Mit ‘Cyril Cusack’ getaggte Beiträge

Udo Rotenberg hat erst kürzlich über die Bedeutung geschrieben, die Enrico Maria Salerno für das Genre des italienischen Polizeifilms einnimmt (und sich bereits vor einiger Zeit auch über LA POLIZIA RINGRAZIA ausgelassen). Der 1994 verstorbene Schauspieler – Lesern meines Blogs ist er wahrscheinlich aus Argentos L’UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO oder aus L’ULTIMO TRENO DELLA NOTTE ein Begriff – war 1972 bereits seit über 20 Jahren im Geschäft und versah seinen Dienst gewissermaßen an der Schnittstelle zwischen dem politischen cinema di denuncia, wie es ein Damiano Damiani geprägt hatte, und dem folgenden Poliziesco, der in den mittleren Siebzigerjahren seinen Popularitätshöhepunkt erlebte. In LA POLZIA RINGRAZIA (zu Deutsch: „Die Polizei dankt“) stattet er seinen Commissario Bertone mit einer gewissen Resignation und Amtsmüdigkeit aus, die im Kontrast zu den cholerischen Heißspornen steht, die ein paar Jahre später die Straßen der italienischen Metropolen aufräumen sollten. Die späteren Polizieschi boten gewissermaßen die reaktionäre Katharsis, mit Männern wie Maurizio Merli, die als italienische Dirty Harrys Schluss mit dem lichtscheuen Gesindel machten und den Untergang des Humanismus mit Kanonenschlägen aus großkalibrigen Handfeuerwaffen einläuteten. In LA POLIZIA RINGRAZIA befinden wir uns gewissermaßen auf dem Gipfelpunkt, in jenem Moment der Schwerelosigkeit, der kurz vor dem ungebremsten Absturz in die Tiefe eintritt: Die Gesellschaft stellt eben erst fest, dass sie dem grassierenden Verbrechen nicht mehr Herr wird und gerät darüber in Aufruhr. Die Presse wettert in Vertretung des Volkes, das sich im Stich gelassen fühlt, gegen die Polizei, der angegriffene Bertone teilt aus gegen die Journalisten und „die da oben“ im Parlament, die die Befugnisse der Beamten mit ihrer Gesetzgebung beschneiden, und skrupellose Winkeladvokaten, die auch den größten Abschaum noch verteidigen und sich daran bereichern. Vor dem Präsidium versammelt sich ein Lynchmob aufgebrachter Bürger, als ihnen dort Verdächtige in einem Mordfall präsentiert werden. Und dann tritt das „Syndikat“ auf den Plan, eine Organisation, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Rom zu säubern, und der Polizei die Arbeit abnimmt …

Der Unterschied zu den späteren Polizieschi liegt auf der Hand: So sehr Bertone auch die Faust in der Tasche ballen mag, so sehr er sich wünscht, mal ordentlich dazwischenzuknüppeln und das Gesindel in seine Schranken zu verweisen, so sehr ihn die Strauchdiebe und Taugenichtse auf der Straße auch anwidern, die sich mit Gewalt an Unschuldigen bereichern wollern, und ihn das kluge Gerede seiner Journalistenfreundin Sandra (Mariangela Melato) nervt, die der Meinung ist, dass System sei Schuld, nicht der Mensch, er will doch nach den Regeln spielen. Fast noch wütender als die eigene Machtlosigkeit und die Brutalität der Kriminellen macht ihn die Tatsache, dass seine Polizeikollegen die Taten der Vigilanten begrüßen. Es geht in LA POLIZIA RINGRAZIA nicht um Rache, nicht um das Widerherstellen einer aus den Fugen geratenen Bilanz durch das alttestamentarische „Auge um Auge“, sondern darum, die Ordnung und die Autorität des Staates wiederherzustellen. Das Gesetz ist außer Kraft: Die Verbrecher werden nicht davon abgehalten, gegen die Regeln zu verstoßen, die Sanktionierung funktioniert nicht mehr, weil das System seine Zähne verloren hat. Die Selbstjustiz des Syndikats stellt zwar die Bestrafung der Übeltäter sicher, aber sie verabsolutiert sich selbst dabei und wird damit zu einer neuen Bedrohung.

Regisseur Steno, in Deutschland vor allem für seine vier Filme um den Polizisten Plattfuß sowie BANANA JOE bekannt, inszeniert LA POLIZIA RINGRAZIA nicht als harten Actionreißer, sondern geht sein Thema sehr diskursiv an. Die Idee von Gerechtigkeit, das Wesen von Gesetz und Staatsmacht und die Missstände im Italien der fürhen Siebziger werden von den verschiedensten Seiten beleuchtet und immer wieder in de Dialogen thematisiert. So entsteht ein sehr differenziertes Bild, das keinen Raum lässt für einfache Lösungen. Das Ende ist dann auch typisch für das cinema di denuncia, illustriert die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber dem Apparat, dessen Selbsterhaltungsmechanismus perfekt funktioniert. Bertone hat die Drahtzieher des Syndikats zwar ausfindig gemacht, doch sie sind zu mächtig, als sich von einem kleinen Polizeibeamten in die Suppe spucken zu lassen. Bertone endet wie eines ihrer zahlreichen Opfer: erschossen im Dreck. Man ahnt, dass es auch Staatsanwalt Ricciuti (Mario Adorf), der weitere Ermittlungen einleiten will, nicht anders gehen wird. Der Weg für Maurizio Merli ist geebnet …

Alec Leamas (Richard Burton) ist nach Jahren der Geheimdiensttätigkeit für Großbritannien zwischen den Fronten des Kalten Krieges zermürbt, am Ende. Sein Auftraggeber Control (Cyril Cusack) schickt ihn auf seine letzte Mission, nach der Leamas endlich „aus der Kälte hereinkommen“ darf, wie im Geheimdienstjargon der Ausstieg aus dem Dienst genannt wird. Ziel seiner letzten Operation ist es, den russischen Agenten Mundt (Peter van Eyck), Leamas‘ Erzfeind, vor seinen eigenen Leuten als Doppelagent zu diffamieren und so seine Liquidierung zu erzielen. Zunächst läuft alles planmäßig, doch ausgerechnet die sich anbahnende Liebesbeziehung zur britischen Kommunistin Nan (Claire Bloom) wird ihm zum Verhängnis …

THE SPY WHO CAME IN FROM THE COLD, der auf einem frühen Bestseller John Le Carrés basiert, stellt ganz oberflächlich betrachtet zunächst einmal eine deutliche Abkehr von Ritts bisherigem Ansatz dar: Auch wenn er sich bereits zuvor mit politischen Themen wie Rassismus, Sexismus und den gesellschaftlichen Missständen einer kapitalistisch geprägten Welt allgemein beschäftigt hatte, so übte er seine Kritik doch stets vor dem Hintergrund zwar repräsentativer, aber dennoch vor allem individueller, persönlicher Schicksale. Natürlich geht es auch in THE SPY WHO CAME IN FROM THE COLD in erster Linie um Leamas und darum, welche Auswirkungen seine Tätigkeit auf sein Leben hat, aber sein Schicksal vollzieht sich hier nun vor dem Hintergrund weltpolitischer Ereignisse. Es geht genau um diesen Kontrast: darum, wie eben Politik von Menschen gemacht wird, deren persönliche Probleme plötzlich eine Tragweite erhalten, die über ihr eigenes Befinden weit hinausgeht; darum, wie umgekehrt die großen, wichtigen, das einzelne Individuum transzendierenden und die ganze Welt betreffenden Angelegenheiten von einem einzelnen Mann ausgehandelt und verarbeitet werden müssen. Wie kann ein einzelner Mensch diese Last tragen, ohne darunter zu zerbrechen? Es geht nicht.

Wenige Jahre, nachdem die James-Bond-Reihe mit sensationellem Erfolg angelaufen war, inszenierte Martin Ritt seinen düsteren Kalter-Krieg- und Spionagethriller als deutlichen Gegenentwurf zu deren Jet-Set-Pop-Fantasien. Oswald Morris fängt das Geschehen in dunklen, ungemütlichen, fast klaustrophobischen Bildern ein, fast der gesamte Film spielt in Innenräumen, in denen die Protagonisten sich in langen Dialogen verstricken, und wenn es dann doch einmal nach draußen geht, befindet man sich entweder am nächtlichen, von Stacheldraht gesäumten Checkpoint Charlie, am regnerischen Trafalgar Square, an der kargen niederländischen Nordseeküste oder in einem winterlichen Nadelwald irgendwo in Osteropa: Keine Spur von den exotischen Paradiesstränden, die Sean Connerys Superagent zur selben Zeit regelmäßig besuchen durfte. Die Musik von Sol Kaplan akzentuiert nicht die Taktierereien der Blöcke, die globalpolitischen Umwälzungen, sondern das menschliche Drama, das sich vor den Augen des Zuschauers vollzieht und Richard Burton spielt den Leamas nicht als weltgewandten und tollkühnen Charmeur und Lebemann, sondern als ausgebrannten Beamten, der den Glauben, für die richtige Seite zu arbeiten oder dafür, dass es diese überhaupt gibt, längst verloren hat. Burton, dem der Sinn für das rechte Maß sowohl beruflich als auch privat manchesmal abhanden kam, agiert hier, in einem Part, der ihm durchaus die Gelegenheit geboten hätte, auf seine ihm eigene, unverwechselbare Weise zu chargieren, mit angemessener Zurückhaltung und lässt den großen Namen hinter der Rolle fast vollständig vergessen. Der Clou an diesem Film, der vor lauter Konzentration und Kompaktheit fast Atemnot erzeugt, ist aber das raffinierte Drehbuch: Es gehört beim Agentenfilm ja fast zum guten Ton, dass man als naiver Durchschnittsmensch schnell den Überblick verliert; hier ist das genauso, was aber eben nicht an einer überkomplizierten Handlung liegt, sondern allein in der Struktur des Scripts begründet ist. Zum Verständnis wichtige Informationen werden lange zurückgehalten und dann mit verblüffendem Effekt nachgereicht. Diese Strategie funktioniert perfekt, weil so nicht nur die gegnerischen Agenten auf Leamas Täuschungsmanöver hereinfallen, sondern der Zuschauer gleich mit ihnen. Den Glauben an einen Spion, der sich in dieser Welt des Verrats, der Täuschung und versteckter Agendas mit Eleganz und Souveränität bewegt, zerschlägt Ritt mit Nachdruck: Ein Mensch muss hier früher oder später scheitern oder seelisch verkrüppeln. Den entscheidenden Twist, der das Treiben der Geheimdienste endgültig als amoralisch und unmenschlich enttarnt, verrate ich natürlich nicht. Er ist aber nur der krönende Abschluss eines Films, der sich zwar nicht unbedingt als Meisterwerk aufdrängt, aber trotzdem kaum anders bezeichnet werden kann.

Plata (Terence Hill) und Salud (Bud Spencer) machen im Auftrag von Saluds chronisch unzuverlässigem Bruder Handelsflüge durch Kolumbien und riskieren dabei mehr als einmal Kopf und Kragen. Ihre Glückssträhne scheint gerissen, als sie mitten im kolumbianischen Urwald eine Bruchlandung machen müssen und nun zwischen lauter mittellosen Schürfern festsetzen. Improvisationstalente, die sie sind, verdienen sie sich ein bisschen Geld mit kleinen Flügen, doch beschwören sie damit den Zorn von Mr. Ears (Reinhard Kolldehoff) herauf, der den gesamten Flugverkehr der Region kontrolliert und seine Schläger auf die beiden ansetzt …

PIÙ FORTE, RAGAZZI! ist der erste gemeinsame Nicht-Western des berühmten Duos und gilt vielen Fans als ihr bester, was ich hier nicht weiter erörtern will. Für mich, der ich auch mit diesem Film enge emotionale Bande geknüpft habe, stand er immer etwas im Schatten der beiden TRINITÀ-Filme, was wohl auch daran liegt, dass er nicht innerhalb einer mythologisch überformten Wild-West-Welt, sondern mitten in einer dem Mitteleuropäer doch ziemlich fremden Realität angesiedelt ist. Frönen spätere Werke der beiden dem reinen Eskapismus, geht es hier um die Kehrseite abenteuerlichen Aussteigertums, um bittere Armut und die Frage, welchen Weg man einschlägt, um ihr zu entrinnen, und wie viel man dabei von sich selbst dabei aufgeben darf. Die Sozialromantik, die in späteren Spencer&Hill-Filmen ihres kritischen Impetus weitestgehend beraubt und auf den Status einer bloßen Dekoration gekürzt ist, ist der Motor von PIÙ FORTE, RAGAZZI!, und es gelingt Colizzi, die Charaktere seiner beiden Protagonisten am schärfsten herauszuarbeiten.

Salud ist der Donald Duck der beiden, ein Verlierer, der insgeheim noch davon träumt, einmal auf der Gewinnerseite zu stehen und von diesem Traum angetrieben versucht, sich mit dem System zu arrangieren. Weil er jedoch nicht intelligent genug ist, dessen Spielregeln zu durchschauen, steht er am Ende des Tages immer nur wieder als Verlierer dar. Plata hingegen steht komplett außerhalb des Systems. Er spielt bei dessen Spiel nur zum Schein mit, folgt nicht dem schnöden Mammon, an dem ja immer das Blut der Unterprivilegierten klebt, sondern einem festen Wertesystem. Er weiß, dass es kein richtiges Leben im Falschen geben kann und trifft seine Entscheidungen gemäß diesem Wissen – auch für Salud, dessen missmutiges Grummeln darüber die Ohnmacht des einfachen Mannes ausdrückt, der mit der Effektivität seines Über-Ichs hadert.

Das Dilemma Saluds kommt in einer Episode besonders schön zum Vorschein: Vom senilen Schürfer Matto (Cyril Cusack) vor dem Einschlafen mit dem Versprechen von etwas zu Essen geködert, lässt sich Salud zu einer langen Wanderung überreden, an deren Ziel Matto ihm einen Berg zeigt. Matto wird ganz melancholisch, erzählt Salud, wie glücklich ihn allein der Anblick dieses Berges macht, der in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Aus Salud, einem eher handfesten Kerl, dem Gefühlsduselei fremd ist, bricht es heraus: Er sei müde, habe Hunger und müsse sich jetzt auch noch von einem Halbverrückten vollquatschen lassen. „Von deinem Scheißberg werde ich doch nicht satt!“ Träume und Ideale sind schön, aber solange existenzielle Bedürfnisse nicht gestillt sind, sind sie eitler Kram. An diesem Punkt kommt dann üblicherweise Plata ins Spiel, der als Mephistopheles-Figur dafür sorgt, dass Salud nicht zum zynischen Opportunisten wird. Im Kern ist er nämlich ein herzensguter Kerl: Nur gerät er schnell in Versuchung, das Gegenteil zu erproben.

PIÙ FORTE, RAGAZZI! wird noch nicht von der Formel erdrückt, die er entscheidend mitzuformulieren half und die dann später wieder und wieder abgespult wurde. Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist zwar bereits etabliert – und filmgeschichtlich m. E. total unterschätzt: Hill und Spencer gehören für mich zu den großen komödiantischen Duos des vergangenen Jahrhunderts – , Rainer Brandt sorgt mit seiner erneut genialen Synchro für den richtigen Ton, doch stehen Hill & Spencer noch im Dienste einer richtigen Geschichte. Es gibt einige wunderschöne, ja geradezu herzzerreißende Szenen in Colizzis Film: Ich liebe die Verzweiflung des Hinkenden, der zu spät zu Saluds und Platas Bierverkauf kommt und darüber fast zu vergehen scheint – Glück ist manchmal etwas sehr Banales. Auch toll ist die Sequenz, in der Salud bei einem Unwetter und einer Sichtweite von „zero zero“ mit seinem Flugzeug startet, um einen schwer Verwundeten ins nächste Krankenhaus zu bringen. Hier braucht es dann auch keinen Plata mehr, um den Philantropen aus Salud herauszukitzeln. Nichts übertrifft jedoch das Ende und das Schicksal, das den sympathischen Irren Matto ereilt: Die entsprechende Szene packt mich auch nach über 20 Jahren immer noch am Kragen und wringt die Tränen aus mir heraus. Nimmt man nun noch unsterbliche Sprüche hinzu, wie jenen, als Salud ein Klappmesser als „Ansichtskarte aus Solingen“ bezeichnet oder einen „Griff zum Wegschmeißen“ an seinem schrottigen Flugzeug vermisst (ein Spruch, der zum festen rhetorischen Inventar meiner Familie zählt), dann hat man ein Gottesgeschenk von einem Film, der für mich ohne Frage zu den allergrößten zählt und auf der imaginären Punkteliste natürlich eine glatte 10 erhält.