Mit ‘Corrado Pani’ getaggte Beiträge

00250504Nach seiner produktiven Giallophase in den frühen Siebzigern mit so exzellenten Genrebeiträgen wie LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH, LA CODA DELLO SCORPIONE, TUTTI I COLORI DEL BUIO, IL TUO VIZIO È UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVE und natürlich I CORPI PRESANTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE widmete sich Martino dem populärer werdenden Poliziesco sowie dem Gangsterfilm, ohne dabei jedoch an seine vorangegangenen Höchstleistungen anknüpfen zu können. LA CITTÀ GIOCA D’AZZARDO ist ganz hübsch, aber auch ziemlich unoriginell. Zum Teil ist das durchaus Zweck der Übung: Man merkt dem Film deutlich an, dass Martino mit ihm den großen US-amerikanischen Gangsterfilmen aus den Dreißigerjahren seine Reverenz erweisen wollte.

So scheint die eigentlich in Mailand angesiedelte Geschichte – es geht um den Zocker Luca (Luc Merenda), der vom Casino-Besitzer und Crimelord (Enrico Maria Salerno) eingestellt wird, um Pokerspielern das Geld aus der Tasche zu ziehen, es sich dann aber mit dessen Sohn Corrado (Corrado Pani) verscherzt, als er ihm die hübsche Maria Luisa (Dayle Haddon) ausspannt – zeitweise in einer Simulation der Zwanzigerjahre bzw. einer Siebzigerjahre-Appropriation jener Zeit zu spielen. Da läuft dann Luca in „Gangsteranzügen“ rum, erinnert das Ambiente des Casinos an längst vergangene dekadente Zeiten, während das Casino doch tatsächlich in einem scheußlichen Betonklotz ist, der nicht gerade zum Träumen einlädt. Leider wird diese Qualität nicht weiter ausgebaut und auch inhaltlich nicht aufgegriffen: LA CITTÀ GIOCA D’AZZARDO erzählt einer vor 40 Jahren schon nicht mehr originell zu nennende Geschichte, die nahezu ohne echte eigene Einfälle auskommt. Die Liebe zur schönen Frau, die Rivalität mit Corrado, die Racheaktion, bei der dem Zockerprofi die spitzen Fingerchen zertrümmert werden, die Wiedergenesung, der Hass des Papas auf den Sohn, den er leider nicht ausagieren kann, weil Blut nun mal dicker ist als Wasser, das Gelübde des Helden gegenüber seiner Frau, mit dem Spielen aufzuhören, das natürlich gebrochen werden muss, because a man’s got to do what a man’s got to do: Man kennt das alles irgendwoanders her. Nur von der Hetzjagd, die der Titel verheißt, sollte man sich nicht zu viel versprechen.

LA CITTÀ GIOCA D’AZZARDO ist ein ganz unterhaltsamer kleiner Timewaster, handwerklich sauber gemacht und mit einigen schönen Bildern, aber definitiv keine Glanzleistung. Kann man gucken, wenn man die Highlights schon hinter sich hat, oder was braucht, was leicht reinläuft und nicht belastet.

01807701Wenn man sich etwas intensiver mit dem oft verunglimpften Genre der Commedia sexy all’italiana befasst, stellt man irgendwann fest, dass unter diesen Begriff längst nicht nur FLOTTE TEENS-Filme fallen, in denen Gianfranco D’Angelo und Alvaro Vitali dumme Grimassen, Edwige Fenech und Nadia Cassini hingegen blank ziehen. Ein gutes Beispiel für die unterschlagenen Ausnahmen – neben dem zu Beginn des Jahres beim Terza Visione begeistert aufgenommenen MALIZIA – ist Silvio Amadios LA MINORENNE. Der zweite Film der ein Jahr später mit LA LICEALE auch in Deutschland bekannt gewordenen Gloria Guida ist nur wenig komisch, sondern ganz schön bitter und zeichnet kein allzu gutes Bild vom italienischen Bürgertum und der Kirche.

Valeria Sanna (Gloria Guida) besucht eine streng katholische Klosterschule. Die einzige körperliche Zuwendung, die die Jugendliche dort erfährt, sind die Grabschereien des Schularztes, ansonsten bleibt ihr nur die Flucht in ihre Fantasie: Dort wird sie von mit Motorradhelmen maskierten Jugendlichen im Wald vergewaltigt, von Nonnen in einem Folterkeller ausgepeitscht oder schneidet besagtem Arzt den Schniepel ab, während er von ihren Mitschülerinnen überfallen wird. Doch immer wieder dringt ihr streng dreinblickender Papa Massimo (Marco Guglielmi) in ihren Tagträumen auf und macht alles zunichte. Nach dem Abschluss zurück zu Hause findet sie ihr gegenüber gleichgültige Eltern vor, einen notgeilen Bruder Lorenzo (Luciano Roffi), der sich ein Zubrot damit verdient, seine Kumpels gegen Bezahlung dabei zusehen zu lassen, wie er das Hausmädchen (Gabriella Lepori) vernascht -, oder den örtlichen Pfarrer (Silvio Spaccesi) – pikanterweise sein Onkel – erpresst, der eine Affäre mit einer reichen Gesellschaftsdame hat. Carlo Salvi (Giacomo Rossi-Stuart), der beste Freund des Vaters, empfiehlt diesem ständig, seine angeblich unfähigen Angestellten zu entlassen, um die Rendite zu steigern, fotografiert Valeria beim Sonnenbaden, hat ein Verhältnis mit Franca (Rosemary Dexter), Valerias Mutter, sowie Naziuniformen und Peitschen im Wandschrank. Wie soll man unter solchen Menschen erwachsen werden?

Die Inhaltsangabe spricht für sich: Die Großbürger haben viel Geld, aber keine Moral, was sie damit kaschieren, dass sie sich mit der Kirche gemein machen, die ihrerseits vollkommen korrupt ist. Jeder hintergeht jeden, niemand interessiert sich für den anderen, alle Beziehungen sind letztlich ökonomisch geprägt: Man gibt sich miteinander ab, weil man sich davon einen Vorteil verspricht. Zwischen Erwachsenen und der Jugend verläuft eine unüberwindliche Kluft, eigentlich existiert man nur so nebenher, Liebe oder Empathie sind „pfui“, verweichlichter Kram, eher versteht man sich als Zuchtmeister seiner Brut, die man dann auch mal für mehrere Jahre wegschickt und sich über diese Zeit völlig fremd wird. Und der Jugend fällt bei solchen Vorbildern erwartungsgemäß auch nichts ein, was sie Gescheites mit dem eigenen Leben anfangen könnte.

LA MINORENNE ist bei aller komödiantischen Leichtfüßigkeit und Episodenhaftigkeit ziemlich schmerzhaft und schonungslos in der Zeichnung einer gespaltenen Gesellschaft, einer entkernten Jugend und innerlich erkalteter Erwachsener. Am bittersten aber ist, dass Amadio und Autor Regnoli selbst keinen Ausweg aus dieser fatalen Situation wissen. Das Ende wirkt nach rund 90 überaus bleichen Minuten wie Realitätsflucht. Da nimmt Valeria den desillusionierten Aussteiger und Künstler Spartaco (Corrado Pani) bei der Hand und läuft mit ihm am Strand entlang in eine anscheinend bessere, zumindest glücklichere Zukunft ohne verlogene Eltern und scheinheilige Geistliche. Love conquers after all. Aber so richtig zufriedenstellend ist das nicht.

Bei LE NOTTI DEI TEDDY BOYS kam echte Hofbauer-Kongress-Atmosphäre auf. Warum ich das so empfunden habe, ist nicht ganz leicht zu erklären. Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, dass keiner der Anwesenden, noch nicht einmal die Kuratoren des Terza Visione selbst, Leopoldo Savonas Film zuvor gesehen hatten. Man wusste demnach nicht genau, was da kommen würde, und meine Haltung war dann auch eher ein entspanntes „Mal sehen“, als dass ich wirklich echte Erwartungen an LE NOTTI DEI TEDDY BOYS geknüpft hätte. Immerhin hatte ich aber eine ungefähre Vorstellung, was inhaltlich auf mich zukommen würde, war Savonas Film doch von den Veranstaltern – sofern das bei dem Titel überhaupt nötig war – als Vertreter des Juvenile-Delinquents-Genres enthüllt worden. Die Schlagrichtung schien somit klar: etwas Action und Crime, etwas Musik mit Fünfzigerjahre-Zeit- und -Lokalkolorit, etwas züchtiger Sex und am Ende eine konservative Moral von der Geschicht, damit die Jugend keine falschen Schlüsse zöge. Aber weit gefehlt: LE NOTTI DEI TEDDY BOYS entpuppte sich dann als ungemein lebhafter, bisweilen zum Schreien komischer Film mit wunderbarer Schwarzweiß-Fotografie und durchaus vielschichtig gezeichneten Charakteren, der das Publikum kollektiv verzückte und für viele als heimlicher Favorit hervorging.

Es geht um eine „Bande“ wohlhabender Schüler und Studenten im sommerlichen Rom: den arroganten Constantino (Corrado Pani), den immer gut gelaunten, etwas tumben Nino (Ennio Girolami) und den ruhigen Mario (Geronimo Meynier). Sie träumen nicht nur von den Mädchen, sondern auch vom großen Geld und einem Weg, es ohne Arbeit zu verdienen. Als die drei Freunde aus Spaß ein Liebespaar in seinem Auto überfallen und plötzlich bares Geld in ihren Händen halten, wissen sie, wie es geht. Außerdem erpressen sie den gutmütigen Barbesitzer Annibale (Mario Carotenuto), den sie mit seiner Geliebten erwischen. Nach anfänglicher Erfolgsserie gibt es aber irgendwann Probleme: Nicht nur wächst der Wunsch nach mehr, Mario bringt sich und seine Freunde auch in Gefahr, als er Annibale seinen Anteil von der Erpressung zurückgibt …

Ich werde jetzt icht allzu tief ins Detail gehen: Die Sichtung liegt nun schon einige Tage zurück und irgendwann will ich mit der Aufarbeitung des 2. Terza Visione-Festivals ja auch mal fertig werden. Was mir an LE NOTTI DEI TEDDY BOYS neben dem Gesamtentwurf, der Tragik und Komik, ernsthafte Gesellschaftsbetrachtung und flockiges Entertainment gekonnt vereint, am besten gefallen hat, ist Mario Carotenuto. Ich kannte den Komödianten bislang aus einigen Filmen der FLOTTE TEENS-Reihe und fand ihn dort schon sehr komisch, hier hat er nun das Glück, dass auch der Film um ihn herum toll ist. Er gibt den jämmerlichen Annibale als wild gestikulierenden, sich ständig als Opfer der Umstände inszenierenden, bemitleidenswerten Narren, der erst mit den Finanzen, dann mit den Erpressern und schließlich auch noch mit seiner bärbeißigen Gattin zu kämpfen hat. Die Szenen, in denen sie ihm übers Maul fährt und keinen Zweifel daran lässt, wer von beiden die Hosen anhat, waren die wahrscheinlich witzigsten des Fesivalwochenendes. Überhaupt zeichnete sich LE NOTTI DEI TEDDY BOYS bis in die kleinste Nebenrolle über glaubwürdige, witzige Figuren und die tollen, schlagfertigen Dialoge aus, bei denen die deutsche Synchro wahrhaft meisterliche Arbeit geleistet hat. Ein wunderbarer Film, bei dem es fraglich ist, ob man ihn noch einmal irgendwo zu Gesicht bekommen wird. Es wäre ihm zu wünschen.

01712801Roberto (Corrado Pani) reist nach Tahiti, um dort seine Gattin Marita (Haydée Politoff) wiederzutreffen. Im Hotel erfährt er, dass sie bereits abgereist sei, lernt aber dafür die verführerische Susanne (Doris Kunstmann) kennen, die sich auf der Südseeinsel niedergelassen hat und dort ein Leben voller sinnlicher Genüsse lebt. Es entwickelt sich eine seltsame Beziehung zwischen den beiden: Sie hat Europa, das sie – wie Marita – als beengend empfand, den Rücken gekehrt, eine Entscheidung, die vom versnobbten Roberto mit äußerster Herablassung quittiert wird, nicht zuletzt, weil er sich als europäischer Mann gekränkt fühlt. Für ihn ist der Traum von einem Leben im Paradies eine lächerliche Spinnerei und das will er auch Marita klar machen. Er findet sie auf Bora Bora, wo sie mit einem einheimischen Fischer lebt, und eröffnet ihr, sich ebenfalls dort niederlassen zu wollen …

BORA BORA war der wahrscheinlich polarisierendste Film des Festivals, jedenfalls vernahm ich danach einige Stimmen, die sich nur wenig angetan von dem Beziehungsdrama zeigten. Mir hingegen – von mittlerweile vier Hofbauer-Kongressen gestählt, was komplizierte Liebschaften und Ehen angeht – hat BORA BORA sehr gut gefallen; allerdings mit der Einschränkung, dass ich nicht ganz verstehe, welche Probleme Männer und Frauen im intellektuellen europäischen Kino der Sechzigerjahre miteinander zu lösen versuchten. Das Hin und Her zwischen Roberto, einem Arschloch vor dem Herrn, und Marita nimmt gegen Ende, als die beiden es gegen alle Wahrscheinlichkeit und Vernunft geschafft haben, wieder zusammen im Bett zu landen, bizarre Auswüchse an und eigentlich wünscht man sich, dass ein Blitzschlag oder eine andere Form der göttlichen Intervention ihnen und ihrer Unfähigkeit zum Glück ein Ende macht. Man muss sich von der Idee freimachen, dass es hier (und in vergleichbaren Filmen) um psychologisch ausgefeilte Charaktere geht. Roberto, Marita und Susanne sind in erster Linie Repräsentanten bestimmter Vorstellungen und Lebenskonzepte, und der Disput zwischen ihnen eher eine Art filmisch ausgetragener Diskussion. BORA BORA handelt vom Gegensatz zwischen „Zivilisation“ und „Natur“, Materialismus und Idealismus, zwischen sexueller Selbstbestimmung und moralischer Konvention, kurz: zwischen Freiheit und Zwang. Roberto ist durch und durch rationalisiert, vollkommen unfähig dazu, sich so fallen zu lassen wie Susanne und Marita das können, und daher auch ein nur mäßiger Liebhaber und Sexualpartner. Andererseits hat er mit seiner Kritik natürlich nicht Unrecht: Maritas Traum der Weltenflucht ist hochgradig naiv und kurzsichtig, ihre Weigerung, sich mit ihrem Gatten überhaupt auseinanderzusetzen, feige und unreif. Robertos Konfrontation ist unverschämt, aber er hat Grund zu der Annahme, dass Marita umkippt, wenn er nur lang genug interveniert. Und so kommt es dann ja auch.

BORA BORA sieht fantastisch aus, nutzt die farbenprächtige Südseekulisse, die satten Grün- und Blautöne, weidlich aus und strahlte den Besuchern in einer atemberaubenden Technicolor-Kopie von der Leinwand entgegen, die nicht die geringsten Anzeichen von Gebrauch erkennen ließ. Doris Kunstmann begeisterte mich als selbstbewusste, provokante und erotische Verführerin mit Katzenblick; kein Vergleich zu ihrer undankbaren Liebchen-Rolle in UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN. Eine Tiertötungsszene kurz vor Ende – wie in Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST wird eine Wasserschildkröte umgebracht und auseinandergenommen – bedeutete einen heftigen Schlag in die Magengrube, brachte aber auch noch einmal nachhaltig zum Vorschein, worum es Liberatore vermutlich ging: dass der Westeuropäer die Welt, in die er hineingeboren wurde, nicht einfach ablegt und durch eine neue ersetzt, schon gar nicht, wenn es sich dabei um eine handelt, die deutlich archaischer ist. Ich halte die immer wieder aufkeimende Tiersnuff-Debatte überdies für ziemlich scheinheilig: In den Kühlregalen unserer Supermärkte liegen Tonnen von industriell erzeugten Fleischprodukten, aber kaum führt ein Filmemacher einmal vor, was eigentlich dahintersteckt, entdecken alle ihre Tierliebe und die Moral. Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht der Meinung, dass Tiere zur bloßen Unterhaltung getötet werden sollten, und ich will das eigentlich auch nicht sehen. Aber genau darum geht es ja auch: Das, was da abgebildet wird, passiert jeden Tag tausendfach, und dass da nun eine Kamera anwesend ist, macht die Sache keinesfalls schlimmer. Tiere werden von Menschen getötet, und es kann nicht schaden, sich das in aller blutigen Konsequenz vor Augen zu halten. (Ich bin übrigens kein Vegetarier.)