Mit ‘Dama’ getaggte Beiträge

„I just want you to get to know me.“ So einfach ist das manchmal. Viel leichter jedenfalls, als diesem Wunsch nachzukommen, wenn man gegen seinen Willen in einem Keller eingesperrt wurde und nichts mehr will, als seine Freiheit zurückzuerlangen. Die Kluft zwischen Freddie (Terence Stamp), einem vereinsamten, linkischen und von Komplexen zerfressenen Bankangestellten, der Schmetterlinge sammelt und emotional nie ganz den Kinderschuhen entwachsen ist, und Miranda (Samantha Eggar), der wunderschönen Kunststudentin, die in London in Intellektuellen-Kreisen verkehrt, lässt sich nicht überbrücken, so sehr sie sich auch bemüht. Es ist nie genug, sein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber den „Gebildeten“ steht jeder Annäherung von vornherein im Weg; so wie er für sie nur der Irre bleiben wird, der sie entführt und in seinen Keller gesperrt hat.

THE COLLECTOR ist auf dem Papier klassischer Thriller-Stoff, wie er auch heute noch jedes Jahr zahlreiche Vertreter ins Kino spült. Meist erzählen diese Filme Geschichten von derangierten Geistern, die wie der schwarze Mann über die Schöne herfallen und bedienen damit die Angst vor dem Wahnsinnigen, der sich hinter der Tür des Nachbarn verbergen könnte. (Oder sie benutzen das sadomasochistische Szenario als Allegorie auf die merkwürdigen Wege der Liebe wie Almodóvars ATAME!, der fast, aber eben nur fast ein Remake von Wylers Film ist.) THE COLLECTOR unterscheidet sich von diesen Filmen, weil er sich nur wenig dafür interessiert, dem Zuschauer Angst einzujagen oder seinen Schurken zum Monster zu verzeichnen. Wie zuvor mit THE CHILDREN’S HOUR begibt sich Wyler mit THE COLLECTOR genau an die Schnittstelle zwischen der Psychologie des Verrückten und den sozialen Gegebenheiten, die seine Psychose begünstigen. Die oben erwähnte Kluft zwischen Freddie und Miranda ist nämlich zuerst eine soziale: auf der einen Seite der aus einfachen Verhältnissen stammende, unauffällige Angestellte, der nie über das Mittelmaß hinausgekommen ist (nur einmal, als er im Toto gewann), auf der anderen die schöne Studentin aus gutem Hause, talentierte Malerin und Kunstbegeisterte, deren bloße Präsenz ihr schon alle Aufmerksamkeit sichert. So wie sie seine Schmetterlingssammlung nur mit Abscheu betrachten kann – wie kann man diese schönen Geschöpfe gleichzeitig lieben und ein Hobby daraus machen, sie zu töten? –, steht er ihrer Begeisterung für moderne Kunst und Literatur völlig verständnislos gegenüber. Für ihn ist das abstoßend, sinnlos, eitel. Er beklagt sich, dass sie sich nicht mit ihm unterhält, um ihn kennenzulernen. Aber jeder Versuch Mirandas endet in Tränen, weil es keine Gemeinsamkeit zwischen den beiden gibt, sie sich mit ihren Überzeugungen, Ansichten und Vorlieben nicht anziehen, sondern abstoßen. Letztlich will Freddie Miranda gar nicht lieben – seine Liebe wird von ihm ja immer nur behauptet, während sie die ihre auch beweisen muss: Er will darin bestätigt werden, dass die „Intellektuellen“, die „Besseren“ zu ihm hinunterblicken, ihn verachten, ihn für minderwertig halten.

Was den Film im Innersten antreibt – neben der Hoffnung des Zuschauers, Miranda möge dem „Collector“ entgehen, natürlich –, ist die dem Klassensystem inhärente Scham: Den Status, den wir haben, haben wir uns eben nicht ausschließlich „erarbeitet“ – wir sind nicht zuletzt in ihn hineingeboren worden. Und all unser wohlfeiler Humanismus ändert nichts daran, dass es Menschen gibt, mit denen wir nichts zu tun haben wollen. Das eben genannte Klassensystem ist keineswegs ein willkürlich von außen übergestülptes: Wir haben es selbst errichtet, um mit denen „da unten“ nichts zu tun haben zu müssen, weil wir sie nicht verstehen und sie uns deshalb unheimlich sind. Freddies Aufbegehren ist im Grunde der hilflose Versuch, die Barrieren niederzurreißen: Dass er sie dabei immer nur wieder selbst errichtet, ist die bittere Ironie seines Schicksals – und Mirandas, für die es keinen Ausweg aus dem Dilemma geben kann. Wäre Freddie nicht so fehlgeleitet, man könnte seinen Plan auch als soziales Experiment bezeichnen: Kann sich eine schöne, gebildete und talentierte Frau der gehobenen Mittelschicht in einen biederen, langweiligen Angestellten verlieben, wenn sie nur genug Zeit mit ihm verbringt? (Das Privatfernsehen nimmt Unmengen an Geld mit Sendeformaten ein, die genau das nachstellen.)

Es sind eigentlich erst die letzten Minuten des Films, die einen wieder daran erinnern, dass es hier eben nicht um ein Experiment geht, sondern um Leben und Tod. Freddie ist kein Zufallstäter, kein verzweifelt Liebender, der keinen Ausweg mehr weiß, seine Tat wird keine Ausnahme bleiben, wie man lange glauben möchte. Er hat schon den Weg zum Serientäter und -killer eingeschlagen, besessen davon, eine Frau dazu zu bringen, ihn zu lieben, um sich zu bestätigen, dass sie schlecht sind, weil sie es nicht können. Bei mir hat der Film nach ca. zwölf Stunden zu einer reichlich verspäteten Gänsehaut geführt. Groß, nicht zuletzt dank Terence Stamp, von dessen eisiger Überlegenheit, die man von ihm kennt, hier noch nichts zu sehen ist. Hier ist er nackte Unsicherheit, die in kalten Hass umschlägt.