Mit ‘Daniel Day-Lewis’ getaggte Beiträge

Ich schätze, die Generationen, die klassische Abenteuerromane wie James Fenimore Coopers „Der letzte Mohikaner“ noch unter der Bettdecke im Schein ihrer Taschenlampe verschlungen haben, sind nicht ganz meine Zielgruppe, deshalb fange ich mal konservativ mit einer Inhaltsangabe an: Während des siebenjährigen Krieges zwischen den Briten und den Invasoren aus Frankreich im Nordwesten der heutigen USA, geraten der Mohikaner Chingachgook (Russel Means), sein Sohn Uncas (Eric Schweig) und sein weißer Ziehsohn Hawkeye (Daniel Day-Lewis) zwischen die Fronten: Sie retten Cora (Madeleine Stowe) und ihre Schwester Alice (Jodhi May) sowie Major Duncan Heyward (Steven Waddington), als diese auf dem Weg nach Fort William Henry, wo der Vater der Schwestern, Colonel Edmund Munro (Maurice Roëves), das Kommando innehat, von mit den Franzosen verbündeten Huronen unter Führung des rachsüchtigen Magua (Wes Studi) überfallen werden. Cora verliebt sich in Hawkeye, der als Kind von Chingachgook in Obhut genommen wurde, sehr zum Missfallen von Heyward, der selbst um die Hand der Frau angehalten hatte, aber abgelehnt worden war. Im belagerten Fort Henry wird Hawkeye wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, als er einigen Siedlern zur Flucht verhilft: Entgegen dem Gesetz verweigert Colonel Munro ihnen die Rückkehr zu ihren Häusern, die von umherziehenden Huronen attackiert werden. Bei einem anschließenden Scharmützel mit den Huronen, bei dem Colonel Munro ermordet wird, können die beiden Mohikaner, Hawkeye, Cora, Alice und Heyward entkommen. Doch Magua ist ihnen dicht auf den Fersen.

THE LAST OF THE MOHICANS, wahrscheinlich die elfte filmische Adaption des Stoffes (darunter eine deutsche Stummfilmversion mit Bela Lugosi als Chingachgook, ein Serial, eine Italowestern-Variante und eine Verfilmung von Harald Reinl im Karl-May-Stil) war für Mann der erste richtig große Erfolg als Regisseur, findet heute aber kaum noch Erwähnung, wenn es um sein Werk geht – wahrscheinlich auch, weil man ihn mittlerweile ehesten mit noiresk-melancholischen Großstadtthrillern in Verbindung bringt. Sein Werk weist einige Querschläger auf – THE KEEP oder auch ALI fallen ein -, aber THE LAST OF THE MOHICANS ist als Literaturverfilmung und bildgewaltiges Historienepos noch einmal ein Sonderfall. Dennoch erkennt man in Daniel Day-Lewis wortkargem, stolzem Helden, in seiner Beziehung zu Cora, in den perfekten, crispen Bildkompositionen und dem Zusammenspiel mit dem erhabenen Score von Randy Edelman und Trevor Jones typische Merkmale von Manns Filmen wieder, die hier lediglich durch das Sujet etwas überdeckt werden. Mann bleibt der Vorlage bis auf einige Änderungen treu und man hat nicht das Gefühl, dass sich der Regisseur Cooper „zurechtbiegt“, sondern sich vor allem darum bemüht, den Stoff einerseits für Zuschauer der frühen Neunzigerjahre aufzubereiten, ohne ihn aber andererseits zu etwas völlig anderem zu machen.

Ich hatte THE LAST OF THE MOHICANS zuletzt vor bestimmt 20 Jahren gesehen und kaum noch Erinnerungen an ihn. Das liegt auch daran, dass der Handlungszeitraum des Films enorm komprimiert ist und sich der Plot letztlich als Reise und oder Flucht zusammenfassen lässt, mit lediglich wenigen Pausen. In der Erinnerung bleiben vor allem Bilder von Hawkeye und Chingachgook, die mit wehenden Haaren durch den Wald rennen und sich ihnen entgegenstellende oder vor ihnen wegrennende Feinde mit Schüssen aus ihren gewaltigen Flinten oder Würfe mit Tomahawk und Gewehrschaft-Keule niederstrecken. Die zeitgenössische Kritik beschrieb Manns Film als Actionspektakel, RTL kürzte den Film bei seiner Fernsehauswertung angeblich gar um gesalzene 17 Minuten und vergleicht man seinen MOHICAN mit den oft gemütlich-behäbigen Abenteuerfilmen aus den Dreißger-, Fünfziger- oder Sechzigerjahren, wird die Differenz sehr augenfällig. Trotzdem bleibt Mann dem Spirit dieser Vorbilder meiner Meinung nach treu: Die Kamera von Dante Spinotti fängt die ungezähmte, raue, aber auch überwältigend schöne Natur der Adirondacks ein (gedreht wurde tatsächlich weiter südlich in North Carolina), und in der Kontrastierung der „edlen Wilden“ mit den vollkommen hirnrissigen Werten nacheifernden, verlogenen Briten folgt er der Strategie, die oftmals kolonialistisch-rassistische Haltung der Vorlagen zu negieren und gerade vom Verlust der Unschuld zu erzählen, mit dem der Prozess der Zivilisation einherging. Manns THE LAST OF THE MOHICANS tut sich dadurch hervor, dass er der Falle der Verkitschung, die so oft lauert, wenn Ureinwohner als die besseren Menschen dargestellt werden, durch die Ruppigkeit des Films und das betont unterkühlte Spiel DDLs entgeht. Ich gebe zu, dass THE LAST OF THE MOHICANS nicht unbedingt ein Film ist, der mich nach der Sichtung noch wahnsinnig beschäftigt hätte. Man muss nicht lang über ihn nachdenken, er lädt nicht unbedingt dazu ein, lang über ihn zu diskutieren und dabei unterschiedliche Meinungen zu diskutieren. Er wirft keine Fragen auf und fordert auch nicht unbedingt den Intellekt heraus. Aber verdammt, er hat etwas, was ich nur schwer benennen kann. Ich mag ihn. Mehr, als ich vo dem Wiedersehen erwartet hatte.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Paul Thomas Anderson für mich ein rotes Tuch. MAGNOLIA fand ich damals absolut furchtbar, auch mit dem hoch gelobten THERE WILL BE BLOOD konnte ich gar nichts anfangen, mehr noch, der Film hat mich damals tierisch geärgert (den verlinkten Text von damals möchte ich lieber gar nicht mehr lesen, mir sind meine Verrisse rückblickend meist peinlich). INHERENT VICE versöhnte mich dann aber wieder mit dem Filmemacher und zu PHANTOM THREAD kann ich nichts anderes sagen, als dass der Film ein totales Meisterwerk ist, einer der schönsten Filme, die ich überhaupt kenne, ein Werk in das ich mich am liebsten einhüllen würde wie die feinen Gesellschaftsdamen Damen in die edlen Kleider des Protagonisten Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis). Er hat mich so fasziniert, dass ich ihn innerhalb weniger Tage zweimal geschaut habe und er gefiel mir bei der zweiten Sichtung sogar noch besser, weil er noch weitere Facetten und Details offenbarte, die mir bei der ersten Sichtung nicht aufgefallen waren. PHANTOM THREAD ist zum einen mal ein sinnlich-ästhetischer Hochgenuss, geadelt mit einem phänomenalen Score von Jonny Greenwood, reich an starken Bildern, unfassbar gut beobachtet, spannend und bisweilen abgründig und schockierend, aber er ist auch ungemein warmherzig und, ja, auch witzig. Es ist ein Liebesfilm oder eher ein Beziehungsfilm: Er handelt gleichermaßen vom Zauber überwältigender Emotionen, aber auch von den Herausforderungen, die das Miteinander zweier ganz unterschiedlicher Partner täglich aufwirft, und die bisweilen kuriosen Kompromisse, die Liebende dann finden oder miteinander aushandeln und die für Außenstehende unverständlich oder sogar erschreckend sein können. Und dann ist PHANTOM THREAD natürlich auch noch ein Film, in dem gleich drei Darsteller Leistungen für die Geschichtsbücher erbringen.

London in den 1950ern: Reynolds Woodcocks maßgeschneiderte Kleider werden von der High Society Europas getragen, von Prinzessinnen, Adelsdamen und reichen Unternehmer- oder Politikergattinnen. Mit Akribie und Geschick versieht er seine Arbeit, wacht als schweigsamer Patriarch über die Arbeit seiner fleißigen Näherinnen, brütet über seinen Zeichnungen, während seine strenge, wortkarge Schwester Cyril (Leslie Manville) ihm den Rücken freihält. Geliebte kommen und gehen, weil keine von ihnen in der Lage ist, den hohen Ansprüchen des sensiblen, aber auch unberechenbaren Genies auf Dauer gerecht zu werden, sein Interesse langfristig  wachzuhalten. Bis er Alma (Vicky Krieps) trifft, eine einfache Bedienung in einem Hotel, in die er sich sofort verguckt und dann zu seiner Muse kürt: Die zerbrechlich und weich erscheinende, zudem deutlich jüngere Frau beweist dann aber, dass sie dem exzentrisch-unbeherrschten Künstler in Sachen Standfestigkeit absolut ebenbürtig ist. Sie findet einen Weg, ihn auf den Boden der Tatsachen und in ihre fürsorglich-liebenden Arme zurückzuholen, wenn er wieder einmal abzuheben droht.

„No one can stand as long as I can“, sagt Alma zu Beginn des Films. Sie bezieht sich damit auf die Ausdauer, die sie als Modell für Reynolds an den Tag legt, und der Zuschauer hat noch keinen Grund, ihre Worte anders zu deuten, auch wenn das selbstbewusste Glitzern in ihren Augen schon klar macht, dass sie diese Qualität nicht nur wortwörtlich meint. Zunächst jedoch sieht es so aus, als ginge sie denselben Weg wie ihre Vorgängerinnen – auch Cyril betrachtet sie nur mit der pflichtschuldigen Höflichkeit und strapazierten Geduld der Schwester, die aus der Erfahrung weiß, dass sie die alleinige Konstante im Leben des Bruders ist. Almas Ende scheint besiegelt, als sie ihr Frühstück für sein Empfinden allzu geräuschvoll gestaltet und damit seine Konzentration stört. Es ist der Anfang einer Entfremdung, die dann bei einem Abendessen, das sie als Überraschung für ihn zubereitet hat, ihren Höhepunkt findet. Nicht nur, dass er Überraschungen hasst, wie seine Schwester Alma schon warnte, sie begeht dann auch noch den unverzeihlichen Fehler, den Spargel mit Butter statt mit Öl zuzubereiten. Aber die barsch und unnachgiebig abgestrafte, gedemütigte Frau denkt nicht daran, klein beizugeben. In aller Heimlichkeit verabreicht sie ihrem Geliebten einen mit einem giftigen Pilz versetzten Tee, der ihn für Tage außer Gefecht setzt. Wie sie weiß, bedarf es solcher gesundheitlichen Rückschläge, um ihn zum schütz- und liebesbedürftigen Lämmchen werden zu lassen. Überraschenderweise bleibt die Katastrophe, die man angesichts solch fragwürdiger Methoden erwartet, aus: Die Pilzvergiftung wird vielmehr zum beziehungserhaltenden Ritual, in dem Reynolds bereitwillig die Rolle des Opfers einnimmt, das sich auf Lebensgröße stutzen lässt. Es ist ein Spiel, das sie beide brauchen.

PHANTOM THREAD spiegelt zunächst einmal die Meisterschaft Andersons und seines Hauptdarstellers (dessen letzter Film dies nach eigenen Angaben sein soll) in der Erschaffung von Welten und Charakteren wider: Das Wohn- und Geschäftshaus Woodcock erwacht vor dem Auge des Zuschauers zu eigenem Leben, ebenso wie das Genie Reynolds, der zunächst dem Klischeebild des feinsinnigen, überspannten Künstlers sowie des streng und im vollen Bewusstsein gesellschaftlicher Etikette erzogenen Briten entspricht, nur um dann immer wieder überraschende Seiten seiner Persönlichkeit zu offenbaren. Day-Lewis, der den Protagonisten in THERE WILL BE BLOOD noch mit ausschweifender Geste und kraftvoller Stimme zum brutalen, skrupellosen Popanz stilisierte, verleiht Reynolds eine wohlartikulierte, aber auch zitternde Stimme, ein variantenreiches Minenspiel, das auf die kleinsten Signale reagiert, und schlicht perfekt sitzende Bewegungsabläufe (man achte auf das Scharren seiner Schuhe, wenn er bei Alma Maß nimmt). Sein Blick entbirgt einen Mann, dessen Hirn niemals still steht – außer vielleicht, wenn er am Steuer seines Sportwagens über die Landstraßen braust -, der immer auf der Suche nach Inspiration und Perfektion ist. Reynolds ist ein Mann, der keine Kompromisse macht, der genau weiß, was er will, der sicherstellt, dass er es bekommt, und der sofort die Konsequenzen zieht, wenn er enttäuscht wird. Marotten und Sentimentalitäten – die rosafarbenen Strümpfe, die er zu tragen pflegt, seine Frühstücksbesessenheit (PHANTOM THREAD ist ein ganz famoser Frühstücksfilm), die Erinnerungen an seine Mama, nicht zu viel Butter! – bestimmen ihn ganz wesentlich und er reagiert mitunter wie ein Kind, wenn sie gestört werden. Mit Verachtung blickt er auf die Hefeteilchen, die ihm eine Geliebte zu Beginn des Films anbietet: „No more stodgy things!“, doch dass es ihm dabei eher um sie als um die Teilchen ging, zeigt sich am Ende, wenn die Zuckerbomben in einer Szene wieder auf dem Tisch stehen – und von ihm sogar gegessen werden. Eine wichtig Stütze ist Cyril – von der grandiosen Leslie Manville als undurchsichtiger Vollstrecker an seiner Seite interpretiert -, deren Blick stets Verachtung und zurückgehaltene Beledigungen suggeriert, die sich aber niemals eine Blöße gibt und ihren Bruder knallhart, aber mit aufreizender Ruhe und Selbstsicherheit in seine Schranken verweist. „Don’t pick a fight with me, you certainly won’t come out alive. I’ll go right through you and it’ll be you who ends up on the floor. Understood?“, warnt sie ihn einmal sehr nachdrücklich, aber ohne die Stimme zu erheben oder ihn auch  nur anzusehen, und dem Ausbleiben seiner Antwort entnimmt man, dass er sehr genau weiß, dass sie Recht hat. Lange scheint es so, als hasse sie auch Alma, als betrachtete sie sie als Eindringling, aber dann offenbart sie sich als deren Verbündete – und zwar auf eine Art und Weise, die man nie hätte kommen sehen. Auch Manvilles Spiel ist voller brillant beobachteter Details: Zur Pflege ihres kranken Geliebten schlüpft Alma an dessen Zimmertür aus ihren Schuhen und läuft dann in Strümpfen herum. Cyril würdigt die auf dem Boden herumstehenden Schuhe Almas nicht eines Blickes – aber sie muss sie gesehen haben, um nicht über sie zu stolpern.

Die Luxemburgerin Vicky Krieps akzentuiert zunächst die Weichheit und Unschuld von Alma, die den eloquenten, empfindsamen und genialen Gentleman förmlich anhimmelt und sich von dessen Interesse sichtlich geschmeichelt fühlt. Sie scheint ihm nicht gewachsen, man sieht schon voraus, wie sie von ihm gnadenlos abserviert wird, als einfaches Mädchen in der High Society unter die Räder kommt, doch dann überrascht sie den Zuschauer, indem sie den Kampf aufnimmt und eine Entschlossenheit an den Tag legt, die der von Reynolds in nichts nachsteht. Eine berechnende, sadistische Rachelust glimmt plötzlich in ihr auf und man weiß, dass man diese Frau nicht zum Feind haben möchte: „I want you flat on your back. Helpless, tender, open with only me to help. And then I want you strong again. You’re not going to die. You might wish you’re going to die, but you’re not going to. You need to settle down a little“, flüstert sie ihm zu, als sie ihm ein Pilzomelett kredenzt, das er im vollen Wissen um seine Wirkung zu sich nimmt, fast schon erregt von der Aussicht, für einige Tage voll und ganz in ihrer Hand zu sein. PHANTOM THREAD handelt mehr als nur unterschwellig vom männlichen Mutterkomplex, davon, dass sich viele Männer insgeheim eine Mama als Geliebte wünschen, die sie in ihre Schranken verweist, und natürlich spielt Reynolds‘ verstorbene Mutter eine wichtige Rolle im Film, sie ist allgegenwärtig, selbst wenn sie nicht persönlich auftaucht (man sieht sie einmal als fiebrige Vision): So wie er sie als Haarlocke eingenäht in der Brust seines Anzugs immer bei sich trägt. Auch die bis dahin völlig unbekannte Krieps spielt eine Mutterfigur und sie ist großartig, weniger elaboriert und detailversessen als Day-Lewis zwar, aber das liegt in der Natur der Sache, weil ihr Charakter weniger detailversessen, elaboriert und raumgreifend ist. Es ist auch ihr Verdienst, dass diese seltsame Beziehung nicht nur glaubwürdig, sondern sogar ungemein rührend ist und PHANTOM THREAD diesen immensen Grad an Wahrheit und Weisheit gewinnt. Es gibt kein Patentrezept für die Liebe und für erfolgreiche Beziehungen. Jedes Paar muss seinen eigenen Weg finden. Und wenn es ihn gefunden hat, spielt es keine Rolle, ob er allgemeinen Moralvorstellungen entspricht. Eine Beziehung und die Bräuche, die sie am Leben halten können von außen verdammt unheimlich sein, aber dann ist Liebe ja generell eine ziemlich unheimliche Sache, wenn man darüber nachdenkt, alles vereinnahmend, rücksichtslos und bisweilen zerstörerisch.