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Veröffentlicht: November 4, 2018 in Film
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Einen meiner liebsten Cronenberg-Filme hat Koch Media jetzt als opulentes Media Book veröffentlicht: das Zwillingsdrama DEAD RINGERS aus dem Jahr 1988 mit Jeremy Irons in einer Doppelrolle. Horrorfans, die mit Cronenberg vor allem SHIVERS, SCANNERS oder THE FLY verbinden, mag das Psychodrama zu wenig splatterig, zu kammerspielartig oder gar zu öde sein, ich hingegen halte DEAD RINGERS nach wie vor für einen der beunruhigendsten Filme des Meisters, der auch nach 30 Jahren nichts von seiner Kraft verloren hat. Zum üppigen Bonusmaterial gehört auch ein 24-seitiges Essay, das – ihr ahnt es bereits – von yours truly verfasst wurde.

Ebenfalls neu und ab sofort erhältlich: Die Ausgabe #29 des 35MM-Retro-Filmmagazins, die sich dem Thema „Der erste Weltkrieg“ widmet. Passend zu diesem Thema habe ich einen kleinen Aufsatz über John Fords meisterlichen FOUR SONS beigesteuert. In meiner Film-Noir-Kolumne geht es diesmal um den frühen WiP-Film CAGED von John Cromwell, der unbedingt sehenswert ist. Weitere Texte, u. a. zu William A. Wellman, D. W. Griffiths HEARTS OF THE WORLD, Slapstick-Kriegsfilme oder Jean Renoirs LA GRAND ILLUSION garantieren neben den laufenden Kolumnen – DV/BR-Reviews, Europloitation, Der vergessene Film – und vielem mehr für reichlich Lesestoff für die nächsten Wochen. Das Heft kann man hier bestellen.

Den Karriereweg, den Cronenberg beschreitet, finde ich immer faszinierender, je mehr Filme er dreht. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist es ihm bislang stets gelungen, auch dann unverkennbar Cronenberg zu bleiben, wenn er etwas ganz Neues versuchte. MAPS TO THE STARS ist auch so etwas Neues, selbst wenn man eingesteht, dass der Kanadier die Zeiten, in denen man ihn mit einiger Berechtigung als „Genreregisseur“ bezeichnen konnte, längst hinter sich gelassen hat. Es gibt eigentlich keinen Film mehr, den ich ihm überhaupt nicht zutrauen würde und wäre gespannt, wie zum Beispiel eine reinrassige Komödie von ihm aussähe. Komische Untertöne hat auch MAPS TO THE STARS (wie auch COSMOPOLIS zuvor), doch das Lachen bleibt einem dann doch mehr als einmal im Halse stecken. Cronenbergs neuester Film wird in Rezensionen gern als seine „Abrechnung“ mit Hollywood, Starsystem und Filmindustrie bezeichnet, und das ist er in gewisser Hinsicht auch, aber hinter der Geschichte um Inzucht, Mord, Wahnsinn, Missbrauch und Kindsverbannung in zwei Schauspielerfamilien verbirgt sich auch ein Mystery- bzw. Geisterfilm, eine esoterische Wiedergeburtsspekulation und eben eine schwarze Komödie. MAPS TO THE STARS bleibt dabei seltsamerweise ultrahomogen und zwingend, ist von jener kristallinen, fast analytischen Klarheit geprägt, die Cronenbergs Filme auch dann noch auszeichnet, wenn sie auf der Inhaltsebene völlig bizarr werden. Und immer schwingt da dieser perverse Unterton mit, den man von Cronenberg kennt, von dem man als Zuschauer aber nie so genau weiß, wo er eigentlich herkommt.

MAPS TO THE STARS verwebt die tragische Geschichte zweier Hollywood-Familien: Die Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore), die Tochter einer großen, bei einem rätselhaften Hausbrand ums Leben gekommenen Hollywood-Legende, kämpft mit dem Alter und dem damit einhergehenden Desinteresse der Studios, hofft inständig darauf, ausgerechnet in einem Biopic über ihre Mutter die Hauptrolle übernehmen zu dürfen – ein Akt, der umso verzweifelter und selbstzerstörerischer wirkt, als ihre Mutter sie als Kind zu missbrauchen pflegte. Für die Familie Weiss scheint indessen fast alles in Butter: Sohn Benjie (Evan Bird) ist schon mit 13 ein Superstar, hat zwar eben seine erste Entziehungskur hinter sich gebracht, befindet sich mit dem Sequel zu seinem Erfolgsfilm aber auf dem Weg zurück ins Geschäft, und Papa Stafford (John Cusack) verdient sich eine goldene Nase als Therapeut, Selbsthilfe-Guru und Buchautor. Doch da ist immer noch der Schatten aus der Vergangenheit, der mit schwarz behandschuhten Fingern in die Gegenwart eingreift: Nach sieben Jahre in einer Heilanstalt kehrt Tochter Agatha (Mia Wasikowska) zurück, die von den Eltern verstoßen wurde, als sie mit einer Brandstiftung Benjies Leben in Gefahr brachte und sich selbst schwerste Verbrennungen zuzog. Nun ist sie in Hollywood, um eine eigene Karriere zu beginnen und sich mit ihrer Familie zu versöhnen. Sie heuert bei Havana als persönliche Assistentin an und stößt eine Kette von zerstörerischen Ereignissen an …

Cronenberg greift für seinen Metafilm auf gängige, in über 100 Jahren Hollywood-Gossip etablierte Klischees der Dekadenz zurück: Seine Charaktere sind oberflächlich, vulgär, materialistisch und seelisch vollkommen zerrüttet, dazu medikamenten- und drogenabhängig, narzisstisch bis ins Mark und von Grund auf falsch und verlogen. Havana, über das mögliche Ende ihrer Karriere verzweifelt und am Boden zerstört, empfängt Agatha mit offenen Armen, nur um sie wüst von oben herab zu beschimpfen, als sich das Blatt zu ihren Gunsten gewendet hat. Dieser plötzliche Wandel ist auch mit dem härtesten Schlag Cronenbergs in die Magengrube seiner Zuschauer verbunden: Havana erhält ihre Traumrolle, weil der kleine Sohn der eigentlich besetzten Konkurrentin bei einem Badeunfall ertrunken ist. Diesen Tod – der für Havana eine Wiedergeburt bedeutet (Spiegelung, Kontrastierung und Wiederholung sind die bestimmenden erzählerischen Mittel in Cronenbergs Film) – feiert die Schauspielerin mit einem Freudentanz auf ihrer Veranda und einer Spontan-Darbietung des alten Steam-Gassenhauers „Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye“. Staffords Menschlichkeit heuchelndes New-Age-Geschwafel über Buddhismus und den Dalai Lama verbirgt die absolute Kälte und Grausamkeit, mit der er seiner Tochter gegenübertritt und ihr nicht nur jede Liebe sondern auch jede Chance auf eine Aussprache versagt. Sohn Benjie hat sich schon mit 13 einen absolut widerlichen Zynismus angeeignet, und der brave Jerome Fontana (Robert Pattinson), der sich sein Geld als Chauffeuer verdient, wird mir nichts dir nichts zum Autorücksitz-Starfucker, kaum dass er eine Chance sieht, seine brachliegende Autoren- und Schauspielerkarriere voranzutreiben.

Der Titel bezieht sich vordergründig natürlich auf die in Hollywood erhältlichen Stadtpläne, auf denen die Häuser der Stars verzeichnet sind, und die dazugehörigen Rundfahrten, doch Cronenberg verwendet ihn eher bildlich. „Menschen treten nicht zufällig in unser Leben, sie werden von uns gerufen“, sagt Stafford einmal und diese Auffassung teilt auch der Film. Die Schicksale seiner Protagonisten scheinen vorgezeichnet, in einer endlosen Verkettung von Fehlschlüssen und Affekthandlungen, und Cronenberg zeichnet diesen Weg akribisch nach. Er nähert sich der Esoterik von Stafford mit dieser Schicksalsgläubigkeit anscheinend an, doch in seinem ungeschönten Erzählstil und dem distanzierten Blick, den er auf das Geschehen wirft, lässt der Regisseur ohne Zweifel erkennen, dass er mit quasireligiösen Erklärungsmodeelen herzlich wenig anfangen kann. Bei ihm ist alles psychologisch motiviert, und dass sich die Geschichte für seine Protagonisten wiederholt, ist nicht dem Ästhetikverständnis einer übergeordneten spirituellen Macht geschuldet, sondern schlicht der Tatsache, dass auch psychische Krankheiten vererbbar sind. Und so ist auch MAPS TO THE STARS eine mehr als würdige Fortsetzung einer Filmtradition, die solche Werke wie SUNSET BOULEVARD, WHAT EVER HAPPENED TO BABY JANE?, THE LEGEND OF LYLAH CLARE, MOMMIE DEAREST, THE PLAYER, MULHOLLAND DRIVE oder INLAND EMPIRE hervorgebracht hat.

New York während eines Besuchs des US-Präsidenten: Auf den Straßen tobt der Mob, doch der 28-jährige Multimillionär Eric Packer (Robert Pattinson) besteht auch gegen die Empfehlung seines Bodyguards Torval (Kevin Durand) darauf, ans andere Ende der Stadt zu fahren, um sich dort die Haare schneiden zu lassen. Abgeschirmt in seiner luxuriösen Stretchlimo trifft er sich mit Geschäftspartnern, hält unterwegs an, um mit seiner Frau (Sarah Gadon), mit der er seit Ewigkeiten keinen Sex mehr hatte, essen zu können, lässt sich von seinem Arzt die Prostata abtasten, bekommt die ersehnte neue Frisur und bereitet sich auf die Begegnung mit einem ehemaligen Angestellten (Paul Giamatti) vor, der ihn umbringen will …

David Cronenbergs neuester Film stellt nach den letzten Ausflügen in das klassische Erzählkino eine Rückkehr zu den eher künstlerischen Literaturverfilmungen dar, die sein Schaffen ab den späten Achtzigerjahre prägten. Diesmal hat es also Don DeLillos Novelle „Cosmopolis“ getroffen und auch wenn ich das Buch nicht mehr wirklich präsent habe (ich habe einige Werke des Autors gelesen), so komme ich nicht umhin, Cronenbergs Adaption als eine der werkgetreuesten zu bezeichnen, die ich jemals gesehen habe. Dabei ist DeLillo gewiss nicht einfach zu fassen: Die deutschen Klappentexte seiner Romane suggerieren oft Genrestoffe, doch dann ist man als Leser verblüfft, nicht so sehr mit Handlungen im klassischen Sinne, sondern eher mit Gedankenströmen, Ideen und Bildern konfrontiert zu werden. DeLillos Welt ist vollkommen dinglich und gleichzeitig doch beunruhigend mystisch. Seine Protagonisten – allesamt Spezialisten auf ihrem jeweiligen Gebiet – geraten immer wieder an einen Punkt, an dem sie die Welt nicht mehr begreifen: Obwohl sie den Schlüssel zum Verständnis doch eigentlich fest in den Händen halten. De Lillo hat ganz genau und schon sehr früh verstanden, welchem Bann der Kapitalismus die Welt unterworfen hat, wie er in die kleinste Faser unseres Lebens eindringt und sie verwandelt. „Money makes time“ sagt etwa Packers „Director of Theory“: Minuten, Sekunden und Nanosekunden sind für uns erst deshalb von Bedeutung, weil sie wirtschaftlich zu Buche schlagen. Bevor es Geld gab, war diese Fragmentierung der Zeit vollkommen sinnlos. Und so stellt auch der Finanzjongleur Packer, der Börsenkurse lesen kann wie andere Leute die Supermarktbeilage ihrer Zeitung, fest, dass die Welt noch deutlich komplexer ist, als er sie sich ausgemalt hatte; oder genauer: dass nicht alles tatsächlich mit einem Grund geschieht.

COSMOPOLIS ist ein Film, der einen in einen seltsam halbwachen Zustand versetzt. Ich habe ihn nach einem langen, heißen Tag in der Spätvorstellung im Original ohne Untertitel gesehen und musste bald ernüchtert bemerken, dass ich den Dialogen nicht so genau folgen konnte, wie ich mir das gewünscht hätte. Sätze flogen an mir vorbei, an anderen, die ich verstand, hielt ich mich dafür umso stärker fest. Ähnlich verhielt es sich mit der Handlung, wenn man sie denn so nennen will: Menschen steigen in Erics Auto ein, unterhalten sich mit ihm, das Auto hält an, er steigt aus, trifft jemanden. All das, während er doch eigentlich ein ganz anderes Ziel hat: einen Friseur. Diese Begegnungen fließen ineinander, einige sind bedeutsamer als andere, manche hinterlassen einen Eindruck, während andere an einem vorbeifliegen. Manchmal ist es nur ein Satz, ein Blick, der die Aufmerksamkeit erregt, ohne dass man genau wüsste, ob die überhaupt gerechtfertigt ist. Das „Finale“, die Auseinandersetzung mit dem Attentäter, ist ein langer Dialog, in dem äußerst abstrakte Ideen verhandelt werden. Es ist eine jener Schlussszenen, während denen man ungeduldig auf die Uhr schaut, unruhig hin und her rutscht, sich insgeheim wünscht, der Regisseur hätte das anders aufgelöst, weniger dialogisch, weniger ausführlich, pointierter vielleicht oder mit einer knackigen Schießerei. Aber es ist hier, in diesem Film, total richtig. COSMOPOLIS hinterlässt ein Gefühl wie es ein Jetlag verursacht: Körperlich ist man total erschlafft, todmüde außerdem, aber trotzdem scheinen die Sinnesorgane noch einmal Eindrücke von besonderer, absoluter Schärfe zu produzieren. Die Welt tritt einem in äußerster Klarheit entgegen, doch man kann sie nicht festhalten.

Das ist genau das, was DeLillo erzählt. Dass es Cronenberg gelingt, das einzufangen, liegt zum einen an den Dialogen des Films: Hier sprechen keine Menschen miteinander, hier werden Ideen und Konzepte artikuliert. Die Sprache ist von absoluter Klarheit, jeden ornamentalen Schnörkels befreit, und dennoch enigmatisch und nahezu hermetisch. Die Worte fliegen wie aus dem Nichts in den Raum, ohne jede Bindung zu einer individuelen Erfahrung: Wohl auch, weil hier jeder nur noch Figur und nicht mehr – oder: noch nicht? – Charakter ist. „Hermetisch“ ist ein gutes Stichwort: Die Diskrepanz zwischen der durch die Straßen gleitenden Stretchlimo Packers – wo parken die eigentlich nachts? – und der absoluten Stille in ihrem Innenraum ist nicht nur das bestimmende Bild für das detachment Packers, das gleichzeitige In- und Außerhalb-der-Welt-Sein, sondern auch die Ursache für die Desorientierung des Zuschauers, der hier bald nicht mehr sicher sein kann, ob er noch dem Film zuschaut oder nicht längst seinen eigenen Gedankenbildern nachhängt. Das ist DeLillo in Reinkultur: Wo die Bedienungsanleitung eines Fernsehers plötzlich Poesie wird und im Kopf des Lesers ein Eigenleben beginnt. Ist das das Neue Fleisch?

Als der Lehrer Johnny Smith (Christopher Walken) nach einem Autounfall aus dem fünfjährigen Koma erwacht, ist nichts mehr wie vorher: Seine Partnerin Sarah (Brooke Adams) hat ihn verlassen, er muss erst wieder lernen zu laufen und außerdem hat er eine neue Fähigkeit: Er kann in die Zukunft der Menschen schauen, wenn er ihnen die Hand reicht. Doch mit dieser Gabe geht auch eine große Verantwortung einher: Was soll man tun, wenn man weiß, dass der Politiker Greg Stillson (Martin Sheen), der sich derzeit anschickt, Senator zu werden, in der Zukunft den Dritten Weltkrieg auslösen wird? Für Johnny gibt es nur eine Antwort auf diese Frage …

Mit seiner Verfilmung des Stephen-King-Bestsellers – seiner ersten Studioproduktion, die einen wichtigen Karriereschritt bedeutete – reiht sich Cronenberg in die nicht allzu große Riege von Filmemachern ein, denen die Umsetzung eines Romans des Meisters auf die Leinwand ohne Abstriche gelang. THE DEAD ZONE gehört meiner Meinung nach zu den drei mit einigem Abstand besten King-Adaptionen (zusammen mit CARRIE und THE SHINING) und das ist ohne Zweifel der inszenatorischen Klasse Cronenbergs zuzuschreiben – auch wenn der hier als auteur etwas in den Hintergrund tritt, sich dem Stoff unterordnet. Im Zentrum des Films steht ganz eindeutig Christopher Walken als Johnny: Vom für ihn ungewohnten Typ „Schwiegermutters Liebling“ der ersten Minuten verwandelt er sich im weiteren Verlauf ganz allmählich in den grüblerischen, charismatischen, geheimnsivollen, körperlich enorm raumgreifenden Charakter, den man von ihm gewohnt ist und es ist eine Freude, ihm dabei zuschauen zu dürfen. Wenn er als Johnny mit dem Gehstock spazierengeht, seine enorme Schrittlänge dabei deutlich macht, wie sehr er die Krücke wegschleudern möchte, wie sehr er versucht, sie einfach zu vergessen, dann ist das genau jener tänzerische, verspielte Walken, der einem mit seiner Elvis-Impression in Ferraras KING OF NEW YORK fast zur Homosexualität bekehrt hätte. Es ist sein Verdienst, dass das Schicksal Johnnys einen so enormen emotionalen Nachhall findet.THE DEAD ZONE ist niederschmetternd.

Cronenberg ist nicht unbedingt für besonders warme oder gar liebevolle Filme berühmt geworden. Wie er die Neurosen seiner Protagonisten seziert, das hat immer auch etwas Mitleidlos-Wissenschaftliches. Den wenigsten von ihnen hat er ein glückliches Ende geschenkt und auch für Johnny darf man sich keine allzu großen Hoffnungen machen, das ist schon recht früh klar. THE DEAD ZONE, das ist auch eine Erlösergeschichte: Da opfert sich jemand, damit die Menschheit weiter bestehen kann. Cronenberg inszeniert diese Geschichte erwartungsgemäß ohne großes Pathos, ohne Tearjerking und tränenreiche Abschiede. Bewegend ist sein Film trotzdem, weil seine Sachlichkeit klar macht, dass hier jemand eine Verantwortung aufgebürdet bekommt, die er zwar nicht tragen will, zu der er aber trotzdemvollkommen bekennt. Kings Roman beschäftigt sich mit philosophischen Fragestellungen um Schicksal, Vorhersehung, Determinismus und den moralischen Folgen, die daraus erwachsen, aber Cronenberg streift diese Fragen allenfalls, er verhandelt sie nicht. Ihm geht es vor allem um die Konsequenzen, die Johnnys Begabung für ihn ganz persönlich hat. Kein Wunder also, dass THE DEAD ZONE ambivalent bleibt: Zwar hat Johnny dank seiner Fähigkeiten die Welt vor dem Nuklearkrieg bewahren können, doch für ihn selbst kann es keine Rettung mehr geben.Es ist auch diese utilitaristische Strenge, die den Film so schockierend macht.

Dominik Graf hat in seinem prächtigen Text zu THE DEAD ZONE, der in dem Buch „David Cronenberg“ von Bertz & Fischer erschienen ist (zu dem ich ja auch etwas beisteuern durfte), die großartige Besetzung des Filmes hervorgehoben, deren Leistungen Cronenberg durch seine episodische Inszenierung noch unterstreicht: Herbert Lom ist wunderbar als väterlich-fürsorglicher Arzt, Tom Skerritt leidet als Sheriff sichtbar darunter, einen Serienmörder nicht fassen zu können, Anthony Zerbes wachsam funkelnde Augen brennen sich durch den Bildschirm hindurch und Martin Sheen lässt einem als reaktionär-krimineller Politiker die Galle hochkochen. In der Abfolge dieser Episoden erweckt Cronenberg tatsächlich den Eindruck, einem Leben zu folgen: Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder. Jeder ist für einen kurzen Moment ein wichtiger Begleiter Johnnys, bevor das Leben ihn weiterzieht, dem unausweichlichen Ende entgegen. Insofern ist Johnny Smith – das sagt ja schon sein Name – ein ganz normaler Mensch: Er mag eine besondere Begabung haben, doch wichtig sind vor allem die die Entscheidungen, die er trifft, die Konsequenzen, die er zieht und das Schicksal, das er wählt. Die spannende und beängstigende Frage, die der Film aufwirft: Würden wir auch so handeln wie er?

buchveröffentlichung: david cronenberg

Veröffentlicht: Oktober 20, 2011 in Über mich, Film, Zum Lesen
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Im November erscheint bei Bertz+Fischer das Buch „David Cronenberg“ als Band 16 der Reihe „film“ – pünktlich zum bundesdeutschen Kinostarts seines neuen Films A DANGEROUS METHOD. Ich rühre hier nicht ohne Eigennutz (und Stolz) die Werbetrommel, denn auch ich durfte einen kleinen Beitrag zum Buch beisteuern (über den frühen Fernsehkurzfilm THE ITALIAN MACHINE) und befinde mich damit immerhin in Gesellschaft solcher geschätzter (und bekannterer) Autoren wie Georg Seeßlen, Lars-Olav Beier, Dominik Graf, Marcus Stiglegger, Stefan Höltgen, Thomas Groh, Ivo Ritzer oder Annette Kilzer. Auf der Produktseite des Verlags kann man diverse Leseproben aus dem Buch als PDF downloaden – und das Buch zum Preis von 19,90 EUR natürlich auch zum versankostenfreien Versand vorbestellen. Ich weiß, dass es Dieter Bertz sehr freuen wird, wenn ihr diesen Weg wählt, anstatt über Amazon zu ordern.

Zur Bewerbung seines Motorenöls unterhält der Ölkonzern FastCo ein Rennteam für Dragsters und sog. Funny Cars – blecherne Kraftprotze, die bei Pferdestärken im fünfstelligen Bereich entsprechende Geschwindigkeiten hinlegen -, in dem der Rennfahrer Lonnie Johnson (William Smith) der unbestrittene Star und Publikumsmagnet ist. Doch im Verlauf der aktuellen Saison kommt es zu Spannungen zwischen der Mannschaft und Manager Phil Adamson (John Saxon): Der interessiert sich nämlich einzig und allein für die Werbewirksamkeit des Teams, der er sowohl die Wünsche und Vorstellungen der einzelnen Rennfahrer als auch deren persönliche Zufriedenheit bedingungslos unterordnet. Als er mit dieser Masche auf den Widerstand Lonnies stößt, wendet er sich an Gary Black (Cedric Smith), Lonnies direkten Konkurrenten …

Ihr kennt vielleicht diese Logikrätsel, bei denen man die sinnhafte Verbindung einer bestimmten Anzahl von Begriffen, Bildern oder Zahlen herausfinden und anhand dieser dann das „Kuckucksei“ aussortieren muss. „Was passt nicht in diese Reihe?“ lautet meist die Frage und wendet man diese auf die Filmografie von David Cronenberg an, so lautet die Antwort sehr einmütig „FAST COMPANY“. Dem ist nur wenig hinzuzufügen und wenn Blue Underground auf dem Backcover der DVD Cronenberg mit dem Spruch zitieren, dass FAST COMPANY einer der „wichtigsten Filme seiner Karriere“ sei (und sowohl Quelle als auch Kontext schuldig bleiben), so darf man mit einigem Recht annehmen, dass er sich damit weniger auf den Inhalt des Films als auf die Bedingungen bezieht, unter denen er entstand – oder etwa darauf, dass er damals zum ersten Mal mit Kameramann Mark Irwin zusammenarbeitete, der ihn im Folgenden bis THE FLY begleiten sollte. FAST COMPANY ist eine Auftragsarbeit, ein Exploitationfilm, der sich Stil und Sujet an den US-amerikanischen Exploitern orientierte, wie sie etwa Samuel Z. Arkoff und Roger Corman in den Siebzigern am laufenden Band und mit beträchtlichem Erfolg produzierten, und als Autorenfilm nur insofern interessant, als dieser hier ganz abwesend scheint. Es ist wirklich erstaunlich, wie es Cronenberg gelang, seine zu diesem Zeitpunkt doch schon recht ausgeprägte individuelle Handschrift zu verdecken und einen anonymen Film zu machen, der dennoch nicht nach desinterssiert heruntergekurbelter Söldnerarbeit aussieht. FAST COMPANY bietet vor allem 90 Minuten locker-flockiges und aus heutiger Sicht herrlich unschuldiges Entertainment im Stile der Siebzigerjahre mit der dazugehörigen Besetzung gestandener B-Film-Recken.

Zwar finden sich durchaus einige Bilder, die sich ohne große Schwierigkeiten in das Werk des Kanadiers eingliedern ließen – etwa die krassen Großaufnahmen der Rennfahrer, die in die fast ausschließlich aus Motor bestehenden Blechkäfige steigen -, doch sind dies höchstens visuelle, nicht aber semantische Referenzen. Der vielleicht klarste Cronenbergismus findet sich in einer kurzen Sexszene, in der der junge Rennfahrer Billy (Nicholas Campbell) seinem Betthasen das FastCo-Motorenöl über die nackte Brust gießt und die dazugehörigen Werbeversprechungen rezitiert: Es besteht kein Zweifel daran, dass es hier lediglich um die nötige Zurschaustellung von Nacktheit ging, aber die Assoziation des Körpers als ein Stück Maschine, das besonderer Pflege bedarf, drängt sich hier – rund zehn Jahre vor DEAD RINGERS – förmlich auf.

Fazit: Wer sich lediglich selbst davon überzeugen will, dass FAST COMPANY die Anomalie in Cronenbergs Schaffen ist, kann sich die Sichtung sparen und diese „Weisheit“ ruhigen Gewissens weiter aus zweiter Hand zitieren. Wer jedoch amerikanisches Exploitationkino der Seventies liebt und sich partout nicht vorstellen kann, dass ausgerechnet Cronenberg zu sowas in der Lage gewesen sein soll, der wird die Begegnung mit FAST COMPANY wahrscheinlich genauso genießen wie ich.

 

eastern-promises-posterDie Krankenschwester Anna (Naomi Watts) bringt das Kind einer 14-jährigen russischen Prostituierten zur Welt, die die Geburt nicht überlebt. Anna beginnt, Nachforschungen über die junge Frau anzustellen und macht dabei die Bekanntschaft einer russischen Mafiafamilie, die von  Semyon (Armin Müller-Stahl) geführt wird. Bald lernt sie auch dessen Sohn Kirill (Vincent Cassel) und den „Fahrer“ Nikolai (Viggo Mortensen) kennen, der das Vetrauen der Ärztin gewinnt …

Lange habe ich die Sichtung von Cronenbergs bislang letztem Spielfilm vor mir hergeschoben, aus welchen Gründen auch immer. Die Cronenberg-Rezeption spaltet sich ja seit A HISTORY OF VIOLENCE deutlich in zwei Lager: die einen, die einen Abstieg des Kanadiers in die Tiefen des langweiligen Mainstreams konstatieren, die anderen, die zwar eine größere „Zugänglichkeit“ konstatieren, aber immer noch den auteur erkennen, der mit Vorliebe über neue Körperformen und Geisteszustände nachdenkt. In HISTORY war dieses Thema noch sehr deutlich in der Spaltung der Hauptfigur in eine gegenwärtige und eine vergangene Identität angelegt, die Verbindung somit sehr klar, in EASTERN PROMISES ist sie loser. Zwar kann man die Figur des Nikolai – er stellt sich als Undercover-Polizist heraus – noch in dieser Richtung interpretieren, doch ist die Schizophrenität des Geheimpolizisten ja bereits Genrestandard und somit nur schwer als genuin Cronenbergisch zu beschreiben. Dass mir mit einmaligem Sehen noch nicht ganz klar geworden ist, wie sich EASTERN PROMISES im Cronenbergschen Kanon einsortieren lässt, bedeutet aber nicht, dass er mir nicht gefallen hat, im Gegenteil. Ich finde ihn sogar eine Spur interessanter als HISTORY; nicht zuletzt, weil jener mir von einem Fremdscham induzierenden Auftritt William Hurts vergrätzt wurde, vor allem aber weil mir EASTERN PROMISES Einfachheit, so imponiert hat. Man spürt förmlich, wie sich unter der vermeintlich spiegelglatten Oberfläche des Plots die Wellen des Subtextes kräuseln.

Neben den dann doch als typisch Cronenberg zu identifizierenden Szenen – natürlich der Kampf in der Sauna, aber generell die Inszenierung von Gewalt und Sex –, hat mich vor allem ein märchenhafter Zug der Handlung fasziniert. Die Begegnung Annas mit der Mafiafamilie wird als Begegnung des Guten mit dem Bösen inszeniert, eine Kontrastierung, die dadurch noch verstärkt wird, dass auch Anna zwei Familienmitglieder auf ihrer Seite hat. Auch in der in Kritiken manchmal bemängelten und  gar als rassistisch diffamierten Zeichnung der Russen schlägt sich meines Erachtens eher der Wunsch nach stilistischer Überhöhung nieder als ein Vorurteil. EASTERN PROMISES ist ja kein Film über die russische Mafia, er ist keine authentische Sozialstudie: Er ist ein Film über Familienbünde und darüber, wie unterschiedlich diese konstituiert sein können. Und betrachtet man die Familien hier als Körper hat man dann auch wieder den Anschluss ans Cronenbergsche Schaffen.