Mit ‘David Harbour’ getaggte Beiträge

Zwei Körper, einer männlich, einer weiblich, in extremen Close-ups. Haut auf Haut, aus dieser Nähe kaum zu identifizierende Rundungen und Falten, gleißendes Licht. Männliche Finger, die sanft über die weiße Haut streicheln. Zwei Menschen, nach dem Aufwachen, in Liebe umschlungen? Dann werfen die Bilder Zweifel daran auf: Ein zweites männliches Gesicht rückt ins Bild. Klebeband verschließt den Mund der Frau. Das Bett entpuppt sich als mit Plastikfolie verkleidete Liege. Der Mann greift hart zu, die verschmutzten Füße der Frau verkrampfen sich, eine Träne läuft an Ihrer Wange hinab.

Der Schmerz hat in Scott Franks A WALK AMONG THE TOMBSTONES tief in die Welt eingeschrieben: Ein Ex-Cop, der dem Dienst wie dem Alkohol abschwor, nachdem er aus Versehen ein kleines Mädchen erschoss. Ein Jugendlicher, der gegen die Sichelzellenanämie ankämpft. Ein Mann, der ohne Vorwarnung in den Freitod springt, weil er die Schrecken, an denen er beteiligt war, nicht vergessen kann. Und zwei Psychopathen, die sich einen Spaß daraus machen, Frauen zu quälen und ihre Männer mit dem Grauen zu konfrontieren. Das alles angesiedelt in einer Stadt, deren Backsteinhäuser wie Grabsteine in den HImmeln ragen. Die Skyline zeigt noch die berühmten Twin Towers, aber auch sie sind schon dem Untergang geweiht.

A WALK AMONG THE TOMBSTONES ist von tiefer, auswegloser Traurigkeit durchzogen. Alle Charaktere, die den Film bevölkern, scheinen von einer schweren Last niedergedrückt zu werden. Es gibt nichts, auf das sie sich freuen oder auf das sie hinarbeiten würden. Es gibt keine Ideale oder Träume mehr, nur schmerzhafte Erinnerungen und die Einsicht in die Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens. Auch der Himmel ist grau und teilnahmslos. Und mitten hinein in die Depression stoßen zwei eiskalte Mörder, deren Verbrechen keinen Sinn ergeben, die es sich zum Ziel gemacht zu haben scheinen, den Weg in den Abgrund als Boten des Untergangs zu bereiten. Sie werden am Ende ihre gerechte Strafe bekommen, das verlangt die Konvention, aber dass die Welt danach eine bessere geworden ist, glauben weder der Protagonist noch der Zuschauer. Der Kampf geht weiter, jeden Tag. Es ist ein Rückzugsgefecht.

Würde man den Inhalt des Films wiedergeben, A WALK AMONG THE TOMBSTONES würde sich nicht nach viel anhören. Der Crimefilm ist voll von ausgebrannten Ex-Cops, verkommenen Großstädten und perversen Frauenmördern, alle möglichen Konstellationen wurden längst durchgespielt. Aber A WALK AMONG THE TOMBSTONES ist trotzdem anders – und faszinierend. Er ist wie ein Gedicht, auffallend lyrisch, in seiner Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit aber gleichzeitig wunderschön. Er basiert auf einem Roman von Lawrence Block, der den Detektiv Matthew Scudder erdachte und dessen Geschichten seit 1976 in insgesamt 19 Romanen erzählt hat, von denen 8 MILLION WAYS TO DIE bereits in den Achtzigerjahren von Hal Ashby mit Jeff Bridges in der Scudder-Rolle verfilmt wurde. Regisseur Scott Frank hat sich vor allem einen Namen als erstklassiger Drehbuchautor (nicht zuletzt von Hardboiled-Crime-Stoffen) gemacht, mit so beeindruckenden Credits wie GET SHORTY, MISSISSIPPI DELTA, OUT OF SIGHT, MINORITY REPORT oder LOGAN, und ist als Filmemacher noch nicht wirklich in Erscheinung getreten, aber wenn es etwas Gerechtigkeit gäbe, hätten die Produzenten ihm nach diesem Film die Türen einrennen müssen. A WALK AMONG THE TOMBSTONES zeichnet sich durch seine dichte Atmosphäre und eine geschliffene Ästhetik mit tollen Bildern sowie großartige Inszenierungseinfälle aus, die ihn weit über das hinaus heben, was man von einer solchen Bestseller-Adaption erwartet. Die eingangs beschriebene Szene ist nur ein Beispiel für den schmalen Grat zwischen Schönheit und Schrecken, den Scott mit großer Sicherheit beschreitet. Großartig dieser Moment, in dem die beiden Killer ihr nächstes Opfer entdecken, für sie im übertragenen Sinne die Sonne aufgeht, während auf dem Soundtrack Donovans „Atlantis“ anhebt und sich beim Zuschauer alles zusammenzieht, fesselnd das Finale mit dem Shootout, der via Voice-over mit dem 11-Punkte-Programm der Anonymen Alkoholiker unterlegt ist. Das Schlussbild, bei dem man dann zum ersten Mal die Twin Towers sieht, hinterlässt einen Kloß im Hals und dann untermalt eine anbetungswürdige Coverversion von Soundgardens „Black Hole Sun“ die Credits. Zum Niederknien.

Es hat nicht sollen sein: So beliebt Guillermo del Toros HELLBOY und das Sequel HELLBOY II: THE GOLDEN ARMY auch waren, so sehr der Regisseur für den Film gekämpft und Ron Perlman sich für einen dritten Teil del Toros stark gemacht hatte, am Ende war es unmöglich, den Film, der den beiden vorschwebte, zu finanzieren. Wie dieser Artikel zusammenfasst, war letztlich eine Gemengelage aus dem nur mittelprächtigen Erfolg der ersten beiden Filme sowie ein seitdem drastisch veränderter Markt ausschlaggebend für das Aus. Dennoch kam in diesem Jahr einen neuer Film in die Kinos, ein Kompromiss sozusagen: Mit einem Budget von 50 Millionen Dollar noch nicht einmal halb so aufwändig, wie der dritte Teil von del Toro es gewesen wäre, geht dem „Reboot“ die Epik und Grandezza von del Toros Adaptionen der Comics von Mike Mignola weitestgehend ab. Es handelt sich um einen kurzweiligen Genrefilm, vollgepackt mit CGI, Gags und überraschend derben Splattereffekten, der weniger in klassisches Storytelling verliebte Freunde der bildgewaltigen Fantastik anspricht als vielmehr verschrobene Comicnerds mit Bierdurst. Das Urteil der Kritik, die nur einen Vergleich kannte, war ziemlich verheerend, das Einspielergebnis kaum weniger. Ich würde mir trotzdem mehr Filme dieser Art wünschen und behaupte, dass HELLBOY weitaus besser ist als sein Ruf.

Die Story ist letztlich unerheblich und liefert nur Vorwand für eine Reihe fantastischer Set-Pieces und Actionsequenzen: Die im Mittelalter von niemand Geringerem als König Artus (Mark Stanley) hingerichtete „Blood Queen“, eine böse Hexe namens Nimue (Milla Jovovich), soll in der Gegenwart zu neuem Leben erweckt werden, um die Apokalypse einzuleiten, Hellboy (David Harbour) dieses verhindern. Der Weg dahin führt durch zahlreiche Episoden, in denen der muskelbepackte, aber depressive Sohn des Teufels es unter anderem mit einem als Luchador verkleidetem Vampir, einem alten Geheimbund, drei Riesen, einem zweibeinigen Wildschwein und der Hexe Baba Yaga zu tun bekommt und nebenbei herausfindet, dass sein Ziehvater (Ian McShane) ursprünglich den Auftrag hatte, ihn zu töten. Das Tempo ist halsbrecherisch, keine Minute wird verschwendet, keiner Idee die Zeit gegeben, langsam zu reifen, der Zuschauer stattdessen im Fünfminutentakt mit Attraktionen befeuert, was der ganzen Unternehmung den Anstrich einer Last-Minute-Verzweiflungstat gibt. Angeblich gab es Streit zwischen Regisseur Neil Marshall und den Produzenten und es erscheint nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass unterwegs einiges an Material auf der Strecke blieb, trotzdem macht HELLBOY keinen inkohärenten, lediglich einen ungeduldigen Eindruck.

Insgesamt ist dieser neue HELLBOY flüchtiger, er erhebt keinen Anspruch darauf, auch in zehn Jahren noch geschaut und verehrt zu werden. Der Soundtrack ist bis zum Rand vollgestopft mit Pop- und Rocksongs, Referenzen auf Uber und Twitter verorten den Film sofort in unserer Zeit, David Harbour läuft als One-Liner-Maschine durch den Film. Sein Hellboy hat nicht die Autorität, die Ron Perlman ihm verlieh, aber das gereicht der Figur nicht unbedingt zum Nachteil: Das depressive Slackertum verkörpert Harbour vielleicht sogar besser. Was letztlich aber in erster Linie bei der Stange hält – neben der Tatsache, dass sowieso nichts lange genug andauert, um einen wirklich schlechten Eindruck zu hinterlassen -, ist die schiere Menge an schrägen Einfällen, bizarren Monstren und dann Mignolas Schöpfung allgemein. Wie schon del Toro deutet auch Marshall immer wieder einen reichen Fundus an zurückliegenden Abenteuern, Feinden und Verbündeten an, von denen man gern mehr sehen würde. Diese immer mitzählte Backstory füllt den Film mit jenem Leben, für das er sich selbst kaum die Zeit gönnt.

HELLBOY wurde sichtlich mit dem Vorhaben produziert, der Startschuss für eine ganze Reihe von Filmen zu sein: Nicht nur der in MCU-Zeiten obligatorischen Mid-Credit-Sequenz-Teaser macht das deutlich Und ich finde es tatsächlich ziemlich schade, dass daraus nichts wird, selbst wenn dieser HELLBOY gewiss kein Film für die Ewigkeit, sondern lediglich ein bunter Timewaster ist. Der Film ging an den Kinokassen so krass baden, dass es mich doch sehr verwundern würde, wenn sich ein Geldgeber fände, der hier noch einmal sein Geld versenken möchte. Dabei gäbe es noch so viel zu erzählen. Und dass dieser Hellboy natürlich hundert Mal interessanter ist als der x-te kostümierte Superheld darüber müssen wir ja nicht wirklich diskutieren.