Mit ‘Comicverfilmung’ getaggte Beiträge

Ist es nur die geminderte Erwartungshaltung oder doch die Sympathie für den Underdog, die mich solche schon im Vorfeld mit Häme und Spott überzogenen, vermeintlich „misslungenen“ (DC-)Filme wie SUICIDE SQUAD regelmäßig besser finden lässt, als ihre gefeierten (Marvel-)Kollegen?

Man konnte viel darüber lesen, dass Ayer und seine Schauspieler ohne Drehbuch arbeiten, ihre Geschichte quasi on the spot, von Drehtag zu Drehtag, improvisieren mussten; dass das Studio dem Regisseur bei jeder Entscheidung dazwischengrätschte, Jared Leto es mit dem method acting übertrieb. Bei Erscheinen wurde SUICIDE SQUAD heftig verrissen, was an seinem finanziellen Erfolg aber nichts änderte. Langweilig sei der Film, unlogisch, schlecht inszeniert, darüber hinaus zahnlos, vor allem gemessen an der gezeichneten Vorlage, die dem Vernehmen nach relativ blutig ist (ich hab das Comic nie gelesen). Fakt ist, dass der Film viel Potenzial verschleudert: Die Exposition ist toll, temporeich, mit viel Schwung und Stilbewusstsein inszeniert, das Figureninventar interessant, die Darsteller sind mit viel Engagement bei der Sache. Der Humor ist over the top, mit dem wenig originell, aber sehr ikonisch bestückten Soundtrack peilt der Film auf sehr gelungene Art und Weise die archetypische Überzeichnung an, die für Superhelden-Comics so charakteristisch ist. Leto setzt Ledgers Joker eine exzentrischere, selbstverliebtere, aber nicht minder verstörende Darbietung gegenüber, Will Smith erinnert endlich mal wieder daran, dass er mal ein veritabler Actionstar war, Margot Robbie herrscht als Fetischfantasie Harley Quinn und die etwas untergeordneten Jai Courtney, Jay Hernandez und Adewale Akinnuoye-Agbaje haben als Captain Boomerang, Diablo und Killer Croc ebenfalls sichtbar Spaß an ihren Rollen. Alle Zeichen stehen auf Durchmarsch, doch dann versumpft der Film auf unerklärliche Weise.

Die Vorbereitung der Handlung ist noch viel versprechend, doch leider mündet die Exposition in eine knapp 90-minütige Actionsequenz, die ohne nennenswerte Höhepunkte, dramaturgische Zuspitzung oder auch nur einen klaren Konflikt vor sich hin dümpelt. Interessant wird es immer dann, wenn der Joker auftritt, weil die bizarre Liebesbeziehung zwischen ihm und Harley einen emotionalen Anknüpfungspunkt bietet, den etwa die bloß behauptete Liebe zwischen dem Soldaten Flag (Joel Kinnaman) und der von einer uralten Zauberin besessenen Wissenschaftlerin June Moon (Cara Delevingne) überhaupt nicht trifft. Überhaupt: Hat jemand verstanden, wieso die Enchantress ausbricht, obwohl man sie doch angeblich durch den Besitz ihres Herzens unter Kontrolle hat? Und warum sie einen riesenhaften Gehilfen benötigt, obwohl sie doch selbst so mächtig ist? Ich jedenfalls nicht, auch nach mehreren Versuchen nicht. Die Konfusion und Löchrigkeit von SUICIDE SQUAD (auch in der langen Fassung) ist auch deshalb so rätselhaft, weil der Film in sich eigentlich sehr homogen wirkt. Es gibt keine sichtbaren Sprünge, der Film ist geradezu ein Paradebeispiel für lineare Handlungsentwicklung (man kann buchstäblich 120 Minuten lang neben den Figuren herlaufen).

Dass ich ca. vier Anläufe gebraucht habe, SUICIDE SQUAD zu Ende zu sehen, würde ich immer noch in erster Linie meiner Müdigkeit nach Feierabend zuschreiben, aber so ganz unschuldig daran ist der Film selbst auch nicht. Mit diesem Figureninventar nichts besseres anzufangen wissen, als sie in eine eintönige Auseinandersetzung mit einem leeren Obermufti zu schicken, ist schon ein Armutszeugnis, auch wenn man immer wieder erkennen kann, dass Ayer was drauf hat. Warum man sich nicht auf den Joker als Hauptgegner konzentrierte, ist mir ein Rätsel. Dass ich hier dennoch eher geneigt bin, Gnade walten zu lassen, liegt am Look des Films, eben an den Charakteren und der ersten Dreiviertelstunde, die richtig viel Spaß gemacht hat. Und es ist dann doch mehr hängengeblieben als vom durch und durch routinierten CIVIL WAR.

captain_america_civil_war_ver18_xlgDie beiden Filme um den „first avenger“ namens Captain America sind wahrscheinlich das beste, was unter dem Marvel-Logo bislang über die Leinwand geflimmert ist. Gerade der vorangegangene Teil wurde geradezu euphorisch aufgenommen und etablierte das inszenierende Bruderpaar der Russos sofort als neue Hoffnung am Franchise-Himmel. Wenn man sich den Drive anschaut, mit dem sie die Actionsequenz realisiert haben, mit der CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR beginnt, ist man geneigt, in die Jubelarien miteinzustimmen. Das Tempo ist hoch, der Schnitt frenetisch, ohne dabei die Übersichtlichkeit zu zerstören, und darüber hinaus ziemlich zupackend und brachial – durchaus überraschend für eine doch eher kindgerechte Comicverfilmung, deren Vielzahl an CGI einer echten, spürbaren Physis oft eher im Weg steht. Aber tonal hatte sich ja schon der Vorgänger vom bunten Firlefanz der anderen Filme des MCU abgehoben und die Brücke geschlagen zum Politthriller der Siebzigerjahre. Man mag es den Russos nicht verdenken, wenn sie die Erfolgswelle so lange reiten wie es geht und sich mit weiteren Comicverfilmungen gesund stoßen, aber insgeheim frage ich mich schon, zu was die beiden wirklich im Stande wären. „Wirklich“, das meint in diesem Fall: nicht in ein enges Konzept gepfercht, das wenig Freiheiten erlaubt, dafür aber vorsieht, dass innerhalb von knapp zwei Stunden ca. ein Dutzend handelnder Hauptfiguren eingeführt, ca. 28 offen herumliegende Handlungsfäden aufgenommen und nebenbei die nächsten zehn Filme angeteasert werden müssen.

Ich gebe, wie schon bei X-MEN: APOCALYPSE, gern zu, dass ich CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR deutlich besser fand als die letzten Marvel-Filme: Die Geschichte um den Riss, der durch die Superhelden-Mannschaft geht und sie plötzlich zu Feinden macht, ist um Längen interessanter als der Kampf um irgendwelche Steine mit unklaren Eigenschaften. Die Actionszenen sind, wie erwähnt, griffig inszeniert, die große Schlacht der Protagonisten gegeneinander stellt eine gelungene Übersetzung der Comic-Panels in Filmbilder dar, ebenso wie Spider-Mans unentwegte Sprücheklopferei hier sehr schön adaptiert wird. Und langweilig, wie so mancher Kollege, fand ich den Film auch nicht. Trotzdem muss ich nach 24 Stunden des Sackenlassens irgendwie konstatieren, dass CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR so gut wie gar keine Spuren bei mir hinterlassen hat. Er ist einfach so vorbeigerauscht. Ich weiß, oft genug lobe ich Filme für solche „Flüchtigkeit“ und Trivialität. Aber der hier will ja nicht flüchtig und trivial sein, sondern ist in jeder Sekunde mit dem Wissen um die Schlüsselfunktion produziert worden, die er im Übergang des MCU in die nächste Phase innehat. Satte 250 Millionen hat das Ding gekostet, das muss man sich mal vorstellen. Und dann hat man am Ende das Gefühl, eine überproduzierte Episode einer Fernsehserie gesehen zu haben. In irgendeinem Text, den ich unmittelbar nach dem Kinostart gelesen habe, fiel der Schreiber fast auf die Knie vor dem angeblichen erzählerischen Finessenreichtum, der Kunstfertigkeit, mit der alle zuvor angestoßenen Plotfäden hier zusammenlaufen. Ich glaube, für diese Form verblendeter Begeisterung bin ich zu alt: Das ist keineswegs genial, sondern genau wie in den zugrundeliegenden Heftchen (oder eben in einer Fernsehserie), nur dass man die in einer Viertelstunde durchgelesen hatte, nur einen Monat bis zur nächsten Ausgabe warten und dann nur ein paar Mark fuffzich dafür berappen musste, anstatt wie jetzt mit lauten Dröhnen der Marketingmaschine ein „Jahrhundertereignis“ vorgesetzt zu bekommen, dem dann ein ganzer Industriezweig seinen Merchandisingmüll hinterher kippt.

Ich finde es schade, dass ich nach mittlerweile zwei?, drei? Filmen immer noch nicht mehr über Hawkeye, Falcon oder Black Widow weiß, als dass sie Pfeile schießen, Flügel haben oder kämpfen können. Dass bei all der Zeit, die sie sich nehmen, entscheidende Handlungsmomente trotzdem noch lieblos hingeschludert oder schlicht hanebüchen wirken, Neuankömmlinge wie Black Panther oder Scarlet Witch (jaja, die war schon bei AVENGERS: AGE OF ULTRON dabei, aber wer will sich das alles merken), außer einem optischen Eindruck keinerlei Wirkung hinterlassen und das alles seltsam leer und leblos wirkt. Die Comics ließen auf wenigen Seiten und in statischen Panelen ganze lebendige Universen vor dem Auge entstehen, CIVIL WAR hingegen könnte auch in einem Gewerbegebiet gedreht worden sein, so aseptisch fühlt er sich an. Ich glaube, der Drang danach, die stilisierten, mal im- dann wieder expressionistischen Bilder der Comics in „realistische“ Filmbilder zu übersetzen, raubt den Figuren genau das, was ursprünglich mal ihre Kraft ausmachte und Menschen überhaupt dazu brachte, sie in ihre Herzen zu schließen: In den bunten Kästen gefangen wirkten Captain America, Iron Man und Konsorten wirlich überlebensgroß. In Fleisch und Blut sind sie Clowns mit überkandidelten Problemen.

 

462-film-page-largeEin Wunder: X-MEN: APOCALYPSE hat mir wider Erwarten ganz gut gefallen. Die bisherigen X-Men-Filme ließen mich bislang ziemlich kalt, an die letzten beiden überambitionierten Schnarchfeste, X-MEN: FIRST CLASS und  X-MEN: DAYS OF FUTURE PAST, habe ich kaum noch Erinnerungen. Irgendwie hängt Singer mit seinem Franchise seit 15 Jahren in einer Zeitschleife – wie seine Protagonisten in den letzten drei Filmen. Wer sich über die ständigen Reboots von Spider-Man aufregt, übersieht, dass man auch ohne solche Volten hübsch auf der Stelle treten kann. Auch hier gibt es inhaltlich kaum Neues: Wieder einmal geht es es da um den Konflikt zwischen den idealistischen Mutanten um den intellektuellen Professer Xavier (James McAvoy), die an eine friedliche Koexistenz von Mensch und Mutant glauben, und den Abtrünnigen, die genug haben von der Diskriminierung durch die Menschen und zum Vergeltungsschlag ausholen. Anstatt von Magneto (Michael Fassbender) werden sie im aktuellen Sequel aber vom uralten Apocalypse (Oscar Isaac) angeführt, sowas wie dem Urmutant, der die letzten Jahrtausende unter einer eingestürzten Pramide geschlummert hat und nun durch rätselhafte Umstände zu neuem Leben aufersteht. Magneto mischt natürlich auch wieder mit, darf nun aber ins zweite Glied zurücktreten und sich sein Selbstbewusstsein von Apocalypse aufpolieren lassen. Es kommt zur breit ausgewalzten Schlacht, mit großem Effektaufwand inszeniert, wie von Singer gewohnt aber auch immer etwas lahm, ohne echten Drive oder Gespür für Kinetik. Dass er das Geschehen um den superschnellen Quicksilver einfrieren muss, um seine Geschwindigkeit darzustellen, ist ein cleverer Schachzug (den Vaughn zuvor schon in FIRST CLASS erprobt hatte), aber auch ein bisschen bezeichnend für sein Bremspedal-Faible.

Als ich in meinem letzten Eintrag über GODS OF EGYPT von Blockbustern schwadronierte, die sich viel zu ernst nehmen und eine Tiefe vorgaukeln, die gar nicht da ist, da war das natürlich nicht ohne Hintergedanken formuliert. X-MEN: APOCALYPSE gefällt sich wie seine Vorgänger darin, Nerds das Gefühl zu geben, sie seien Philosophiestudenten. Da wird Zeitgeschichte im Vorbeigehen referenziert, brüten die Helden ständig angestrengt vor sich hin, die Stirn von tiefen Falten zerfurcht ob des schweren Loses, das sie mit ihren Superfähigkeiten gezogen haben, dürfen die Mutanten als Repräsentanten jeder geschundenen Minderheit durchgehen. Mag sein, dass das dem großen, durchgehenden Bogen der Comics entspricht, aber immer wenn ich die gelesen habe, blieb bei mir in erster Linie hängen, dass es doch auch ziemlich geil ist, in der Gegend rumzufliegen, Laserstrahlen abzuschießen, Gedanken zu lesen oder die Naturgesetze auf andere Art und Weise zu beugen. In den Filmen ist Spaß weitestgehend verboten, da geht es stattdessen um tiefes Leid und Verantwortung. It’s hard out here for a mutant. What a drag.

Warum mir X-MEN: APOCALYPSE trotzdem gefallen hat? Weil er im Gegensatz zu den beiden drögen Vorgängern endlich wieder Schauwerte bietet und Singer sich auch von der langweilig-monochromen Optik verabschiedet, die das Franchise sonst ausgezeichnet hat. X-MEN: APOCALYPSE ist, aller inhaltlichen Schwermut zum Trotz, schön bunt und hat endlich auch mal einen angemessenen Obermufti, dessen Auftreten seinem Namen entsprechend für endzeitliche Stimmung sorgt. Der grobe Klotz mit dem traurigen Blick macht einiges her, vor allem, wenn er Menschen mit einer wegwerfenden Handbewegung im Erdboden versinken lässt, mit einem tödlichen Staubwirbel über den Jordan schickt oder auch einfach nur One-Liner mit donnernder Stimme intoniert. Wolverine (Hugh Jackman) absolviert einen netten Gastauftritt, der sich tatsächlich wie die vergleichbaren Kniffe der Comics anfühlt, auch Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), zum ersten Mal seit X-MEN 2 wieder mit von der Partie, ist eine willkommene Ergänzung; genauso übrigens wie Angel (Ben Hardy), eine Figur, die ich zwar hochgradig bescheuert, aber gerade deshalb so wertvoll finde: Sie unterläuft diesen Überernst, den der Film unter Singers bleischwerer Regie ostentativ vor sich herträgt, in einer Art und Weise, die fast an Sabotage grenzt. Im größenwahnsinnigen Finale löst X-MEN: APOCALYPSE zudem das Versprechen ein, das seit Jahren immer nur angeteasert wird, gibt es endlich einmal diese weltumspannenden Katastrophenszenarios, die in den Comics ganze Seiten in grellen Farben leuchten ließen, nachdem man zuletzt den Eindruck hatte, Singer wollte unbedingt einen europäischen Politthriller aus der Vorlage machen. Vielleicht lernen die Mutanten beim nächsten Mal dann sogar, Freude an ihren Fähigkeiten zu entwickeln. Es wäre ihnen zu wünschen.

batmanvsupermanMarvel vs. DC: Das ist heute vielleicht noch mehr eine Glaubensfrage als damals, als es nur die Heftchen mit den bunten Bildern zu kaufen gab. DC hatte die Nase lange Zeit vorn, mit Batman und Superman zwei Charaktere vorzuweisen, die bereits in den amerikanischen Mythenschatz eingegangen waren. Marvels aufgekaufter Captain America war dagegen von Anfang an nur ein Westentaschen-Superman, Spiderman zwar immens populär, aber eben doch nur eine Variation der DC’schen Pionierarbeit. Nur mit den Filmen da will es bei DC nicht so recht klappen, zumindest, wenn man den Nerds und Geeks glaubt, die sich schon längst für das MCU, das „Marvel Cinematic Universe“, entschieden haben, das seit 2008 mit durchschnittlich ein bis drei Filmen pro Jahre fleißig weitergestrickt wird und das jetzt schon bis ins Jahr 2038 vorausgeplant ist. Dabei standen die Sterne für DC eigentlich immer günstig: Der erste Superman-Zyklus und die Burton-Batmans sorgten zu einer Zeit für Aufsehen, als Marvelhelden noch in superbilligen TV-Produktionen herumhampeln mussten bzw. verzweifelt den Sprung auf die Leinwand versuchten. Eine Wende kündigte sich erst um die Jahrtausendwende an, als X-MEN und vor allem SPIDERMAN die Marvel-Offensive einläuteten. Selbst als Marvel mit IRON MAN den echten Startschuss für ihr MCU gaben, hatte DC noch die Nolan-Batmans vorzuweisen, von denen der zweite, THE DARK KNIGHT zu ungeahnter Euphorie führte. Mit THE DARK KNIGHT RISES wurden dann die kritischen Stimmen zu einer Zeit laut, als Marvel in den nächsten Gang schaltete: Während man sich hier über gutgelauntes Popcornkino mit bunten Bildchen freute, wurde da die umfassende Düsternis und „grittiness“ beklagt. Alles aus war dann, als Snyder seinen Superman in MAN OF STEEL ganz Metropolis in Schutt und Asche legen ließ. Ein Affront, der die Weichen für den Backlash stellte, der mit dem Release von BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE über DC hereinbrach. Man konnte offensichtlich nichts richtig machen.

Dabei machen DC zum Auftakt sogar den Kotau vor den Fanboys: Hatte MAN OF STEEL noch die Möglichkeit gelassen, dass bei Supermans Kampf gegen den bösen General Zod nur leere Wolkenkratzer zerstört worden waren (Outlaw Vern hat einen wie ich finde sehr klugen Text zum angeblichen Skandal des Films geschrieben), bestätigt BVS die Interpretation der Zuschauer und lässt Superman (Henry Cavill) infolgedessen eine Art Sündenfall erleben. Die Menschen wenden sich von ihm ab, weil sie erkennen, dass er eine Bedrohung für sie darstellen könnte, Politiker überlegen, wie sie fortan mit ihm umgehen sollen. Und im unweit von Metropolis gelegenen Gotham City hat es einer schon immer gewusst: Bruce Wayne aka Batman (Ben Affleck), für den Superman auch nur ein weiterer Verbrecher ist, dem es das Handwerk zu legen gilt. Gleichzeitig macht sich Superschurke Lex Luthor (Jesse Eisenberg) daran, die Macht zu übernehmen. Der Hass Batmans auf Superman ist seine wichtigste Waffe – und natürlich der Riesenmutant Doomsday, den er aus einer Kreuzung des toten General Zod und seiner eigenen DNA erschafft …

Die Kritik, mit der Snyders Film vom Start weg überzogen wurde, war harsch – und lässt sich kein Stück mit meiner Sichtungserfahrung in Übereinstimmung bringen. Was daran liegen mag, dass ich den gut 30 Minuten längeren Extended Cut gesehen habe: den Vorwurf, der Film sei unzusammenhängend und konfus, den man überall hörte, kann ich BVS beim besten Willen nicht machen, im Gegenteil. Gerade wenn man, wie ich, an Marvelfilmen wie AVENGERS: AGE OF ULTRON beklagt, dass sie wie Collagen aus unfertigen und übereilten Storyfragmenten anmuten, sich mehr darauf konzentrieren, die nächsten drei Filme anzustoßen, als ihre eigene Geschichte zu erzählen, muss einem BVS wie eine Wohltat vorkommen. Der Konflikt zwischen Batman und Superman, der den ethischen Konflikt zwischen übergeordneter, universeller und individueller Moral widerspiegelt, bildet das klare dramaturgische Zentrum, um das sich die eher sparsamen Subplots herumgruppieren. Snyder baut seine Geschichte sehr geduldig auf, anstatt bloß kurze Episödchen aneinanderzureihen und irgendwann den Überblick zu verlieren. Lediglich das beim MCU abgeschaute Anteasern der nun wohl in den Startlöchern stehenden Wonder-Woman- und Justice-League-Filme lenkt etwas ab und steht unverbunden mit dem Rest herum, stört aber auch nicht übermäßig. Was man wohl lieben oder hassen kann, sind das Pathos und die Ernsthaftigkeit, mit der das Ganze umgesetzt wird. Auch ich habe schon mal behauptet, die Marvelfilme böten zu wenig Fun: So gesehen müsste ich BVS eigentlich hassen. Der Unterschied liegt wohl darin, dass Batman und Superman als Figuren einfach um ein Vielfaches interessanter und allgemeingültiger sind als Iron Man, Thor, Captain America oder Ant-Man (Hulk lasse ich mal außen vor, aber mit dem weiß Marvel ja offensichtlich auch nichts mehr anzufangen) und es demzufolge überhaupt als lohnenswertes Unterfangen ist, einen „ernsten“ Film um sie zu stricken.

Das scheint aber nicht mehr besonders gefragt zu sein: Spaßig soll es sein, möglichst wenig nachhaltig, gut wegzukonsumieren. Da kann einem BVS schon mal den Abend verderben mit seiner brüterischen, dunklen, deprimierenden Ader. Auch wenn Snyder den Bogen im ausufernden Finale mal wieder überspannt, kann ich mit seiner Interpretation der Comics mehr anfangen als mit diesen komplett leeren Marvel-Spektakeln, in denen sich ein Dutzend bunt kostümierter Figuren um einen Stein balgen, dessen Bedeutung erst im übernächsten Film geklärt werden wird. Ich fühle mich von BVS einfach als erwachsener Filmzuschauer ernst genommen, während ich mich bei Marvel auf die Rolle des Konsumenten reduziert fühle. Ich glaube, dahinter verbergen sich grundsätzlich andere Ansprüche an oder Konzepte von Unterhaltung. Als ein Makel von BVS wurde angeführt, wie der Streit zwischen Superman und Batman schließlich aufgelöst wird: Batman verschont den geschlagen am Boden liegenden Helden, als er erfährt, dass dessen Mutter auch auf den Namen Martha hört. M. E. wird hier von den Kritikern etwas Grundsätzliches nicht verstanden, nämlich dass Kunst (und vor allem Superheldencomics for chrissakes!) mit Verdichtungen arbeitet. Das sind keine echten, voll durchpsychologisierten Individuen, denen wir da zusehen. Es geht auch nicht wirklich um die zufällig Namensgleichheit, sondern darum, dass Batman erkennt, dass das zu vernichtende Alien wie er EINE MUTTER HAT, mithin „Mensch“ ist. Es ist vielleicht nicht die eleganteste Auflösung für den Konflikt, aber es ist weit von jener Lächerlichkeit entfernt, die mancher darin ausgemacht zu haben glaubt. Aber gut, bei Marvel kommt so etwas natürlich nicht vor, weil die Messlatte da von Anfang an sehr viel tiefer liegt. Wenn man die Sichtweise erfolgreich etabliert hat, dass sowieso alles nur ein buntes Späßchen ist, das man nicht zu ernst nehmen sollte, können auch solche Ausrutscher nicht passieren.

Das Problem von DC ist mithin Folgendes: Snyder (und vor ihm Nolan) haben etwas riskiert, haben Filme gemacht, an denen man sich reiben und die man auch richtig kacke finden kann. Marvel macht Filme, die allen gefallen sollen und sind damit bisher recht erfolgreich (was man anerkennen muss). Aber für die Filmkultur finde ich es trotzdem traurig, dass harmloser Bullshit wie die AVENGERS-Filme oder ein GUARDIANS OF THE GALAXY abgefeiert werden wie die Neuerfindung von geschnittenem Brot, während man sich über MAN OF STEEL oder BVS das Maul zerreißt, weil die Filme es wagen, einen eigenen Stil und eigene Ideen zu etablieren, vielleicht sogar mal von der Vorlage abzuweichen. Aber gut, so richtig wundern muss einen das in unserer Zeit ja nicht mehr.

 

 

v1.bTsxMTQyMDkxNDtqOzE3MDU2OzIwNDg7MTAwMDsxNDgwDie neueste Folge der beliebten Reihe „Ich verstehe die Welt nicht mehr“. DEADPOOL hat auf IMdb eine vollkommen absurde Wertung von sage und schreibe 8,2 Punkten  und genoss bei seinem immens erfolgreichen Kinoeinsatz die Fürsprache von Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten. Da war davon die Rede, wie provokant der Film sei, wie angeblich progressiv hinsichtlich seiner Gender Politics, wie anarchisch, respektlos und mutig. Die Tatsache, dass DEADPOOL trotz R-Rating  mächtig Kasse machte, ließ manchen gar von einem Paradigmenwechsel in Hollwood träumen, wo man nun ganz sicher erkennen würde, dass auch mit solchen Filmen, die nicht die ganze Familie ansprechen, Profit zu machen sei. Wenn man die im Ringen um Clicks oftmals einsetzende Superlativinflation als strafmildernden Umstand berücksichtigt und DEADPOOL mit einigem zeitlichen Abstand sowie der damit einhergehenden Gelassenheit betrachtet, bleibt von dem vermeintlichen Revoluzzerstreifen allerdings kaum mehr übrig als jede Menge heißer Furzluft, schriller Hysterie, hohler Zoten und einer ironischen Uneigentlichkeit, die man seit mindestens 15 Jahren überwunden glaubte.

DEADPOOL unterscheidet sich wirklich nur vordergründig von anderen Marvelfilmen (was zugegebenermaßen immerhin etwas ist): Ja, er strebt anders als diese nicht das große Epos an, tritt weniger öde ausufernde Exposition breit, ist wilder, blutiger, versauter, greller, episodischer, voller wissender Selbstironie und -reflexion, weniger auf großes Familienentertainment hin konzipiert, sondern auf die Geeks, Nerds und Splatterfreunde ausgerichtet. Doch am Ende kommt das auf dasselbe heraus: So wie das Gros der Marvelfilme sich eben dadurch auszeichnet, niemanden zu vergrätzen und es im Rennen um den großen Reibach allen Recht zu machen, sucht DEADPOOL umgekehrt sein Heil darin, wirklich jeden pubertären Witz, jede Geschmacklosigkeit, jede augenzwinkernde Selbstkasteiung mitzunehmen, um sich bei seinem vergnügungssüchtig-infantilen Publikum einzuschleimen und auf politisch unkorrekt zu machen. Noch nicht einmal die Title-Sequenz, in der statt der Namen der Akteure und kreativ Verantwortlichen so Sachen stehen wie „Hot Chick“, „Gratuitous Cameo“ und „Overpaid Tool“, kommt ohne Witzchen aus und so geht es in den folgenden 108 Minuten höchst angestrengt weiter. Da witzelt der Protagonist auch inmitten großer Explosionen und Gemetzel noch selbstverliebt vor sich hin, wendet sich mehrfach direkt ans Publikum – und macht dann auch noch einmal explizit darauf aufmerksam, dass er sich ans Publikum wendet -, kommentiert sarkastisch die Klischees und Mechanismen des Superheldenfilms, die er natürlich trotzdem selbst anwendet, und weist auf das ach so bescheidene Budget hin, als seien 58 Millionen nichts und DEADPOOL ein Werk künstlerischer Askese. Dazu endet nahezu jede Szene in einer anzüglichen Bemerkung über Geschlechtsteile, Körperausscheidungen oder Sexualpraktiken. Man fühlt sich als erwachsener Mensch, als säße man im Bus inmitten einer Traube pubertierender, hyperventilierender 16-Jähriger auf dem Weg ins Wochenende.

Da versteht man dann auch, warum sich die Macher des unterirdischen X-MEN ORIGINS: WOLVERINE, in dem Deadpool seinerzeit sein Leinwand-Debüt absolvierte, damals dazu entschlossen hatten, den Charakter seiner herausragendsten Eigenschaft, nämlich des losen, niemals stillstehenden Mundwerks, zu berauben und ihm kurzerhand den Schnabel zuzunähen (was die Comicfans geradezu schäumen ließ): Es ist einfach nicht möglich, um diese Figur eine „normale“ Geschichte zu stricken, weil ihr unerträgliches Geschwätz jeden Anflug von Drama oder gar Realismus bereits im Ansatz zerstört. Was in einem Comic, in dem man jedem Panel seine eigenen, abgeschlossenen Rahmenbedingungen zuweisen kann, vielleicht funktioniert (ich schätze, ich würde die Heftchen genauso nervtötend finden wie den Film), führt auf Spielfilmlänge schon nach kürzester Zeit zu akuten Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen, zumal weder Regisseur Tim Miller noch der übermotivierte Ryan Reynolds auch nur die geringste Zurückhaltung kennen. Schon in der ersten Szene wirbelt der Held in spektakulären Salti durch die Luft (seine bevorzugte Fortbewegungsart) und richtet die Schurken gleich reihenweise blutigst hin, während Reynolds, dem die Realisierung eines DEADPOOL-Films nach dem Megaflop von GREEN LANTERN wohl eine besondere Herzensangelegenheit war, quasselt, bis der Arzt kommt. Auch dank der grenzenlosen Regenerationsfähigeit des Helden, dem abgehackte Gliedmaßen einfach nachwachsen, gibt es weder Fallhöhe noch einen funktionierenden Spannungsbogen, lediglich die immer selben müden Witzchen, die wohl nur der verklemmteste Bterachter wirklich anstößig findet, und eine Abfolge mangels Involvierung meilenweit am Arsch vorbeigehender Massaker. Und die Arschfick-Szene, die viele dazu veranlasste, davon zu schwafeln, wie gewagt DEADPOOL doch sei, bedient wie tausend anderer lahmer Spießerkomödien auch nur die latente Homophobie seines Publikums. Wie merkbefreit der Film ist, wird spätestens dann klar, wenn der Held sich aufgrund seiner mutationsbedingten Entstellung nicht mehr traut, seiner Geliebten gegenüberzutreten, obwohl er kaum schlimmer aussieht als ein von Akne geplagter Jugendlicher, und fortan ständig von Selbstbefriedigung redet. Hmm, wenn ich’s mir recht überlege, ist das vielleicht auch nur ein Zeichen der Identifikation der Macher mit ihrer Zielgruppe, die mutmaßlich ähnlich verpickelt ist und auch nix anderes als Wichsen im Sinn hat. Die Zeichnung von Deadpools Freundin Vanessa (Morena Baccarin) als geile, sexhungrige, experimentierfreudige, aber natürlich zuckersüße und immertreue Prinzessin mit Mangaaugen ist vor diesem Hintergrund ziemlich vielsagend.

cool-ant-man-posterMit meinem guten Freund Frank, einem großen Comic-Fan und -Kenner, diskutiere ich regelmäßig über die Filme des sogenannten MCU, des „Marvel Cinematic Universe“. Während bei mir mittlerweile doch die Ernüchterung überwiegt angesichts von Filmen, die meines Erachtens eher die Funktion von Werbung und Teasern für weitere Filme oder Merchandising übernehmen, anstatt für sich selbst zu stehen, die mir zu sehr auf Nummer sicher gehen und Individualität vermissen lassen, überwiegt bei ihm immer noch die Freude darüber, dass ein seit der Kindheit gehegter Traum endlich Wahrheit geworden ist: die aus den bunten Heftchen bekannten Figuren in fett produzierten Blockbustern zu sehen, die das in Dutzenden parallel laufender Storys aufgebaute Universum in bewegten Bildern auf der Leinwand entstehen lassen. Nachdem wir unsere Sichtweisen lang und breit dargelegt haben, kommen wir meist an den Punkt, an dem wir feststellen müssen, dass es keine echte Einigung zwischen uns geben kann. Nur eines ist gewiss: Beim nächsten Film sind wir beide wieder dabei. (Ich hoffe, ich habe Franks Haltung an dieser Stelle einigermaßen treffend dargelegt.)

Dabei könnte zumindest aus meiner Sicht alles so einfach sein, nämlich wenn die Marvel-Schmiede weniger konfuse Klötze der Marke AVENGERS: AGE OF ULTRON produzierte, die vor lauter Kraft und dem Bemühen, alles für jeden zu sein, kaum laufen können, und stattdessen mehr vom Schlage des ANT-MAN, der den Trivialcharakter seiner Vorbilder wunderbar einfängt, sich nicht so bierernst nimmt und ermüdenden Bombast durch visuellen Einfallsreichtum ersetzt. Vielleicht hatte Peyton Reed, der zuvor lediglich mit einigen RomComs in Erscheinung getreten war, das Glück, das Leinwanddebüt eines Helden vor der Brust zu haben, der mit weitaus weniger kulturhistorischem Ballast beladen ist als Spider-Man, Captain America, Hulk, Thor oder Iron Man. Zwar debütierte die Figur auch schon in den frühen Sechzigerjahren und wurde wenig später Mitglied der Avengers, doch Ant-Man hatte weder eine eigene Heftreihe noch kam er jemals an die Popularität anderer Marvel-Ikonen heran. Die Erwartungshaltung des Publikums war mithin eine ganz andere als bei den vorangegangenen Filmen und wahrscheinlich konnte auch das Studio etwas entspannter an ANT-MAN herantreten: Ein Flop wäre angesichts des 130-Millionen-Dollar-Budgets immer noch schmerzhaft gewesen, hätte aber immerhin nicht das Fundament, den Kern des MCU angegriffen. Das merkt man dem Film in jeder Sekunde an: Er ist witziger, lebendiger, aber auch wärmer und, soweit man sowas über einen solchen Eventfilm sagen kann, experimentierfreudiger als andere Marvel-Verfilmungen, hat einen eigenen Stil (ohne gänzlich aus der Rolle zu fallen) und ist außerdem sehr viel runder als die letzten Großereignisse.

Was zunächst eine reichlich bescheuerte Idee zu sein schien – Ein Film über einen Mann, dessen Superkraft es ist, sich auf Ameisengröße zu schrumpfen? Really? -, entpuppt sich als Grundlage für eine effektreiche Achterbahnfahrt mit erstaunlich kreativen Einfällen, sei es die Konfrontation mit plötzlich riesenhaften Alltagsgegenständen, das explosionsartige Hin-und-Her des Helden Scott (Paul Rudd) zwischen seiner normalen Größe und seinem Schrumpfstadium oder natürlich die Kooperation mit dem intelligenten Ameisensstaat, der ihm zur Seite steht. Paul Rudd ist als Held wider Willen eine deutlich bodenständigere Identifikationsfigur als die anderen Marvel-Superdudes und teilt den Sense of Wonder des Zuschauers, erdet den Film gewissermaßen in der Realität von uns Normalsterblichen, macht ihn menschlicher, weniger technokratisch und martialisch. Trotzdem gelingt ANT-MAN als erstem Marvel-Film endlich etwas, was in den Vorzeigeproduktionen entgegen aller Bemühungen nicht funktionieren wollte, auch wenn das stets angestrebt worden war: Im kurzen Kampf Ant-Mans gegen den Avenger Falcon (Anthony Mackie) zeigt sich zum allerersten Mal auch auf der Leinwand diese Crossover-Charakteristik der Comics, in denen in schöner Regelmäßigkeit Figuren aus benachbarten Serien für drei eher unerhebliche Panels vorbeischauten, um den Leser daran zu erinnern, welche Heftreihe er auch noch kaufen könnte. Natürlich soll hier auch die Aufnahme Scotts in die Riege der Avengers vorbereitet werden, aber zunächst mal ist da nur dieser kurze, hingeworfene, höchst selbstzweckhafte Fight, der mehr als die Überkreuzung epischer, überkandidelter Handlungsstränge das Gefühl einer offenen, lebendigen Welt erzeugt. Da vergisst man dann auch, dass ANT-MAN eine Geschichte erzählt, die man mittlerweile schon  in- und auswendig kennt. Es spielt keine Rolle, denn wichtiger als das Was ist tatsächlich das Wie. Schön, dass diese Erkenntnis auch im Hause Marvel Einzug gehalten hat.

Überraschung: KICK-ASS 2 fand ich tatsächlich um Längen besser als den ersten Teil. Nicht, dass er aus gänzlich anderem Holz geschnitzt wäre. Wieder gibt es das Nebeneinander von happigen Splattereffekten und deutlich sexuell aufgeladenem, betont unkorrektem Slapstick-Humor, wieder werden Superhelden-Klischees und popkulturelle Phänomene referenziert und durch den Kakao gezogen, das alles in effektlastiger Hochglanzoptik verpackt und mit Hitsoundtrack garniert. Statt Nicolas Cage absolviert nun Jim Carrey den Nebenrollen-Starauftrit, wieder zähle ich garantiert nicht zur Zielgruppe, wieder wendet sich der Film an die Nerds, die die Verästelungen des Marvel’schen Civil-War-Zyklus durch alle Heftserien runterbeten können und für die jeder Film mit einer durchschnittlichen Einstellungslänge von mehr als drei Sekunden ein unerträglicher Langweiler aus Opas Mottenkiste ist. Eigentlich müsste ich KICK-ASS 2 also mindestens genauso ätzend finden wie den Vorgänger. Aber dem ist eben nicht so. Was ist passiert?

Wadlow ist das gar nicht mal so kleine Kunststück gelungen, einen Film zu machen, der entschieden „meta“ ist, aber gleichzeitig trotzdem von jenem echten Interesse für seine Figuren geprägt ist, das ich in Vaughns KICK-ASS am meisten vermisst habe. Die Distanz, die Wadlow durch seine Haltung zur Geschichte um die Alltagsmenschen, die zu „Superhelden“ werden, schafft, ermöglicht es ihm gerade, genauer hinzuschauen. Am deutlichsten wird das in seiner Behandlung der 15-jährigen Hit Girl (Chloe Grace Moretz), deren schwere Traumatisierung nun nicht mehr länger ignoriert oder gar verleugnet wird, sondern zum dramatischen Zentrum des Films avanciert. Mehrfach wird explizit gesagt, das ihr Vater, der sie zur eiskalten Killerin erzog und selbst mit ihr als Superheld „Big Daddy“ durch die Stadt zog, ein Wahnsinniger war, die Ausbildung, die er seiner minderjährigen Tochter angedeihen ließ, einem Missbrauch gleichkam. Hit Girl bzw. Mindy kämpft über weite Strecken mit den Folgen, bemüht sich verzweifelt um Normalität, freilich ohne Erfolg. Der Titelheld bzw. der jugendliche Dave (Aaron Taylor-Johnson), der hinter der Maske steckt, ist eigentlich nur noch das „Fenster“, durch das wir auf die Filmwelt schauen, ein New York, in dem es keinerlei echte Entfaltungsmöglichkeiten mehr zu geben scheint. Das Superheldentum ist nicht so sehr eine Antwort auf die grassierende Kriminalität (die in KICK-ASS 2 eigentlich gar keine Rolle mehr spielt), sondern auf eine Gesellschaft, die gar keinen Individualismus mehr zulässt und alles dem Leistungsdiktat unterwirft. Die implizit enthaltene Kritik am Umgang mit der Jugend, der nicht etwa Handlungsoptionen eröffnet werden, sondern die schon früh auf Linie gebracht wird, beim bösen Spiel nur noch mitspielen oder sich verweigern kann, wird leider nie wirklich ausformuliert oder verfeinert: Am Ende läuft alles wieder auf die platte und daher wenig Orientierung bietende Maxime heraus, dass man seinem Herzen folgen und der sein soll, der man ist. Dass dieses vermeintliche „Sein“ etwa Hit Girls oder des Motherfuckers, der Superschurkenidentität, die Chris D’Amico (Christopher Mintz-Plasse) nun annimmt, um das Erbe seines Vaters aus dem ersten Teil anzutreten, eben auch von außen übergestülpt, die Idee, sich eine Cape umzuschnallen und einen Kampfnamen zu verpassen, durch eine wie geölt laufende Industrie implantiert wurde (die nach Jahrzehnten der gescheiterten Versuche den Sprung vom Papier auf die Leinwand endlich geschafft hat), das übersieht der Film geflissentlich. Er ist am Ende eben auch nur ein Produkt.

Aber man ist ja schon für jeden Fortschritt dankbar. KICK-ASS 2 ist nicht weniger grell und schrill als der Vorgänger, der Sequellogik folgend ein gutes Stück größer und knalliger, aber er verliert eben den Wald nicht vor lauter Bäumen aus dem Blick. Dass er trotzdem  keine echten Antworten parat hat und am Ende vor jeder Konsequenz zurückschreckt, liegt in der Natur der Sache. Er kann seine Maske ebenso wenig ablegen wie Hit Girl.