Mit ‘Comicverfilmung’ getaggte Beiträge

CAPTAIN MARVEL ist der letzte Film vor dem Abschluss in AVENGERS: ENDGAME und damit auch so etwas wie ein Ausblick auf Kommendes im MCU. Das ich nicht der allergrößte Fan der Marvel-Filme bin, mus ich nicht mehr erwähnen, was mich mit den Filmen verbindet, ist zum einen die grundsätzliche Sympathie für Superheldencomics, zum anderen das Interesse daran, wie sich das alles entwickeln wird – also nicht auf Handlungsebene, sondern eher konzeptionell-ökonomisch. Ich glaube, man muss kein besonderer Pessimist oder Miesepeter sein, um zu wissen, dass die Blase irgendwann platzen wird. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem sich die Menschen vom Superheldenfilm ab- und anderen Stoffen zuwenden.Noch scheint dieser Moment jedoch in ferner Zukunft zu liegen, denn auch CAPTAIN MARVEL war pervers erfolgreich, obwohl seine Titelheldin mit der Popularität eines SPider-Man oder Captain America kaum mithalten kann. Aber dass Marvel derzeit anscheinend alles machen kann, hat das Unternehmen ja bereits mit GUARDIANS OF THE GALAXY gezeigt, dessen Comicvorlage noch deutlich obskurer war.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob man auf dem Charakter der Pilotin Carol Danvers (Brie Larson), die auf einem fremden Planeten mit außerirdischen Superkräften ausgestattet wird, eine ähnliche Erfolgsreihe gründen kann wie seinerzeit auf IRON MAN. CAPTAIN MARVEL bietet genau jenes Maß routiniertes, mit spektakulären Effekten, einer Prise Humor und den typischen Querverweisen gewürztes Entertainment, das man von Marvel standardmäßig bekommt, das Kurzweil bietet, aber nur wenig darüber hinaus. Die Story, die ein bisschen an DCs Superman erinnert, ist eher unterdurchschnittlich interessant und dasselbe gilt für die Heldin selbst, bei der das Girl Empowerment bisweilen unangenehm Richtung Arroganz umschlägt und deren diszipliniertes Pflichtbewusstsein sie zum pathetischen Kriegstreiber prädestiniert. Das beste an CAPTAIN MARVEL ist eigentlich die ausgedehnte Rolle für Nick Fury (Samuel L. Jackson), für den der Film fast so etwas wie die Origin Story liefert und der hier endlich mal wieder mehr als einen Gastauftritt absolvieren darf.

Ich will gar nicht groß meckern: Ich fand CAPTAIN MARVEL adäquat und es hat mich gefreut, dass sich meine Tochter endlich mal mit einer Heldin identifizieren konnte, die im MCU ja bisher eine eher untergeordnete Bedeutung haben. Hängengeblieben ist aber wieder mal gar nix. Vielleicht muss ich mich einfach noch daran gewöhnen, dass leuchtende Fixsterne in einem Universum eher die Ausnahme sind.

ANT-MAN stellte zusammen mit GUARDIANS OF THE GALAXY einen Außenseiter im Rahmen des MCU dar. Nicht nur, dass er sich mit seinem Helden einer Figur der zweiten oder sogar dritten Reihe widmete (Hank Pym/Ant-Man gehörte zwar zur Erstbesetzung der Avengers, spielte in den Comics aber über viele Jahre keinerlei Rolle), er wartete auch nicht mit dem Ernst, der Epik oder dem Heldenpathos der Filme seiner berühmteren Kollegen auf, sondern bemühte die Form einer mit Elementen des Science-Fiction-Films der Fünfzigerjahre gespickten Außenseiterkomödie. Aufregung gab es, als der beliebte Regisseur Edgar Wright, der auch das Drehbuch geschrieben hatte, während der Dreharbeiten hinwarf, frustriert von der Einmischung der Produzenten, und an den weitestgehend unbekannten Peyton Reed übergab. Der Wechsel auf den Regiestuhl tat dem Erfolg aber keinen Abbruch: Marvel konnte offensichtlich nichts falsch machen.

ANT-MAN AND THE WASP schließt inhaltlich an CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR an und ihm kommt die angesichts seiner konzeptionellen Leichtfüßigkeit etwas überraschende Rolle zu, zusammen mit CAPTAIN MARVEL das Feld für den großen AVENGERS: ENDGAME zu bereiten. Letztlich – und hier komme ich zum ersten und auch letzten Mal in diesem Text zur Kritik am MCU – beschränkt sich diese Funktion auf die berühmte Post-Credit-Szene, ansonsten könnte ANT-MAN AND THE WASP auch ganz für sich allein stehen. Und das ist auch ganz gut so, denn er profitiert erheblich davon, dass er sich eine Ecke weniger Ernst nimmt als seine großen Kollegen und die Stärken Rudds, die nun einmal nicht in der Ausübung von Martial-Arts-Fights, in seiner Furchtlosigkeit bei diversen Stunts oder im Schwingen wortreicher Ansprachen liegt, sondern in seinem charmanten Durchschnittlichkeit und der Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, ohne dabei zur Witzfigur zu geraten. Die Handlung von ANT-MAN AND THE WASP passt wieder einmal auf einen Bierdeckel: Scott Lang hilft Hank Pym (Michael Douglas) und dessen Tochter Hope (Evangeline Lilly) dabei, Ehefrau respektive Mutter Janet (Michelle Pfeiffer) aus der Quantensphäre zurückzuholen, in der sie vor Jahrzehnten bei einer Mission verloren ging. Das Vorhaben wird durch das Eingreifen des kriminellen Sonny Burch (Walton Goggins) sowie das FBI erschwert, das Scott seit seinem Einsatz in CIVIL WAR unter Hausarrest gestellt hat. Die Action-Set-Pieces sind recht ökonomisch über den Film verteilt, stattdessen konzentriert ich Reed auf humorige Verwicklungen, bei denen besonders Sidekick Michael Peña hervorsticht. Der war schon im Vorgänger der heimliche Star und hat auch hier wieder die meisten Lacher auf seiner Seite. Sein beste Szene aus dem Vorgänger, in dem er als aufgeregter Voice-over-Erzähler eine Sequenz quasi synchronisieren durfte, wird hier noch einmal wiederholt und dabei sogar noch getoppt. Es ist nur eine von vielen guten Ideen, die hier einfach mit dem nötigen Händchen umgesetzt werden.

Wenn es mal turbulent wird, kommen dem Film die vielen Möglichkeiten, die die Vergrößerung bzw. Verkleinerung bei der Choreografie bieten, sehr zugute. Da werden diesmal Ameisen auf Hundeformat vergrößert, kommen in einer Verfolgungsjagd Miniautos zum Einsatz, die andere Fahrzeuge „wegboxen“, indem sie plötzlich auf Normalgröße geschaltet werden, gibt es einen Ant-Man-Anzug mit Fehlfunktion sowie ein Haus, das als Trolley mitgeführt werden kann. Im Finale schlägt der Film die Brücke um Kaiju Eiga, ein Laptop verwandelt sich für die verkleinerten Protagonisten in ein Drive-in-Kino (das natürlich den Ameisenfilmklassiker THEM! zeigt) und die Schlusscredits erwärmen das Herz mit ihren Spielzeugnachstellungen der spektakulärsten Szenen des Films. Man kann ANT-MAN AND THE WASP ganz gewiss vorwerfen, nur wenig mehr als kurzweilige Zerstreuung zu bieten, die kaum Langzeitwirkung entfaltet, aber mir gefällt das zumindest für eine Sichtung sehr gut. Wo der „Hauptstrang“ des MCU für mich oft daran krankt, sich und seine Geschichten viel zu Ernst zu nehmen, kommt Reeds Film den Wurzeln des zugrundeliegenden Printmediums im unschuldigen Pulp sehr viel näher. Ich mag das.

Das ist es also, das große Finale, der Schlusspunkt unter ein Projekt, das 19 Filme in elf Jahren umfasste und dabei zu einem Moloch anwuchs, der das Kino wie wir es kennen, nachhaltig verändert hat. Nichts ist heute noch so wie in 2008, als mit IRON MAN und THE INCREDIBLE HULK die ersten beiden Filme des MCU erschienen. Wie das kommerzielle Kino der Zukunft aussehen könnte, lässt sich derzeit kaum erahnen, auch nicht, wie es mit dem MCU weitergehen wird. Der Bedarf muss ja irgendwann gesättigt sein, aber Disney und Marvel regieren derzeit mit eiserner Hand und werden ihre Vormachtstellung gewiss nicht kampflos aufgeben. Aber ob die kommenden neuen Filme um eher unbekannte Namen ähnlich Zugkraft entfalten wie die in ENDGAME verabschiedeten Zugpferde Iron Man und Captain America?

Ich habe mich hier in den letzten Jahren zunehmend als Kritiker der Marvel-Filme geäußert, als jemand, der den Superheldencomics mit Sympathie gegenübersteht, aber von ihrer Umsetzung zunehmend enttäuscht und gelangweilt, von der Kritiklosigkeit, mit der sie von ihrem Publikum empfangen wurden darüber hinaus mehr als nur ein wenig genervt war. Ich hatte immer das Gefühl, die Filme verlassen sich allzu sehr darauf, dass es den Comicfans schon reicht, möglichst viele ihrer Helden in einem trick- und produktionstechnisch aufwändigen Spektakel auf der Leinwand zu sehen: Wozu sich also noch lang damit aufhalten, wirklich überzeugende Filme zu inszenieren, mit Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden, und die nicht nur gemacht werden, um ein Franchise am Leben zu halten? AVENGERS: ENDGAME deutet in seinen besten Momenten und Passagen an, wie eine solche Geschichte um die Superhelden aussehen könnte. Aber wer behauptet, dass es zwingend nötig war, über die schon erwähnten elf Jahre und rund 20 Filme auf dieses Finale hinzuarbeiten, der hat von Storytelling keine Ahnung. Zugegeben: Es ist nicht ohne Reiz, dass hier Handlungsfäden zusammenlaufen, die zum Teil vor Jahren aufgenommen worden waren oder dass hier Figuren auftreten, die man seit Jahren nicht mehr gesehen hat, aber letztlich ist das nur ein Gimmick, Zierrat. Ob man Thors in THOR: THE DARK WORLD verstorbene Freundin Jane Foster (Natalie Portman) hier noch einmal in einem wortlosen Zehn-Sekunden-Cameo sieht oder nicht, ist für den Film und die Geschichte selbst natürlich völlig unerheblich.

Aber ich wollte nicht nur lästern: Die Geschichte, die ENDGAME erzählt, ist zunächst mal interessant. Nachdem Thanos (Josh Brolin) die Hälfte der Lebewesen des Universums ausgelöscht hat, sind fünf Jahre ins Land gezogen, in denen die geschlagenen Wunden immer noch nicht verheilt sind. Thanos ist tot, stirbt in einer ziemlich unangenehmen Racheszene, die die Avengers nicht im allerbesten Licht dastehen lässt, sondern sie eigentlich als feige Mörder zeigt, aber der Versuch, die Opfer durch einen Rückgewinn der Infinity Stones wiederzubeleben, scheitert daran, dass Thanos selbst sie zuvor vernichtet hat. Eine Zeitmaschine müsste her, denn mit ihrer Hilfe könnte man die Infinity Stones aus der Vergangenheit in die Gegenwart holen, sie benutzen, um den Massen-Genozid rückgängig zu machen und sie dann vernichten. Eine mögliche Lösung tut sich auf, als Scott Lang (Paul Rudd) aus dem Quantenraum zurückkehrt (in den er in ANT-MAN AND THE WASP geraten und dort verloren gegangen war).

ENDGAME gliedert sich in vier große Abschnitte: die Einleitung, eine erstaunlich deprimierende Bestandsaufnahme, die folgende Rekrutierung der mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verstreuten Avengers, das Zeitreiseabenteuer, das seinerseits in mehrere Missionen geteilt ist, und die große Schlacht am Ende. Seine besten Momente hat der Film in den mittleren beiden Teilen, die zum einen eine hübsche Weiterentwicklung der „arbeitslos“ gewordenen Superhelden zeigt, mit unter anderem Thor (Chris Hemsworth) als bierbäuchigem Hängertypen, zum anderen ein Wiedersehen mit Szenarien aus zurückliegenden Filmen ermöglicht, die man nun aus anderem Blickwinkel und verkompliziert um typische Zeitreiseparadoxien sieht. Endlich, endlich zeigt sich dann einmal, welches erzählerische Potenzial ein „Cinematic Universe“ wirklich mit sich bringen könnte, wenn die Backstorys der einzelnen Charaktere ihr gegenwärtiges Handeln bestimmen, Szenen aus unterschiedlichen Filmen miteinander in einen Dialog treten, aus dem dann auch tatsächlich etwas Neues hervorgeht. Trotzdem treten auch hier wieder Mängel auf, die immer wieder auch daran zweifeln lassen, dass da ein Mastermind seit 2008 an einem zusammenhängendem Narrativ werkelt: Die Begegnung von Hulk (Mark Ruffalo) und The Ancient One (Tilda Swinton) aus DOCTOR STRANGE wirkt hoffnungslos lazy, was sich nur damit erklären lässt, dass hier vor allem ein zukünftiger Storystrang angetriggert werden soll. Für den Betrachter, der sich heute noch nicht für in drei Jahren nachgereichte Erklärungen interessiert, sondern in erster Linie für die Schlüssigkeit des Films hier und jetzt, ist diese Masche immer noch schwer zu schlucken.

Auffallend auch, dass ENDGAME auf den letzten Metern deutlich die Luft ausgeht: Ich bin bei die finalen Scharmützel dann auch eingepennt. Was der Höhepunkt sein sollte, ist ein lebloses Spektakel aus dem Computer, in dem jeder Avenger seine 15 Sekunden bekommt, während der er seelenlose Avatare in die ewigen Jagdgründe befördern darf. Boring. Überhaupt: Bin ich der einzige, der findet, dass ENDGAME wie schon INFINITY WAR zuvor fürchterlich leblos wirkt? Die Menschheit, für die ich die Helden da angeblich einsetzen, spielt kaum eine Rolle, man hat eigentlich nie das Gefühl, dass sich das alles auf unserem Planeten abspielt. Der Film ist so sehr damit beschäftigt, die Dutzenden von Plotlines zu einem befriedigenden Ende zu bringen, dass keine Zeit bleibt, mal einen Moment atmen oder sich entwickeln zu lassen. Ich räume aber gern ein, dass mich dieser erste Zyklus auf de letzten Metern wieder etwas versöhnt hat. Ich würde mir einfach wünschen, dass man sich in der Zukunft ein bisschen mehr traut und wegkommt von diesen ultrasimplen Storylines, in denen die Helden einem blöden MacGuffin nachjagen und egale Schurken besiegen. Mal sehen.

SPIDER-MAN: HOMECOMING fand ich zwar ganz nett, aber auch nicht so richtig zwingend. Letztlich krankte er für mich an einem Symptom, das schon mehrere Marvel-Filme zeigten: Mit dem fliegenden Strauchdieb Vulture (Michael Keaton) gab es einen Schurken, der nur mäßig interessant war und dem Film einen wie nachträglich aufgepfropften Konflikt bescherte, den es zwar irgendwie noch brauchte, für den im Drehbuch aber nicht mehr so richtig viel Platz übrigblieb. Ich kann mich heute, ein knappes halbes Jahr nach der Sichtung, an kaum noch etwas Konkretes erinnern. SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE war da schon ein ganz anderes Kaliber.

Mit SPIDER-MAN: FAR FROM HOME mache ich jetzt einen ziemlichen Sprung, denn der aktuelle Beitrag zum MCU schließt unmittelbar an AVENGERS: ENDGAME an, den ich noch nicht gesehen habe, von dem ich jetzt aber schon weiß, was darin passiert. Egal, denn seien wir mal ehrlich, wer sich die Dinger wegen er aufregenden Storylines anschaut, die man in der Regel auf einem Bierfilz unterbringt, ist ja eh mit dem Klammerbeutel gepudert. FAR FROM HOME schickt Peter Parker (Tom Holland) nun also mit seiner Schulklasse auf Europareise, während der er drei große Aufgaben zu erledigen hat: Erstens – und für ihn eigentlich am wichtigsten – will er endlich die angehimmelte MJ (Zendaya) für sich gewinnen, zweitens muss er als Spider-Man dabei helfen, die Welt vor einer tödlichen Bedrohung zu bewahren und drittens diese beiden Aufgaben unter einen Hut bringen – am besten so, dass keiner seinem Geheimnis auf die Schliche kommt. Und dann ist da ja auch noch Nick Fury (Samuel L. Jackson), der Spidey unbedingt in sein Team holen möchte, aber im Gegensatz zu dessen Förderer Tony Stark noch an der Bereitschaft des Jungspunds zweifelt. Bei der Bedrohung handelt es sich um sogenannte Elementals, Elementarmonster, die von einer parallelen Version unserer Erde stammen. Das zumindest behauptet Quentin Beck aka Mysterio (Jake Gyllenhaal), ein Bewohner eben jener Welt, der die Elementals dort bereits besiegt hat und dies nun mithilfe Spider-Mans ein zweites Mal tun will. Wer die Comics kennt, der weiß schon, dass das alles Quatsch und Quentin Beck in Wahrheit ein raffinierter Betrüger ist, dem es um etwas ganz anderes geht.

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME unterscheidet sich von seinem Vorgänger nicht wesentlich: Wieder verquickt er seine Superheldengeschichte mit komödiantischen Teenie- und Highschoolfilm-Elementen, die durchaus amüsant, wenn auch nicht irrsinnig originell sind. Die Anbindung an den übergeordneten Storybogen um die Avengers schafft etwas zusätzliche Dramatik und Schwere: Unter anderem geht es um das Erbe, das Tony Stark Peter Parker hinterlassen hat: eine Hightech-Brille namens Edith sowie damit verbunden die Aufgabe, die Avengers in Zukunft anzuführen. Der Clou des Filmes ist, dass das Motiv des Schurken unmittelbar mit diesem Subplot verbunden ist. Mysterio wirkt also eben nicht, wie Vulture im Vorgänger, mehr oder weniger willkürlich reingeflanscht, sondern im Gegenteil wie ein zwingend notwendiger Bestandteil der Geschichte. Und Gyllenhaal fand ich wirklich super, ganz gewiss einer der bislang stärksten Superschurken des MCU bisher. Mysterios besondere Gabe liefert wunderbaren Stoff für effektreiche Actionszenen mit Hintersinn, denn mithilfe technologischer Hilfsmittel erzeugt er gefährliche Illusionen. Auch wenn es sicher nicht zu erwarten war, dass Marvel den Meta-Aspekt dieser Idee auch nur annähernd ausreizt, holen sie doch ziemlich viel raus aus der Idee. Die wunderbar choreografierte Sequenz, in der Spidey von einer Illusion in die nächste stürzt, bis weder er noch der Zuschauer noch wissen, was echt und was Täuschung ist, ist ebenso ein Highlight wie der Finalkampf des Helden gegen eine Vielzahl der von Mysterio befehligten Drohnen auf einer Themsebrücke in London

Auch bei diesem Film würde ich zwar – wie so oft im MCU – bemängeln, dass er deutlich mehr visuelles Flair, eine Bildsprache oder überhaupt eine identifizierbare formale Gestaltung vertragen könnte, aber dieser Mangel fiel hier für mich weniger schwer ins Gewicht, weil die Geschichte endlich mal was hergibt. Das Ende bietet einen schönen Cliffhanger, der wahrscheinlich aber nicht mehr aufgelöst werden wird. Wie ja vor einigen Wochen bekannt wurde, ist der Spider-Man-Deal zwischen Disney und Sony geplatzt, sodass dies wohl vorerst der letzte Auftritt des Webslingers innerhalb des MCU gewesen sein dürfte. Nach SPIDER-MAN: FAR FROM HOME finde ich das zwar durchaus etwas schade, aber ansonsten ist natürlich jede Niederlage, die Disney einstecken muss, erst einmal begrüßenswert.

lch bin beruhigt: Nachdem mir SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE und GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 beide unerwartet gut gefallen haben, macht sich nach AVENGERS: INFINITY WAR wieder das bekannte Marvel-Gefühl breit, aber passend zur taub machenden Größe dieses Films noch hundertfach potenziert. Zum einen sagt mir dieses Gefühl nach Ende des 150-minütigen, von der eigenen Last heruntergezogenen Popanzes schlicht so etwas wie „hhmmjoa“ oder auch „ja, nu“. Zum anderen verrät es mir aber auch etwas über mich selbst als Filmseher, nämlich, dass ich nicht genau weiß, ob diese Ratlosigkeit nicht damit zu tun hat, dass AVENGERS: INFINITY WAR mit der Kunstform, die ich seit meiner Kindheit liebe, kaum noch etwas zu tun hat. Und dann, direkt im Anschluss, weil ich kein doofer Kulturpessimist sein will: dass ich das Gefühl habe, diese Filme seien ganz einfach nicht mehr für mich und meine seltsamen Ansprüche gemacht. Das MCU kann offensichtlich ganz gut ohne meine Teilhabe oder meinen Fürspruch existieren. Es braucht keine Rücksicht auf mich und meine bescheidene Meinung zu nehmen, sich schon gar nicht nach den überkommenen Anforderungen richten, die ich auch im 21. Jahrhundert immer noch an narratives Spektakelkino stelle.

Beginne ich mal mit dem Positiven: AVENGERS: INFINITY WAR markiert den Schlusspunkt unter einem Projekt, dass so ambitioniert und ehrgeizig ist … dass es tatsächlich zwei Schlusspunkte braucht, ätsch. Bis hierhin umfasste das MCU 18 Filme, die – wenn sie schon nicht wirklich direkt zusammenhingen – auf einen gemeinsamen Punkt zusteuerten, der mit diesem 19. Film erreicht ist. Marvel wäre aber nicht Marvel, wenn sie sich damit begnügen würden, weshalb auf AVENGERS: INFINITY WAR noch zwei weitere Filme folgten, bevor AVENGERS: ENDGAME dann gewissermaßen das endgültige Ende des ein Jahr zuvor nur angefangenen Endes darstellte. Das MCU ist erst einmal ein ziemlich aufregendes und angenehm größenwahnsinniges Experiment, das der Struktur der gezeichneten Vorlage in Heftform, die Geschichten ebenfalls nicht nur über mehrere Bände, sondern gar über mehrere Heftreihen hinweg entwickelten (was, machen wir uns nichts vor, natürlich nicht zuletzt eine Strategie ist, den Lesern Comics zu verkaufen, die sie sonst vielleicht nicht auf dem Einkaufszettel gehabt hätten) shr nahekommt. Leider erweist sich das Experiment in der Umsetzung als inhaltlich aber deutlich weniger wahnsinnig, innovativ oder revolutionär als die strukturelle Idee dahinter: Die tatsächliche Schnittmenge der Filme ist überschaubar – schließlich will man ja keine Kinogänger verprellen, die sich eher zufällig in einen Marvel-Film verirrt haben -, die Story am Umfang gemessen geradezu lächerlich banal, die Filme insgesamt stilistisch erschreckend konservativ bis langweilig. Selbst der loyalste Fan dürfte ihnen die Last der Herausforderung anmerken, einen narrativen Bogen über 19 Filme zu spannen: Weil jeder einzelne Beitrag letztlich nur ein Puzzlesteinchen ist, darf keiner die absolute Befriedigung anstreben, sondern muss vielmehr das Bedürfnis erzeugen, auch noch den nächsten Film (der am Ende immer schon angeteasert wird) zu schauen. Das ist nicht neu, sondern eine Strategie, die schon in alten TV-Serials Anwendung fand und in aktuellen Serien immer noch findet und natürlich auch in den Comics üblich. Mit dem Unterschied allerdings, dass man bei einer Serienepisode in der Regel nur eine Woche, bei den Comics nur einen Monat warten musste und diese nicht als vollwertige Abendunterhaltung, sondern eher als kleinen Snack betrachtet: Während der Cliffhanger in einer Serie akzeptiert wird, ja, zum Spiel dazugehört, empfand man ihn in einem Film, auf dessen Fortsetzung man in der Regel ein bis zwei Jahre warten muss, bis vor kurzem noch als Bauernfängerei. Man muss wohl konstatieren, dass diese Sichtweise mit dem Erfolg des MCU der Vergangenheit angehört. Denn auch hier wird ja kaum noch echte Nachhaltigkeit angestrebt, weil der serielle Charakter eben beinhaltet, dass es immer weitergeht, ja, weitergehen muss, der Hunger nie ganz gestillt werden darf. Auch das „Ende“ von INFINITY WAR bzw. ENDGAME ist ja nur Augenwischerei. Dem Tod Spider-Mans in diesem Film folgte nur ein Jahr später SPIDER-MAN: FAR FROM HOME, in dem Peter Parker quicklebendig herumhüpfen konnte. Und natürlich werden auch seine anderen verstorbenen Kollegen wieder aus dem Hut gezaubert, wenn die Zeit reif ist (der nächste BLACK PANTHER-Film etwa ist auch schon in der Pipeline).

INFINITY WAR konfrontiert die nach CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR zerschlagenen Avengers also mit dem ebenfalls x Filme zuvor schon angekündigten  Titanen Thanos, der die sechs in alle Himmelsrichtung zerstreuten „Ininity Stones“ sucht, um mit ihnen zum mächtigsten Wesen des Universums zu werden und seinen Plan eines gigantischen Genozids umzusetzen. Die Steine sind kaum mehr als ein Platzhalter und letztlich nicht mehr als das Bindeglied, das die Filme des MCU miteinander verknüpft und hier zusammenführt. Und auch INFINITY WAR ist nur Stückwerk, das unter der Aufgabe, ein Dutzend Handlungsfäden aufzunehmen und zu verknoten, ächzt, knarzt und kracht. Die meisten der Superhelden werden aufgrund der schieren Menge zu Nebenfiguren degradiert, die jeweils auf ein paar Minuten Screentime und eine Handvoll Dialogzeilen kommen (wenn überhaupt). Der Film springt von einem Handlungsort zum nächsten und zerfällt dabei in einzelne Episödchen, die jeweils auch eine eigene Besetzung aufweisen. Zusammengehalten wird das alles von einer spürbar gedrückten Atmosphäre, die die Russos aber nicht daran hindert, etwa in den Szenen mit den Guardians ganz auf leichten Humor zu setzen. Wenn Thanos am Ende sein Ziel erreicht und mit einem Fingerschnipsen 50 Prozent der Lebewesen des Universums auslöscht – darunter eben auch einige der Superhelden – ist das gleichzeitig bitter, weil mit Ausnahme von Spider-Man keinem ein echter Abschied gegönnt wird, zum anderen aber auch irgendwie läppisch: Man weiß ja schon, dass das alles eh nicht von Dauer ist. Warum sollte das erfolgreichste Film-Franchise aller Zeiten da auch anderen Gesetzen folgen als ein beliebiger FRIDAY THE 13TH-Eintrag? Ich weiß nicht so recht, was ich von INFINITY WAR halten soll: Er ist schön bunt und als „langweilig“ kann ich ihn auch nicht bezeichnen, aber wenn man die ungeschriebenen Regeln und Gesetze der Narration anlegt, ist er eine Vollkatastrophe. An die 30 handelnde Figuren balgen sich an zehn verschiedenen Schauplätzen um sechs McGuffins, die ein aus dem Hut gezauberter Bösling unbedingt haben will, um alle tot zu machen: Ist das wirklich eine Story? Und mehr noch: War es wirklich nötig, darauf zehn Jahre und 18 Filme lang hinzuarbeiten? Ich weiß nicht. Von den üblichen Kritikpunkten wie jenem, dass das Gemetzel gegen gesichtslose Aliens in Wakanda unangenehm nach Kriegstreiberei riecht, will ich gar nicht erst anfangen. Aber, hey, wer bin ich schon. Das Publikum hat ja längst entschieden.

Ist es ein Fall von „steter Tropfen höhlt den Stein“ oder gar Altersmilde? GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 ist jetzt nach SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE schon der zweite Marvel-Film in Folge, den ich richtig klasse fand. Und nein, ich glaube nicht, dass es einfach daran liegt, dass mein Widerstand gebrochen ist: Das Sequel zum Überraschungserfolg macht einfach Spaß, es ist bunt, witzig und spektakulär, es hat Tempo und Drive und kommt mit jener wunderbaren Leichtfüßigkeit daher, die mir bei den „großen“ Meilensteinen des MCU meist fehlt. Schon der Vorgänger verfügte über diese Eigenschaften, vielleicht auch, weil er den Vorteil hatte, mit seiner vergleichsweise unbekannten Protagonistenschar nicht die Last von fünf Jahrzehnten Comicgeschichte auf den Schultern tragen zu müssen, und mit James Gunn einen Regisseur mit Exploitationvergangenheit und der passenden Attitude. Trotzdem konnte ich die Begeisterung, die GUARDIANS OF THE GALAXY damals bei vielen auslöste, nicht hundertprozentig teilen, wobei ich heute nicht mehr weiß, woran das eigentlich lag. Ich müsste den Film noch einmal auffrischen – und ganz ehrlich, nach der Sichtung gestern habe ich da nicht übel Lust drauf.

Vor der Aufgabe stehend, mein positives Urteil zum Sequel zu begründen, könnte ich es mir leicht machen und Teile meines Textes zum bereits erwähnten SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE hier per copy&paste-Verfahren einstellen, aber das mache ich natürlich nicht. Also anders: Innerhalb des MCU kommt den Guardians die Rolle der respektlosen Underdogs zu, die auch schon mal zotige Pimmelwitze reißen (ohne gleich in die Niederungen eines DEADPOOL abzugleiten) und sich gegenseitig dissen, wie alte Freunde das zu tun pflegen. Sie zeichnen sich nicht durch heilige Ergebenheit gegenüber der guten Sache aus, auch nicht durch Edelmut und Unfehlbarkeit: Die Guardians sind im Gegenteil ein paar Banditen mit gutem Herz, die mangelnden Intellekt und fehlende Tugendhaftigkeit mit Einsatzbereitschaft, Improvsationsgabe und Nehmerqualitäten wettmachen. Ihre Kämpfe gegen Monster, aufgebrachte Armeen und Superschurken arten meist in chaotische Scharmützel und Ballereien aus, bei denen die Helden auch davon profitieren, dass sie das Glück des Tüchtigen auf ihrer Seite haben. Diese Charakterisierung macht das Team um Star-Lord (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Rocket (Bradley Cooper), Drax (David Bautista) und Groot (Von Diesel) nahbar und sympathisch, verleiht den Filmen zudem jene Unvorhersehbarkeit, die die Tentpole-Produktionen des MCU, also die Filme um die Avengers, Captain America oder Iron Man, sich nur sehr selten erlauben. Es weht ein milde anarchischer Wind durch die Filme um die Guardians, sie werden beflügelt vom Enthusiasmus der Helden, die es halt auch einfach ziemlich geil finden, durchs Weltall zu rasen und sich mit Superwaffen in die Schlacht zu werfen – auch wenn sie dabei manchmal auf die Fresse bekommen. Heldentum ist hier gleichbedeutend mit Fun und Abenteuer, eben nicht mit der oft beschworenen Verantwortung und drückendem Pflichtgefühl: Zwar setzen sich die Guardians immer für das Gute ein, aber oft genug nervt es sie auch, dass sie nicht einfach nur miese, ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachte Halsabschneider sein können. (Das erinnert mich etwas an die Filme meines großen Helden Bud Spencer – eine sehr gute Referenz!) Der ideologisch befremdliche Militarismus der Avengers, die sich da regelmäßig von irgendwelchen fragwürdigen Institutionen für das angebliche „greater good“ einspannen lassen, ist hier gänzlich abwesend. Das ist sehr wohltuend.

Sowohl GUARDIANS als auch VOL. 2 profitieren außerdem immens davon, dass sie als poppige Space Opera angelegt sind und demnach visuell aus dem Vollen schöpfen können – und das auch tun: GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 hält sich gar nicht erst lang mit einer Exposition auf, sondern versetzt den Zuschauer mitten rein in den Kampf gegen ein riesiges zahnbewertes Krakenmonster, macht ihn mit den goldhäutigen Klonen der Sovereign bekannt, entführt ihn in einen an TOTAL RECALL erinnernden Amüsierbetrieb sowie den Planeten Ego, der von seinem göttlichen Namenspatron zu einem trügerischen Paradies geformt wurde. Es gibt jede Menge fantasievoller Kreaturen und Kostüme zu bestaunen sowie erstklassig choreografierte Action-Set-Pieces. Der Film läuft geradezu über vor Stilwillen und Ideen und macht nicht den Fehler „Dynamik“ mit „Hektik“ zu verwechseln. Jede Sequenz ist perfekt durchkomponiert, folgt einem klaren visuellen Konzept – ich denke da nur an den fliegenden Pfeil von Yondu (Michael Rooker), der mit der Hilfe seiner einen roten Schweif hinter sich herziehenden Waffe die hundertköpfige Besatzung eines Raumschiffes ausschaltet. Dass die eigentliche Story letztlich auch wieder nur auf den Kampf gegen einen Superschurken hinausläuft, ist angesichts dieses Reichtums verzeihlich, zumal dieser Konflikt durch seine spezielle Konstellation mit einer Fallhöhe ausgestattet ist, die anderen Superheldenfilmen abgeht. Wie INTO THE SPIDER-VERSE vor ihm, fand ich auch dieses Sequel im besten Sinne bewegend und menschlich. So abgedreht GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 auch ist, letztlich geht es um Sorgen, Ängste und Gefühle, die universell sind. Und eben nicht darum, sich mit Gleichgesinnten zu vereinen, um sich in einem allumfassenden Krieg gegen das zurückzuschlagende Böse zu opfern.

Ach ja, der Soundtrack ist auch wieder toll.

 

 

 

Ich mag Superhelden und ich mag Marvel Comics, das muss ich vielleicht noch mal klarstellen. Es gab mal eine Zeit, zu Beginn der Neunziger, als der heutige Hype zumindest in Deutschland in weiter, weiter Ferne lag, da sammelte ich die US-Heftchen, Trading Cards und Plastikfigürchen, kannte jeden noch so apokryphen Helden samt Fähigkeit und zugehörigem Erzfeind. Und natürlich war das nur die Fortsetzung einer Faszination, die schon in Kindheitstagen begonnen hatte, als die Heftchen noch im Condor Verlag erschienen und „Spider-Man“ noch „Die Spinne“ hieß. Dass die Superhelden nach ein paar miserablen, vielen halbgaren und einigen guten Versuchen endlich zu Protagonisten in großbudgetierten, fett produzierten Eventfilmen wurden, war wie die (für mich zugegebenermaßen etwas zu spät kommende) Erfüllung eines lang gehegten Traums. Der Erfolg der Marvel-Filme, die heute fast keinen Platz mehr für anderes in den Kinos lassen, zeigt, dass dieser Traum von ziemlich vielen Menschen geträumt wurde. Aber für mich blieb bei der Umsetzung etwas auf der Strecke: Die Entfremdung begann mit Joss Whedons THE AVENGERS, dem für mich – bei aller Freude darüber, die Helden in Überlebensgröße vereint auf der Leinwand zu sehen – der Hauch von „auf Nummer sicher“ anhaftete. Dieses Gefühl hat mich seitdem nicht mehr verlassen. So vordergründig „perfekt“ die Filme des sogenannten MCU auch sind, sie begnügen sich irgendwie damit, nichts falsch zu machen. Es gibt kein Risiko, keinen Style, keine Experimente (man komme mir bitte nicht damit, dass in AVENGERS: ENDGAME mehrere der liebgewonnenen Protagonisten sterben, denn auch das ist ja ein gängiger Mechanismus der Comics). Das liegt zum einen gewiss daran, dass verdammt viel Kohle an diesen Filmen hängt und ein Flop ziemlich teuer wäre, zum anderen aber vielleicht auch daran, dass die Kombination von echten Darstellern und aufwändigsten CGI-Effekten im Handling eher nicht die Improvisation, Spontaneität und Experimentierfreude fördert. Nach der Sichtung von SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE jedenfalls frage ich mich, ob wir mit einem animierten MCU nicht deutlich besser bedient wären, denn der Film hat all das, was ich an den Marvel-Verfilmungen vermisse: Style, Mut, Witz, Tempo, Dynamik, irre visuelle Einfälle und schlichte Freude am Erzählen. Das Ding ist eine Offenbarung, nicht nur als Marvel-Film, und für mich das mit weitem Abstand beste, was unter dem Namen des Comic-Verlages bislang das Licht der Leinwände erblickte.

SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE kommt seinen Vorlagen im Look logischerweise viel näher, als es eine Verfilmung je könnte. Er kann sich Abstraktion und Experimentierfreude erlauben und mittendrin auch einfach mal den Animationsstil ändern, ohne dass das einen Bruch gäbe. Er setzt Sprechblasen und Lautmalerei ein, wenn es passt, und sorgt so dafür, dass es immer etwas zu gucken und zu bestaunen gibt. Er setzt die visuelle Gestaltung ganz klar in den Mittelpunkt und verzichtet auf lahmarschige Dialoge, in denen dem Betrachter irgendwelche Zusammenhänge erklärt werden. Er springt mitten ins Geschehen, gibt von Anfang an Vollgas, weil er weiß, dass seine Zuschauer eh mit dem nötigen Hintergrundwissen ausgestattet sind. Er schwingt sich zum wahnwitzigen Finale in psychedelische Höhen empor, die sonst japanischen Anime vorbehalten sind, und erreicht darin eine Bildgewalt, von denen die „Real“-Verfilmungen nur träumen können. Er erlaubt es sich, von den Comics zu abstrahieren und etwas Neues zu versuchen, dem Wesen seines Helden und der Faszination, die Superhelden ausüben, an sich auf die Spur zu gehen, anstatt wieder nur vom langweiligen Kampf gegen einen beliebigen Schurken zu erzählen. Er interessiert sich nicht für ein „Cinematic Universe“, seine Rolle in einem wie auch immer gearteten großen Ganzen, sondern ist in jeder Sekunde ganz bei sich. SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist von einem immensen Selbstbewusstsein geprägt. (Und muss nicht genau das die Herangehensweise an einen Spider-Man-Film sein, in dessen Zentrum immerhin eine der wahrscheinlich populärsten Figuren der Gegenwart steht?) Mehr noch: Der Film macht genau dieses Selbstbewusstsein zum Kern seiner Geschichte.

Hauptfigur von SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist nicht Peter Parker, sondern Miles Morales, ein afro-amerikanischer Teenager, der in den Comics 2011 zum ersten Mal die Rolle Spider-Mans übernahm, nachdem Peter Parker verstorben war. Das geschieht auch hier, als Parker versucht, eine Maschine zu zerstören, mit der Superschurke Wilson Fisk das Raum-Zeit-Kontinuum manipulieren möchte. Der junge Miles, der seine neuen Fähigkeiten eben erst entdeckt hat und mit ihnen noch nicht umzugehen weiß, beobachtet den Tod Spider-Mans und sieht sich nun in der Verantwortung, für Gerechtigkeit zu sorgen. Hilfe bekommt er überraschend von fünf anderen Spider-Men: Fisks Maschine hat nämlich einen Zugang zu verschiedenen Parallel-Universen geschaffen, durch den nun  alternative Versionen des Helden bei Miles auftauchen: ein erwachsener, runtergekommener, dickbäuchiger und depressiver Peter Parker, Spider-Man Noir, ein schwarzweißer Held in Trenchcoat und Fedora, Spider-Girl, hinter der sich Gwen Stacy verbirgt, die den Tod ihres Freundes Peter nicht verhindern konnte, Peni Parker, eine Anime-Figur, die eine Art Spider-Mech namens SP//dr: führt, sowie Spider-Ham, eine Cartoonfigur im Stile der Looney Tunes, die entstand, als eine Spinne von einem radioaktiven Schwein gebissen wurde. Im gemeinsamen Kampf geht es für Miles nicht nur darum, seine Kräfte in den Griff zu bekommen, sondern seinen Helfern auch den Rückweg in ihre Dimensionen zu öffnen.

Die Idee mit den Paralleluniversen bringt jede Menge frischen Wind in die sattsam bekannte, durch die Reboots der letzten Jahre zudem reichlich durchgenudelte Geschichte um den Schüler, der von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen wurde. Wann immer der Film in die Situation kommt, diese Origin-Story noch einmal zu erzählen, macht er sich sogar einen Spaß daraus, dass diese nun wirklich jedes Kind bereits auswendig kennt. Dazu liefert Fisks Erfindung mit den folgenden Störungen des Raum-Zeit-Kontinuums den Zeichnern und Animationskünstlern jede Menge Gelegenheit, freizudrehen, einen visuellen Farboverkill über dem Zuschauer auszuschütten und technisch wie erzählerisch aus dem Vollen zu schöpfen. Die Idee mit den verschiedenen Inkarnationen des Helden sorgt oberflächlich für zusätzlichen Witz, hebt die Geschichte aber auch auf eine höhere, selbstreferenzielle Ebene und unterstreicht die schöne Botschaft: Jeder kann ein Held sein, egal welche Gestalt er hat. Es tut dem Film ungemein gut, dass er ganz für sich allein stehen darf, er nicht mir der Bürde belastet ist, Baustein in einem sich über mehrere Jahre und Dutzende Filme erstreckenden narrativen Gesamtkonzept zu sein. INTO THE SPIDER-VERSE hat damit genau das, was seinen großen Kollegen fast gänzlich abgeht: Freiheit, Leichtigkeit, Flüchtigkeit, Lockerheit, Entspanntheit. Er zahlt dem Zuschauer das mit einer atemberaubenden, farbenfrohen visuellen Gestaltung zurück, aber er ergeht sich auch nicht in der bloßen Form: SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE ist der bislang erste Marvel-Film, der mich wirklich berührt hat. Bitte, bitte mehr davon.