Mit ‘D. J. Caruso’ getaggte Beiträge

Heute erscheint mir das bescheuert, aber damals verband ich riesige Hoffnungen mit XXX. Zuvor hatte mich Vin Diesel im tollen PITCH BLACK begeistert und nach dem Überraschungserfolg von THE FAST AND THE FURIOUS schien er das nächste große Ding des Actionfilms zu sein. Das riesige Plakat, das XXX an der A46 vor Düsseldorf allen ankündigte, die in die Stadt fuhren, war ein ziemlich deutliches Statement – und sah ziemlich geil aus. Ich weiß nicht genau, was ich von dem Film wusste oder mir genau versprach, aber als ich ihn dann sah, war ich einfach nur enttäuscht. Statt eines feisten Actioners gab es „coole“ Sprüche und doofe Gags ohne einen Funken Gewalt, das reichlich verspäte Anknüpfen an die Extremsportwelle, die damals schon Schnee von gestern war, enttarnte XXX als Marketingvehikel, das von ein paar desinteressierten Fuzzis in einer Frappuccino-geschwängerten Nacht erdacht worden war.

15 Jahre später also XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE, ein Film, auf den wahrscheinlich niemand wirklich gewartet hat, der aber mit dem Selbstbewusstsein auftritt, als sei er ein Jahrhundertevent. Die Produzenten haben sich die FAST & FURIOUS-Erfolgsreihe ganz genau angeschaut und Notizen gemacht. Auch da hätte nach TOKYO DRIFT keiner Geld darauf setzen wollen, dass die Menschen unbedingt eine Reunion der Charaktere aus dem nun nicht gerade revolutionären ersten Teil brauchten, der zu diesem Zeitpunkt gute fünf Jahre alt war. Tja, und heute zählt das Franchise zu einem der erfolgreichsten und wir erwarten gespannt den neunten Eintrag der Reihe. XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE macht es ganz ähnlich: Er suggeriert uns von Anfang an, dass wir diesen Xander Cage, Extremsportler, Tattooprolet und Geheimagent, schmerzlich vermisst haben, präsentiert sich selbst als großes Geschenk an die darbenden Fans, schart eine Posse cooler Dudes und Dudettes um die zentrale Schunkelbirne, fährt am Ende sogar Ice Cube auf, den in Lee Tamahoris Sequel XXX: STATE OF THE UNION eigentlich niemand sehen wollte, und tut so als sei das auf eine Stufe mit der Wiedervereinigung von Han Solo und Chewbacca zu stellen.

Es gibt unzählige Gründe, XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE zu hassen: Er ist das filmische Äquivalent zu einer zuckrigen, koffeinhaltigen Chemiebrause in Neonfarben, deren Werbespot einen immer mit seinem furchtbar nervtötenden Song quält. Manchmal erinnert er auch an die peinlichen Versuche von Politikern, sich als „hip“ und „up to date“ zu gerieren, um sich an Jugendliche ranzuschmeißen. Dazu pflegt er ein Weltbild, in dem sich Freiheit darin äußert, dass alle sich überall tätowieren, supersexy rumlaufen, jede Gelegenheit nutzen, eine coole Party mit heißen Chicas zu schmeißen, Autoritätspersonen mit dummen Sprüchen zu bedenken – und natürlich bloß nicht arbeiten. Klar, es wäre supertoll, wenn jeder nach seiner Vorstellung leben könnte, aber in XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE geht das ja auch nur, weil seine Protagonisten a) privilegiert sind und b) die Welt, in der sie leben, gnadenlos eindimensional ist. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass die ganze Chose wenig mehr ist als ein Vehikel, um irgendwelche Lifestyle-Produkte zu verhökern (es ist bestimmt kein Zufall, dass mit Donnie Yen, Kris Wu und Deepika Padukone Top-Stars aus den Riesen-Kinomärkten China und Indien anwesend sind und Neymar jr. einen idiotischen Gastauftritt abliefert), weiß man, woher der Wind weht.

Andererseits tue ich mich schwer damit, dem Film das wirklich um die Ohren zu hauen. In seiner Neonchemiekoffeinzuckerbrausen- und Schunkelbirnenhaftigkeit ist er nämlich irgendwie auch sehr charmant. Er macht keinen Hehl daraus, dass seine Prämisse absurd ist und er findet – im Gegensatz zum eher biederen ersten Teil – die angemessene Sprache, um sie ins Bild zu setzen. Das ist zum Teil grauenhaft (diese Angewohnheit, Namen und irgendwelche heißen „Facts“ zu Figuren ins Bild knallen zu lassen, zum Beispiel), immer einfältig, seltenst so cool wie der Film glaubt zu sein, oft herzzereißend dumm und darüber hinaus höchst fadenscheinig: Warum zum Teufel benötigt Xander in seinem schlagkräftigen Team heißer Draufgänger etwa einen DJ und dann auch noch so einen milchbubihaften Hänfling wie Kris Wu? Egal! Viel wichtiger sind überkandidelte Actionsequenzen wie jene, bei der sich Xander und Xiang (Donnie Yen) eine Motorradverfolgungsjagd über das offene Meer (!) liefern und dabei durch Wellentunnel rasen wie motorisierte Surfer. Oder der Showdown, mit seinem ausufernden Shootout in einem im Sturzflug befindlichen Flugzeug. D. J. Caruso weiß zum Glück auch, wie man solche Schoten inszenatorisch umsetzt: Wer mit neumodischer Actioninszenierung partout nix anfangen kann, wird auch hier eher abgetörnt werden, aber immerhin weiß man, was da gerade vor sich geht: Längst keine Selbstverständlichkeit.

Um zum Schluss zu kommen: Über die volle Länge ist XXX: THE RETURN OF XANDER CAGE schon ziemlich ermüdend. Das Bombardement an dumpfen One-Linern und minderbemittelter Lebensphilosophie sowie die konsequente Weigerung, irgendeine Idee mal konsequent zu Ende zu denken oder den Film auch nur für eine Sekunde atmen zu lassen, wird für jeden, der die 30 überschritten hat, zwangsläufig irgendwann körperlich anstrengend. Die Zielgruppe ist hier eindeutig eine andere, wobei ich mich frage, ob die den dicken Vin als coolen Bro akzeptieren und überhaupt wissen, wer Ice Cube ist. Wahrscheinlich finde ich den Film genau wegen solcher Ungereimtheiten so liebenswert: Am Reißbrett auf eine  bestimmte Zielgruppe hin gestreamlinet und doch an allen echten, lebenden Wesen meilenweit vorbei. So kommt mir das jedenfalls vor. Ich hoffe, ich irre mich nicht.

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taking lives (d. j. caruso, usa 2004)

Veröffentlicht: Juni 29, 2008 in Film
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Im Urlaub, wenn die heimische DVD-Sammlung unerreichbar ist und lediglich die zweifelhaften Verlockungen des Fernsehprogramms zur Verfügung stehen, senkt man ja schon einmal die Ansprüche und schaut sich Filme an, um die man sonst einen großen Bogen gemacht hätte. Im besten Fall erlebt man eine positive Überraschung, nicht selten bestätigt sich jedoch der Verdacht, den man schon vorher hegte. TAKING LIVES, den ich bisher eigentlich noch recht wohlwollend als „unwichtig, aber ansehbar“ vorverurteilt hatte und der nach einer Fußball-Übertragung lockte, ist mit dieser Einschätzung aber eindeutig zu gut weggekommen, wie ich schmerzvoll erfahren musste.

In den USA geht seit nunmehr fast drei Jahrzehnten ein Serienmörder um. Sein Trick: Er nimmt die Identität seines jeweiligen Opfers an und verwischt so seine Spuren. Jetzt scheint er in Montreal zugeschlagen zu haben, wo die toughe FBI-Profilerin Ileana (Angelina Jolie) ermittelt. Der Geschäftsmann Costa (Ethan Hawke) hat den Mörder wie es scheint auf frischer Tat ertappt, ist aber mit dem Leben davongekommen. Wenig später wird sein Geschäft überfallen: Hat der Killer ihn sich als sein nächstes Opfer auserkoren? Ileana setzt Costa als Lockvogel ein, doch natürlich kommt alles ganz, ganz anders …

… und gerade deshalb so vorhersehbar. Schon die Credits enttarnen TAKING LIVES als unbeholfenen SEVEN-Rip-Off, der zwar mit slicken Bildkompositionen aufwartet, aber ansonsten biedersten Kintopp bietet, der sich von ramschigen DTV-Thrillern nur durch das hohe Budget und die großen Namen unterscheidet und der Vergessenheit überantwortet wird, sobald er aus dem Kino verschwunden ist. TAKING LIVES verkörpert all das, was man allgemein meint, wenn man pejorativ von „Hollywood“ spricht: professionell gefertigte Dutzendware ohne Anspruch, Inspiration und Ambition, die 90 Minuten unterhält, dabei aber nicht zu sehr einnimmt, und möglichst wenig mit der Welt, aus der sie stammt, zu tun hat. TAKING LIVES ist ein Film, wie aus dem Dahl’schen Schreibcomputer. Schon der Blick auf die Darsteller und ihre Rollenprofile lässt einen den Handlungsverlauf haargenau vorhersagen: Jolie ist die Heldin, Hawke der männliche Hauptdarsteller, dessen Name zu groß ist, als dass er tatsächlich nur den Hautzeugen spielen würde und der deshalb unschwer als Mörder zu erkennen ist, was sich natürlich erst nach einer Liaison mit der Heldin herausstellt, die wiederum nur Anlass ist, der sparsam eingesetzten Gewalt den sparsam eingesetzten Sex zur Seite zu stellen. Kiefer Sutherland – dessen Jack-Bauer-Gesicht und sein Ruf als enfant terrible ihn als Psychopathen geradezu prädestinieren – ist seinerseits nur dazu da, eine falsche Fährte zu legen: Doch selbst dieser vermeintliche Clou ist billigstes Drehbuchklischee, tausendfach erprobt und deshalb so spontan wie ein Fahrplan.

TAKING LIVES erfordert keinerlei kognitive Leistung und noch nicht einmal ein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis. Was passiert, wird schon in der nächsten Szene keine Rolle mehr spielen. Und wenn doch, kann man sich darauf verlassen, dass man per schicker Rückblende noch einmal daran erinnert wird. Filme wie dieser scheinen ja auch in einem Paralleluniversum zu spielen, in dem alles immer auf die denkbar blödeste Art und Weise passiert: Die Superprofilerin erstellt das ihn von jedem Verdacht reinwaschende Persönlichkeitsprofil Costas – der immerhin potenziell ein perfide planender Serienmörder sein könnte – anhand seiner schockierten Reaktion auf ein blutiges Mordwerkzeug und der Tatsache, dass er die falsche Hand benutzt; und jener hoch intelligente Costa, der am Ende nach seiner erfolgreichen Flucht minutiös den Niedergang (Entlassung, Hütte im Schnee, Teekessel auf dem Gasherd) der einst so erfolgreichen FBI-Beamtin verfolgt, fällt doch tatsächlich auf eine Schwangerschaftsbauch-Plastikpotese herein, die sich die geile Jolie unters Wams geschnallt hat und mit der sie ihm suggerieren möchte, der Vater ihrer Leibesfrucht zu sein. Es ist wirklich erstaunlich, dass ein Film, bei dem es doch einzig um das effektive Funktionieren geht, so schlampig ist. Aber wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass bei Produkten dieser Art nur die polierte Oberfläche zählt: Das ewig schmollende Lustmaul der Jolie, ihre kurz freigelegten und perfekt ausgeleuchteten Milchdrüsen leisten wahrlich den Großteil der Arbeit. Sie ist wahrlich jeden Pfennig ihrer Gage wert.

PS Dass Filme nicht immer dort gedreht werden, wo sie spielen, ist bekannt und nicht weiter schlimm. Wenn man allerdings mit dem Chateau Fontenac ausgerechnet das Wahrzeichen von Quebec ins Bild rückt und auf der Tonspur beharrlich von Montreal schwadroniert ist das schon etwas sehr billig. Ein New-York-Film wartet schließlich auch nicht mit Panorama-Aufnahmen der Golden Gate Bridge auf.

PPS Ist es nicht lachhaft, dass ein Film, der sich einen Scheißdreck um Glaubwürdigkeit und Plausibilität schert (Profilerin Jolie sollte mit der THE CELL-Psychologin J. Lo eine Gemeinschaftspraxis eröffnen), dann Tcheky Karyo und Jean-Hugues Anglade in nutzlosen Nebenrollen aufbietet, um Montreal das nötige frankokanadische Flair zu bescheren?