Mit ‘Colin Farrell’ getaggte Beiträge

alexanderDiese Zweitsichtung hat 12 Jahre gebraucht. Damals im Kino war ich ziemlich ratlos und enttäuscht gewesen von Stones Historien-Epos, ein wesentlicher Schritt in einer bis heute anhaltenden Entfremdung von einem Regisseur, dessen Filme in meiner Filmsozialisation eine wichtige Rolle gespielt hatten. Der „Final Cut“, der als ALEXANDER REVISITED ca. ein Jahr nach der enttäuschenden, um nicht zu sagen verheerenden regulären Kinoauswertung auf Scheibe erschien (und einer der erfolgreichsten Heimkino-Titel im Katalog von Warner Bros. wurde), hatte es nie in meinen Player geschafft, erst jetzt, auf Blu-ray, konnte ich die Scharte auswetzen. Wie zu erwarten war, ist diese Langfassung sehr viel konziser und auch mutiger als die kürzere Version – ein anderer Film ist ALEXANDER deswegen aber nicht. Wer sich damals in Erwartung eines Monumental-Abenteuerschinkens à la GLADIATOR oder BRAVEHEART ins Kino verirrte und sich dann königlich langweilte, wird mit dieser noch einmal 30 Minuten längeren Fassung ganz ähnliche Schwierigkeiten haben. Mir hat Stones teuerster Film hingegen deutlich besser gefallen als damals und das, was ihm oft vorgeworfen wird, habe ich als interessante Idiosynkrasien empfunden. Nicht alles geht auf, manches wirkt albern, oder besser: campy, aber gerade das zeichnet den Film gegenüber „traditionelleren“ Historienfilmen aus, die alles in ein Hollywood-Raster pressen und keine Fragen offen lassen.

ALEXANDER REVISITED verfolgt zwei parallele Handlungsstränge, die nebeneinander herlaufen und sich immer wieder abwechseln: der eine schildert Alexanders (Colin Farrell) Kindheit und Jugend bis zur Krönung zum König von Mazedonien nach der Ermordung seines Vaters Philip (Val Kilmer), der zweite folgt ihm bei seinen Feldzügen bis nach Indien und wieder zurück. Geklammert wird das alles durch den Bericht von Alexanders Weggefährten Ptolemäus (Anthony Hopkins), der einem Schreiber die Lebensgeschichte des Herrschers 40 Jahre nach dem Tod in die Feder diktiert. Historiker meldeten sich frühzeitig zu Wort, um in grotesker Fehlkonzeption von Kunst und Unkenntnis von Stones Arbeit Fehler aufzuzählen und Ungenauigkeiten zu monieren. Als wäre es dem Regisseur darum gegangen, bloß Fakten nachzuerzählen. Sein Alexander ist der erste Globalisierer der Weltgeschichte, ein Mann, der die Menschheit vereinen und ihre Trennung in Völker, Nationen und Stämme auflösen möchte. Mit diesen Ideen stößt er bei seinem Stab nicht ausschließlich auf Zustimmung: Die sich für überlegen haltenden Griechen und Mazedonier sehen es gar nicht gern, dass der Thronfolger ihres Königs von einer „Wilden“ geboren werden soll, dass die Barbaren vom Ende der Welt gleichberechtigt neben ihnen stehen. Kurz: Alexander hat mit denselben Problemen zu kämpfen, denen sich heute Europa gegenübersieht. Aber auch seine eigenen Dämonen stehen ihm im Weg, etwa die Hin- und Hergerissenheit zwischen einer überprotektiven Mutter (Angelina Jolie), die behauptet, er sei der Sohn Zeus‘, und ihn gegen den eigenen Vater aufhetzt, oder eben der Vater, der Alexanders Mutter hasst und den ungeliebten Sohn verachtet. Die eigene Homosexualität kommt ihm ebenfalls in die Quere, vor allem, weil er sich nicht mit einem Jüngling begnügen mag, und natürlich trotzdem sein Erbe sichern muss.

ALEXANDER REVISITED ist expliziter in der Darstellung dieser Homosexualität als es die Kinofassung war, die sich mit sehnsüchtigen Blicken zwischen Alexander und seinem Freund Hephaistios (Jared Leto) begnügte. Es reichte damals aus, um die Erfolgsaussichten des Films erheblich zu minimieren. Das schwule Begehren und Zaudern, das im Final Cut mehr in den Mittelpunkt rückt, prägt den Film auch in ästhetischer Hinsicht ganz wesentlich. Die zahlreichen Vignetten, wärend derer die Männer um Alexander dem Müßiggang frönen, in den opulenten Palästen der von ihnen eroberten Städte herumlümmeln, sich betrinken und exotischen Tänzen zuschauen, erinnern an dekadente Musicals, die Sehnsucht nach der hexenhaften Mama wird umso grotesker, als diese von der geilen (aber nur ein Jahr älteren) Jolie mit russischem Schlampenakzent gegeben wird. Farrell überzeugt, wenn er flammende Reden halten darf, wird sonst aber auf reines Eye Candy reduziert: Er ist ein hoffnungsloser Softie mit Goldhaar, dessen utopische Ambitionen man nie recht in Einklang mit diesem Bild bringen kann. Genau darum geht es: Man bekommt diese Figur nie wirklich in den Griff, so wie er sich in Stones Interpretation auch selbst immer fremd bleibt.

Trotz der opulenten Settings, des massiven CGI-Einsatzes, der Jahrzehnte und Kontinente umspannenden Geschichte wirkt ALEXANDER REVISITED intim und nach innen gekehrt. Es gibt zwei große Schlachtenszenen, eine gleich zu Beginn, eine kurz vor Schluss des rund 220-minütigen Final Cuts, der Rest sind Dialogszenen; und in den meisten versucht Alexander, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Stone zeichnet ihn als Getriebenen, Fliehenden oder Suchenden: Alexander will weg von dem, was er glaubt zu sein, um sich neu zu erfinden. Als er in Indien immer noch nicht fündig geworden ist, der Ruf der Mutter immer noch unvermindert stark in seinen Ohren klingt, sieht er die Sinnlosigkeit seines Unterfangens ein und macht kehrt. Zurück in Babylon verstirbt er. Er liegt damit auf Linie der anderen historischen Figuren, denen sich Stone bislang gewidmet hat, vor allem fühlt man sich an seinen NIXON erinnert. Auch bei dem hatten sich eine zerrüttete Psyche, die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung in historisch unumstößlichen Tatsachen manifestiert.

Bei einem Unfall verliert der junge Matt Murdock sein Augenlicht, wird stattdessen aber mit einem hypersensitiven Hör- und Tastsinn ausgestattet, der es ihm ermöglicht, sich mit katzenhafter Sicherheit über den Dächern New Yorks zu bewegen. Nachdem sein Vater (David Keith) ermordet wird, schwört Matt, seine neuen Fähigkeiten im Kampf gegen das Verbrechen einzusetzen. Im Berufsleben ein Anwalt, schlüpft der mittlerweile erwachsene Murdock (Ben Affleck) nachts in das Kostüm des Daredevils und macht Jagd auf Nachtschattengewächse. Als er dem Superverbrecher Kingpin (Michael Clarke Duncan) zu nahe kommt, setzt der den psychotischen Killer Bullseye (Colin Farrell) auf den Daredevil an und schiebt ihm den Mord an dem griechischen Milliardär Natchios in die Schuhe. Dessen Tochter Elektra (Jennifer Garner) hat gerade zarte Bande zu Murdock geknüpft …

DAREDEVIL war seinerzeit ein Überraschungserfolg: Superheldenfilme waren noch nicht zum Eventkinostandard aufgestiegen, vielmehr erinnerte man sich noch an die zahlreichen gescheiterten Versuche in den Neunzigerjahren, Comics für die große Leinwand umzusetzen, und der Daredevil, wenn auch kein Unbekannter im Marvel-Universum, besaß eigentlich nicht die Zugkraft, auch Zuschauer jenseits der eingefleischten Comicfans zu ziehen. (In Deutschland hatte es der blinde Marvel-Batman seit jeher schwer gehabt: Weil seine Name sich nicht adäquat ins Deutsche übersetzen ließ – ein „Daredevil“ ist jemand, der das Schicksal mit tollkühnen Aktionen herausfordert –, man aufgrund des DD-Emblems auf der Brust des Superhelden aber auch nicht über Narrenfreiheit bei der Erfindung eines deutschen Namens verfügte, nannte man die Figur sehr ungelenk und schlicht „Der Dämon“.)

Es ist wohl nicht zuletzt dem Engagement von Daredevil-Fan Mark Steven Johnson zu verdanken, dass der Film den Weg auf die Leinwand fand, nachdem die Planungen bereits 1997 aufgenommen und mehrfach wieder verworfen worden waren. Den Fan-Zugang merkt man dem Film in jeder Sekunde an: Johnson, der auch das Drehbuch schrieb, setzte Panels aus den Comics originalgetreu im Film um, bemühte sich, den düsteren Ton, den Frank Miller ab den späten Siebzigern in die Serie brachte, zu bewahren, verwendete mit dem Kingpin, Elektra und Bullseye drei zentrale Figuren der Comicreihe, rettete Daredevils rotes Kostüm aus den Heften auf die Leinwand hinüber und zollte zudem zahlreichen Marvel-Künstlern Tribut, indem er Nebenfiguren nach ihnen benannte. Visuell ist DAREDEVIL sehr ansprechend geraten, mit seinem Schwergewicht auf Nachtszenen im heruntergkommenen New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen (der Film wurde tatsächlich in L.A. gedreht), der schön nostalgischen, aber knapp gehaltenen Origin-Story zu Beginn und der fantasievollen Umsetzung von Daredevils speziellem Gesichtssinn, der ähnlich wie Ultraschall funktioniert. Wer die Comicreihe schätzt, hat hier also, anders als bei anderen Adaptionen, wenig Grund sich zu ärgern.

Dennoch ist nicht alles Gold was glänzt, denn DAREDEVIL kommt dann doch immer wieder der typische Studio-Bullshit in die Quere. Das beginnt bei der Entscheidung, den Titelhelden vom wenig charismatischen und noch weniger beweglichen Ben Affleck spielen zu lassen: Mit einer fürchterlichen Frisur ausgestattet, die ihn wie einen Fünfzehnjährigen aussehen lässt, ist er allenfalls körperlich anwesend – und das ist in der „zivilen“ Martial-Arts-Szene mit Jennifer Garner dann noch zusätzlich eine schwere Bürde. Ein weiteres Ärgernis ist der Soundtrack, der ähnlich sensibel zusammengestellt ist, wie die Musikauswahl für DSDS: Wenn der irischstämmige Bullseye auftritt, läuft natürlich ein Song von House of Pain, der Ausflug in die dekadente Welt des Kingpins wird untermalt von N.E.R.Ds „Lapdance“ und die Beerdigung von Elektras Vater vom Kleine-Mädchen-Gothic-Pop von Evanescence, die dann später noch einen weiteren ihrer unsterblichen Hits beisteuern dürfen. Die Riege der Nebendarsteller ist zwar beachtlich, doch ebenfalls wenig originell (Standardbösewichter wie Leland Orser, Paul Ben-Victor und Mark Margolis geben sich in den Klischeerollen, die man von ihnen gewohnt ist, die Klinke in die Hand), was Coolio hier zu suchen hat, wird auf ewig ein Rätsel bleiben, und das Comic-Relief – Jon Favreau als Murdocks inkompetenter, aber gutherziger Partner – hätte man sich auch verkneifen können. Colin Farrell hat zwar sichtlich Spaß an seiner Rolle und frisst die wenigen Szenen, die er hat, förmlich auf, wirkt als Bullseye mit Glatze, Goatee und Ledermantel aber dennoch wie eine Figur, die das Ergebnis einer fehlgeleiteten Recherche, was Jugendlich so „evil“ und „cool“ finden, diktiert hat.

Letztlich sind das – bis auf Affleck – Kleinigkeiten, die nicht verhindern, dass DAREDEVIL durchaus Spaß macht, auch wenn man fairerweise sagen muss, dass der 120-minütige Director’s Cut dramaturgisch ein wenig durchhängt. Johnson bringt den nötigen Enthusiasmus mit, aber lässt es am inszenatorischen Profil vermissen. DAREDEVIL ist keineswegs so flach und seelenlos wie die beiden FANTASTIC FOUR-Filme, aber eben auch nicht gerade deep und herausfordernd. Guter Durchschnitt nennt man das wohl. Ist ja auch schon was.