Mit ‘David Fincher’ getaggte Beiträge

alien_three_ver2Eines meiner Lieblingsthemen sind Filme mit komplizierten Produktionsgeschichten. Über chaotische Prä-Produktionsphasen mit Dutzenden von ent- und wieder verworfenen Drehbuchversionen, kreative Differenzen, Produzenten- und Studioeinmischungen, gefeuerte, ersetzte und wieder eingestellte Regisseure, Katastrophen-Drehs voller Pannen, Exzesse und göttlicher Intervention in Form von Unwettern, Erdbeben und Durchfallerkrankungen, explodierende Budgets sowie das Heckmeck um konkurrierende Schnittfassungen könnte ich den lieben langen Tag lesen. Und die Filme, die unter solchen Umständen das Licht der Welt erblicken, üben auf mich per se eine unwiderstehliche Faszination aus, ganz egal, ob man ihnen diese Probleme ansieht oder nicht. Der Reiz, der von ersteren ausgeht, liegt auf der Hand, und besonders bemerkenswert sind natürlich solche Fälle, bei denen die hinter den Kulissen ausgetragenen Kämpfe gewissermaßen die Geburtshelfer für etwas Großes, Einzigartiges sind. THE ISLAND OF DR. MOREAU mag etwa als Genrefilm und Literaturverfilmung ein Rohrkrepierer sein, aber er transportiert den Wahnsinn seines Titelhelden besser, als eine werkgetreuere, „normale“ Version. ich würde ihn um nichts in der Welt gegen eine solche eintauschen wollen. CLEOPATRA, eine einzige Machtdemonstration Hollywoods, fährt in jeder Einstellung ungeahnten, sprach- und fassungslos machenden Prunk auf und endet irgendwann einfach, weil kein Geld mehr da war. Er verkörpert so in seiner ganzen Struktur den selbszerstörerischen Wahnsinn und die rasende Dekadenz, die das Filmgeschäft zu jener Zeit auszeichnete. Und über die Reise ins Herz der Dunkelheit, die auch die Dreharbeiten von APOCALYPSE NOW bedeuteten, muss ja gar nicht mehr viel gesagt werden.

Auch ALIEN 3 ist einer jener Filme, an die sich die meisten Beteiligten heute wahrscheinlich mit Grausen zurückerinnern und es ist ein mittelgroßes Wunder, dass Fincher danach dennoch zu dem Filmemacher aufsteigen konnte, der er heute ist. Die Vorbereitungen zur zweiten ALIEN-Fortsetzung begannen schon Mitte der Achtzigerjahre mit dem bewährten Team von David Giler, Walter Hill und Gordon Carroll, die jedoch nur noch mäßig interessiert an dem Thema waren. Hauptfigur sollte Michael Biehns Hicks werden, Sigourney Weaver in den Hintergrund treten und der Film sich mit den Bemühungen der Weyland Yutani Corporation auseinandersetzen, eine Armee aus Alien-Soldaten aufzuziehen. Der Versuch, Ridley Scott als Regisseur zurückzugewinnen, scheiterte. Weitere Drehbuchfassungen stammten aus der Feder von Cyberpunk-Erfinder William Gibson, THE HITCHER-Autor Eric Red und PITCH BLACK-Regisseur David Twohy, doch keiner ihrer Entwürfe fand die Zustimmung des Studios. Renny Harlin, nach der Absage Scotts als Regisseur vorgesehen, sprang schließlich ab und drehte stattdessen THE ADVENTURES OF FORD FAIRLANE. Er wurde wiederum ersetzt durch Vincent Ward, dem mit THE NAVIGATOR: A MEDIEVAL JOURNEY ein Überraschungserfolg gelungen war, doch dem gefiel Twohys Script nicht. Seine Verbesserungsvorschläge wurden akzeptiert und John Fasano angeheuert, Twohys Drehbuch umzuschreiben. Viele von Wards Ideen schafften es auch in den fertigen Film, doch weil er sich anderen Änderungswünschen verweigerte, wurde auch er gefeuert. In einem perfekten Zirkelschluss engagierte man David Giler und Walter Hill, um Fasanos Drehbuch umzuarbeiten, und schließlich den Videoclip-Regisseur David Fincher für sein Spielfilmdebüt. Als er nach gerade einmal vier Wochen Vorbereitung auf seinem Stuhl Platz nahm, existierte immer noch kein fertiges Drehbuch, wohl aber diverse Settings, die irgendwie in die entstehende Story eingebaut werden mussten. Da Fincher noch nicht über einen klingenden Namen verfügte, gelang es ihm nicht, sich gegen die Produzenten durchzusetzen. Ganze Subplots fielen der Schere zum Opfer, 30 Minuten wurden gekürzt. Ein besonderer Streitpunkt war die Opferung von Ripley, die erst wenige Tage vor dem Kinostart des Films gedreht wurde. „I probably should have walked away from the first week of shooting when there wasn’t a script but there are extenuating circumstances.“, sagte Fincher später in einem Interview. Er entschied sich für seine Karriere und blieb, lieferte aber am Ende einen Film ab, der eigentlich von Anfang an keine echte Chance hatte. Er war weltweit betrachtet dennoch ein Erfolg, blieb in den USA aber weit hinter den Erfahrungen zurück und verwirrte die Zuschauer eher, anstatt ihnen die erwarteten Scares und Action zu servieren. Der „Assembly Cut“ stellt den Versuch dar, Finchers Version zu rekonstruieren und präsentiert mit einer Laufzeit von 145 Minuten tatsächlich einen ganz anderen Film als die damals regulär veröffentlichte Fassung. Trotzdem ist auch dieser „Assembly Cut“ nicht von Fincher autorisiert worden.

Bei meinem Text zum „Assembly Cut“ stehe ich heute vor dem Problem, mich an die alte Kinofassung nur noch sehr vage erinnern zu können. ALIEN 3 war für mich nie ein Film, mit dem ich besondere Emotionen verbunden habe. Ich fand ihn immer sehr OK, ohne jedoch begeistert zu sein. Gemessen am Status seiner Vorgänger wirkte er auf mich stets etwas defensiv, zurückhaltend und unentschlossen. Er ließ das für Filme dieser Größenordnung so wichtige (und charakteristische) Selbstbewusstsein vermissen, es blieb unklar, was eigentlich das Ziel der ganzen Unternehmung war, warum man sich entschlossen hatte, genau diese Geschichte zu erzählen. Doch trotz dieser Schwäche – deren Ursache heute glasklar auf der Hand liegt – hatte ich auch nicht den Eindruck, einem unter massiven Komplikationen gewissermaßen in einer Zangengeburt auf die Welt gekommenen Werk zuzusehen (von der widrigen Produktionsgeschichte erfuhr ich erst sehr viel später). ALIEN 3 war visuell durchaus reizvoll, aber erzählerisch eben auch ein bisschen blass. Und ich bin mir heute nicht 100-prozentig sicher, ob die lange Fassung daran wirklich etwas ändert. Natürlich gelingt es ihr viel besser, die eigenartige Atmosphäre innerhalb der Strafkolonie herauszuarbeiten, das Miteinander der halbirren Insassen, die Isolation und Verlassenheit, in der sie sich zur Wehr setzen müssen. Die Parallelisierung von Alienmutter und Ripley wird hier in radikaler Weise und auf gleich zwei Ebenen fortgeführt: Zunächst einmal, indem die Überlebende in der Gemeinschaft der zölibatären Insassen selbst als feindlicher Oragnismus betrachtet wird, der das Funktionieren des Systems gefährdet, später dann sehr viel direkter, weil Ripleys Körper selbst längst als Nistplatz des Aliens dient und sie buchstäblich zur „Mutter“ einer neuen Aliengeneration werden soll. Als reiner Stimmungskatalysator ist ALIEN 3 hervorragend, weil er die brüterische, drohende Amosphäre der Vorgänger nimmt und ihr eine quasireligiöse, existenzielle Qualität verleiht. Viel ist über die christliche Symbolik des Films geschrieben worden und auch, wenn die Ripley/Jesus-Analogie nicht der Weisheit letzter Schluss ist, so verfehlt die verquere Philosophie, mit der der Irre Golic (Paul McGann) das Alien zur Gottheit stilisiert, seine desorientierende Wirkung beim Zuschauer nicht. ALIEN 3 ist – vielleicht auch wegen der vielen Probleme am Set – ein höchst seltsamer und eigener Film, der sich nur schwer einordnen lässt, ein seltsamer Genrehybrid, in seiner irgendwie träumerischen Atmosphäre zwar durchaus mit Scotts Film verwandt, aber eben ohne dessen klare Vision. Der Verzicht auf die ausufernden Actionszenen von ALIENS mündet keineswegs in eine Rückbesinnung auf den reduzierten, aber auch immens aufgeladenen Horror des Originals. Er funktioniert als Sammlung verschiedener Ideen und Ansätze, denen jedoch der gemeinsame Nenner, das sie zusammenhaltende und ordnende Element fehlt. Daran ändert auch der „Assembly Cut“ nichts. Vielleicht sollte man das als Glücksfall begreifen. Denn eines ist ALIEN 3 nicht: mittelmäßig und stromlinienförmig. Nur 20 Jahre später ist die Schönheit seines Scheiterns undenkbar.

Ich weiß nicht so richtig, was ich über GONE GIRL sagen soll. Die Beziehung der beiden Protagonisten, der Ehepartner Amy (Rosamund Pike) und Nick Dunne (Ben Affleck), deren Ehe nach fünf Jahren, in denen man sich nicht nur zunehmend auseinandergelebt, sondern auch zu hassen gelernt hat, vor dem Aus steht, bietet den verstörenden Kern eines leider von seiner eigenen Cleverness allzu überzeugten Thrillers. Möglich, dass man den Wendungen der Geschichte als vollkommen unvoreingenommener Zuschauer mit atemloser Spannung folgt: Ich, der ich über einige der (nun nicht gerade unvorhersehbaren) Twists schon informiert war, hätte mir gewünscht, dass Fincher einigen Ballast über Bord wirft und sich mehr auf das konzentriert, was zwischen seinen Protagonisten passiert, sich in ihren Köpfen abspielt. Doch der Regisseur, der Geschichten mit der Pedanterie eines detailversessenen Chronisten zu erzählen pflegt, häuft gnadenlos letztlich unbedeutende Szenen an, verlässt sich in der ersten Stunde ganz auf den Überraschungseffekt einer Enthüllung, die m. E. nur mäßig überraschend ist. Ich kenne den seiner Verfilmung zugrunde liegenden Bestseller von Gillian Flynn nicht, vermute aber, dass diese Langsamkeit, mit der auf den ersten Twist hingearbeitet wird, die Ausdauer, mit der Nick als möglicher Mörder seiner Gattin unter die Lupe genommen wird, in einem Buch deutlich mehr Sinn macht, als in Finchers Film, wo das alles den Eindruck macht, als würde um den heißen Brei herumgeredet. Wie man eine ganz ähnliche Geschichte in eine deutlich griffigere Form bringt, hat vor Jahren Rolf De Heer mit seinem provokanten ALEXANDRA’S PROJECT bewiesen, der aber zugegebenermaßen nicht gerade aus dem Stoff gemacht ist, aus dem Multimillionen-Dollar-Multiplex-Kassenschlager mit Starbesetzung wie GONE GIRL gefertigt werden. Seine allerbesten Momente hat GONE GIRL, wenn er Amy und Nick direkt miteinander konfrontiert, und das ist ein ziemliches Problem, da er sich diese Konfrontation von einigen kurzen Rückblenden abgesehen für die letzten 30 seiner üppigen 150 Minuten aufspart.

Viel ist darüber diskutiert worden, ob GONE GIRL misogyn sei. Bestseller und Verfilmung drehen sich um eine Frau, die die ganz alltägliche Missachtung, die sie in der Ehe erfährt, zum Anlass für eine perfide geplante Rache nimmt, ihre eigene Ermordung vortäuscht und alle Indizien so streut, dass ihr Ehemann als Täter dasteht. Es bleibt nicht dabei, und im letzten Akt des Films wird diese scheinbar engelsgleiche Amy zum blutrünstigen Monster, das ihren Mann dazu zwingt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und weiterhin mit ihr zusammenzuleben, in dem Wissen, dass sie wirklich zu allem fähig ist. Der Film bedient tatsächlich einige frauenfeindliche Klischees: Amy wird von Rosamund Pike als unergründliches Wesen interpretiert, hinter dessen makellosem Antlitz sich eine todbringende Naturgewalt verbirgt, und die Kluft zwischen Nicks Verfehlungen und der Strafe, die sie ihm zugedacht hat, ist so immens, dass der Vorwurf der Hysterie sich förmlich aufzwängt.

GONE GIRL ist ein Rape-and-Revenge-Film, der statt der in diesem Subgenre initialen Vergewaltigung die in westlichen Gesellschaften vorherrschende, strukturelle Macht des Mannes zum Anlass der Rache macht: Es ist Nick, der alle wesentlichen Entscheidungen in der Ehe trifft und Amy mit den Jahren zum Status eines Haustiers degradiert, ihr Aufbegehren als Undankbarkeit und Unfairness begreift. Der Polizei gegenüber schildert er sie als „complicated“, seine Schwester Margo ist weniger wählerisch in ihren Worten und nennt Amy schlicht „bitch“: Auch der Film enthalt ihr lange die Möglichkeit vor, sich zu diesen Vorwürfen zu äußern oder gar sie zu entkräften. Es ist Nick, der die Definitionsmacht hat. Das Misstrauen, mit dem der äußerlich nur wenig über das Verschwinden seiner Frau schockierte Nick von der Öffentlichkeit beäugt wird, nicht zuletzt von Frauen, die in seinem Fall ein typisches Beispiel für die Auswüchse häuslicher Gewalt sehen, kommentiert er einmal so: „I hate being picked on by women.“ Frauen sind Quelle des Ärgers für Männer, die eigentlich besser ohne diese verdammten Weiber auskämen, jedenfalls solange, bis das Bargeld knapp ist oder der Wunsch, einen Erben zu zeugen, aufkeimt. Autorin Flynn und Regisseur Fincher lassen ihre Hauptfiguren in Stellvertreterstellungen einen Geschlechterkrieg austragen, der meist im Verborgenen schwelt. Nicks und Amys Beziehung ist geprägt von den kleinen verbalen Demütigungen, von Ignoranz gegenüber dem anderen, von Schuldzuweisungen und Ausflüchten. Beide fügen sie sich bequem in die Täter- und Opferrollen, die ihnen qua Konvention zugedacht sind: Er hängt mit seinen Kumpels oder bei seiner Schwester in seiner Bar rum (die ihm Amy finanziert hat), sie „nervt“ ihn mit Ermahnungen und Klagen über den Zustand ihrer Ehe und ihrer Finanzen, weil sie sich zu Hause langweilt. Ich schätze, viele Details aus GONE GIRL werden vielen Menschen sehr bekannt vorkommen. Der Skandal des Films ist eigentlich, dass sich die Frau aus ihrer Opferrolle löst und selbst tätig wird. Das kann nicht sein, weil die verbrecherische Initiative stets vom Mann auszugehen hat: GONE GIRL ist im Prinzip ein domestizierter Film noir, mit Amy als einer Art heiratsfähigen Femme fatale. Ich halte Finchers Film nicht für misogyn, aber er ist auch nicht in der Lage, sich seine Protagonistin anders als als Psychopathin zu denken.

Ich schätze damals, anno 1999, als FIGHT CLUB ins Kino kam, gab es nur wenige junge Männer meines Alters oder mit vergleichbarem sozialen Hintergrund, die von Finchers Film nicht komplett weggeblasen wurden. Ich gebe zu, damals Schwierigkeiten mit der Schlusspointe gehabt zu haben (die mir heute nicht mehr wie ein überraschend aus dem Ärmel geschüttelter Twist, sondern eher als finale Verbalisierung des Offensichtlichen erscheint, eine Redundanz als Zugeständnis ans Massenpublikum), aber trotzdem versetzte mich FIGHT CLUB in einen Rausch: Chaos, Aufruhr, Zusammenbruch und Apokalypse, diese Begriffe beinhalteten plötzlich auch die Chance für etwas Neues. Und wann hatte es vor jenem längst legendären Schlussbild mit den in sich zusammenstürzenden Bankentürmen zuletzt ein so klares antikapitalistisches Statement aus Hollywood gegeben? OK, wahrscheinlich war mir damals gar nicht so bewusst, wie radikal FIGHT LUB als Hollywoodfilm war, aber dass es sich um einen politischen Film handelte, das hatte ich dann doch mitbekommen. Sein Erscheinen koinzidierte bei mir mit einer Art „politischem Coming-out“ während meines Studiums, als ich plötzlich soetwas wie den Punk in mir entdeckte, und profitierte davon erheblich.

Weil Filme wie FIGHT CLUB seit damals Schule machten – man nennt sie heute gern „Mindfuck-“ oder „Mindgame-Filme“ – ist es mittlerweile leider auch etwas uncool geworden, ihn zu verehren. Ich verstehe den Impetus hinter der Ablehnung: Für Fincher funktioniert jeder Film wie ein Uhrwerk, jedes Bild, jede Requisite, jeder Schnitt und jede Dialogzeile sind minutiös geplant und erfüllen einen genau benannten Zweck. Man lese sich nur einmal diese sehr eindrucksvolle und akribische Analyse durch, um sich einen Eindruck davon zu machen, wie wenig Raum für Spontaneität oder Zufall bei der Inszenierung von FIGHT CLUB übrig war. Wer Freiräume im Film sucht, gern den Blick schweifen oder sich von Belanglosigkeiten im Bildhintergrund verzaubern lässt, wer das ästhetische Angebot als Anreiz für eigene Entdeckungstouren nimmt und ungern an der Leine geführt wird, der muss sich von FIGHT CLUB notgedrungen beengt und bedrängt fühlen. Es ist auch kein Film, den man interpretiert, sondern einer, den man dekodiert. Als Geburtsfehler schleppt er aufgrund seiner Verfassung den Makel mit sich, bei wiederholter Sichtung keine wirklich neuen Perspektiven mehr zu bieten. Wenn man ihm einmal auf die Schliche gekommen ist, kann man bei weiteren Begegnungen nur noch beobachten, wie sich das Netz immer weiter verdichtet. Wenn man aber bereit ist, das zu akzeptieren, dann muss man FIGHT CLUB unbedingt zugutehalten, dass er extrem gut ist in dem, was er tut, und das Herz definitiv auf dem rechten Fleck hat.

Was sofort einnimmt und den gerade für diesen Film so entscheidenden Sog bewirkt (der einmal das Erweckungsgefühl des Protagonisten spiegelt, zum anderen den Blick soweit verengt, dass man die vielen, vielen Tricks des Films übersieht), sind das enorm hohe Tempo und das unglaubliche Timing, mit dem Fincher seine Pointen anbringt. Die Dialoge – oder eher die Monologe – verwirren und bezaubern mal mit rätselhaften Formulierungen und turns of phrase („make me go a big rubbery one„), dann landen sie wieder vernichtende Wirkungstreffer („My tit’s going to rot off„). Die Kälte und schonungslose Klarheit, mit der sie die Welt beschreiben, ist mitunter schockierend. Was wirklich erstaunlich – oder vielmehr beängstigend – ist, ist dass FIGHT CLUB in den rund 16 Jahren seit seiner Premiere kaum an Relevanz eingebüßt hat. Gut, Amerika hat mit dem „War on Terror“ nur zwei Jahre später den großen Krieg bekommen, dessen Mangel Tyler noch beklagt, aber die an die Schriften der Kritischen Theorie anknüpfende Beobachtung, dass jeder Ausbruch aus dem System direkt im nächsten mündet (die Underground-Unternehmung der Fight Clubs wird gewissermaßen zum Franchise), Kapitalismus die ideale Brutstätte für den Faschismus ist, trifft heute noch genauso zu wie damals. Vielleicht ist es sogar noch ärger: Könnte ein Brad Pitt als blutender, bombenbauender, kettenrauchender, mit Gummihandschuhen fickender Guerilla-Terrorist heute noch zur Ikone werden? Ich habe meine Zweifel. So betrachtet ist FIGHT CLUB heute noch genauso ein Arschtritt wie damals.

curious_case_of_benjamin_button_movie_poster12Im Jahr 1918 erblickt Benjamin Button (Brad Pitt) in New Orleans das Licht der Welt. Seine Mutter stirbt bei seiner Geburt und sein Vater (Jason Flemyng) gibt den missgestalteten Säugling daraufhin in die Obhut der schwarzen Altenpflegerin Queenie (Taraji P. Henson). Benjamin ist ein besonderes Kind: Mit dem Körper eines Neunzigjährigen geboren, wird er immer jünger. Als Benjamin nach Jahrzehnten, in denen ihn das Leben durch die ganze Welt geführt hat, endlich mit seiner Jugendliebe Daisy (Cate Blanchett) vereint ist und mit ihr ein Kind erwartet, wird seine Krankheit für ihn zur Bürde …

Basierend auf einer Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald schuf David Fincher mit THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON eine relativ typische Americana: Die Lebensgeschichte des von einer rätselhaften Krankheit geplagten Benjamin gestaltet sich als Reise durch die amerikanische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, deren Ereignisse sich in der Hauptfigur spiegeln. Scheint Benjamins spezielle Disposition zunächst eine Art symbolischer Absolution für kollektive menschliche Schuld zu ermöglichen – dem Film ist ein Prolog vorangestellt, der im Bild einer rückwärts laufenden Bahnhofsuhr den Wunsch nach der Rückkehr der im Krieg gefallenen Soldaten äußert – und somit vor allem positiv konnotiert zu sein, tritt mehr und mehr ihr tragischer Zug hervor: Benjamins Krankheit isoliert ihn immer mehr, zwingt ihn dazu, Beziehungen aufzulösen und sich seinem Schicksal allein zu stellen. Interessanterweise geht es Fincher jedoch nicht darum, eine Außenseitergeschichte zu erzählen: Mehr und mehr treten nämlich die Gemeinsamkeiten zwischen Benajmins besonderer und einer ganz gewöhnlichen Biografie hervor. Das Leben erfordert es, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und Erfahrungen zu machen, die dann wiederum auf die Zukunft Einfluss nehmen. Verbindungen zu anderen Menschen können Sinn und Geborgenheit stiften, sie befreien einen aber immer nur vorübergehend von der Gewissheit, dass man eines Tages sterben muss. Die Bürde, im Moment des Todes über sein Leben rekapitulieren zu müssen – Habe ich aus meinem Leben gemacht, was ich mir gewünscht habe? – kann niemandem genommen werden. Und genau daraus erwächst menschliche Pflicht.

Es fällt mir schwer, BENJAMIN BUTTON richtig, sprich: nüchtern, einzuschätzen. Schon lange hat mich kein Film emotional mehr so mitgenommen wie dieser; fast über die gesamte Spielzeit hindurch habe ich mit den Tränen gerungen – und diesen „Kampf“ am Ende schließlich verloren. Finchers Film hat mich vollkommen überwältigt, was – kennt man sein bisheriges Oeuvre, das sich eher durch einen akademisch-analytischen Gestus auszeichnet, eher als ironisch-kühl-distanziert als als emotional bewegt charakterisiert werden muss – aus meiner Sicht nicht unbedingt zu erwarten war. Ob meine jetzige Begeisterung für BENJAMIN BUTTON auch nach der Zweitsichtung noch bestehen bleibt oder der Ernüchterung weicht, kann ich jetzt noch nicht wirklich sagen. Ich bin aber zuversichtlich, dass Finchers Film auch einer etwas „abgeklärteren“ Betrachtung noch standhält. Schließlich bietet er ein ganzes Leben auf.