Mit ‘David Mamet’ getaggte Beiträge

spartan (david mamet, usa/deutschland 2004)

Veröffentlicht: September 26, 2008 in Film
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Die unter ständiger Beobachtung des Secret Service stehende Tochter des Präsidenten, Laura Newton (Kristin Bell), verschwindet durch eine Unachtsamkeit eines zuständigen Beamten. Um eine nationale Krise zu vermeiden, wird der Spec-Ops-Agent Scott (Val Kilmer) beauftragt, das Mädchen wiederzufinden. Die Spur führt ihn zu einem internationalen Mädchenhändler-Ring, der aus Dubai heraus operiert und offensichtlich gar nicht weiß, wer ihm da in die Fänge geraten ist. Als sich Scott und seine Männer darauf vorbereiten, das Hauptquartier der Verbrecher zu stürmen, erhalten sie die Nachricht, dass man Lauras Leiche in den USA geborgen habe …

David Mamet hat sich seinen Ruf vor allem als Playwright und Drehbuchautor erarbeitet. Seine Dialoge sind gefeierte Beispiele der Gegenwartsliteratur und sein Stammschauspieler William H. Macy sagt in einem Interview, dass jeder Schauspieler es liebt, seine Zeilen zu sprechen. Sie seien schwierig zu meistern, aber wenn man den Bogen einmal raus habe, sei es als steuere man ein irrsinnig schnelles Rennauto. Mamet als Regisseur eines – im weitesten Sinne – Actionfilms zu sehen, erscheint auch wegen dieser Qualifikation erst einmal ungewöhnlich, geht es in diesem Genre doch in erster Linie um – man höre und staune – Aktion und weniger um das gesprochene Wort. Nach SPARTAN muss man jedoch erkennen, dass es gerade Mamets Spezialtalent ist, dass aus seinem Film einen der herausragenden Genrebeiträge der letzten Jahre macht und dem in die Jahre gekommenen Genre neue Impulse gibt. Dazu muss man wissen, dass Mamet Sprache und Dialoge selten einsetzt, um Informationen zu geben. Während Charaktere in anderen Filmen sich ständig mit Namen ansprechen, um sich vorzustellen, offenbaren, was sie gerade denken, tun oder zu tun gedenken, benutzt Mamet Dialoge zur Charakterisierung und zur Schaffung von Atmosphäre. Die ersten zwanzig Minuten von SPARTAN stellen deshalb eine echte Herausforderung dar: Fachsprache, technischer und sozialer Code etablieren die abgeschlossene Gesellschaft der Geheimdienste und den isolierten Charakter Scotts, doch was eigentlich passiert, muss sich der Zuschauer selbst erarbeiten und hechelt dem Geschehen erst einmal hinterher. So geht SPARTAN von Anfang an ein enormes Tempo, ohne sich in spektakulären Set-Pieces zu ergehen.

Das ist aber nur eine Fassette dieses grandiosen Films. Auf der Inhaltsebene wirft Mamet einen unglaublich desillusionierten Blick auf die Machenschaften der Geheimdienste und der Politik, in deren Dienst sie stehen. Scotts Handeln wird nicht geschönt, aber hinter seiner eiskalten Fassade sehen wir den Mann, der letztlich nur tut, was getan werden muss. Wir können froh sein, dass uns diese Welt vollkommen fremd bleiben wird. Wie perfide, rücksichts- und skrupellos die Geheimdienste aber wirklich vorgehen, bleibt lange im Verborgenen. Die schreckliche Wahrheit hinter dem „Unfall“ der Entführung kommt erst nach und nach ans Licht und überrumpelt den Zuschauer förmlich. Es ist einer der vielen Leistungen Mamets, wie es ihm gelingt, den Zuschauer im Unklaren zu lassen, ohne ihn zu „verarschen“, ihm entscheidende Informationen vorzuenthalten. Wie Ebert sehr treffend über Mamets Manipulationsstrategien schreibt: „In his plots, the left hand makes a distracting movement, but you’re too smart for that, and you quick look over at the right hand to spot the trick, while meanwhile the left hand does the business while still seeming to flap around like a decoy.“ Besser kann ich es auch nicht erklären, aber es ist einer der Freuden bei der Betrachtung von SPARTAN, dass man bald erkennt, es mit einem Werk zu tun zu haben, dass einem immer einen Schritt voraus ist, auch wenn man meint, mit ihm auf Augenhöhe zu sein oder es gar durchschaut zu haben.

Schließlich ordnet sich SPARTAN wie schon erwähnt auch noch in den Actionfilm ein und auch hier leistet er seinen Beitrag, das Genre voranzubringen: Val Kilmers Scott ist ein Profi, ein Mann, der sich daran gewöhnt hat, äußerst schmutzige Arbeit zu erledigen, um damit noch größere Schweinereien zu verhindern. Es ist kein Job, auf den er stolz ist, aber einer, der erledigt werden muss. Und ja: Scott ist gut, in dem, was er tut, ohne sich allzugroßen Illusionen hinzugeben. Ein Held ist er nicht und noch weniger wird er als Sympath gezeichnet, im Gegenteil. „If I wanted camaraderie, I would’ve joined the masons.“ sagt er schonungslos direkt zu einem jungen Rekruten, der die Nähe zu seinem Ausbilder sucht, einem anderen Agenten haut er ohne zu zögern in die Fresse, um ein Geständnis aus ihm herauszupressen. Ja länger SPARTAN dauert, umso mehr wird aber deutlich, dass Scott keineswegs der Macher und Entscheider ist, als der er zunächst präsentiert wird, sondern auch nur eine Schachfigur in dem Spiel ungleich mächtigerer Männer. So steht er plötzlich selbst auf der falschen Seite und muss feststellen, dass die Ideale, die er zu vertreten glaubte, nur so lange Gültigeit besitzen, wie sie bequem sind. Wenn es darauf ankommt, dann wird auch er eiskalt aus dem Weg geräumt werden. SPARTAN räumt ziemlich auf mit dem Glauben, der einfache Fußsoldat (Scott bezeichnet sich selbst immer wieder als „worker bee“) sei nur ein Befehlsempfänger und -ausführer, der sich nicht die Frage nach der Moral stellen müsse. Der Begriff „cockeyed“ spielt eine wichtige Rolle in Mamets Film: Er beschreibt einen verqueren, schiefen Blick auf die Welt, der jedoch gerade deshalb in der Lage ist, die Missstände zu enttarnen, durch den bullshit hindurch auf die Wahrheit zu sehen. Laura hat diese Fähigkeit, weil sie als Tochter des Präsidenten hautnah miterlebt hat, das auch die Blutsverwandtschaft nichts wert ist, wenn es um große politische Zusammenhänge und um das große Geld geht. Scott muss erst von ihr lernen, die Welt so zu sehen, denn er ist in den Codes seiner Zunft gefangen, die ihm die Sicht verstellen.

Zu Beginn fällt der Blick der (großartigen) Kamera auf drei Schilder, die in einem Spec-Ops-Ausbildungslager hängen. Auf diesen steht: „Welcome to the precinct of pain.“ “ A goddess lives here.“ „Her name is victory.“ Zu Beginn hat Scott eine sehr klare Vorstellung davon, was dieser „Sieg“ bedeutet. Am Schluss von SPARTAN weiß er, dass er sich geirrt hat. Aber dafür hat er einen größeren Triumph erlangt: Wahrheit.

house of games re-evaluated

Veröffentlicht: August 8, 2008 in Uncategorized
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Eben habe ich den wunderbaren Text gelesen, den Roger Ebert über David Mamets HOUSE OF GAMES geschrieben hat, der mich bei Zweitsichtung etwas enttäuscht hinterlassen hat. Nach diesem Text bin ich fast versucht, meine Meinung zu revidieren – was ich vorerst natürlich nicht tue. Aber wie dem auch sei, Eberts Review leistet genau das, was gute Reviews leisten sollten: Er macht Lust auf die Begegnung mit seinem Objekt, indem er die Wurzeln des Enthusiasmus‘ und der Begeisterung seines Verfassers offenlegt. Egal, was man von Ebert oder der Existenz solcher Kritikerpäpste überhaupt halten mag, dieser Text ist wirklich lesenswert.

house of games (david mamet, usa 1987)

Veröffentlicht: August 6, 2008 in Film
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Die Psychologin Margaret Ford (Lindsay Crouse) hat eben einen Bestseller zum Thema „Triebe“ veröffentlicht, doch zufrieden ist sie nicht. Ihr Leben ist erstarrt in Routine, es gibt keine Auf- und keine Erregung. Als einer ihrer Patienten ihr von seinen Spielschulden erzählt und sie bittet, bei seinem Gläubiger ein gutes Wort für ihn einzulegen, sieht sie die Chance, aus ihrem Alltag auszubrechen und eine neue Welt kennenzulernen. Der Gläubiger entpuppt sich als stilvoller, eloquenter Con Man namens Mike (Joe Mantegna), der die Psychologin sofort in eine seiner Betrügereien einbezieht. Margaret ist fasziniert …

HOUSE OF GAMES ist das Regiedebüt des gerühmten Bühnen- und Drehbuchautors David Mamet (u. a. lieferte er die Vorlagen zu THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE, GLENGARRY GLEN ROSS, THE UNTOUCHABLES und WAG THE DOG), dessen geschliffenen Stil man hier sehr ungefiltert vorfindet. Dieser ist mir bei der gestrigen Zweitsichtung von HOUSE OF GAMES, den ich vor Jahren schon einmal gesehen hatte und daraufhin sehr begeistert war, jedoch eher negativ aufgefallen. So clever der kleine Thriller auch gescriptet und konstruiert, so punktgenau und vielschichtig die Dialoge geschrieben und die düsteren Settings ausgeleuchtet sind, man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass genau diese Akribie und Bedeutungsschwere dem Film die Leichtigkeit raubt, die er braucht. Alles ist ein Hinweis und mit Bedeutung belegt und das lässt den Film, der eine nicht gerade ungewöhnliche Geschichte um Versuchung und Täuschung erzählt, demgegenüber streckenweise geradezu banal erscheinen. Mamets damalige Ehefrau Lindsay Crouse spielt die Psychologin als anämisches Mauerblümchen, das der Faszination des „Bösen“ in Gestalt des Gentleman-Gangsters, der sie wiederum sofort durchschaut und weiß, wie er sie für seine Zwecke benutzen kann, erliegt. Am Ende muss er aber erkennen, dass er das Spiel zu weit getrieben hat: Hell has no fury like a woman scorned. Das ist nicht eben der Stoff, aus dem die Tiefenpsychologie ist und man wundert sich doch immer wieder über den geradezu katholisch anmutenden Misogynismus in den Filmen vermeintlicher amerikanischer Intellektueller (Mamet ist jüdischen Glaubens). HOUSE OF GAMES ist a mixed bag, und keineswegs das Meisterwerk als das ich ihn in Erinnerung hatte.