, lieber ein Gangster statt Polizist sein will, weil ersterer nicht zur Schule muss, erkennt man darin dieselbe kindliche Verletztheit, die Dillinger später im Telefonat mit seiner Nemesis an den Tag legt, als Purvis ihn mit der Gelassenheit eines geduldigen Großvaters behandelt. Der eine will den Hass, der andere braucht die Zuneigung. Die Gegenüberstellung funktioniert auch, weil die Hauptrollen grandios besetzt sind: Warren Oates versieht den Staatsfeind mit der rauhbeinigen Likability eines alten Handwerkers, jener Ehrlichkeit, die auch die Antihelden von Peckinpahs Wild Bunch auszeichnete, Ben Johnson verleiht Purvis‘ Getriebenheit einen Kern unergründlicher Sentimentlität. Dieser Mann ist tief verletzt und wenn man im Epilog erfährt, dass er sich knapp 30 Jahre nach den geschilderten Ereignissen mit der Waffe, mit der er Dillinger erschoss, selbst umbrachte, dann scheint das nur die logische Konsequenz. Aber die beiden hervorzuheben ist eigentlich ungerecht, weil alle Darsteller groß aufspielen: Harry Dean Stanton liefert hier die Blaupause für seinen tragikomischen Pechvogel aus WILD AT HEART, wenn ihn der Tod nach einer Verkettung von Missgeschicken ereilt, die er nur mit „Things ain’t workin‘ out for me today.“ zu quittieren weiß. Richard Dreyfuss legt seinen Babyface Nelson als ausgewachsenes Kleinkind an, dem man vergessen hat, Grenzen beizubringen, George Kanaly ist als Pretty Boy Floyd der wohlerzogene All American Boy, der sich das falsche Hobby ausgesucht hat. Als ihm ein altes Ehepaar, das ihm gerade seine Henkersmahlzeit serviert hat, die Bibel nahebringen will, sagt er nur: „I admit, I have sinned; I have been a sinner, but I enjoyed it. I have killed men, but the dirty sons-of-bitches deserved it. The way I figure it, it’s too late for no Bible. Thanks just the same, Ma’am.“ Und dann macht er sich auf, um zu sterben. Geoffrey Lewis erinnert in seinem herzzereißenden Todesmoment daran, dass auch Gangster Angst vor dem Tod haben und Cloris Leachman bietet in ihrem Kurzauftritt als Anna Sage, jener rumänischen Exilantin, die Dillinger verriet, um sich so eine Aufenthaltsgenehmigung zu erkaufen, eine Projektionsfläche, um sie mit Wissen um ihr Schicksal – sie wurde nach Rumänien deportiert – tragisch aufladen zu können. Man meint in ihrem Gesicht schon das Leid ablesen zu können, von dem sie selbst noch nichts weiß.

Der ganze Film ist großartig, braucht den Vergleich mit einem Jahrhundertklassiker wie BONNIE & CLYDE nicht zu scheuen. Die Bilder der Weite des amerikanischen Mittelwestens seiner verfallenen, ausgestorbenen Kleinstädte, die vom Tod des amerikanischen Traums künden, der harte Kontrast zwischen dem unendlichen Himmel mit seinen barocken Wolkenformationen und der kargen Landschaft darunter, brennen sich dem Betrachter ein und erhöhen die Geschichte des Outlaws zur existenziellen Parabel. Roger Corman hat in den Siebzigerjahren einige Depressions-Gangsterfilme gemacht und sie sind – soweit ich sie kenne – alle toll. Dieser hier ist wahrscheinlich der beste aus diesem Korpus: ein Film, der weit über seine B-Movie-Herkunft hinaus bedeutsam ist und John Milius‘ wechselhafte Karriere fulminant begann.

Los Angeles in den Fünfzigerjahren: Als der Gerichtsvollzieher die Schließung des Schönheitssalons von Sheba (Ann Sothern) und ihrer Tochter Melba Stokes (Cloris Leachman) beschließt, wiederholt sich für Mutter und Tochter die Geschichte, denn rund zwei Jahrzehnte zuvor wurden sie von ihrem Grundstück in Arkansas vertrieben, ihr Ehemann und Vater dabei erschossen. Voller Wut im Bauch beschließen die beiden Damen, in die Heimat zu fahren und sich ihr Grundstück zurückzuholen. Unterwegs muss nur noch das nötige Kleingeld ergaunert werden: Mit einem schlagkräftigen Team, zu dem auch noch Melbas Tochter Cheryl (Linda Purl), deren Freund Shawn (Don Most), der Cowboy Jim Bob (Stuart Whitman), der Rocker Snake (Bryan Englund) und die rüstige Rentnerin Bertha (Merie Earle) gehören, gehen die Damen auf die Reise, die Waffen immer fest im Anschlag …

CRAZY MAMA ist weniger leicht einzuordnen, als es zunächst den Anschein hat: Der Titel weckt Erinnerungen an die ein Jahr zuvor recht erfolgreich gelaufene Corman-Produktion BIG BAD MAMA mit Angie Dickinson, die ihrerseits ein Versuch war, den Erfolg von BLOODY MAMA mit Shelley Winters zu wiederholen. Auch die Verbindung mit dem Dillinger-Film THE LADY IN RED, der die Double-Feature-DVD aus der „Roger Corman’s Cult Classics“-Reihe von Shout! Factory vervollständigt, ist eher irreführend. CRAZY MAMA lässt sich durchaus dem Subgenre „Period-Piece-Gangsterfilm“ zurechnen, doch so richtig zu fassen bekommt man ihn mit diesem Etikett nicht. Jonathan Demmes Zweitwerk (nach dem WiP-Klassiker CAGED HEAT) folgt zwar der seit Arthur Penns BONNIE & CLYDE populären Prämisse, „normale“ Bürger auf Raubzug gehen zu lassen, doch betont Demme weniger die sozialpolitischen Hintergründe dieser Entscheidung. Auch wenn es finanzielle Probleme sind, die die Stokes zu Verbrechern machen, ihre Raubüberfälle sind weniger als Akt der Auflehnung gegen Staat und Gesellschaft zu bewerten, als vielmehr Ausdruck einer viel zu lange unterdrückten Individualität. Das Geld für den Rückkauf ihres einstigen Wohnsitzes aufzutreiben, ist nur die eine Seite ihrer Bemühungen; die andere ist es, ihre Identität als Familie rechtzeitig zur Ankunft in der alten Heimat wiedererlangt zu haben.

So ist es dann auch eine aus Randexistenzen der Gesellschaft zusammengewürfelte Patchwork-Familie, die schließlich die Reise antritt: Neben den drei Stokes-Damen sind das der brave Shawn, der Vater von Cheryls noch ungeborenem Kind, der nicht nur damit beschäftigt ist, sich in diese neue Rolle einzuleben, sondern auch alle Hände voll damit zu tun hat, seine eigensinnige Freundin davon abzuhalten, sich dem Rocker Snake an den Hals zu werfen. Sheba gabelt das alte Mütterchen Bertha, das aus einem Altersheim geflohen ist, an einem einarmigen Banditen auf, ihre Tochter Melba den Ex-Sheriff Jim Bob am Würfeltisch. Als die beiden nach nur einem Tag beschließen zu heiraten, ist das eigentlich nur der Vorwand dafür, eine Hochzeitskapelle auszurauben, aber es verdeutlicht natürlich dennoch, dass es hier weniger um das lustige Räuber-und-Gendarm-Spiel geht, als vielmehr darum, neue Familienhierarchien und -konstellationen durchzuprobieren. So ist es wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass der Film selbst alles dafür tut, niemals stehenzubleiben: Statt Kohärenz und Kontinuität setzt es eine rasante Abfolge von mal mehr mal weniger trivialen Episoden, von denen man auch ruhig mal eine verpassen kann, ohne den Anschluss zu verlieren. Der ganze Film fliegt nur so an einem vorbei und auch, wenn das alles sehr ansehnlich und grundsympathisch ist, will er einfach nicht richtig hängenbleiben. Auch die dem Sujet geschuldete Tragik, die am Ende noch ins Spiel kommt, fügt sich in den gesteckten Rahmen nicht wirklich ein. Aber das scheint durchaus Methode zu haben: CRAZY MAMA und seine Protagonisten sind viel zu lebhaft und aufgedreht, als dass sie solch ein Dämpfer nachhaltig beeinflussen und die Trauer sich festsetzen könnten. Die Stokes sind allesamt Survivors, die bisher noch jeden Schicksalsschlag zu nehmen gewusst haben, die gelernt haben, dass das Leben gerade darin besteht, mit Schicksalsschlägen zu leben.

Diese Ausrichtung verleitet mich zu der These, dass CRAZY MAMA tatsächlich am sinnvollsten im Rahmen von Jonathan Demmes Gesamtwerk zu rezipieren ist: durchaus ungewöhnlich für die Phalanx von Filmen, die spätere Spitzenregisseure zu Beginn ihrer Karriere für Corman machen durften. Ich bin wahrlich kein Demme-Spezialist, aber ein Text anlässlich der Criterion-Veröffentlichung von seinem SOMETHING WILD, der besagt, dass [f]ew directors, however, have tackled social and personal shape-shifting as concretely or as intuitively as Jonathan Demme. Throughout his diverse yet unified oeuvre, characters are uncannily aware of what makes them tick, to the point that exposition is occasionally bypassed altogether.“, mag als Beleg für meine Behauptung dienen. Bleibt zu sagen, dass CRAZY MAMA ein schönes, nostalgisch angehauchtes Road Movie ist, das nicht vom Hocker reißt, aber dennoch origineller ist, als erwartet. Und der Soundtrack, auf dem sich ein Rock’n’Roll-Hit der Fifties an den nächsten reiht, schadet auch nicht.