Mit ‘Danny Glover’ getaggte Beiträge

Ich weiß gar nicht genau, welchen Ruf PREDATOR 2 – ein Höhepunkt meiner minderjährigen Videothekenzeit – so unter Genrefilmfreunden genießt. Auf der IMDb hat er ein unauffälliges Durchschnittsrating, er scheint mir heute im Gegensatz zum Original fast ein bisschen in Vergessenheit geraten, wird selten fieberhaft diskutiert, wie das bei anderen populären Genrefilmen der Fall ist, und noch nie habe ich gar vernommen, dass ihn jemand besser fände als das Original, was seltsam ist, wenn man bedenkt, was im Internet sonst für absurdes Zeug behauptet wird, um Aufmerksamkeit zu erregen. Obwohl PREDATOR 2, nach dem Riesenerfolg des ersten Films mit großen Erwartungen gestartet, von der Kritik weitestgehend verrissen wurde, war er an den Kinokassen durchaus erfolgreich, spielte bei einem Budget von 35 Millionen Dollar weltweit ca. 60 Millionen Dollar ein. Trotzdem betrachtete man dieses Ergebnis als Enttäuschung, was dazu führte, dass sein Titelheld danach vorerst nur in den beiden Verfilmungen eines Spin-off-Comic-Crossovers in Erscheinung trat, ein dritter Teil ganze 20 Jahre auf sich warten ließ. Meine Ratlosigkeit gegenüber dieser – zumindest von mir so wahrgenommenen – Gleichgültigkeit wird nach meiner ersten Sichtung seit vielen Jahren nur noch größer: Denn auch wenn Hopkins‘ Film an seinen Vorgänger nicht herankommt (welcher Film tut das schon?), handelt es sich doch um ein ausgesprochen originelles, fesselndes und zupackendes Stück großen Actionkinos, gespickt mit grandiosen Einfällen, einprägsamen Performances und Momenten, die mir nach x Sichtungen ganz unbemerkt in Fleisch und Blut übergegangen sind. An der Schwelle zwischen zwei Jahrzehnten entstanden, kurz bevor James Cameron mit T2: JUDGMENT DAY die Spielregeln für großbudgetiertes Actionkino ein für allemal verändern sollte, steht er inszenatorisch noch in der Tradition des vorangegangenen Jahrzehnts und bringt daher ein Höchstmaß an physischer Kraft und Kinetik mit sich. PREDATOR 2 ist beileibe kein perfekter Film oder gar ein Meisterwerk, aber er gehört zu jenen seltenen Glücksfällen, die von ihren kleinen Schwächen noch profitieren.

PREDATOR 2 nutzt als Aufhänger einen kleinen, eher unauffälligen Dialogsatz aus dem Vorgänger, der erklärte, dass sich der außerirdische Jäger mit Vorliebe besonders heiße Orte aussuche. Suggeriert der Auftakt mit dem Geschrei von Urwaldtieren, exotischen Trommelrhythmen und dem Blick auf dichte regenwaldartige Vegetation eine Rückkehr an den Schauplatz des Vorgängers, entpuppt ein Schwenk der Kamera nach oben diesen Glauben als Irrtum: am Horizont ragen die Wolkenkratzer von Los Angeles in den dunstigen Smoghimmel, der harte Schnitt hin zur bereits bekannten temperatursensitiven Subjektive des Predators macht klar, dass er sich nun den sprichwörtlichen Großstadtdschungel eines unter einer Hitzewelle schwitzenden LA als Jagdgebiet ausgesucht hat. Nach dem nächsten Schnitt sind wir mitten im urbanen Straßenkrieg, einer erbitterten bewaffneten Auseinandersetzung zwischen kolumbianischen Drogendealern und der Polizei. Vom Kokain berauschte Schwerverbrecher, denen der Wahnsinn aus den vom Koks geweiteten Augen springt, ballern mit Maschinengewehren auf die Polizei, die sich unter den Kugeln wegduckenden Fernsehreporter bellen etwas von „War Zone“ und „Martial Law“ in ihre Mikrofone, Explosionen peitschen gen Himmel und die Toten fallen auf beiden Seiten wie die Fliegen, bevor Lieutenant Harrigan (Danny Glover) mit einem waghalsigen Manöver zumindest vorübergehend für Entlastung sorgt. Die Schurken fliehen in ein Hochhaus, wo sie nur Sekunden später von einer unsichtbaren Gestalt aus dem Weg geräumt werden. Das LAPD findet nur noch das Ergebnis eines Blutbads vor sowie einen Überlebenden, der voller Angst ins Nichts starrt, bevor auch er den Weg alles Irdischen geht.

Der Auftakt platziert PREDATOR 2 in einer zwar Actionfilm-typisch überformten, aber dennoch als solcher erkennbaren Realität. Der „War on Drugs“ war 1990 genauso ein Riesenthema wie kolumbianische Drogenkartelle (Pablo Escobar wurde erst drei Jahre später ermordet), Los Angeles war zwar nicht die murder capital der USA, aber in der Außenwahrnehmung dennoch Brutstätte des Verbrechens und der Banden: ein Ruf, den die LA Riots 1992 bestätigten. Und auch wenn PREDATOR 2 aus seiner Idee, die Titelfigur als unsichtbaren Dritten in einem Drogenbanden-Krieg mitmischen zu lassen, nicht das Optimum herausholt, ihm der Wille zum Epos, den der Stoff durchaus gut vertragen hätte, abgeht, er sich damit zufriedengibt, von der ersten Sekunde an ohne größere Verschnaufpausen und in stetiger Beschleunigung auf sein Finale zuzusteuern, so reichen die vielen guten, zudem gut umgesetzten Ideen aus, um ihn die Konkurrenz überragen zu lassen. Getragen wird PREDATOR 2 von einer mit Händen greifbaren Atmosphäre der Überhitzung und der wachsenden Angst, die auch die Kürzungen, die der Film noch vor dem Start über sich ergehen lassen musste, nicht zerstören können. Der bodenständige, verwundbare Danny Glover, eigentlich nicht der prädestinierte Actionheld, wird hier zum Vorteil und markiert auch den wesentlichen Unterschied zwischen McTiernans Vorgänger und Hopkins‘ Fortsetzung. Wo PREDATOR auf den archaischen Grundkonflikt reduziert war, fast schon Metakino, ist PREDATOR 2 handlungslastiger, klassischer, weniger abstrakt. Und er weiß die sich dadurch bietenden Möglichkeiten zu nutzen. Wunderbar die in wenigen skizzierte Wandlung von Paxtons Jerry vom selbstverliebten Heißsporn hin zum opferbereiten Teamplayer. Ich bin immer wieder über den lebendigen Eindruck erstaunt, den Paxton gemessen an dem wenigen Raum, der ihm zur Verfügung steht, hinterlässt. Seine Todesszene und die Actionsequenz, an die sie anschließt, zählen für mich zu den großen Momenten des Neunziger-Actionkinos: „Want some candy?“ Ein kleines, eigentlich albernes Gimmick wird hier mit maximalem Effekt genutzt. (Die Soundeffekte des Films sollten genauso wenig unterschätzt werden wie Alan Silvestris Score.) Gleiches gilt für den Blick des Predators auf den Bauch von Leona (Maria Conchita Alonso), der ein Geheimnis preisgibt und den Jäger als moralisches Wesen erkennen lässt, oder Diesen Moment, in dem Glovers Harrigan nach einem Telefonat aufblickt, sich im Schaufenster eines Tierpräparators spiegelt und plötzlich zu wissen scheint, was los ist: Es sind dies perfekte Beispiele für die Art, wie bildgewaltig Hopkins arbeitet, wie er jedes einzelne Bild mit Suggestion auflädt.

Gary Busey ist als dubioser FBI-Mann Peter Keyes fantastisch und würde gemeinsam mit seinem Partner Garber (Adam Baldwin) glatt einen eigenen Film rechtfertigen (die Rolle des Keyes war ursprünglich Schwarzeneggers Dutch zugedacht und wurde nach dessen Absage umgeschrieben). Beide beginnen als typische Federal-Arschlochtypen, die den ehrlichen Cops dazwischenpfuschen, gewinnen dann zum Ende aber an Profil und Tiefe, ohne ihr Geheimnis jedoch ganz preiszugeben. Bei dieser Sichtung hatte ich zudem das Gefühl, dass sie möglicherweise ein Verhältnis miteinander haben könnten: Wie der durchtrainierte Garber seinem akkurat frisierten Boss nicht von der Seite weicht, mutet schon sehr schwul an und ihr militaristischer Hitlerjugend-Schneid trägt nicht gerade dazu bei, den keimenden Verdacht zu zerstreuen. Dann ist da das Finale, das mancher vielleicht als letdown empfindet: Aber es ist eine sehr weise Entscheidung, den Film nicht im Kampf Harrigans gegen den außerirdischen Besucher enden zu lassen. Ein Triumph Harrigans wäre schlicht nicht glaubwürdig gewesen, sein Tod wahrscheinlich noch unbefriedigender als der Verzicht auf beides, das Vertagen einer Entscheidung, das die Geste des Predators bedeutet. Es ist ein schönes Ende, das nur daran krankt, dass der dritte Teil, der den Staffelstab aufnimmt und weiterträgt, nie entstanden ist. So bleibt mir nur noch eins zu sagen: Ich liebe PREDATOR 2. Und ihr solltet es auch tun.

Basic CMYKZugegeben, LETHAL WEAPON 4 ist nicht so öde und lahmarschig wie der direkte Vorgänger, aber dafür so dermaßen übersteuert, dass er kaum weniger nervtötend wirkt. Seinerzeit fand ich ihn wohl ziemlich spektakulär und aufregend, die Melange aus Action und gefühlsduseliger Familienkomödie aber schon damals streitbar, weder wirklich zufriedenstellend noch gar überzeugend. Heute, knapp 15 Jahre später stehe ich dem Film gegenüber wie ein Höhlenmensch, der plötzlich mit Lady Gaga konfrontiert wird: Ich verstehe ihn nicht. Der Film suggeriert mir, dass mir das, was ich da sehe, ein Riesenvergnügen bereiten sollte, aber je überzeugter der Film von seinem Gelingen ist, umso mehr hat er mich befremdet und abgestoßen. Da ist diese wirklich grau-en-haf-te Szene, in der Riggs (Mel Gibson), Murtaugh (Danny Glover) und ihr neuer Partner Butters (Chris Rock – weil dieser Film nichts so sehr braucht wie noch einen Spaßvogel) sich in das Behandlungszimmer einer Zahnarztpraxis schleichen, um einen dort wartenden  Verdächtigen mithilfe von Lachgas zu verhören. Natürlich bekommen auch Riggs und Co. mehr als eine Brise des Betäubungsmittels ab, und die ganze Szene endet in unbändigem Gelächter und Lachkrämpfen, die an die Darbietungen einer mittelmäßigen Impro-Theatergruppe erinnern. Die Differenz zwischen meinem Gemütszustand und dem der Protagonisten hätte während dieser Szene kaum größer sein können. Nicht nur ist das ganze Lachgas-Szenario grauenhaft altbacken ist (es hilft nichts, dass Donner seit LETHAL WEAPON immer und immer wieder die Three Stooges referenziert, um sich abzusichern): Es ist einfach erschreckend unwitzig.

Der sich in dieser Szene niederschlagende Mangel an Selbstreflexion – Richard Donner scheint mir wirklich ein bemerkenswert dummer Mensch zu sein – zeichnet den ganzen Film aus. Hat denn wirklich keiner gemerkt, dass dieser Riggs ein grotesk unsympathisches Arschloch ist, mit seiner Herablassung gegenüber Schwächeren, seinem unverhohlenen Hass auf die Chinesen, die hier das Schurkenpersonal stellen, seiner Bully-Mentalität und seinem Sexismus? Besonders ätzend gerät der unvermeidliche Auftritt der Polizei-Psychologin: Nachdem sie ihm erneut eine Therapie angeraten hat (gähn!), stellt Riggs sie vor versammeltem Polizeirevier bloß, indem er ihr sexuelles Interesse an ihm unterstellt. Klar, dass ein selbstverliebter Geck wie er sich nicht vorstellen kann, dass eine Frau aus einem anderen Grund mit ihm spricht. Und wie idiotisch sich alle verhalten! Riggs erfährt in der Eröffnungsszene von Murtaugh, dass Lorna (Rene Russo) von ihm schwanger ist, weil sie sich nicht getraut hat, es ihm selbst zu sagen. In den folgenden 120 endlosen Minuten vollführen die beiden Endvierziger einen Eiertanz um die Frage, ob sie heiraten sollen: Man fühlt sich wie im Kindergarten. Murtaughs Tochter Rianne hat ihrerseits nicht nur ihre Schwangerschaft vor ihrem Daddy geheim gehalten, sondern gleich auch noch ihre Heirat einschließlich Ehemann. Die Versuche des Inkognito-Schwiegersohns Butters, sich bei Murtaugh beliebt zu machen, missversteht dieser „natürlich“ als die Avancen eines Schwulen. Es ist wirklich beeindruckend, wie würdelos sich Erwachsene verhalten können. Oder vielmehr: Was Donner so alles für lustig hält. Alles aus ist dann am Schluss, wenn es eine rührselige Ansprache von Leo Getz (Joe Pesci) gibt, der nunmehr seit drei Filmen übelste Demütigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen musste und trotzdem vor lauter Dankbarkeit fast vergeht. Die zwei, drei netten, wirklich witzigen Momente – etwa das Mantra-artig wiederholte „I’m not too old for this shit!“, eine auf-den-Kopf-Stellung von Murtaughs Lieblingsspruch, mit der die beiden ihre unleugbaren Alterserscheinungen wegbeten wollen – fallen bei der Anzahl schmerzhaft-idiotischer Einfälle kaum ins Gewicht.

Von der Actionfront gibt es leider kaum Positiveres zu vermelden. Es kracht, wie erwähnt, etwas mehr als im dritten Teil, aber wirklich mitreißend ist das alles nicht. Der Erfolg einer spektakulären Verfolgungsjagd wird massiv dadurch geschmälert, dass man Gibsons Stunt-Double allzu oft allzu gut erkennen kann, Jet Lis Martial-Arts-Künste sind weitestgehend verschenkt, zumal seine Rolle mit „eindimensional“ noch reichlich wohlwollend beschrieben ist. Nee, nee, das ist alles nichts. Vielleicht ist LETHAL WEAPON 4 einfach schlecht gealtert, vielleicht ist man bei der gerechten Einschätzung des Films auch durch Gibsons Eskapaden in den  letzten Jahren beeinträchtigt. Aus heutiger Warte kann ich mir jedenfalls kaum erklären, warum ich diesen Film nicht damals schon gehasst habe. Ein eindrucksvolles Beispiel, dass Älterwerden mitnichten bloß körperlichen und geistigen Verfall bedeutet, sondern manchmal auch mit einer begrüßenswerten Weiterentwicklung einhergeht.

lethal-weapon-3-pLETHAL WEAPON 3 ist eine Katastrophe. Ein komplett unerträgliche Angelegenheit, die alles, was man schon in den beiden Vorgängern nur ausgehalten hat, weil das Gesamtpaket stimmte, auf epische Breite auswalzt und in noch einmal runtergedummter Version präsentiert – und dabei dann auch noch vergisst, wenigstens ordentlich Rabatz zu machen. Der Film beginnt mit der besten Szene – Riggs (Mel Gibson) jagt bei dem Versuch, eine Bombe entschärfen, ein Hochhaus in die Luft – und hat danach rein gar nichts mehr zu bieten. Jener Auftakt wurde dann damals auch marketingtechnisch weidlich ausgeschlachtet: Dass man eine echte Häusersprengung als Hintergrund benutzte, empfand man seltsamerweise als erwähnenswerte News und nicht etwa als billige Abkürzung der Filmemacher. Von diesem netten Einstieg an geht es nur noch bergab. Die ganz lustige Idee, die beiden Chaos-Cops zum Streifendienst zu verdonnern, wird nach einer kurzen Szene wieder verworfen, bevor sie wirklichen Ertrag eingefahren hat (immerhin dürfen die beiden Helden auf die ihnen eigene „sympathische“ Art einen arglosen Bürger drangsalieren). Der eigentliche Plot um einen Ex-Cop, der sein Insider-Wissen nutzt, um beschlagnahmte Waffen aus der Asservatenkammer zu stehlen, und diese dann samt Teflon-durchschlagender „Cop-Killer“-Munition an Street Kids verhökert, kommt nie in die Gänge. Ständig ist irgendein anderer Schwachsinn wichtiger: Leo Getz (Joe Pesci), der sich nun als geschwätziger Immobilienmakler verdingt, Murtaughs (Danny Glover) Haus verkaufen will und nach einer harmlosen Schussverletzung auf Geheiß seiner beiden feinen Freunde Darmspiegelung und Rektaluntersuchung erhält. Die sich anbahnende Beziehung zwischen Riggs und der Internal-Affairs-Beamtin Lorna Cole (Rene Russo). Das Drama um Murtaugh, der wenige Tage vor seiner Pensionierung in Notwehr einen auf die schiefe Bahn geratenen Freund seines Sohnes erschießt. Der ganze Film ist eine Ansammlung von Satelliten-Ideen, die aufgrund des Verlustes ihres Gravitationszentrums orientierungslos im Nichts schweben, weitab der Umlaufbahn, die ihnen vielleicht einmal Sinn verliehen hat. Der Oberschurke Jack Travis (Stuart Wilson) absolviert hingegen kaum mehr als gelegentliche Gastauftritte, damit man nicht vergisst, dass LETHAL WEAPON 3 ein Actionkrimi sein soll, und gerät zur totalen Non-Entität: Seine Motivation, sein Plan, das alles ist kaum von Interesse und wird dann lediglich zwischen Tür und Angel abgewickelt, weil man es nicht einfach ganz weglassen wollte. Der Showdown in einer nicht fertig gestellten Neubausiedlung wird zwar mit viel Tamtam und Gerumms inszeniert, wirkt aber verglichen mit den Actionszenen der Vorgänger wie aus einer Videopremiere geklaut. Man mag kaum glauben, dass die Köpfe hinter der Serie, die in den vorangegangenen Installationen vielleicht nicht sonderlich inspiriert war, aber für sich doch immerhin in Anspruch nehmen konnte, das Hollywood’sche Achterbahnversprechen ohne Einschränkungen einzulösen, sich zu diesem auf allen Ebenen enttäuschenden Rohrkrepierer hinreißen ließen und dafür noch nicht einmal die entsprechende und verdiente Quittung an den Kinokassen erhielten.

Inhaltlich wird die im Vorgänger schon angedeutete Richtung indessen konsequent weiterverfolgt: Riggs bekommt endlich die Frau zur Seite gestellt, die ihn zügeln und das Wasser reichen kann. Rene Russo absolviert als schlagkräftige Polizeibeamtin fast mehr Actionszenen als Gibson und die Szene, in der die beiden ihre Narben miteinander vergleichen, ist dann auch ein weitestgehend einsamer, wenn auch wenig origineller Höhepunkt des Films. Ein regelrechtes Ärgernis stellt hingegen wieder einmal der Auftritt der Polizeipsychologin Dr. Stephanie Woods (Mary Ellen Trainor) dar, deren unermüdliche, seit dem ersten Teil währenden Bemühungen, Riggs zu einer Therapie zu überreden, mittlerweile deutlich stalkerhafte Züge annehmen. Ein besonders frappierendes Beispiel für den ätzenden Anti-Intellektualismus, Sexismus und Chauvinismus, die die Reihe zwar von Beginn an begleiten, zuvor aber noch offensiv angegangen und daher produktiv zur Wirkung gebracht werden konnten. Der dritte Teil ist nur noch spießig und borniert, dabei aber auch noch jeder kontroversen Härte beraubt (als einziger der Reihe ging er in Deutschland mit 16er-Freigabe durch). Das liegt eben daran, dass die Ausgangsidee der Serie, die Paarung eines braven Familienmanns in den besten Jahren mit einem trainierten und an Depressionen leidenden Killer, im dritten Teil längst passé ist. Klar, Riggs muss sich auch hier mal wieder schmerzhaft die Schulter aus- und wieder einrenken (noch so eine alte, aufgewärmte Idee), und ab und zu darf er noch gefährlich mit den Augen rollen, doch eine tödliche Waffe, eine Bedrohung auch für das eigene Leben, ist er längst nicht mehr. Seine Kanten sind abgeschliffen, sein Schmerz gestillt. Papa hat ihn heim ins Reich geholt, wo der Kleingeist, der er ist, gänzlich reflexionsfrei seinem Omnipotenzwahn nachgehen und seine Polizistenmacht missbrauchen darf, um all jene zu gängeln, die nicht in sein begrenztes Schema passen. Aber das größte Vergehen von LETHAL WEAPON 3 ist noch etwas anderes: Dass Donner noch nicht einmal in der Lage ist, selbst ein Mindestmaß an Interesse für diese Figuren aufzubringen oder seinen Film wenigstens mit einem Tempo zu inszenieren, bei dem einem nicht vor lauter Langeweile die Füße und die Arschbacken einschlafen.

Nach dem Erfolg von LETHAL WEAPON war ein Sequel unvermeidbar. Nach Hollywood-Logik beinhaltet es alles, was den Vorgänger zum Hit machte, in erhöhter Dosis: Der Humoranteil wird durch die Einführung von Joe Pescis Charakter noch einmal gesteigert, die Actionszenen und Stunts sind elaborierter und ausufernder, die Gewalt ist für eine solche Großproduktion von bemerkenswerter Ruppigkeit. Nach den CIA-Schurken des ersten Teils wird eine besonders hassenswerte Antagonistenschar weißer südafrikanischer Rassisten aufgeboten, die unter dem Deckmantel diplomatischer Immunität ihr kriminelles Unwesen treibt. Hier schleicht sich dann sogar Tagesaktualität ein, wird nicht mehr gegen den 1989 schon in der Abwicklung befindlichen Ostblock propagandiert, sondern gegen den noch aktiven Apartheidsstaat. Das geschieht nicht ohne ätzende Polemik – alle weißen Südafrikaner des Films sind groteske Nazikarikaturen –, die durch die Anwesenheit Murtaughs gewissermaßen legitimiert wird (wer im ersten Teil genau aufgepasst hat, hat am Kühlschrank der Familie Murtaugh einen Anti-Apartheid-Free-South-Africa-Aufkleber entdeckt). Die Verwendungen des rassistischen Schmähworts „Kaffer“ sind nicht zu zählen und wirken heute, nach etlichen N-Wort-Debatten und PC-Diskussionen, reichlich zynisch und kalkuliert. Hinsichtlich der Affektsteuerung ist diese Konstellation natürlich Gold wert: Man wähnt sich mit der Sympathie zu Riggs und Murtaugh instinktiv sofort auf der richtigen Seite, auch wenn sich die Methoden, mit denen die Südafrikaner hier kollektiv als Unmenschen verurteilt und die USA als gelobtes Land der Toleranz gefeiert werden, jene so manches vermeintlich antisowjetischen Propagandafilms der mittleren Achtzigerjahre weit in den Schatten stellen. Der Zorn Riggs‘, der sich am Ende gegen die Schurken entlädt, nachdem seine neue Flamme (Patsy Kensit) exekutiert wurde, spiegelt den Amoklauf Rambos nach dem Mord an Co in RAMBO: FRST BLOOD PART II; mit dem Unterschied, dass die eigentlichen Schurken damals in den eigenen Reihen zu suchen waren – und in einem Akt der Selbstbeherrschung verschont blieben. Hier setzen sich Murtaugh und Riggs über geltendes Recht krass hinweg, spucken auf die diplomatische Immunität und richten den ätzenden Popanz Arjen Rudd (Joss Ackland) mit einem Kopfschuss hin, als der ihnen mit triumphierendem Grinsen seinen Diplomatenpass entgegenhält. Man könnte durchaus sagen, dass LETHAL WEAPON 2 mit seinen reaktionären Tendenzen, Gewalt- und Allmachtsfantasien im Gewand der Unterhaltung problematischer ist, als alle „reaktionären“ Actionfilme zuvor.

Auch inhaltlich erzählt LETHAL WEAPON 2 vom Regress: Riggs ist zu Beginn des Films ganz im Schoße der Familie Murtaugh angekommen, geht bei ihnen ein und aus. Der ständig auf des Messers Schneide tänzelnde Psychopath, der er im ersten Teil noch war, ist unter Kontrolle, hat seine Probleme gelöst. So berichtet er Murtaughs Gattin dann auch einmal von jenem Abend, an dem er vom Tod seiner Frau erfuhr: Zwar merkt man ihm an, wie es hinter der betont coolen Fassade brodelt, aber man muss keinen Rückfall in die manische Depression mehr befürchten. Seine an Masochismus grenzende Tollkühnheit nutzt er vor allem, um ein paar Dollar nebenbei zu verdienen: So befreit er sich durch mutwilliges Auskugeln des Schultergelenks gegen Geld von seinen Kollegen aus einer Zwangsjacke und renkt sie sich äußerst schmerzhaft vor den Augen der Polizeipsychologin, die ihn eh am liebsten in Behandlung sähe, wieder ein. Er gleicht einem domestizierten Wolf: Seine Unberechenbarkeit ist in geordnete Bahnen überführt, nutzbar gemacht. Wenn es nötig ist, wird er von der Leine gelassen. Dann zeigen seine Augen wieder dieses gefährliche Blitzen, ist ihm alles zuzutrauen, gleicht er einem Pyromanen in der Feuerwerkskörper-Fabrik. Wie dieser Mann tickt, wird sehr schön in einem eher unauffälligen Moment deutlich: Als er seinen Partner Murtaugh regungslos auf der Toilette sitzend vorfindet, mit ruhiger Stimme sprechend und wie von einer tiefgreifenden Erkenntnis befallen. schleicht sich echte Angst in Riggs Gesicht. Als Murtaugh Riggs jedoch offenbart, dass seine Kloschüssel mit einer Bombe versehen ist, die ihn dort seit Stunden festhält, entfährt diesem ein Stoßseufzer der Erleichterung. Mit einer handfesten lebensgefährlichen Situation kann er umgehen, mit dem Geständnis eines allzumenschlichen Problems wäre er indessen überfordert gewesen. Der weitere Verlauf des Films zeigt dann auch, das es ein frommer Wunsch ist, diesen Mann dauerhaft unter Kontrolle zu halten. Nach dem Tod seiner Liebschaft und der die Glaubwürdigkeit etwas überstrapazierenden Offenbarung, dass die Südafrikaner auch am Tod seiner Ehefrau beteiligt waren, rastet Riggs völlig aus, beginnt einen Ein-Mann-Feldzug gegen die Bösewichter, in den er auch seinen sonst so zivilisierten Freund Murtaugh mit hineinzieht. LETHAL WEAPON 2 macht eindrucksvoll klar, dass es nur eine Sache gibt, die diesen Riggs dauerhaft zähmen kann: Und tatsächlich wird er dann ja im nächsten Film eine gleichberechtigte Partnerin finden.

Die angesprochene Law-and-Order-Mentalität und der kaltschnäuzige Zynismus des Films werden zwar vordergründig durch die liebenswerten Kumpeleien des Films konterkariert, spiegeln sich aber auch in der herablassenden Behandlung, die Riggs und Murtaugh dem ihnen anvertrauten Leo Getz angedeihen lassen. Pesci lässt sich als kleiner Giftzwerg mit Plappermaul inszenieren, als Comic Relief, an dem sich die beiden echten Kerle abreagieren können – sogar der sonst so brave Murtaugh wird ihm gegenüber zum waschechten bully. Da setzt es in einer Tour Backpfeifen, Nasenstüber, verbale Demütigungen und Beleidigungen, die Leo in geradezu hündischer Ergebenheit hinnimmt und fast noch dankbar dafür ist, dass er von diesen beiden gewachsenen Mannsbildern wenigstens irgendwie wahrgenommen wird. Auch wenn Donner seine beiden Helden wahrscheinlich wirklich als dufte Typen verstanden wissen wollte: Eher unabsichtlich gelang ihm ein recht treffendes Bild einer geschlossenen Männergesellschaft, die nur ihresgleichen als gleichberechtigt akzeptieren kann, ihre Zuneigung in kleinen Sticheleien ausdrückt und Außenstehende ausschließlich mit einer Geringschätzung zu behandeln weiß, in der sich die Frustration über den eigenen gesellschaftlichen Status niederschlägt. Auch der Zorn auf die südafrikanischen Diplomaten ist nur indirekt mit deren Machenschaften und ihrer Ideologie zu erklären: Hinter dem Gesicht der Rechtschaffenheit verbirgt sich nichts anderes als die hässliche Fratze des Wutbürgers, der im gegenüber all das verkörpert sieht, was er nicht hat. Ich finde es toll, wie LETHAL WEAPON 2 – ganz wie seinem Protagonisten Riggs – die Kontrolle entgleitet und diese Fratze zum Vorschein kommt, wie der „Spaß für die ganze Familie“ zur verfilmten Bild-Zeitung gerät. Teil 1 war wahrscheinlich zwingender und runder, weniger aufgeblasen mit Albernheiten, aber das Sequel ist einzigartig in seiner Falschheit. Ein Spätachtziger-Masterpiece.

Ich beginne diesen Text über LETHAL WEAPON (über den ich – unglaublich, aber wahr – tatsächlich noch nie geschrieben habe) mit einer Behauptung: Donners Film bedeutet bei seinem Erscheinen vor über 25 Jahren den Startschuss zu einer weitreichenden Veränderung des amerikanischen Actionfilms. Zu seiner Zeit wurde das wahrscheinlich gar nicht so bemerkt, weil man noch nicht ahnte, welche Welle ihm folgen würde. Und betrachtet man ihn gewissermaßen „ahistorisch“, so scheint er doch lediglich ein überdurchschnittlich gut gelungener, überdurchschnittlich erfolgreicher, keinesfalls aber bahnbrechender oder gar besonders innovativer Vertreter des Buddy-Cop-Films, der ja seinerzeit selbst nur existierte, weil Walter Hill wenige Jahre zuvor mit 48 HRS. ein massiver Hit gelungen war. Man könnte zu der Meinung gelangen, LETHAL WEAPON sei ein sehr typisches Produkt seiner Zeit. Diesen Glauben müsste man nur bedingt einer Wahrnehmungsstörung zuschreiben: Donner bereitet den Paradigmenwechsel höchst geschickt vor, legt sein Ei wie der Kuckuck ins gemachte Nest des Achtzigerjahre-Actionfilms und lässt seine neue Brut in der Geborgenheit des Altbekannten aufziehen. Damit sein Jungtier von den Pflegeeltern nicht verstoßen wird, hat es genug Ähnlichkeit mit diesen, dennoch zeigt es bei genauer Betrachtung unverkennbare eigene Züge, der Keim für die genetische Veränderung ist gelegt.

Wurde das Actionkino seines Jahrzehnts bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend von grimmigen, entschlossenen Helden beherrscht, die der bösen Welt am Rande des Dritten Weltkriegs nur wenig zum Lachen abringen konnten, so schleicht sich mit LETHAL WEAPON eine gewisse Lockerheit ein. Zwar gab es auch hier handfeste Gewalt zu bestaunen, aber ihre Wirkung wird zum einen durch einen sehr dominanten Humor und einen soapoperesken Charakter geschmälert. Der Unterschied fällt umso stärker ins Gewicht, als mit Mel Gibsons traumatisiertem, an der Schwelle zum nervlichen meltdown stehenden Ex-Special-Forces-Mann  und Vietnamveteranen Riggs – der titelgebenden „tödlichen Waffe“ – ein Protagonist zur Verfügung steht, dessen Biografie ihn durchaus zu einem Kompagnon der Rambos und Braddocks macht. Was in FIRST BLOOD oder MISSING IN ACTION jedoch noch Ausgangspunkt für menschliches Drama war, dem Zuschauer einen ernüchternden Blick auf die Verkarstungen der Seele ermöglichte, die der Krieg angerichtet hatte, das ist bei LETHAL WEAPON schon zum Klischee geronnen und kann auf der nächsten Metaebene verhandelt werden. Riggs‘ „Macke“, die durch den Unfalltod seiner Frau noch verstärkt wurde, ist hier kein Handicap, sondern befähigt ihn im Gegenteil gerade dazu, es mit Schurken verschiedener Couleur aufzunehmen. Wenn er in einer Szene nicht ohne Stolz erzählt, dass er im Krieg einen Mann auf rund 1.000 Meter bei starkem Wind erschossen habe und damit wahrscheinlich einer der 9, 10 besten Schützen der Welt sei, verleiht das der Figur einen Hauch von Coolness und Verwegenheit. Dass ihn die Ausbildung, die er für diese Befähigung durchlaufen musste, auch eines Stücks seiner Menschlichkeit beraubt hat – etwas, das in Kotcheffs FIRST BLOOD noch ganz offen thematisiert wird –, spielt in LETHAL WEAPON jedoch keine Rolle mehr. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg ist nicht mehr erforderlich, er liefert gewissermaßen nur noch eine Kulisse. Wenn Donner also auf den Vietnamkrieg rekuriert, ist nicht länger der historische Konflikt gemeint, sondern nur noch seine filmische Repräsentation.

Riggs‘ Veteranenstatus und seiner „Psychose“ kommt dennoch eine wichtige erzählerische Funktion zu: Sie werden zur entscheidenden Triebfeder in der Beziehung zu seinem neuen Partner, dem zu Beginn des Films seinen 50. Geburtstag feiernden Familienmann Murtaugh (Danny Glover). Der ist hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, langsam seinem Ruhestand entgegenzuschippern (die passende Yacht liegt schon in seiner Einfahrt), und der Ernüchterung, schon zum alten Eisen zu gehören. Riggs verstärkt beides mit seinem Draufgängertum und seiner Scheißegal-Haltung und bewirkt noch einmal eine Art Frischzellenkur bei Murtaugh, der seinem asozialen Kollegen seinerseits wieder zu einer gewissen Erdung und Ordnung verhilft. Es ist diese Dynamik, die LETHAL WEAPON bestimmt. Der Krimiplot wird hingegen auffallend lax erzählt, nahezu alle Ermittlungserfolge sind dem Zufall, unerklärlichen Geistesblitzen oder der Arglosigkeit der Schurken geschuldet. LETHAL WEAPON folgt der Beziehung von Riggs und Murtaugh über eine Reihe von Action-Set-Pieces, in deren Verlauf die anfänglichen Antipoden immer mehr zusammenwachsen, bis sie den Killer Mr. Joshua (Gary Busey) schließlich im Verbund, Rücken an Rücken stehend gemeinsam erschießen, der eine aus seiner modernen 15-Schuss-Kanone, der andere mit seinem Altherrenrevolver.

LETHAL WEAPON machte 1987 den Weg frei für ein familienfreundliches Actionkino, eines, dessen Charaktere „sicher“ sind, selbst wenn es sich bei ihnen, wie im Falle von Riggs, um trainierte Killer handelt; dessen Action nicht mehr in erster Linie als Ausdruck dieser Charaktere, sondern viel eher als Attraktion und Schauwert „an sich“ inszeniert wird. In dem alles auf Entertainment und Immersion ausgerichtet ist und das sich nicht mehr so sehr als expliziter Kommentar zu einer wie auch immer gearteten Realität versteht, sondern das gerade seine Künstlichkeit, sein Film-Sein in den Vordergrund stellt. Das klingt jetzt wie ein Verriss und wer meine Haltung zum Actionkino kennt, der weiß ja auch, was ich bevorzuge. Für LETHAL WEAPON mache ich gern eine Ausnahme. Sein Kuckucksei-Charakter verleiht ihm eine zynisch-bittere Note, die in Verbindung mit dem breiten Appeal des Films durchaus als subversiv zu nennen ist. Diese Zwiespältigkeit geht den folgenden Einträgen der Reihe immer mehr ab. Sie zeichnen so nicht nur die Entwicklung des Actionfilms vom brutalen Männerspaß zur familientauglichen Achterbahnfahrt nach, sondern auch die seiner Helden: Auch die „tödliche Waffe“ will irgendwann einmal im Schoß der Familie ankommen. Rambo konnte davon nur träumen.

2012. Die Erde geht unter. Die Reichen und Mächtigen haben vorgesorgt und riesige Archen gebaut, auf denen die letzten Menschen einer neuen Zeitrechnung entgegensteuern werden. Und der Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack) will für seine beiden Kinder, seine Ex-Frau (Amanda Peet) und auch für sich selbst einen Platz an Bord ergattern …

Roland Emmerichs liebt es, Filme über die Ohnmacht zu drehen. Das Gefühl, das den Menschen beschleicht, wenn er sich einer Sache gegenübersieht, die er als größer erkennt, als er selbst es ist, die ihn an seine Nichtigkeit erinnert und all seine bisherigen Sorgen und Wünsche als schwaches, kurzlebiges Aufflackern im unendlichen Universum erscheinen lässt, und das Kant als das „Erschaudern vor dem Erhabenen“ bezeichnete. In allen Emmerich-Filmen, in denen es um diese Ohnmacht, dieses Erschaudern geht, also sowohl in INDEPENDENCE DAY als auch in GODZILLA, THE DAY AFTER TOMORROW oder jetzt eben 2012, gibt es diesen Moment, in dem die Menschen des Unbegreiflichen, Undenkbaren gewahr und vom Status der „Krone der Schöpfung“ auf den des Staubkorns in der Unendlichkeit zurückgeworfen werden, und Emmerich inszeniert ihn fast immer gleich: Vorn im Bildvordergrund der Mensch und weit weit im Bildhintergrund eben das Erhabene, das den Menschen auf Zwergengröße schrumpft, sodass ihm nichts mehr bleibt als ehrfüchtig und mit weit aufgerissenen Augen zu erstarren. Und man ahnt, dass Emmerich seine Zuschauer in eine ganz ähnliche, wenn auch deutlich weniger prekäre und endgültige Lage bringen will. 

2012 hält der Größe der Katastrophe angemessen gleich mehrere dieser Augenblicke bereit und der eine, in dem der paranoide Verschwörungstheretiker Charlie (Woody Harrelson) der Explosion des Yellowstone-Nationalparks beiwohnt und seinen Followern via Podcast mitteilt „I wish you could see what I see“, und die Kamera den Blick des Zuschauers für eine Sekunde auf das stattliche Klempnerdekolletee Charlies lenkt anstatt auf die Apokalypse im Bildhintergrund, zeugt auch von dem Humor und der Intelligenz des Schwaben, für den das Feuilleton gemeinhin nicht allzu viele Nettigkeiten bereithält. Seine Figuren seien flach, seine dramaturgischen Einfälle plump und vorhersehbar, seine Weltanschauung erzkonservativ und vielleicht sogar protofaschistisch. Diesen Vorwürfen lässt sich nur schwer widersprechen, doch sind sie meines Erachtens nicht dem Unvermögen zuzuschreiben, sondern nur logische Konsequenz von Emmerichs Themen. Wenn nicht weniger auf dem Spiel steht als das Fortbestehen der gesamten Menschheit, dann ist es sowieso schwer, Subtilität zu wahren, umso mehr, wenn die adäquate Ins-Bild-Setzung dieses Weltuntergangs von so großer Bedeutung ist wie bei Emmerich. Folglich gibt es in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Emmerichs Charaktere unterhalten, auch keine kleinen Probleme und auch keine Nichtigkeiten; es ist kein Platz für schmückende, aber in diesem Kontext erst recht bedeutungslose Details. Wenn also Jacksons Tochter als Bettnässerin eingeführt wird, dann nur, damit sie diese Schwäche am Ende überwinden kann. Aber immerhin: Die meisten anderen Figuren bekommen gerade so viel Zeit, um sich in dramatisch aufgeblasenen Momenten von ihren Lieben zu verabschieden. 

Emmerich beweist mit 2012 aber, dass er nicht als Hollywoods ahnungsloser Vollstreckungsgehilfe in Sachen Untergangsstimmung unterwegs ist: Er weiß sehr genau, was er da macht und welche Implikationen seine Geschichten mitbringen, dass man ihm nach so vielen Weltuntergangsszenarios eine gewisse Morbidität unterstellen muss. Der Blick auf das monumentale Massensterben in 2012 wird daher mehr als einmal ironisch gebrochen, was ihn von den wahnsinnigen Untergangspropheten, die unter anderem im Internet oder in diversen Sekten ein fruchtbares Beschäftigungsfeld gefunden haben, abhebt. Mehr als als Warnfabel, als die man den Klimakatstrophenfilm THE DAY AFTER TOMORROW noch bezeichnen konnte, ist 2012 ein Film über das menschliche Bedürnis nach der Apokalypse als Generator von Visionen und Träumen, die sich an diese anknüpfen. Emmerich betreibt Bildproduktion. Und darin ist er tatsächlich meisterlich.