Mit ‘Commedia sexy all’Italiana’ getaggte Beiträge

16692_895466Es war mal wieder Zeit für eine Commedia sexy all’Italiana – und das Versprechen mit Edwige Fenech und Barbara Bouchet gleich zwei Hotties zu bekommen, war zu verlockend. Zumindest war „unsere“ Bärbel angeht, hat Martino Film nicht enttäuscht. Die sieht mit ihren goldenen Haaren einfach nur fantastisch aus, verbringt einige ihrer Szenen komplett in Reizwäsche. Dagegen muss selbst die gute Edwige gnadenlos verblassen. Der Film selbst wurde leider durch die mir vorliegenden englischen Untertitel schwer sabotiert: Ich bin in dieser Hinsicht ja durchaus einiges gewohnt, aber bei diesem von einem offensichtlich nur über ein höchst rudimentäres Verständnis der englischen Sprache verfügenden Übersetzer verfassten Kauderwelsch musste ich irgendwann die Segel streichen. Nicht dass es irrsinnig viel zu verstehen oder nicht zu verstehen gegeben hätte, aber jeglicher Wortwitz, durch Unterteitel eh immer arg beeinträchtigt, ging hier vollends flöten. Schade drum: Auch wenn LA MOGLIE IN VACANZA gewiss keine Sternstunde des Genres ist, so gehört er doch zu den besseren Vertretern – wenn er Ermüdungserscheinungen gegen Ende auch nicht verbergen kann.

Der Zuschauer bekommt es mit einer klassischen Verwechslungskomödie zu tun: Geschäftsmann Andrea Damiani (Renzo Montagnani) ist mit der schönen, aber kalten Valeria (Barbara Bouchet) verheiratet. Während er sich nebenbei mit der eifersüchtigen Geliebten Giulia (Edwige Fenech) vergnügt, hat es Valeria auf einen waschechten Grafen abgesehen. Dieser existiert jedoch gar nicht: Es handelt sich um Andreas Assistenten Giovanni (Tullio Solenghi), der sich als adliger Gutsbesitzer ausgeben kann, weil sein Cousin Peppino (Lino Banfi) als Hausdiener arbeitet und seine Arbeitgeber im Urlaub weilen. Es gibt also gleich mehrere amouröse Geheimnisse, die gewahrt werden müssen, was umso schwieriger ist, als alle solchermaßen miteinander Verstrickten gleichzeitig in ein und demselben Hotel im Skiort Courmayeur landen …

LA MOGLIE IN VACANZA ist möglicherweise ein gutes Einstiegswerk für Menschen, die es mit dieser speziellen Spielart der italienischen Komödie noch einmal versuchen wollen, nachdem ihnen alle zuvor gesehenen Beispiele zu überdreht waren. Auch Martinos Film ist meilenweit von jeder Subtilität entfernt, voller infantiler Späße und beknacktem Slapstick, aber er ist dabei immerhin recht stringent und verzichtet auf die sonst obligatorischen Grimassierereien. Lino Banfi, der sonst keine zwei Minuten auskommt, ohne ein dummes Gesicht zu ziehen, agiert hier etwa sehr zurückgenommen. Der Großteil des Witzes ergibt sich tatsächlich aus der Personenkonstellation und dem Hin-und-Her, das sich zwischen den einzelnen Hotelzimmern ergibt. Naja, Raum für herbeikonstruierte Unfallketten, an deren Ende dann Valerias Popo anfängt zu rauchen oder Andrea auf einem Schlitten kopfüber einen Berg hinunterrauscht, dürfen keineswegs fehlen, genauso wenig wie gut abgehangene „Klassiker“ wie jener mit der umgedrehten „6“ an der Zimmertür und den daraufhin verwechselten Räumen oder des aus Versehen eingenommenen Abführmittels. Das tut beim Lesen bestimmt weh, ich weiß, aber bei der Betrachtung dieser Filme wird der Spaß eigentlich nur umso größer, je abgedroschener und vorhersehbarer die Gags sind. Da werden ganz tief sitzende Instinkte angesprochen und man freut sich schon diebisch, wenn das Wort „Abführmittel“ zunächst noch ganz unschuldig erwähnt wird. Man ahnt schon, was da unweigerlich bevorsteht. Als zusätzliche Witzfigur wird dann noch ein russischer Geiger (Renzo Ozzano) eingeführt, der den armen Peppino mit Wodka besoffen macht, Gläser isst und die schöne Giulia mit seinem Riesengemächt entzückt. Und Andreas Schwiegermama darf auch nicht fehlen, weil es des Konfliktpotenzials nie genug geben kann. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf, aber nicht bevor nicht die gesamte Besetzung in voller Montur in den wiinterlichen Swimming Pool gefallen ist und daraufhin Erfrierungen an verschiedenen Körperteilen erleidet. Hach, dieser sogenannte Humor ist schon eine tolle Sache.

 

e9hxsmmkolgfxigay3in1hmm3l0Deutschland, deine Titelschmiede: QUELLA ETÀ MALIZIOSA (etwa: „Dieses bösartige Alter“) erschien hierzulande erst 1981, also sechs Jahre nach seiner italienischen Kinoauswertung, und wurde sogleich dem noch immer nicht abgekühlten FLOTTE TEENS-Zyklus eingemeindet, der schon kaum noch zu überblicken war und mit seinem ursprünglichen Ausgangspunkt LA LICEALE rein gar nichts mehr zu tun hatte. So wurde Amadios Film dann flugs FLOTTE TEENS UND HEISSE TYPEN oder auch WENN BEI TEENS DIE HÜLLEN FALLEN getauft, auf Video gar als DIE SÜNDIGEN TÖCHTER VON IBIZA vermarktet. Vor allem letzterer Einfall ist ein echtes Husarenstück, denn der Film spielt zum einen auf Elba, zum anderen kommt nur eine einzelne sündige Tochter darin vor.

QUELLA ETÀ MALIZIOSA verstärkt die bei meinen Ausflügen ins Oeuvre des blonden Sexsternchens Gloria Guida gewonnene Erkenntnis, dass die Commedia sexy all’Italiana ein bisweilen tückisches Genre ist. Auch dieser Beitrag ist alles andere als komisch, hat viel mehr mit dem amerikanischen Noir gemein als mit dullen Tittenwitzchen, die von Scherzbolden wie Gianfranco D’Angelo, Alvaro Vitali, Lino Banfi oder Mario Carotenuto grimassierend kommentiert werden. Schon die Auftaktsequenz, in der Protagonist Napoleone (Nino Castelnuovo) – Elba + Napoleon, get it? – schweigend, aber zunehmend genervt eine minutenlange Schimpftirade von einer hinter der subjektiven Kamera verborgen bleibenden Mutter über sich ergehen lassen muss, bevor er (letztlich aber folgenlos) sogar zur Schusswaffe greift, erstickt jede Hoffnung auf harmloses Amüsement im Keim. Danach verschlägt es den seinen Lebensumständen verständlicherweise Entfliehenden nach Elba, wo er im Auftrag einer wohlhabenden Familie als Gärtner arbeiten soll. Die Mutter (Anita Sanders), eine unterkühlte Rothaarige, scheint irgendetwas zu verbergen, der Vater (Andrea Aureli), angeblich unter einer schweren Krankheit leidend, bleibt lange unsichtbar, und die Tochter Paola (Gloria Guida) fängt schon im Bus an, sich heftig an dem neuen Bediensteten zu reiben. Es entspinnt sich eine Affäre zwischen Napoleone und der ihre jugendlichen Reize provokant einsetzenden Jugendlichen, doch statt Liebesglück und Happy End setzt es Mord und Totschlag …

Wieder einmal ein komischer Film: Für einen Quasi-Noir verwendet Amadio zu viel Zeit auf das amouröse Hin und Her zwischen den Protagonisten und die Geheimniskrämerei der Familie, deren Zweck sich nicht so recht erschließen mag. Man erwartet am Ende, dass das alles ein großes Komplott war, dass man Napoleone gar nicht als Gärtner, sondern als willfährigen Mordgehilfen engagiert hat, aber dem ist nicht so. Das böse Finale ist eigentlich dem Zufall geschuldet und warum dem armen Napo so böse mitgespielt wird, erschließt sich aus dramaturgischer Sicht nicht wirklich. Was soll man aus QUELLA ETÀ MALIZIOSA mitnehmen? Dass man sich besser nicht mit den frechen, minderjährigen Töchtern seiner Arbeitgeber einlässt? Dass man auf seine Mama hören und was Ordentliches lernen soll? Dass Elba mit seiner urwüchsigen Vegetation und den schroffen Felsen immer eine Reise wert ist? Oder dass Fischer sich auf der Mittelmeerinsel mit ekstatischen Veitstänzen als geeigneter Sexualpartner anbieten? Es bleibt das Geheimnis von Silvio Amadio und – wieder einmal – Piero Regnoli, die das Drehbuch gemeinsam verfassten und viele interessante Ideen einbrachten, die am Ende etwas unverbunden nebeneinanderstehen. Trotz vieler offen bleibender Fragen ist QUELLA ETÀ MALIZIOSA aber durchweg unterhaltsam, wenn auch nicht unbedingt spannend. Vielleicht ist es sogar eine ausgesprochene Stärke, dass die Dinge hier so unvermittelt passieren, ohne in passende Schubladen eingeordnet werden zu können. Ich bin mir noch nicht so sicher, aber durchaus fasziniert.

ragazzina_1974Siehe da: Nach dem „Genuss“ von LA RAGAZZINA – in Deutschland 1987, also satte 13 Jahre nach seinem Erscheinen, unter dem Titel KESSE TEENS – DIE ERSTE LIEBE als TV-Premiere auf RTL erstausgestrahlt – erscheint der verwirrende BLUE JEANS nicht mehr ganz so verwirrend. Bei jenem handelt es sich nämlich gewissermaßen um das „Sequel“: nicht im Sinne einer echten Fortsetzung, aber einer Aufwärmung des Erfolgsrezeptes von LA RAGAZZINA, dem ebenfalls von Imperoli inszenierten Spielfilmdebüt des blonden Backfischs Gloria Guida, die die ganzen Siebzigerjahre hindurch Herzen und Hosen von männlichen Heranwachsenden zum Anschwillen brachte.

In LA RAGAZZINA spielt sie Monica, eine Sechzehnjährige, die auf den „Richtigen“ wartet, um sich entjunfern zu lassen. An Bewerbern mangelt es natürlich nicht: Ganz vorne steht Leo (GIanluigi Chirizzi), ein gutaussehender Mitschüler, der sich ein Zubrot als Amateurzuhälter verdient, Monica aber etwas zu forsch an die Sache herangeht. Besser gefällt ihr da schon ihr Lehrer Bruno (Andrés Resino), ein attraktiver Freigeist und Lebenskünstler, der eine Affäre mit der frustrierten Sandra (Collette Descombes) unterhält. Deren Gatte ist der skrupellose Anwalt Massimo Moroni (Paolo Carlini), ein Freund von Monicas Eltern, der sich wiederum an das blonde Mädchen heranschmeißt, aber bei ihr nur auf wenig Gegenliebe stößt …

Mit Guida, Carlini und Chirizzi kehrten die wichtigsten Darsteller aus LA RAGAZZINA nur ein Jahr später in Imperolis BLUE JEANS wieder, in ganz ähnlichen Rollen zudem. Wieder sollte die Guida dem in LA RAGAZZINA nicht ganz so armen Carlini den Kopf verdrehen, Chirizzi den jugendlichen Zuhälter geben, der es ebenfalls auf die junge Schönheit abgesehen hat. In beiden Filmen beißt Carlini am Ende ins Gras, beide sehen vordergründig wie Komödie aus, fühlen sich aber irgendwie nicht so an. Auch LA RAGAZZINA zeigt seine Protagonistin als wehrlosen Spielball vor allem männlicher Kräfte. Der bittere Höhepunkt des Films ist sicherlich das Gespräch, das der feine Weltversteher Bruno mit seiner Geliebten Sandra führt, nachdem er eben seine Schülerin entjungfert hat. Die ist noch hin und weg von dem magischen Erlebnis, da muss sie mitanhören, wie sie von dem Traumtypen als unerfahrenes Kind diffamiert wird. Auch Moroni geiert ihr nach wie einer Trophäe oder einem profitablen Deal, versucht sie, mit Geld gefügig zu machen und sperrt sie zum Schluss in einem kleinen Ferienbungalow weg wie einen seltenen Singvogel im goldenen Käfig. Auch in LA RAGAZZINA gibt es eigentlich nichts zu lachen, stattdessen wundert man sich als Zuschauer, der mit Gloria Guida vor allem die albernen FLOTTE TEENS-Zoten verbindet, immer mehr, was die Italiener unter dem Label der Teenie- und Sexkomödie für hoffnungslos trostlose Dramen veröffentlichten.

s-l1000Mario Imperolis zweiter Film mit Gloria Guida – er hatte sie bereits bei ihrem Spielfilmdebüt LA RAGAZZINA dirigiert – ist ein seltsames Teil. Zunächst deutet alles auf eine typische Sexkomödie hin: Die jugendliche Herumtreiberin und Gelegenheitsprostituierte Daniela Anselmi (Gloria Guida), genannt „Blue Jeans“, wird von der Polizei mit einem Freier aufgegriffen. Weil sie noch minderjährig ist, kommt die Frage nach ihren Eltern auf, doch Daniela behauptet, dass ihre Mutter tot sei und sie ihren Vater nie getroffen habe. Letzterer wird von den Staatsbeamten relativ schnell ausfindig gemacht: Es handelt sich um Dr. Carlo Anselmi (Paolo Carlini), einen Kunstrestaurator, der gerade mitten in der Scheidung von seiner zweiten Ehefrau steckt und mit seiner neuen Partnerin, der eifersüchtigen Marisa (Annie Carol Edel), zusammen auf einem zu restaurienden Schloss lebt. Dass er Vater sein soll, kann er kaum glauben, erklärt sich dann aber doch bereit, das freche blonde Früchtchen Daniela in seine Obhut zu nehmen, mit den zu erwartenden Folgen.

Diese Prämisse ist nicht neu, die Witzchen, die sich üblicherweise aufdrängen, bleiben aber aus. Klar, es geht um den Konflikt zwischen dem etwas spießigen und vor allem ungeübten Vater, dem die Freizügigkeit seines Backfischs peinlich ist und der sie daher erfolglos „bändigen“ will. Außerdem sieht er sich recht bald der Eifersucht seiner Geliebten ausgesetzt, der die neue Tochter, die langsam, aber sicher das Herz des frischgebackenen Papas gewinnt, ein Dorn im Auge ist. Aber richtig komisch ist das alles nicht, und der völlige Verzicht auf den überdrehten Humor, den man mit einem solchen Stoff vielleicht assoziiert, macht die eh schon auf einem schmalen Grat wandelnde Inzestgeschichte erst so richtig ungemütlich. Das ist aber noch nicht alles, denn im letzten Drittel vollzieht BLUE JEANS eine 180-Grad-Wendung und verwandelt sich in einen Thriller bzw. Quasi-Noir. Da taucht nämlich ein alter Bekannter Danielas auf, der Zuhälter Sergio (Gianluigi Chirizzi), der gern das Vermögen des Papas einstreichen würde. So wird am Ende sogar noch gestorben – nicht allerdings, ohne dass sich die verhaltene Liebesgeschichte zwischen Papa und Tochter zur handfesten Romanze mit zartem Petting vor dem gemütlich prasselnden Kaminfeuer ausweitet …

Wie gesagt, das ist alles irgendwie hochgradig seltsam, und heute kaum noch nachvollziehbar. Fand man das damals in Italien wirklich witzig? Dass die Commedia sexy all’italiana sich nicht zwingend in Derbheit übte, habe ich ja schon in meinem Text zu LA MINORENNE geschrieben, aber Imperoli hat mit BLUE JEANS gewiss auch keine böse Gesellschaftskritik im Sinn gehabt. Sein Film sitzt zwischen allen Stühlen und will nicht wirklich funktionieren, auch wenn er gewiss kein echter Reinfall ist. Er lohnt sich vor allem deshalb, weil er moralisch ganz weit draußen ist, dabei aber aussieht und sich anfühlt wie ein Unterhaltungsfilm für die ganze Familie. Das so hinzubekommen, ist auch eine Kunst.

01807701Wenn man sich etwas intensiver mit dem oft verunglimpften Genre der Commedia sexy all’italiana befasst, stellt man irgendwann fest, dass unter diesen Begriff längst nicht nur FLOTTE TEENS-Filme fallen, in denen Gianfranco D’Angelo und Alvaro Vitali dumme Grimassen, Edwige Fenech und Nadia Cassini hingegen blank ziehen. Ein gutes Beispiel für die unterschlagenen Ausnahmen – neben dem zu Beginn des Jahres beim Terza Visione begeistert aufgenommenen MALIZIA – ist Silvio Amadios LA MINORENNE. Der zweite Film der ein Jahr später mit LA LICEALE auch in Deutschland bekannt gewordenen Gloria Guida ist nur wenig komisch, sondern ganz schön bitter und zeichnet kein allzu gutes Bild vom italienischen Bürgertum und der Kirche.

Valeria Sanna (Gloria Guida) besucht eine streng katholische Klosterschule. Die einzige körperliche Zuwendung, die die Jugendliche dort erfährt, sind die Grabschereien des Schularztes, ansonsten bleibt ihr nur die Flucht in ihre Fantasie: Dort wird sie von mit Motorradhelmen maskierten Jugendlichen im Wald vergewaltigt, von Nonnen in einem Folterkeller ausgepeitscht oder schneidet besagtem Arzt den Schniepel ab, während er von ihren Mitschülerinnen überfallen wird. Doch immer wieder dringt ihr streng dreinblickender Papa Massimo (Marco Guglielmi) in ihren Tagträumen auf und macht alles zunichte. Nach dem Abschluss zurück zu Hause findet sie ihr gegenüber gleichgültige Eltern vor, einen notgeilen Bruder Lorenzo (Luciano Roffi), der sich ein Zubrot damit verdient, seine Kumpels gegen Bezahlung dabei zusehen zu lassen, wie er das Hausmädchen (Gabriella Lepori) vernascht -, oder den örtlichen Pfarrer (Silvio Spaccesi) – pikanterweise sein Onkel – erpresst, der eine Affäre mit einer reichen Gesellschaftsdame hat. Carlo Salvi (Giacomo Rossi-Stuart), der beste Freund des Vaters, empfiehlt diesem ständig, seine angeblich unfähigen Angestellten zu entlassen, um die Rendite zu steigern, fotografiert Valeria beim Sonnenbaden, hat ein Verhältnis mit Franca (Rosemary Dexter), Valerias Mutter, sowie Naziuniformen und Peitschen im Wandschrank. Wie soll man unter solchen Menschen erwachsen werden?

Die Inhaltsangabe spricht für sich: Die Großbürger haben viel Geld, aber keine Moral, was sie damit kaschieren, dass sie sich mit der Kirche gemein machen, die ihrerseits vollkommen korrupt ist. Jeder hintergeht jeden, niemand interessiert sich für den anderen, alle Beziehungen sind letztlich ökonomisch geprägt: Man gibt sich miteinander ab, weil man sich davon einen Vorteil verspricht. Zwischen Erwachsenen und der Jugend verläuft eine unüberwindliche Kluft, eigentlich existiert man nur so nebenher, Liebe oder Empathie sind „pfui“, verweichlichter Kram, eher versteht man sich als Zuchtmeister seiner Brut, die man dann auch mal für mehrere Jahre wegschickt und sich über diese Zeit völlig fremd wird. Und der Jugend fällt bei solchen Vorbildern erwartungsgemäß auch nichts ein, was sie Gescheites mit dem eigenen Leben anfangen könnte.

LA MINORENNE ist bei aller komödiantischen Leichtfüßigkeit und Episodenhaftigkeit ziemlich schmerzhaft und schonungslos in der Zeichnung einer gespaltenen Gesellschaft, einer entkernten Jugend und innerlich erkalteter Erwachsener. Am bittersten aber ist, dass Amadio und Autor Regnoli selbst keinen Ausweg aus dieser fatalen Situation wissen. Das Ende wirkt nach rund 90 überaus bleichen Minuten wie Realitätsflucht. Da nimmt Valeria den desillusionierten Aussteiger und Künstler Spartaco (Corrado Pani) bei der Hand und läuft mit ihm am Strand entlang in eine anscheinend bessere, zumindest glücklichere Zukunft ohne verlogene Eltern und scheinheilige Geistliche. Love conquers after all. Aber so richtig zufriedenstellend ist das nicht.

maliziaEin Meisterwerk!

Salvatore Samperi drehte mit MALIZIA eine Commedia sexy all’Italiana, die nicht nur nichts mit den überbordenden Albernheiten der FLOTTEN TEENS-Filme zu tun hat, sondern auch weitaus mehr bietet, als man von einer „Sexkomödie“ gemeinhin erwarten würde. Das Lachen bleibt einem mitunter am dicken Kloß im Halse stecken, den zuvor die mitunter äußerst bittere Zeichnung eines von rigiden Moral- und Rollenvorstellungen bestimmten gesellschaftlichen Alltags und der auf diese unweigerlich folgenden Bigotterie  hinterlassen hat. Was beschwingt und heiter beginnt, mit einem kritischen, aber eher melancholisch-humorvollen, irgendwie auch etwas nachsichtigen Blick auf das Leben in einem erzkatholischen Land, entwickelt sich mit unaufhaltsamer Logik zum schmerzhaften, den Thriller und das Drama heftig streifenden Runterzieher, der am Ende keinen einzigen der Protagonisten unversehrt lässt und ein Happy End aufbietet, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Samperi – zum Zeitpunkt der Entstehung des Films gerade 29 Jahre alt und eine der Hoffnungen des italienischen Kinos – erzählte mit MALIZIA eine Geschichte, die ein für Italien sehr typisches Problem behandelte, wie Udo von L’amore in città in seiner Einführung zum Film berichtete: Die Fantasie, von einer älteren Frau in die Sexualität eingeführt zu werden, teilen wahrscheinlich Jungs auf der ganzen Welt, aber in Italien, wo Mädchen „unberührt“ in die Ehe gegeben werden sollten und junge Männer in der Regel beim Bordellbesuch mit dem Vater ihre Jungfräulichkeit verloren, war eine ganz andere Sehnsucht mit ihr verknüpft. Das sieht man eben auch in MALIZIA, in dem sich der etwa 13-jährige Nino (Alessandro Momo), Sohn des sizilianischen Geschäftsinhabers Ignazio (Turi Ferro) und einer von drei Söhnen, die den Tod ihrer Mutter betrauern, unsterblich in die junge, hübsche Haushaltshilfe Angela (Laura Antonelli) verliebt. Er ist nicht der einzige: Auch sein älterer Bruder, vor allem aber der eigene Vater machen der aparten Person Avancen, die Nino mit zunehmender Frustration beobachtet und denen er nichts entgegenzusetzen weiß, schließlich betrachten ihn alle noch als Kind. Die Qual, die die durch die ständige Anwesenheit Angelas entfachte Lust bei ihm verursacht, wächst ins Unermessliche, als der Papa seine Absicht verkündet, Angela zu heiraten. Und nun beginnt Nino ein grausames Spiel mit der wehr- und mittellosen Hausangestellten zu spielen, das ihm seinen Willen erfüllen und die Hochzeit hinauszögern soll.

Mithilfe der phänomenalen Kamerarbeit von Vittorio Storaro taucht Samperi die zunächst sehr komischen Vorgänge (der Film eröffnet mit der von zahlreichen Pannen begleiteten Totenwache) in ein warmes, goldenes Licht, das alles in einer nostalgisch aufgeladenen Vorvergangenheit zu verorten scheint und damit die geistige Nähe zum bitter-melancholischen Coming-of-Age-Film schafft. Auch Fred Bongustos geschäftig vorpreschendes Titelthema (das ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme) trägt seinen Teil dazu bei, dass man die Blüten, die der Katholizismus im Leben der Charaktere treibt, eher mit einem gewissen Amüsement betrachtet, denn mit der Ablehnung, die sie eigentlich verdienen. Das Leben von Ignazio und seinen Söhnen könnte gewiss schlimmer sein: Der Tod der Mutter wurde von allen erstaunlich gut, fast ein wenig zu gut verarbeitet, das Geschäft des Vaters läuft ebenfalls, die Söhne entwickeln sich nach Plan und Angela erweist sich als unersetzliche Hilfe, die Ignazio in wahre Verzückung – etwa über seine volle Unterwäscheschublade – versetzt. Und den hinter der Fassade der Gottesfurcht und Keuschheit verborgenen Sexismus, dem die wie ein Besitzstück behandelte Angela ausgesetzt ist, nimmt man auch deshalb so hin, weil die von ihm betroffene ihn selbst kaum wirklich zu registrieren scheint.

Die Stimmung kippt mit der anwachsenden Frustration Ninos, der einen für sein Alter überaus perfiden Einfallsreichtum an den Tag legt, wie er die Begehrte in die Ecke drängen kann. Hier erst kommt sowohl die Machtlosigkeit Angelas wie auch die vollkommene Blindheit Ignazios zum Vorschein, der nichts von dem, was in seinem Haus vorgeht, überhaupt registriert. Seine Zukünftige interessiert ihn als Mensch überhaupt nicht, er hat keinerlei Antennen für ihre Gefühle, noch fragt er nach der Ursache für ihr ausweichendes Verhalten ihm gegenüber, viel zu beschäftigt ist er mit den  Verpflichtungen, die mit der anstehenden Hochzeit einhergehen, etwa den Gesprächen mit dem Pfarrer, von dem er seinen Segen erwartet. Indessen wird aus jugendlichem Übermut ein perverses Machtspielchen, das die vermeintliche Unschuld des unreifen Knaben in arge Zweifel stellt. Die Stimmung spitzt sich im letzten Akt von Samperis Film massiv zu: Was vorher unter dem Deckel erst langsam vor sich hin simmerte, dann zu brodeln begann, kocht nun endgültig über: Eine schöne dramaturgische Entsprechung zu den Gefühlen Ninos, die erst durch die repressiv-verlogene Stimmung in seiner Heimat überhaupt solche Kraft entfalten können. Angela indessen geht ihrerseits in die Offensive und löst das Dilemma auf überraschende, aber konsequente Art und Weise. Doch dass der wiederhergestellte Frieden von Dauer ist, darf angesichts der bösen Schlusspointe stark bezweifelt werden.

MALIZIA schickte mich am Samstag durch ein Wechselbad der Gefühle: Ich lachte, vor allem über den Witwer Ignazio, der nie so wirklich die Autorität besitzt, die er sich selbst zuschreibt (seine strenge Mutter verbietet ihm in einer hübschen Episode ständig das Wort, sobald er nur den Mund öffnet), oder die zahlreichen liebevoll gezeichneten Nebenfiguren, litt mit dem verzweifelten Nino, der nach sexueller Druckentladung sucht, genauso wie mit Angela, die unverschuldet in eine für sie absolut verheerende Situation gerät. Samperi hat ganz offensichtlich nicht allzu viel übrig für die Kirche, die eine Atmosphäre der Bigotterie etabliert hat, aber den Menschen begegnet er mit viel Verständnis und Sympathie, egal wie schwach sie sein mögen, wie idiotisch sie sich verhalten, wie gemein sie bisweilen mit ihresgleichen umgehen. MALIZIA wird niemals ätzend oder zynisch, auch wenn der Schluss, wie erwähnt, nur wenig Hoffnung auf eine Besserung macht. Das passt auch zum tragischen Schicksal Laura Antonellis, die im vergangenen Jahr in völliger Armut mit 73 Jahren verstarb, nachdem eine Drogensucht und eine missglückte Schönheitsoperation ihre Karriere vor rund 25 Jahren schlagartig beendet hatten. Hier darf man sie in einer Performance bewundern, die gleichermaßen fragil wie kraftvoll ist und das warme Zentrum dieses großartigen Films bildet.

Taxi-Girl-film-images-679ca646-c156-4bb6-80ca-fdfb6ea31adHach, wie wunderbar, wenn man nach dem Abstecher in fremde Gefilde – mein Ausflug ins japanische Kino – mit  liebevoll geöffneten Armen und dem weich wogenden Busen der göttlichen Edwige Fenech empfangen wird. TAXI GIRL, einer von Tarantinis vielen Beiträgen zur Commedia sexy all’Italiana, war nach den doch sehr fordernden Filmen von Nakagawa, Wakamatsu, Ishii, Suzuki und Oshima genau das Richtige, eine wunderbar spritzige, leichtfüßige, freundliche und lebensfrohe Übung in absolut folgenloser Albernheit, und nebenbei einer der bislang besten Filme aus diesem unüberschaubaren – und in seinen deutsch synchronisierten Inkarnationen manchmal starke Nerven erfordernden – Genres. 1977 entstanden und mithin ein eher später Vertreter der Commedia sexy, hat TAXI GIRL den nicht zu unterschätzenden Vorteil, auf ein bereits fest etabliertes Ensemble aus Darstellern und ihren jeweiligen Personae zurückgreifen zu können. Als Zuschauer kann man sich entspannt zurücklehnen und dem freien Fluss kurzweiliger Episödchen hingeben, die um Edwige Fenechs titelgebende Taxifahrerin Marcella kreisen.

Natürlich ist Marcella der fleischgewordene Liebestraum sämtlicher Kollegen (darunter der unvergleichliche Alvaro Vitali wieder einmal als gutmütiger Pechvogel vom Dienst) sowie des Hallodris Ramon (George Hilton), eines rückgratlosen Playboys mit Minipli-Frisur und herrischer Ehefrau, die von seinen Irrwegen alles andere als begeistert und noch dazu ausgesprochen wehrhaft ist, sowie des tölpelhaften Polizisten Walter (Michele Gammino), der alle ihm zur Verfügung stehende Beamtenmacht mobilisiert, um Marcella auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem erweckt sie im Verlauf des Films noch das Interesse des Ölscheichs Abdul Lala (Franco Diogene), dem sie jedoch kurzerhand einen Laufpass gibt, weil sie nicht Teil seines Harems sein möchte, sowie des Mafiabosses Adonis (Aldo Maccione), bei dessen Festsetzung sie Kommissar Angelini (Enzo Cannavale) helfen soll. Dann gibt es da noch Walters depperten Kollegen Isidoro (herrlich blöd, wie immer: Gianfranco D’Angelo), der gern wie Tomas Milian oder Franco Nero wäre, beiden aber nur einmal wirklich nahe kommt, nämlich als er bei einem Motorradunfall mit dem Kopf durch ein Plakat von Milians SQUADRA ANTISCIPPO kracht, und natürlich Marcellas Eltern, die insgeheim davon träumen, dass endlich der Richtige für die Tochter kommt, ein gutverdienender, ehrbarer Bürger, damit sie ihren Job an Nagel hängen und sich dem Kinderkriegen und Haushaltführen widmen kann. Worauf Marcella, selbstständig Frau, die sie ist, natürlich rein gar keine Lust hat.

TAXI GIRL ist berückend und entzückend in seiner burlesken Antilogik: Gleich zu Beginn wird Marcella Zeuge eines Banküberfalls und ruft die Polizei an, die sofort schwer bewaffnet anrückt. Der vermeintliche Überfall entpuppt sich jedoch als Filmdreh und Marcella bekommt schweren Ärger von Angelini, obwohl der Fehler doch offenkundig bei der Polizei liegt. Dem Film ist das egal und auch Marcella fügt sich zwar entnervt, aber doch bereitwillig in ihr Schicksal. So geht das den ganzen Film hindurch: Alles wird immer auf den nächsten Konflikt, die nächste krachlederne Pointe hin konstruiert und man quietscht bald vor Freude, ob der sich immer neu ergebenden Katastrophen – die man natürlich schon von Weitem hat heraufziehen sehen. Alle Grenzen sprengt TAXI GIRL aber in seinem Showdown, einer vollkommen entgrenzten Verfolgungsjagd im Stile von Bogdanovichs WHAT’S UP, DOC?. Die immer absurder werdende Hatz führt die Teilnehmer schließlich nach Cinecittà, wo nicht nur die unterschiedlichsten Filmsettings, sondern auch Cowboys zu Pferde sowie als Polizisten verkleidete Statisten mit ins Chaos einbezogen werden. Man fragt sich, wohin das alles führen soll und offensichtlich wusste Tarantini selbst, dass es schwer werden würde, einen passenden Schlusspunkt zu finden, der nicht einer Enttäuschung gleichkommt. Also setzt er ihn ganz einfach: Die Protagonisten lassen spontan von der Jagd ab, deren ursprüngliches Ziel eh längst vergessen ist, fassen sich an den Händen und tanzen einen ausgelassenen Ringelpiez. Und das Herz des geneigten Zuschauer tanzt mit.