Mit ‘Dane DeHaan’ getaggte Beiträge

„by far the most French-comic-book movie ever made“, schrieb Outlaw Vern in seiner wohlwollenden Rezension zu Luc Bessons neuestem Leinwand-Epos. Das ist einerseits wahr, andererseits muss man nach vergnüglichen 140 Minuten voller quietschbunter Designs, fleischgewordener Yes-Plattencover und abgedrehter Einfälle einräumen, dass die französischste Comicbuch-Verfilmung aller Zeiten ruhig noch ein bisschen weniger amerikanisch hätte sein dürfen. Man sieht dem Film seine Ursprünge in einer utopistischen Comicreihe aus den Siebzigern zwar deutlich an, merkt aber auch, dass die Risikobereitschaft bei einem Budget von rund 180 Millionen Dollar begrenzt ist. Es ist einfach auffällig, dass diese zukünftige Welt, in der uns noch selbstverständliche Grenzen doch längst weit überschritten sind, in anderen Belangen auffallend rückständig ist: Beim Militär haben weiße Männer das Sagen, noch so amorphe Alienrassen lassen sich schön in Männlein und Weiblein einteilen und selbst wenn Protagonistin Laureline (Cara Delevingne) ihrem Partner in Sachen Schlagkraft in nichts nachsteht, dann und wann sogar die Initiative übernehmen darf und sich am Ende als das Herz des Duos erweist, gehört VALERIAN rein nominell dem Herren der Schöpfung. Das tut dem Vergnügen keinen wirklichen Abbruch, aber man hätte sich angesichts des freigeistigen Erfindungsreichtum, den VALERIAN an anderer Stelle unter Beweis stellt, doch eine etwas weniger heteronormative Weltsicht gewünscht.

In anderer Hinsicht wird man wahrscheinlich lange warten müssen, bis einem vergleichbarer Wahnsinn dieser Preisklasse auf diesem inszenatorischen Niveau geboten wird: Der Film eröffnet auf einem türkisblauen Karibikstrand-Planeten, auf dem feingliedrige Perlmuttwesen kleine Tierchen mit Perlen füttern, aus denen daraufhin weitere Perlen herausschießen, bevor die Apokalypse in Form von in die Atmosphäre stürzenden Wrackteilen eines im All tosenen Krieges ausbricht. Eine ausgedehnte Actionsequenz spielt auf einem sich über zwei Dimensionen erstreckenden Markt: Die Shoppingtouristen laufen durch eine ausgestorbene Wüstenei, betreten mithilfe einer Art VR-Brille aber eine gewaltige BLADE RUNNER-artige Stadt die sowohl weit in den Himmel wie auch tief ins Planeteninnere reicht. Rihanna spielt eine Gestaltwandlerin, die eine lupenreine Fetischtanznummer abzieht, das Creature-Design stellt noch die STAR WARS-Filme in den Schatten. Auf manche von ihnen kann man gerade einen kurzen Blick werfen, andere, wie die dummdreisten Fresssäcke der Boulan-Bator, drei freche Entenwesen oder gewaltige Unterwasserdinosaurier bekommen etwas mehr Zeit eingeräumt. Die verschiedenen Kontinente der gigantischen Weltraumstadt werden im Eiltempo durchflogen, man wünscht sich immer wieder, hier noch etwas länger verweilen zu dürfen, bevor der nächste Höhepunkt naht. Eine Handlung gibt es auch, aber eigentlich funktioniert VALERIAN am besten als bewusstseinserweiternder (mit Einschränkung, siehe oben) Trip aufeinanderfolgender Set-Pieces und wenn am Ende alle Fäden zusammengeführt werden, stößt Besson deutlich an seine Grenzen.

Es ist ein bisschen schade, dass diese Art des Eventkinos, die mit ungeahnten technischen Möglichkeiten ganze Welten aus dem Nichts in beeindruckender Plastizität auf die Leinwand zaubert, erzählerisch immer noch tief in vergangenen Jahrhundert gefangen ist, anstatt auch strukturell in neue Galaxien vorzudringen. Was möglich wäre, erahnt man in jeder Sekunde: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS ist ein Film, der in sich das Potenzial trägt, Grenzen zu durchbrechen und die „doors of perception“ nicht nur aufzustoßen, sondern niederzureißen, aber weil da eben viel Geld auf dem Spiel steht, bleibt es beim neugierigen, großäugigen Lugen durchs Schlüsselloch. Gebracht hat diese Vorsicht nichts: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS ist auf dem immer noch wichtigsten Filmmarkt der Welt hart gefloppt, die Fortsetzungen, die man sich unbedingt gewünscht hätte und die dann vielleicht größere Risikobereitschaft hätten unter Beweis stellen können, wird es wahrscheinlich nicht geben. Aber bleiben wir positiv: VALERIAN ist ein visuell berauschendes Fest, das so nur von einem Filmemacher wie Besson kommen konnte und die drögen Superhelden-Popanze in Sachen Leichtigkeit weit in den Schatten stellt. DeHaan (auf dessen Darbietung sich die Kritik in erster Linie eingeschossen hatte, der aber in der deutschen Synchronisation sehr gut rüberkommt) und Delevingne hätte ich durchaus zugetraut, zum echten Traumpaar heranzureifen, und besonders schön fand ich die pazifistische Ausrichtung des Ganzen. Ohne Aderlass kommt zwar auch VALERIAN nicht aus, aber seine Botschaft des Verzeihens und eines friedlichen Miteinanders der Völker ist in einer Zeit, in der selbst noch jeder Kinderfilm todsicher auf die grimmige Deklamation unumstößlicher Dogmen und einen kriegerischen Austausch hinausläuft, einfach sehr wohltuend. Kurzum: Auch wenn an VALERIAN längst nicht alles perfekt ist, sein Scheitern an der Kinokasse ist einfach traurig.

Der soziale Outcast Andrew Detmer (Dane DeHaan), Sohn einer todkranken Mutter und eines arbeitslosen, alkoholabhängigen und prügelnden Vaters, steigt gemeinsam mit seinem Cousin Matt (Alex Russell) und dem Schulliebling Steve (Michael B. Jordan) und bewaffnet mit einer Kamera in ein geheimnisvolles Loch im Wald. Nachdem die drei daraus ohne Erinnerung daran, was passiert ist, wieder daraus hervorklettern, bemerken sie bald, dass sie telekinetische Kräfte gewonnen haben – und sogar fliegen können. Ihre stetig wachsenden Fähigkeiten verlangen nach einem regulatorischen Rahmen, damit kein Unglück passiert. Doch Andrew, dem die plötzlich gewonnene Macht zu Kopf steigt und der seiner privaten Situation nicht mehr gewachsen ist, hält sich bald nicht mehr an diese Regeln …

CHRONICLE, das neueste Found-Footage-Wunderwerk nach den Riesenerfolgen CLOVERFIELD und PARANORMAL ACTIVITY, entledigt das sonst für gewöhnlich hochglanzpolierte Superheldenmotiv seines Glanzes und holt es in die Niederungen der Realität. Was würden drei Teneager tun, wenn sie plötzlich Superkräfte besäßen? Das erste Drittel des Films, in dem die unterschiedlichen Jungs ihre Fähigkeiten entdecken und austesten und über ihre ungewöhnlichen Gemeinsamkeiten zu Freunden und Verbündeten werden, ist mitreißend: Die Authentifizierung des fantastischen Stoffs gelingt durch die teilweise spektakuläre Kameraführung (Andrew kontrolliert sie mit seinen Kräften) und die hilft auch dabei, den Rush, den die Jungs durch ihre Fähigkeiten erfahren, auf den Zuschauer übertragen. Die Flugsequenz, als die Protagonisten sich zum ersten Mal über die Wolken begeben, um dort gemeinsam Football zu spielen ist wahrscheinlich das Herzstück des Films und man fragt sich, warum sich die ganzen populären Superhelden überhaupt mit der doch recht lästigen Bekämpfung von Superschurken herumschlagen, anstatt sich ihrer Fähigkeiten zu erfreuen. Natürlich muss irgendwann der Umschwung kommen, müssen der Machtmissbrauch thematisiert und die These, dass mit großen Fähigkeiten auch große Verantwortung einhergeht, bestätigt werden und genau hier gerät der Film dann etwas ins Stolpern. Die Motivation Andrews – kaputtes Elternhaus – kommt geradewegs aus dem Buch der großen Drehbuchklischees und während CHRONICLE sich viel Mühe gibt, ihn nicht als Schuft, sondern als Opfer der Umstände zu zeichnen, muss sein Vater, der immerhin auch eine ganze Reihe schwerer Schicksalsschläge zu verarbeiten hat, als Sündenbock herhalten, dem nur wenig Empathie entgegengebracht wird. Dieser Mangel kann zum einen mit der kurzen Laufzeit von gerade einmal 85 Minuten erklärt werden: Vieles wirkt überhastet, unterentwickelt und provisorisch. Der Umschwung vom Friede, Freude, Eierkuchen hin zum Drama vollzieht sich zu schnell, die Entwicklung der Figuren zu Charakteren wird abrupt abgebrochen und dem Kintopp geopfert. Das tragische Ende hinterlässt so leider keine echte emotionale Wirkung. Auch die narrative Einbettung der Kameraperspektive wirkt etwas leichtfertig. Nicht nur, dass nur wenig Gedanken darauf verwendet wurden, die Motivation hinter Andrews Kameradokumentation zu begründen: Um narrativ nicht ausschließlich an ihn gebunden zu sein, baut das Drehbuch eine weitere Figur mit Kamera ein, bei deren Auftreten man regelmäßig das Krachen im Getriebe vernehmen kann. Dass eine Person immer dann, wenn etwas Interessantes passiert, eine Kamera laufen lässt, ist die conditio sine qua non des Found-Footage-Films, die Prämisse, die man akzeptieren, die Supension of Disbelief, die man leisten muss. Wenn es derer gleich zwei gibt, wird die Glaubwürdigkeit arg überstrapaziert – zumal die besagte Figur den Film inhaltlich kein Stück weiter bringt.

CHRONICLE wird sicherlich den Karriereweg Weg Josh Tranks und der drei Hauptdarsteller ebnen – verdientermaßen: Der Film hat eine tolle Idee, die visuell eindrucksvoll umgesetzt wurde, spektakuläre Effekte und drei ausgezeichnete Hauptdarsteller, die das Optimum aus ihren Reißbrettfiguren herausholen. Aber der Film ist eher ein Versprechen, als dass er selbst schon eine Großtat wäre. Der Reiz der (mittlerweile auch nicht mehr so) neuen Perspektive auf ein bereits etabliertes Motiv verpufft leider, bevor der Film zu Ende ist, nämlich just in dem Moment, als er sich dazu entscheidet, der Schablone zu folgen, anstatt konsequent den eigenen Weg zu gehen.