Mit ‘Darlanne Fluegel’ getaggte Beiträge

mpw-59135Jonathan Demmes SILENCE OF THE LAMBS hat den Filmmarkt zu Beginn der Neunziger stark verändert: Plötzlich wimmelte es auf den Leinwänden vor perversen Serienmördern und toughen FBI-Ermittlern und es hielt eine Darstellung von grafischer Gewalt ins erwachsene Mainstream-Kino Einzug, die vorher undenkbar gewesen war. (Ich erinnere mich noch an einen Radiobericht zum Start von SILENCE OF THE LAMBS, in dem Kinogänger monierten, der Film sei unnötig brutal.) Glickenhaus, dessen vorletzter Film dies war, legte für seine Variante sogar noch eine Schippe drauf. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS, der in den USA gleich im Fernsehen ausgestahlt wurde, geht es um einen gestörten Kindermörder, der in seinem texaschainsawmasskeresken Unterschlupf Dutzende verstümmelter Leichen in fantasievollen Posen drapiert hat. Das ist aber nicht das einzige Verstörende hier.

SLAUGHTER OF THE INNOCENT hätte gewiss das Zeug  zu einem wenn auch nicht bahnbrechenden Thriller so doch zu einem angemessen düsteren Gegenpart zu den etlichen gestriegelten High-End-Thriller gehabt: Der Auftakt setzt gleich das richtige Signal, eine Szene, in der der ermittelnde FBI-Agent Stephen Broderick (Scott Glenn) einen Ermittlungsbericht voll grausamer Details mit nüchterner, ungerührter Stimme verliest, ist schon fast als kaltschnäuzig zu bezeichnen, die Hinrichtung eines Unschuldigen lädt auch nicht gerade zu Heiterkeit und Freude ein. Das spektakuläre Finale ist vor allem der Genrekonvention geschuldet, aber trotzdem ein Hingucker: Der Mörder hat in seiner Höhle eine Arche gebaut, die er auf Schienen mitsamt seiner letzten Opfer in eine Schlucht krachen lassen will. Der Showdown ist demzufolge ein bisschen INDIANA JONES in klein. An technischer Finesse oder der dem Sujet angemessenen Düsternis mangelt es dem Film nicht. Leider, leider torpediert er seinen Erfolg aber mit einer hanebüchenen Drehbuchidee und einem katastrophalen Besetzungscoup: Broderick bei den Ermittlungen zur Seite steht nämlich sein ca. 12-jähriger Sohn Jesse (Jesse Cameron-Glickenhaus), wie man an seinem Namen unschwer erkennen kann der Sohn des Regisseurs. Dieser Jesse ist ein etwas blässliches, mit großen Kulleraugen ausgestattetes Englein, das nicht nur superintelligent ist, sondern auch ein ausgewachsener Computerexperte. Er ermittelt auf eigene Faust und hilft seinem Papa immer wieder mit verblüffenden Rechercheerfolgen und Kombinationen. So sehr, dass der Papa den Sohnemann sogar freiwillig einbindet in seine Bemühungen, einen gefährlichen Kindermörder zu fassen! Und am Ende begibtt Jesse sich natürlich allein auf die Jagd und kommt sogar vor seinem Papa im Versteck des Killers an.

Ich habe ernsthafte Zweifel, aber vielleicht hätte es wirklich Mittel und Wege gegeben, diese Idee so in einen Film zu überführen, dass nicht jede Glaubwürdigkeit schreiend die Flucht ergriffen hätte. Es ist schon mehr als dispension of disbelief nötig, anzunehmen, dass ein Profiler seinen minderjährigen Sohn mit Informationen über aktive Serienmörder versorgen würde und dieser ihm dann sogar noch Teile der Arbeit abnehmen könnte, ja, dass ein Kind darauf überhaupt Lust hätte. Aber gut, irgendwoher müssen zukünftige Staatsbeamte ihre Passion ja haben. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS jedenfalls geht alles in die Binsen, sobald Jesse Cameron-Glickenhaus auftritt: Dieses Kind hat weder das nötige Schauspieltalent, um die unglaubwürdige Prämisse zu retten, noch das Charisma, dass man ihm das mangelnde Talent verzeihen würde. Wenn er da mit seinem Computer telefoniert, sogar Erwachsene bedroht, ihm Informationen zu geben, seinen Vater mit cleveren Schlussfolgerungen beeindruckt und generell einfach nur Superbrain ist, ist es als würde man mit einem Eiswasser aus einem wunderschönen Traum gerissen: Eben war man noch in einem misanthropischen Serienmörderfilm, plötzlich steckt man in einer drittklassigen Variation von TKKG. Man merkt jeder Szene mit ihm an, dass selbst der Drehbuchautor beim Verfassen plötzlich von jedem Mut verlassen wurde. Und Scott Glenn macht sichtbar gute Miene zum bösen Spiel. Es ist bizarr.

Tiefenpsychologisch aber natürlich auch wieder sehr interessant: Speziell die Sequenz, in der Jesse durch die Höhle des Killers stolpert, wie besinnungslos Fotos von den ausgestellten Leichen macht, fordert geradezu dazu auf, sie autobiografisch zu interpretieren. Rechnet der Regisseur hier mit seiner eigenen Exploitationvergangenheit ab, bedauert er, vielleicht auch seinen eigenen Sohn berufsbedingt zu viel (filmischer) Gewalt ausgesetzt, ihm Dinge gezeigt zu haben, die nicht für seine Augen bestimmt waren? Dass Glickenhaus danach nur noch den Kinderfilm TIMEMASTER drehte, ebenfalls mit seinem Sohn in der Hauptrolle, lässt diese Spekulationen jedenfalls sehr plausibel erscheinen. SLAUGHTER OF THE INNOCENTS würde ich aufgrund der genannten, kaum auszublendenden Mängel nur Glickenhaus-Enthusiasten oder Freunden von rätselhaft missglückten Filmen empfehlen. Wunderkinder sind eben keine wahre Freude.

Der intergalaktische Tyrann Sador (John Saxon) hat es auf den Planeten Ak’ir abgesehen, der von einem kleinen Völkchen pazifistischer Naivilinge bewohnt wird. Sieben Tage Zeit gibt er ihnen für die Kapitulation (warum eigentlich?), bevor er sie vernichten wird. Der Jüngling Shad (Richard Thomas) wird von seinen Landsleuten auf die Reise geschickt, um eine Armee zu rekrutieren, die ihnen im Kampf gegen Sador beistehen soll. Mit sechs tapferen Kriegern kehrt er zurück: der Waffenexpertin Nanelia (Darlanne Fluegel), dem alten Haudegen Cowboy (George Peppard), dem eiskalten Söldner Gelt (Robert Vaughn), dem Echsenmenschen Cayman (Morgan Woodward) und seinen beiden Aliens, der Amazone Saint-Exmin (Sybil Danning) und schließlich Nestor, eine sechsköpfige Gruppe telepathisch begabter Klone, die sich ein Bewusstsein teilen …

John Sayles schrieb das Drehbuch zu Roger Cormans Low-Budget-Space-Oper und verlegte John Sturges Western-Klassiker THE MAGNIFICENT SEVEN (bzw. Kurosawas THE SEVEN SAMURAI) in ein buntes, natürlich von STAR WARS inspiriertes Universum, dem James Cameron dann mit seinen visuellen Effekten und Bauten preisgünstige, aber effektive und ansehnliche Gestalt verlieh. Auch zu diesem Film liest und hört man die obligatorischen Geschichten von Eierkartons und anderem Verpackungsmüll, die Eingang in die Kulissen gefunden haben sollen: Ich frage mich aber mittlerweile, ob das nicht eine im Stille-Post-Verfahren aufgeblähte Urban Legend ist – erstens, weil sie schon von Mitwirkenden von FORBIDDEN WORLD und GALAXY OF TERROR erzählt wurde, zweitens weil man als Zuschauer vergeblich nach Belegen für diese Behauptung Ausschau hält. Auch BATTLE sieht so erstaunlich gut aus, wie ein Film mit einem Budget von knapp 2,5 Millionen Dollar (mehr hatte Corman zu diesem Zeitpunkt nie ausgegeben) gerade noch aussehen darf, ohne dass man Schwindelei vermuten muss. Sayles augenzwinkerndes Script und die im vollen Bewusstseins der Campiness des Films agierenden Schauspieler garantieren, dass der Film auch dann seine Würde nicht verliert, wenn er an seine Grenzen stößt. Vor allem Sybil Danning, deren beeindruckende Oberweite den Kampf gegen ihre Kostüme nur ganz knapp verliert (Richard Thomas erzählt im Bonusmaterial sichtlich belustigt von den diversen helfenden Händen am Set, die immer damit beschäftigt waren, die in die Freiheit strebenden Nippel der Danning wieder an den für sie vorgesehenen Platz zu schieben), leistet Großes, absolviert ihre Rolle als Kriegeramazone Saint-Exmin mit genau dem Ernst, der großen Camp ausmacht. Hauptdarsteller Richard Thomas und sein Love Interest Darlanne Fluegel versehen ihr romantisches Liebespärchen mit kulleräugiger Ergriffenheit, John Saxon frisst seine Szenen als ginge es um sein Leben, George Peppard gibt den knuffigen Onkel und einzig Robert Vaughn scheint darüber zu sinnieren, was mit seiner Karriere schief gegangen ist – was aber wiederum perfekt für seine Rolle ist.

Leider kann Murakami die einzelnen tollen Bestandteile nicht zu einem reibungslos funktionierenden großen Ganzen zusammenfügen. BATTLE bleibt irgendwie steif und episodisch, entwickelt nie den Sog, mit dem solche Stoffe den Zuschauer im Idealfall für sich einnehmen. Die einzelnen Episoden stehen so nebeneinander, echte Spannung will sich einfach nicht einstellen, stattdessen wirkt der Film – komisch bei so viel buntem Schabernack – immer etwas gedrosselt, vernünftig und diszipliniert. Das mag auch an den geistigen Vorbildern liegen, die ja auch ganz klar strukturiert waren: Aber die hatten wenigstens ausgearbeitete Charaktere, während für Murakamis Pappenheimer meist eine Eigenschaft ausreichen muss. Ich fand BATTLE gestern leider vor allem ermüdend, aber das mag auch an mir gelegen haben. Bis auf Weiteres kann Cozzis STARCRASH den Platz auf dem Thron Corman’scher STAR WARS-Rip-offs weiter für sich beanspruchen. Dessen Wahnsinn lässt ihn die Grenze zur Avantgarde überschreiten, BATTLE bleibt leider immer im Rahmen. Sofern man es noch nicht als elementaren Konventionsverstoß erachtet, dass der Held in einem weiblichen Raumschiff rumfliegt, dass laut Eccentric Cinema aussieht wie ein „plucked turkey – sportin a woman’s bosom“.

EDIT: Computerfachmann und -historiker Stefan Höltgen klärte mich eben darüber auf, dass die Kamera, die für die Spezialeffektsequenzen  eingesetzt wurde, die erste war, die vollständig von einem Computer gesteuert wurde. Wer sich für solche technischen Details interessiert, findet in Stefans Blog „Simulationsraum“ einen Ausgangspunkt für weitere Recherchen, und zwar hier.