Mit ‘Coming of Age’ getaggte Beiträge

FLOWERS IN THE ATTIC ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine uninspirierte Regie einem potenziell spannenden Film im Wege stehen kann. V. C. Andrews gleichnamiger Bestseller bietet mehr als genug Stoff für anregende Unterhaltung: Das moderne Schauermärchen handelt von vier Geschwistern (u. a. Kristy Swanson und Jeb Stuart Adams), die nach dem überraschenden Tod ihres Vaters von der Mutter (Victoria Tennant) nicht nur allein gelassen, sondern im riesigen Haus der religiös fanatischen Großmutter (Louise Fletcher) eingesperrt und langsam vergiftet werden. Während sie sich langsam mit der fürchterlichen Erkenntnis arrangieren müsssen, dass sie völlig allein sind, gilt es, einen Ausweg aus ihrem Gefängnis zu finden …

Die ein Jahr vor der Premiere der Bestsellerverfilmung verstorbene Autorin Andrews machte aus ihrem Erfolg gleich eine ganze Serie. Generische Titel wie „Petals in the Wind“, „Seeds of Yesterday“, „Dark Angel“ oder „Fallen Hearts“ sowie die Wikipedia-Aussage, ihre Spezialität seien „Familien-Sagas“ gewesen, legen den Verdacht nahe, dass sie eher der Trivialliteratur zuzurechnen ist, die sich nicht zwingend um psychologische Glaubwürdigkeit kümmern musste, sofern sie den Leser nur mit reichlich Drama versorgte (vielleicht tue ich ihr auch Unrecht, ich kenne nichts von ihr). Blooms Film hat aber von Anfang an mit dem Problem zu kämpfen, dass er seine Prämisse einfach nicht an den Mann bringt: Das im Prolog gezeigte Familienglück ist so klischeehaft wie Waschmittelwerbung, die Arglosigkeit und Duldsamkeit der Kinder scheint angesichts grausamer Folter nahezu grenzenlos, der Gesinnungswandel der Mutter (Victoria Tennant) bleibt ein Mysterium. Letzteres muss nicht unbedingt en Makel sein: Die Rätselhaftigkeit der erwachsenen Welt und der Mangel an Kontext sind ja ein wesentlicher Bestandteil von Märchen oder Schauergeschichten, die aus der Sicht von Kindern erzählt werden. Das Alltägliche nimmt vor ihren Augen unheimliche Gestalt an, Wesenszüge werden ins Monströse verzerrt, die Realität verwandelt sich in einen Albtraum. Man kann sich gut vorstellen, wie ein versierterer Regisseur den zugrunde liegenden Stoff in einen visuell aufregenden, beunruhigenden Film gegossen hätte, in dem die Kinder sich plötzlich mit Gestalten konfrontiert sehen, die sie nur aus schaurigen Gute-Nacht-Geschichten kannten, wie sich ihre Wahrnehmung in der Isolation ganz langsam verschiebt, sie ihre Orientierung verlieren und lernen müssen, auf eigenen Beinen zu stehen. Das einzige, was in FLOWERS IN THE ATTIC aber diesen evokativen Charakter annimmt, ist der wunderbare Score von Christopher Young, der als einziger verstanden zu haben scheint, was das Interessante an diesem Stoff  ist.

Bloom hingegen wickelt ohne echte Vision ab, und weil er die fantastische Dimension seiner Vorlage gar nicht zu erkennen scheint, stolpert er über diverse Logiklöcher und Unglaubwürdgkeiten, die man ihm andernfalls leicht verziehen hätte: Warum steht eine gutsituierte Familie nach dem Tod des Vaters vor dem finanziellen Ruin? Wie kann eine Mittdreißigerin mit einem gleichaltrigen Onkel verheiratet sein? Wie vier Kinder zur Welt bringen, von denen das Älteste bereits an der Volljährigkeit kratzt (gut, das geht natürlich, aber es scheint mir dann doch nicht ganz der Normalfall zu sein)? Wo und wann spielt diese Geschichte eigentlich? In welcher Welt enterbt ein Großvater, der in einem britischen Schloss residiert, seine Enkelin aufgrund einer Versündigung gegen Gott? Und wenn es diese Welt gäbe: Welche Mutter käme auf die Idee, ausgerechnet bei diesem Großvater die Rettung für ihre missliche finanzielle Lage zu suchen? Warum setzen sich die Kinder, von denen der Älteste Oma und Mama mit Leictigkeit hätte ausknocken können, nicht viel früher zur Wehr? Wie gesagt: Alles eine Frage des richtigen Ansatzes, aber der fehlt Bloom eben. Hinzu kommt noch seine unzureichende Schauspielerführung: Vor allem Kristy Swanson, die die älteste Tochter und Erzählerin des Filmes spielt, rezitiert ihre uneleganten Dialogzeilen zwischen schmerzhafter Übertreibung und hölzerner Leblosigkeit und Victoria Tennant interpretiert ihren Part ohne jede Nuancierung, die dringend nötig gewesen wäre, um die Verwandlung von der fürsorglichen Mutter zur berechnenden Kindsmörderin halbwegs plausibel zu machen. Was bleibt sind der Eindruck eines Films, der viel, viel Potenzial verschenkt – und eben Youngs Filmmusik, die all jene Bilder vors geistige Auge ruft, die der Regisseur leider zu malen versäumt hat. Schade.

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Frankreich in den frühen Sechzigerjahren. Während auf der anderen Seite des Mittelmeeres der Algerienkrieg tobt, werden vier junge Leute langsam erwachsen: Der introvertierte Francois (Gael Morel) entdeckt seine Homosexualität und verliebt sich in seinen Mitschüler Serge (Stéphane Rideau), dessen Bruder in Algerien sein Leben verliert. Henri (Frédéric Gorny), ein Algerienfranzose, rebelliert und versucht nur sehr widerwillig im dritten Anlauf, das Baccalauréat an der gemeinsamen Jungenschule zu machen. Maité (Èlodie Bouchez) sympathisiert mit dem Kommunismus und steht zwischen den Jungen: Francois ist ihr brüderlicher Freund und Serge hat ein Auge auf sie geworfen. Während sie sich auf ihren Abschluss vorbereiten, begeben sie sich auf die Suche nach ihrer sexuellen und politischen Identität.

In seinem preisgekrönten Film zeigt André Téchiné wie das geht mit dem großen, gesellschaftlich wie künstlerisch und emotional relevanten Kino. Da wird nichts ins Drehbuch geschrieben, um irgendeine Quote zu erfüllen, und als Zuschauer hat man nie das Gefühl, einer Lektion beizuwohnen. Wie im zuletzt gesehenen LES TÉMOINS entwickelt Téchiné seine Geschichte ganz organisch aus seinen Charakteren, denen er völlig vorurteilsfrei gegenübersteht, mit all ihren jugendlichen Spinnereien und Marotten. Diese Haltung ist der Geburtshelfer großartiger, komischer wie ergreifender kleiner Momente: Serge, der sich vor Maité nur mit Unterhose bekleidet in einen kalten See stellt, damit seine hartnäckige Erektion verschwindet; Henri, der immer mit einem Radio am Ohr herumläuft, das Kriegsmeldungen überträgt, und am Ende mit einem Benzinkanister vor der Parteizentrale der Sozialisten steht; Francois, der in seiner Verzweiflung über seine Gefühle für Serge einen alternden Schuhverkäufer in seinem Geschäft um Rat fragt, von dem es heißt, er sei homosexuell; Maité, die sich für den abschließenden Badespaß einen gelben Badanzug kauft und dann verschämt meint, sie sehe darin aus wie ein Kanerienvogel. Bei Téchiné hängt alles zusammen, Politik, Sexualität, Identität: Man nennt das auch „Leben“. Und sein Film ist vor allem eine Zelebrierung dieses Lebens.

Wie auch in LES TÉMOINS fällt einem in LES ROSEAUX SAUVAGES sofort dieses Licht auf, das alles illuminiert wie ein impressionistisches Gemälde. Beide Filme kreisen um die Unbeschwertheit der Jugend, ihr Vorrecht, sich auszuprobieren, Freude und Genuss zu priorisieren, um die Schönheit, die damit einhergeht. Und beide Filme spielen vor allem im Sommer, einer Zeit, in der sich da Leben besonders gut genießen lässt, in der man draußen ist, in der Natur, unter Freunden. Aber so, wie nach de Sommer unweigerlich Herbst und Winter kommen, ist auch bei Téchiné immer klar, dass Unbeschwertheit nicht von Dauer sein kann. Zum Leben gehören auch die Tiefen, Sorgen, Ängste, Schicksalsschläge. Gut zu leben heißt nicht, solchen Zuständen auszuweichen, sondern mit ihnen umzugehen, weiterzumachen, den Blick hoffnungsfroh nach vorn zu richten. Das Leben geht weiter, es ist tatsächlich so banal, und der nächste Sommer kommt bestimmt. In LES ROSEAUX SAUVAGES sind es der Krieg, der Tod eines jungen Mannes, die nicht erwiderte Liebe, der Rauswurf aus der Schule und eine kranke Mutter, die den Protagonisten zusetzen und sie auf die Probe stellen. Wie sie damit umgehen, das müssen sie lernen. Am Ende wissen sie immer noch nicht so genau, wie das geht, aber sie haben die Zuversicht, ihr Leben meistern zu können.

Von LES ROSEAUX SAUVAGES war ich ehrlich gesagt begeistert, noch mehr als von LES TÉMOINS, aber es ist schwierig, die Begeisterung in Worte zu fassen. „Zelebrierung des Lebens“, das klingt banal, irgendwie nach fürchterlichem Deutschpop, Werbefernsehen und inhaltsleerem Hedonismus. Aber das ist es bei Téchiné nicht: Wahrscheinlich muss man ein intellektueller französischer Filmemacher sein, um das hinzubekommen, Lebensfreude und Geist zu vereinen – und natürlich dieses magische Licht einzufangen.

Auf critic.de habe ich etwas über Robert Sigls wunderschönen, einzigartigen LAURIN geschrieben, der vor einigen Wochen via Bildstörung die verdiente Blu-ray-Veredelung erfahren hat. Wer sich für schwarze Romantik, Gothic Horror und sinnliches Kino per se interessiert, kommt an der Veröffentlichung nicht vorbei. Außerdem fungiert der Film mal wieder als trefflicher Beweis, dass Deutschland fantastisches Kino zu bieten hat – man muss nur leider abseits der von den Massen ausgetretenden Pfaden danach suchen. Meine Rezension gibt es hier zu lesen.

e96fd9dbc9364ca280291fe2c445a17c_20182Nach dem vierten Teil war eine Steigerung des Niveaus eigentlich nicht mehr unbedingt zu erwarten: Die Serie schien dazu bestimmt, mit einem beherzten Kopfsprung in die Jauche zu enden. Doch der Wechsel auf dem Regiestuhl macht es möglich, dass ROMAN ZA’IR tatsächlich noch einmal an den Geist der ersten beiden Teile anknüpft. Das bedeutet, es gibt hier eine glaubwürdige Liebesgeschichte und menschliches Drama – garniert zwar mit den frivolen Späßen und Sex-Episödchen, die man erwarten darf, aber eben nur garniert, nicht zugeschaufelt.

Teil 5 lässt sich von Juvenile-Delinquents- und Rockerfilm der Fünfziger beatmen: Benny (Yftach Katzur), Bobby (Jonathan Segal) und Johnny (Zachi Noy) – ja, auch diesmal ging es nicht ohne wenigstens einen Namenstausch – heizen auf ihren heißen Feuerstühlen durch die Gegend und machen waghalsige Mutproben an einer Klippe am Meer. Ein Hauch von REBEL WITHOUT A CAUSE weht durch den Film und Bobby kommt dabei mal wieder die Schurkenrolle zu. Als Benny sich nämlich in seine jünger Schwester Ginny (Stefanie Petsch) verliebt, knallen ihm die Sicherungen raus. Erst wird der beste Freund übel verdroschen, dann der Kontakt verboten und der Schwester das kleine Herz gebrochen, sodass sie schließlich zu den Pillen greift, die sie der älteren und erfahreneren Freundin entwendet hat. Natürlich nimmt alles ein gutes Ende, nur die Motorräder zerschellen nach dramatischem Showdown am Fuß der Klippe.

Dazwischen absolviert Dolly Dollar einen Auftritt als schwer kurzsichtige und vollkommen debile Cousine, während Bea Fiedler eine Paraderolle als nymphomane Zahnärztin abbekommen hat. Johnny ist wie immer der Dooftrottel, der stets auf frischer Tat ertappt wird, und Bobby vögelt alles, was ihm vor die Flinte kommt. Der Soundtrack wartet mit einer schönen Compilation alter Hits auf und der ganze Film wird von dieser leichtfüßigen Urlaubsstimmung getragen. Alles wieder beim Alten im Grunde genommen, aber das ist hier eine rundum gute Sache.

eis_am_stiel_iiiMit dem dritten Teil der EIS AM STIEL-Reihe klinkten sich deutsche Produzenten in das Erfolgsgeschäft ein – und trieben die Verflachung weiter voran. Die Eröffnungssequenz gibt gleich einen guten Vorgeschmack auf das Kommende: Beim Spannen kracht der dicke Zachi Noy durch das Dach eine Duschbaracke, auf der Flucht vor den aufgebrachten Frauen fällt er am Strand in eine von seinen Kumpels ausgehobene Grube, die ihn sogleich einbuddeln und seinem Schicksal überlassen. Sie sind kaum verschwunden, da kommt auch schon ein Dreikäsehoch des Weges und pinkelt dem armen Tropf ins hilflos aus dem Sand guckende Gesicht. Ein Auftakt nach Maß.

EIS AM STIEL 3: LIEBELEIEN setzt verstärkt auf flache Zoten und frivole Späße, die die eigentliche Story über weite Strecken des Films völlig vergessen lassen. Benny (Yftach Katzur) ist glücklich mit der süßen Sally (Ariella Rabinovich) liiert, als ihm die kirschmundige Nikki (Orna Dagan) begegnet und ihm den Kopf verdreht. Nach einer Affäre ist Schluss mit Sally, doch Nikki entpuppt sich als echtes Luder, das Benny ständig mit anderen Typen provoziert. Benny, vorher der sensibelste und vernünftigste seiner Clique, tritt hier in die Fußstapfen seines Freundes Bobby (Jonathan Segal), der in den Filmen zuvor noch Momo hieß, diesen Namen aber aus unerfindlichen Gründen an Zachi Noy abtreten musste, welcher zuvor noch Johnny genannt ward: Eine Extravaganz, die die deutsche Synchro exklusiv hat. Das bedeutet, Benny benimmt sich Sally gegenüber wie ein Arsch und markiert ständig den eiskalten Hund, dem alles egal ist. Ironischerweise muss ihm ausgerechnet der Egofucker und Chauvi Bobby die Leviten lesen und ihm die Augen für Nikkis miesen Charakter öffnen: Wahrscheinlich, weil er sich selbst in ihr wiedererkennt. Ich hatte ja schon vorher angemerkt, dass die EIS AM STIEL-Reihe sehr ausschließlich aus männlicher Sicht erzählt ist, was sich nicht zuletzt darin äußert, dass Typen, die Frauen wie bessere Matratzen behandeln, echte Kerle sind, Frauen, die das gleiche tun, aber Huren. Nun ja. Hier und da blitzt Herz auf, meist in den Szenen zwischen Benny und Sally, ansonsten geht der dritten Installation sowohl der Realismus des Originals wie auch die Wärme des Sequels ab.

Wenn man die Ansprüche etwas zurückschraubt und einen vielleicht sogar nostalgische Bande an den Film ketten, ist er trotzdem ganz OK: Am besten sind eigentlich die Szenen mit Bennys Eltern (Menashe Warshavsky & Dvora Kedar), die besonders viel Screentime bekommen: Ich mochte die Szene, in der die Mama mit Benny in einem Bekleidungsgeschäft ist und mit dem alten Verkäufer über „Albert Pressler“ schwadroniert und um den Preis einer Hose feilscht. In einer langen Episode buhlen sowohl Benny als auch sein Vater um die Gunst der feschen Nichte Trixie (Sibylle Rauch), die dann in einer eher ekligen Szene wieder einmal von Momo und Bobby benutzt wird. Eine andere Episode dreht sich um eine nymphomane Klavierlehrerin und endet – ebenfalls ein beliebter Standard der Reihe – damit, dass der Dicke Haue bekommt, weil er sich an der Falschen vergreift. Der Film huscht so an einem vorbei, ohne wirklich anzustrengen: Durchaus eine Leistung, aber sein größter Fehler ist wohl, dass er gegenüber den Vorgängern einen merklichen Rückschritt bedeutet, er seine Charaktere nicht weiterentwickelt, sondern in ihrem pubertären Status verharren lässt – was sie nicht eben sympathischer macht. Benny wirkt mit seiner ausdruckslosen Trauermine beinahe wie ein Psychopath und die süße sommersprossige Sally kann einem beinahe Leid tun, dass sie am Schluss doch wieder auf ihn reinfällt. Ein bitterer Zerrspiegel des Endes vom ersten Teil.

 

 

 

 

lemon-popsicle-movie-posterA trip down memory lane: Es muss so ’89, ’90 rum gewesen sein, als RTLplus die Filme der EIS AM STIEL-Reihe komplett ausstrahlte und meinem damals 13-, 14-jährigen Ich viele schöne Stunden vor dem Fernseher bescherte. Die Filme waren mir schon ein Begriff aus der Videosammlung meines Großonkels, auch meinen Eltern waren sie bekannt. Mit acht zwischen 1978 und 1988 erschienenen Teilen war die von Menahem Golan und Yoram Globus initiierte Reihe nicht nur ein Megaerfolg gewesen, sondern ein echtes popkulturelles Phänomen, dass das hierzulande sonst eher unbeachtete Filmland Israel in den Blick der Massen rückte. Einen gute Ruf genoss EIS AM STIEL hingegen nie: Das waren Softsexfilmchen mit derbem Humor, die man als seriöser Filmkritiker natürlich nicht gut finden durfte.

Das Wiedersehen nach gut 25 Jahren war von Ent-Täuschung geprägt: In Erinnerung behalten hatte ich EIS AM STIEL als sommerlich-liebenswürdigen, relativ zahmen Coming-of-Age-Film. Der mit Bubblegum-klebrigen Fünfzigerjahre-Hits bis an den Rand vollgepackte Soundtrack, damals ein kaum zu unterschätzender Erfolgsfaktor, begünstigte die Sinnestäuschung. Aber wahrscheinlich ist sie auch der damaligen Seherfahrung zuzuschreiben: Als 14-Jähriger war ich damals auf einer Ebene mit den Protagonisten und selbst, wenn ich nicht wie sie in den Fifties in Israel aufwuchs, so waren viele Probleme, mit denen sie sich rumschlugen, und Erfahrungen die sie machten, doch relativ identisch mit den meinen. Momo, Benny und Johnny waren Indentifikationsfiguren, die man als Junge sofort verstand. Heute war ich doch einigermaßen erstaunt darüber, wie unsympathisch – eben alterstypisch – die drei teilweise agieren: Der schöne Momo (Jonathan Segal) sowieso, ein Womanizer ohne Skrupel, aber auch der eigentliche Protagonist Benny (Yftach Katzur), ein Zögerer und Zauderer, der erst spät wirklich einmal Stellung bezieht. Johnny (Zachi Noy) ist der arme Dickwanst, dem meist übel mitgespielt wird, aber wie er jeden Pfennig, den er seinen Kumpels leiht, sofort in seinem Notizbuch vermerkt und seine Komplexe mit großen Sprüchen überspielt, lässt auch ihn in keinem allzu guten Licht dastehen. EIS AM STIEL ist exklusiv aus Männerperspektive erzählt und die Mädchen und Frauen, die darin vorkommen, bleiben als Menschen völlig unergründet, sie sind keine Charaktere, lediglich Gesichter: hübsche, und dann auch interessant als potenzielle Sexualpartner, oder weniger hübsche, und dann betrachtet Davidson sie kaum freundlicher als seine Protagonisten. Ich habe keinen direkten Vergleich, aber auch die deutsche Synchro sorgt nicht für Differenzierung, im Gegenteil. In einer relativ bitteren Szene, wenden sich die drei Jungs aus lauter sexueller Frustration an eine Protituierte und landen mit dieser in einer ranzigen Abstellkammer, wo sie den Akt auf einer traurigen Holzpalette vollziehen, die behelfsmäßig mit einem schmutzigen Laken bedeckt ist. Benny, der seine Jungfräulichkeit in diesem alles andere als romantischen Szenario verliert, übergibt sich danach, während Johnny unbeeindruckt seinen Platz einnimmt und einige saftige Sprüche ablässt, die nicht recht zu Situation passen wollen, eher der damaligen Synchromode geschuldet scheinen.

EIS AM STIEL ist keine ausschließlich gut gelaunte Angelegenheit und wenn er dennoch mit dieser süßlichen Melancholie und Nostalgie aufgeladen ist, dann liegt das daran, dass er sich ganz in die Vorstellungswelt seiner drei männlichen Hauptfiguren begibt. Ja, Davidson kreiert einen greifbaren Sense of Place, und viele Szenen, in denen die Jungs einfach nur in ihrer Flipperhalle rumhängen, sich die Plakate amerikanischer Filmklassiker vor dem Kino anschauen oder durch die Straßen schlendern, sind wunderbar: Man spürt die Sonne auf der Haut und den Kitzel unendlicher Möglichkeiten, dieses Gefühl, das der Jugend exklusiv ist. Aber alles, was sich dann für sie ergibt, ist fürchterlich deprimierend und falsch, ganz gleich ob es die verzweifelt notgeile Seemannsbraut ist, die Jungs in ihre Wohnung lockt, um sich ihre Bedürfnisse befriedigen zu lassen, oder natürlich die große Liebesgeschichte zwischen Momo und Nili (Anat Atzmon), die mit einer ungewollten Schwangerschaft, einer feigen Trennung, Tränen und einer Abtreibung endet. Man weiß als Zuschauer, dass der edle Retter Benny nicht belohnt werden wird, ahnt, mit welcher Wendung der Film enden wird. Auch wenn EIS AM STIEL auf unzählige Klischees zurückgreift: Er fühlt sich meistens erschreckend echt an und rettet das wenigstens noch ins direkte Sequel hinüber. Dass die drei Freunde nach diesem Film und dem, was sie erlebt haben, immer noch zusammen rumhängen, ist schmerzhaft, aber wahr. Pubertierende Jungs sind schon ziemlich ekelhaft.

 

holsystemTHE SYSTEM ist ein Film, der gleich zwei große Karrieren kickstartete: Michael Winner hatte bis zu diesem Zeitpunkt zwar schon einige Dokumentar- sowie preisgünstige, meist exploitative Spielfilme gedreht, aber erst THE SYSTEM verschaffte ihm einen Namen als junge, kreative und verwegene künstlerische Kraft des britischen Kinos, mit der zu rechnen war. Und auch Oliver Reed, ein ambitionierter, charismatischer und energetischer Schauspieler, dem aufgrund seiner Mitarbeit in den Horrrofilmen der Hammer das Etikett des auf Psychopathen abonnierten B-Mimen angeheftet worden war, gelang es mit seiner Darbietung, sich für Größeres zu empfehlen.

Der Film folgt einer Gruppe von jungen Männern um den Fotografen Tinker (Oliver Reed), die das ganze Jahr auf die Sommersaison hinfiebern, in der ihr Heimatort an der englischen Südküste aus dem sprichwörtlichen Winterschlaf erwacht und von spendierfreudigen Urlaubern und attraktiven Mädchen heimgesucht wird. Das titelgebende „System“ bezeichnet die ausgeklügelte Strategie der Männer, die sicherstellen soll, dass sie während der Ferien alle auf eine ähnliche Zahl sexueller Erlebnisse kommen.Tinker ist als Strandfotograf für die erste Kontaktaufnahme zuständig, danach werden die Mädchen von einem Etablissement ins nächste geschleust, wo die Jungs ihr Geld verdienen und ihrerseits ein Chance auf Eroberung erhalten. Doch die Verlockungen dieser Sommer beginnen langsam, aber sicher ihren Reiz zu verlieren: Nach der Saison ist das Örtchen wie ausgestorben, mit miesen Jobs ist kein Staat zu machen, die folgenlose Vergnügung mit wechselnden Mädchen kann das wachsende Bedürfnis nach einer echten Beziehung und einer Perspektive nicht mehr länger ersetzen. Für Tinker beginnen die Zweifel, als er die aus gutem Hause stammende Nicola (Jane Merrow) kennen lernt und sich in sie verliebt. Aber der Kontakt mit ihr zeigt ihm, dass er nicht nur geografisch, sondern auch sozial gefangen ist …

THE SYSTEM erhielt seinerzeit sowohl in Großbritannien als auch in den USA, wo er unter dem Titel THE GIRL-GETTERS vermarktet wurde, hervorragende Kritiken, forderte aber auch die Sittenwächter heraus. Seinen Ruf als „Skandalfilm“ erntete er allerdings wohl weniger, weil es tatsächlich allzu Anstößiges zu sehen gab (der Film wirkt heute einfach nur brav in seinem Verzicht auf explizite Nacktheit und Sexszenen): Es war wahrscheinlich die Darstellung von jungen Männern, die Mädchen nachstellen wie Jäger ihrer Beute, sie innerhalb des „Systems“ zu verwertbarem Material machen und dann für unverbindlichen Sex aufs Zimmer locken, die den konservativen Würdenträgern zu viel war. Winner, der ein ganzes Leben darauf verwendete, sich einen Namen als Provokateur und Nervensäge zu machen, lässt in THE SYSTEM keinen Zweifel an seinen Sympathien: Die Spießer, die einmal im Jahr aus ihrem Lock gekrochen kommen, um Souvenirgeschäfte an nichtssagenden Orten leerzukaufen, bekommen seine Verachtung genauso ab wie die Reichen, die mit ihren Cabrios in ihre Sommerresidenzen fahren und gegenüber den Einheimischen die Nase rümpfen. Aber auch Tinker kommt nicht ungeschoren davon. So sehr er die Verlogenheit all dieser Gesellschaftsspiele auch durchschaut hat, so wenig ist er doch in der Lage, sich von ihnen zu emanzipieren und aus einem Leben auszusteigen, das er als sinnlos erkannt hat. Sein als Rebellentum getarntes Selbstmitleid kulminiert in einer heftigen Ohrfeige für Nicola, als die ausnahmsweise einmal den Spieß umdreht.

Die Gesellschaftskritik von THE SYSTEM wirkt heute manchmal etwas schwer- und selbstgefällig: Er ist ein Produkt seiner Zeit, den frühen Sechzigern, als das, was wir heute „Jugendkultur“ nennen, seinen Anfang nahm, und sich junge Menschen nicht mehr länger damit zufrieden geben wollten, die Biografien ihrer Eltern fortzuschreiben. Oliver Reed, der in nahezu jeder Szene des Films agiert, zeigt als Tinker diese unwiderstehliche körperliche Präsenz, die fast alle seiner Auftritte auszeichnet, aber seine Figur ist auch immer kurz davor, zwischen überelaborierten, dramatischen Dialogzeilen und manischen Körperimprovisationen zum schreiberischen Klischee zu gerinnen. Winner kann die zwei grundverschiedenen Impulse des Films nie ganz versöhnen: Da ist einerseits dieses konstruierte, quasi-literarische Drehbuch voller Symbole und verspielter Zeilen, das wohl auch eine hervorragende Bühnenvorlage abgegeben hätte, anderseits der aufregende sense of place und das Gefühl von sommerlichem Leben, die auch heute noch einnehmend wirken. Es macht Spaß, mit Tinker und seinen Kumpels durch die Straßen und Kneipen von Roxham zu ziehen, mal hier mal dort einzukehren und dabei die unterschiedlichsten Menschen zu treffen, immer mit dem Wissen, dass hier in wenigen Wochen alles ruhig sein wird. Doch der Spaß wird dem Zuschauer durch die bedeutungsschweren Dialoge genauso geraubt, wie er den Protagonisten schon lange abhanden gekommen ist. Die Lockerheit der Anfangsszenen weicht bald der Schwermut, beides von Kamermann Nicolas Roeg kongenial abgelichtet. THE SYSTEM hat natürlich vor allem das Problem, dass er in Konkurrenz zu zahlreichen ähnlichen Filmen steht, die anders als er schon seit Jahrzehnten zum Kanon gehören. Winners Film ist nach der anfänglichen Aufregung längst im Schoß der saturierten Fernsehunterhaltung angekommen und darüber fast vergessen worden. Man darf ihn ruhig wiederentdecken – und wenn es nur als Startschuss für zwei spannende Filmkarrieren ist.