Mit ‘David Bautista’ getaggte Beiträge

Ist es ein Fall von „steter Tropfen höhlt den Stein“ oder gar Altersmilde? GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 ist jetzt nach SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE schon der zweite Marvel-Film in Folge, den ich richtig klasse fand. Und nein, ich glaube nicht, dass es einfach daran liegt, dass mein Widerstand gebrochen ist: Das Sequel zum Überraschungserfolg macht einfach Spaß, es ist bunt, witzig und spektakulär, es hat Tempo und Drive und kommt mit jener wunderbaren Leichtfüßigkeit daher, die mir bei den „großen“ Meilensteinen des MCU meist fehlt. Schon der Vorgänger verfügte über diese Eigenschaften, vielleicht auch, weil er den Vorteil hatte, mit seiner vergleichsweise unbekannten Protagonistenschar nicht die Last von fünf Jahrzehnten Comicgeschichte auf den Schultern tragen zu müssen, und mit James Gunn einen Regisseur mit Exploitationvergangenheit und der passenden Attitude. Trotzdem konnte ich die Begeisterung, die GUARDIANS OF THE GALAXY damals bei vielen auslöste, nicht hundertprozentig teilen, wobei ich heute nicht mehr weiß, woran das eigentlich lag. Ich müsste den Film noch einmal auffrischen – und ganz ehrlich, nach der Sichtung gestern habe ich da nicht übel Lust drauf.

Vor der Aufgabe stehend, mein positives Urteil zum Sequel zu begründen, könnte ich es mir leicht machen und Teile meines Textes zum bereits erwähnten SPIDER-MAN: INTO THE SPIDER-VERSE hier per copy&paste-Verfahren einstellen, aber das mache ich natürlich nicht. Also anders: Innerhalb des MCU kommt den Guardians die Rolle der respektlosen Underdogs zu, die auch schon mal zotige Pimmelwitze reißen (ohne gleich in die Niederungen eines DEADPOOL abzugleiten) und sich gegenseitig dissen, wie alte Freunde das zu tun pflegen. Sie zeichnen sich nicht durch heilige Ergebenheit gegenüber der guten Sache aus, auch nicht durch Edelmut und Unfehlbarkeit: Die Guardians sind im Gegenteil ein paar Banditen mit gutem Herz, die mangelnden Intellekt und fehlende Tugendhaftigkeit mit Einsatzbereitschaft, Improvsationsgabe und Nehmerqualitäten wettmachen. Ihre Kämpfe gegen Monster, aufgebrachte Armeen und Superschurken arten meist in chaotische Scharmützel und Ballereien aus, bei denen die Helden auch davon profitieren, dass sie das Glück des Tüchtigen auf ihrer Seite haben. Diese Charakterisierung macht das Team um Star-Lord (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Rocket (Bradley Cooper), Drax (David Bautista) und Groot (Von Diesel) nahbar und sympathisch, verleiht den Filmen zudem jene Unvorhersehbarkeit, die die Tentpole-Produktionen des MCU, also die Filme um die Avengers, Captain America oder Iron Man, sich nur sehr selten erlauben. Es weht ein milde anarchischer Wind durch die Filme um die Guardians, sie werden beflügelt vom Enthusiasmus der Helden, die es halt auch einfach ziemlich geil finden, durchs Weltall zu rasen und sich mit Superwaffen in die Schlacht zu werfen – auch wenn sie dabei manchmal auf die Fresse bekommen. Heldentum ist hier gleichbedeutend mit Fun und Abenteuer, eben nicht mit der oft beschworenen Verantwortung und drückendem Pflichtgefühl: Zwar setzen sich die Guardians immer für das Gute ein, aber oft genug nervt es sie auch, dass sie nicht einfach nur miese, ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachte Halsabschneider sein können. (Das erinnert mich etwas an die Filme meines großen Helden Bud Spencer – eine sehr gute Referenz!) Der ideologisch befremdliche Militarismus der Avengers, die sich da regelmäßig von irgendwelchen fragwürdigen Institutionen für das angebliche „greater good“ einspannen lassen, ist hier gänzlich abwesend. Das ist sehr wohltuend.

Sowohl GUARDIANS als auch VOL. 2 profitieren außerdem immens davon, dass sie als poppige Space Opera angelegt sind und demnach visuell aus dem Vollen schöpfen können – und das auch tun: GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 hält sich gar nicht erst lang mit einer Exposition auf, sondern versetzt den Zuschauer mitten rein in den Kampf gegen ein riesiges zahnbewertes Krakenmonster, macht ihn mit den goldhäutigen Klonen der Sovereign bekannt, entführt ihn in einen an TOTAL RECALL erinnernden Amüsierbetrieb sowie den Planeten Ego, der von seinem göttlichen Namenspatron zu einem trügerischen Paradies geformt wurde. Es gibt jede Menge fantasievoller Kreaturen und Kostüme zu bestaunen sowie erstklassig choreografierte Action-Set-Pieces. Der Film läuft geradezu über vor Stilwillen und Ideen und macht nicht den Fehler „Dynamik“ mit „Hektik“ zu verwechseln. Jede Sequenz ist perfekt durchkomponiert, folgt einem klaren visuellen Konzept – ich denke da nur an den fliegenden Pfeil von Yondu (Michael Rooker), der mit der Hilfe seiner einen roten Schweif hinter sich herziehenden Waffe die hundertköpfige Besatzung eines Raumschiffes ausschaltet. Dass die eigentliche Story letztlich auch wieder nur auf den Kampf gegen einen Superschurken hinausläuft, ist angesichts dieses Reichtums verzeihlich, zumal dieser Konflikt durch seine spezielle Konstellation mit einer Fallhöhe ausgestattet ist, die anderen Superheldenfilmen abgeht. Wie INTO THE SPIDER-VERSE vor ihm, fand ich auch dieses Sequel im besten Sinne bewegend und menschlich. So abgedreht GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 auch ist, letztlich geht es um Sorgen, Ängste und Gefühle, die universell sind. Und eben nicht darum, sich mit Gleichgesinnten zu vereinen, um sich in einem allumfassenden Krieg gegen das zurückzuschlagende Böse zu opfern.

Ach ja, der Soundtrack ist auch wieder toll.

 

 

 

11203374_oriMit SPECTRE nimmt die Amtszeit von Daniel Craig als James Bond nach neun Jahren und vier Filmen ein Ende (EDIT: Oder doch nicht? Bin da offensichtlich nicht so ganz auf dem Laufenden.) Nachdem die insgesamt holprige Brosnan-Phase mit dem reichlich unwürdigen DIE ANOTHER DAY zu Ende gegangen war, hatte Craigs Debüt in CASINO ROYALE eine phoenixartige Wiederauferstehung eines totgeglaubten Franchises bedeutet und diesem zugleich einen der besten Filme der gesamten Reihe beschert. Die Psychologisierung und Erdung der Figur hatte spannende neue Perspektiven eröffnet und ihr ein neues, der Zeit angemessenes Profil verliehen, was während der Brosnan-Phase versäumt worden war. Und Craig gab dem Agenten die edge zurück, die er seit dem Abschied von Connery eingebüßt hatte. Leider hatte diese Neuorientierung auch eine Kehrseite, die in den folgenden Filmen – QUANTUM OF SOLACE und SKYFALL –  deutlich zum Vorschein trat: Mit den sich bietenden neuen Möglichkeiten wussten die Verantwortlichen nämlich nicht wesentlich mehr anzufangen, als Figur und Franchise konsequent zu „marvelisieren“, überraschende Enthüllungen über familiäre Querverbindungen zwischen den Figuren zu erfinden oder alteingesessene, beliebte Figuren neu einzuführen. Wirkte der erwachsene, reife CASINO ROYALE noch wie ein frischer Wind im zunehmend infantilen Mainstream-Geschehen, war das schon mit dem vom ungeeigneten Marc Forster inszenierten Nachfolger wieder dahin, wurden alle interessanten Ansätze zugunsten einer branchenüblichen Rachgeschichte mit Cliffhanger-Charakter über Bord geworfen. Und SKYFALL erinnerte, aller wieder neu eingeführten Eleganz zum Trotz, mit seinem unglaubwürdig überkonstruierten Plottwist gar an Hollywood-Dutzendware.

SPECTRE führt die so interessant angefangene Geschichte nun zu ihrem doch etwas ernüchternden Ende. Als großer Coup feiert der wohl berühmteste Bond-Schurke Ernst Stavro Blofeld sein Comeback, entpuppt sich seine Geheimorganisation Spectre als illuminative Vereinigung, deren langer Arm bis in die höchsten Staatsorgane reicht. Der Rachefeldzug Bonds hat den Kritikern des personalisierten Geheimdienstes reichlich Munition geliefert: C (Andrew Scott) plädiert für einen globalisierten und vollkommen technisierten Überwachungs- und Sicherheitsdienst, entpuppt sich dann wenig überraschend als Handlanger von Spectre, die mit der von ihnen entwickelten Technologie die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Vorher muss Blofeld (Christoph Waltz) aber noch eine alte Rechnung begleichen und seinen Halbbruder Bond über den Jordan schicken, dessen Leben er seit Jahren beobachtet und infiltriert. SPECTRE sieht fantastisch aus, und wenn die Handlung den Geheimagenten von Mexiko über Rom in die österreichischen Alpen und dann nach Marokko führt, kommt längst vergessenes Flair auf, das aber leider schnell wieder verfliegt. Der Film ist aseptisch, trotz der üppigen Laufzeit von 140 Minuten seltsam leer, für Action fehlt Regisseur Mendes jegliches Interesse: Die Leichtfüßigkeit vergangener Tage ist dahin, stattdessen wird alles von großer Bedeutungsschwere niedergedrückt. Dabei bedeutet die Zurückführung internationaler politischer Konflikte auf bloß familiären Zwistigkeiten keineswegs eine Vertiefung, sondern im Gegenteil eine reichlich unbefriedigende Trivialisierung auf Superheldencomic-Niveau.

Spectre war in den alten Filmen gerade deshalb so reizvoll, weil nie ganz geklärt wurde, was sich dahinter genau verbarg. In Craigs Schwanengesang verliert die Organisation leider erheblich an diabolischem Charme und Ambivalenz, gerinnt in der Sequenz, in der Bond eine ihrer Sitzungen infiltriert, zur Illuminatenfantasie für Verschwörungsparanoiker, später dann, wenn Blofelds Motivation enthüllt wird, zum aufgeblasenen Spielzeug eines neurotischen Papakinds. Waltz ist ein guter Schauspieler, ohne Frage, aber seine Masche, lange, wortreiche und selbstverliebte Reden zu schwingen und dann mit dem entwaffenenden Grinsen eines verwöhnten Blags im Omnipotenzwahn zu garnieren, hat sich innerhalb nur weniger Jahre abgenutzt. In seiner Interpretation wird der Superschurke zur komplexbeladenen und beleidigten Leberwurst, die ihre Weltbeherrschungspläne durch einen Schwanzvergleich mit dem ungeliebten Stiefbruder selbst in Gefahr bringt. Das ist nicht nur albern, sondern auch sträflich unterkomplex: Aber wen wundert das, wenn man bedenkt, dass Weltpolitik mittlerweise erheblich in den Kategorien des Boulevards gedacht, interpretiert und kommentiert wird. Als einsames Glimmen vergangener Tugenden agiert Ralph Fiennes, dessen M noch jene angeblich überkommenen Werte des Empires repräsentiert und der mit unbeugsamer Würde an ihnen festhält, auch wenn ihm alle zu verstehen geben, dass er damit nicht mehr zeitgemäß sei, und die alte Welt um ihn herum in grauem Chaos versinkt.

Die Frage ist nun, wie es nach Craig weitergeht. Ich sehe Bonds nächster Inkarnation mit Spannung, Hoffnung, aber vor allem mit Skepsis entgegen. Ich glaube nicht, dass die Welt keinen Bond mehr braucht, aber ich fürchte, dass sie ihm die Luft zum Atmen genommen hat.