Mit ‘David Robert Mitchell’ getaggte Beiträge

Anstatt sich darum zu kümmern, die überfällige Miete für sein Appartement aufzutreiben und so seinen Rauswurf zu verhindern, verknallt sich Sam (Andrew Garfield) in eine mysteriöse Blondine und stürzt sich dann Hals über Kopf in die Ermittlungen in einer gewaltigen Verschwörung, als sein Schwarm über Nacht spurlos verschwindet. Es geht um einen Hundemörder, eine Serienkillerin mit Eulengesicht, unterirdische Bunker (oder Grabstätten), sie Entführung eines prominenten Wohltäters, geheime Botschaften in Popsongs und die Geheimnisse, die sich in die Topografie von Los Angeles und der Traumfabrik Hollywood eingeschrieben haben.

UNDER THE SILVER LAKE ist das Gegenteil von IT FOLLOWS, mit dem Regisseur Mitchell vor wenigen Jahren ziemlichen Wirbel machte: Begeisterte der Horrorfilm mit einer cleveren, abstrakten Prämisse, die dann konsequent mit Bedeutung aufgeladen wurde, ist Mitchells neuestes Werk ein (über Gebühr aufgeblasenes) 140-minütiges Epos, dessen Thema das Suchen nach Bedeutung selbst ist. UNDER THE SILVER LAKE ist der jüngste Spross einer Filmtradition, die bis in die Zeiten des Noir zurückreicht und solche unterschiedlichen Beiträge wie SUNSET BOULEVARD, CHINATOWN, THE DAY OF THE LOCUST, THE LONG GOODBYE, MULHOLLAND DRIVE, THE BLACK DAHLIA oder zuletzt MAPS TO THE STARS und INHERENT VICE vereint. Gemein sind diesen Titeln die kritische Auseinandersetzung mit der Unterhaltungsindustrie, die längst nicht so unschuldig ist, wie sie sich vordergründig gibt, und der resignative Schluss, dass die gesamte verkommene Stadt auf Leichen gebaut wurde: ein neuzeitliches Sodom gewissermaßen, dessen Einwohner unter dem Dauerbeschuss der Zeichen langsam wahnsinnig werden und das nur darauf wartet, weggespült zu werden. Das Subgenre bietet Platz für melancholische Dramen (Wilders SUNSET BOULEVARD), bittere Crime-Stoffe (CHINATOWN, THE DAY OF THE LOCUST und THE BLACK DAHLIA) oder aber postmoderne surrealistische Komödien (THE LONG GOODBYE, MULHOLLAND DRIVE, MAPS TO THE STARS und INHERENT VICE), die sich über die Legendenbildung lustig zu machen scheinen. UNDER THE SILVER LAKE gehört zu letzterer Tradition, wobei ich nicht so genau weiß, ob sein Regisseur wirklich „in on the joke“ ist oder ob er nicht doch, wie sein Protagonist, an die große Verschwörung glaubt. Das ist aber nicht das einzige Problem des Films.

UNDER THE SILVER LAKE handelt wohl in erster Linie von der Sinnsuche der Millennials: Sam sollte einer Arbeit nachgehen, aber er hat keine Lust dazu. Seine Zimmerwände zieren die Poster alter Hollywood-Klassiker, mit der Gegenwart und ihrer Kultur scheint er nur wenig zu tun zu haben. Das Mädchen, in das er sich verliebt, sieht selbst aus wie eine Wiederkehr des klassischen Hollywood-Starlets und auf der Suche nach ihr muss er nicht nur lernen, dass die Songs und Helden, die er vergöttert, Fälschungen sind, sondern auch, dass diese Welt nur dazu existiert, die Reichen glücklich zu machen und das Fußvolk in einem Stadium der Sedierung zu halten. Das ist gewiss eine Sicht auf die Welt, den Spätkapitalismus und die Kulturindustrie, über die man produktiv diskutieren kann: Aber sie ist eben auch nicht so revolutionär, dass man sie in einem derart verklausulierten Zweieinhalbstünder verpacken muss, der noch dazu fast gänzlich ohne den dringend nötigen Humor, die überdrehten visuellen Einfälle oder den scharfen Biss auskommt. UNDER THE SILVER LAKE bemüht nicht ganz überraschend das gedrosselte Tempo, das man mit Schlafwandelei oder Tagträumerei assoziiert, aber Mitchell macht den Fehler, zu glauben, dass man seine wilden Verschwörungsfantasien per se genauso faszinierend findet wie er oder sein Protagonist. Letzterer ist schon das Hauptmanko: Sam ist relatable in seiner Gelangweiltheit, aber weder besonders sympathisch noch irgendwie interessant. Man erfährt fast nichts über ihn und wenn doch, möchte man eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dann ist da der schon erwähnte Mangel an Drive: Wenn ein Film schon nicht darauf setzt, dass man mit ihm mitfiebert oder antizipiert, worauf er hinausläuft, sollte der Weg zum unbekannten Ziel wenigstens mit Attraktionen gepflastert sein, aber Momente, die herausstechen, sind in UNDER THE SILVER LAKE rar gesät. Die Begegnung mit einem greisen Songwriter, der anscheinend alle Hits seit den Fifties geschrieben hat – darunter auch „Smells like teen spirit“, die Hymne über Selbstbehauptung, Individualität und Auflehnung – ist so ein Highlight, aber vieles wirkt leider wie ein lebloser, bemühter Abklatsch der großen Vorbilder. Ich mag diese Art von Filmen eigentlich – aber mein Interesse an UNDER THE SILVER LAKE nahm während des Schauens kontinuierlich ab, bis ich ihn eigentlich nur noch aus Pflichterfüllung zu Ende geschaut habe. Schlecht ist er nicht, aber der bescheidene IT FOLLOWS war ca. hundertmal befriedigender – und nebenbei auch anspruchsvoller.

 

 

 

11190713_oriDie Teenagerin Jay (Maika Monroe) hat gerade den ersten Sex mit ihrer Eroberung Hugh (Jake Weary) hinter sich gebracht, stilecht auf dem Rücksitz eines amerikanischen Wagens, der auf dem verlassenen Parkplatz vor einem verfallenen Gebäude abgestellt ist. Sie hängt ihren Träumen nach, redet mit ihm, aber mehr noch mit sich selbst, als er ihr von hinten ein Stück Stoff vor den Mund presst, bis sie bewusstlos wird. Wenig später sitzt sie gefesselt auf einem Stuhl im Inneren des maroden Hauses, er läuft nervös hin und her, redet wirres Zeug von einem „Ding“, das er ihr jetzt übertragen habe und das sie von nun an verfolgen und sie zu töten versuchen werde. Um es wieder loszuwerden, müsse auch sie mit einem anderen schlafen und ihm die „Regeln“ erklären, denn wenn ihr „Nachfolger“ dem Wesen zum Opfer falle, sei automatisch wieder sie an der Reihe. Nachdem tatsächlich eine zombiehaft staksende Frau auftaucht und unaufhaltsam auf sie zugeht, liefert er sie bei ihrer Familie ab, indem er sie einfach auf die nächtliche Straße vor ihrem Haus legt. Die Polizei wird gerufen, den Verdacht auf Vergewaltigung zerstreut Jay mit ihrer Aussage selbst, aber die Nachbarn zerreißen sich trotzdem das Maul über „diese Leute“. Jay hat indesse andere Sorgen: Am nächsten Tag wird sie von einer alten Frau verfolgt …

IT FOLLOWS ist nicht weniger als einer der besten, originellsten und atmosphärischsten Horrorfilme der letzten Jahre. Regisseur Mitchell hat einen archaisch anmutenden, unheimlichen Mythos erdacht und liefert zahlreiche Hinweise, wie man diesen mit Bedeutung aufladen könnte, ohne dass er ihm dadurch seinen Schrecken nehmen würde. Er entgeht sehr geschickt der Falle des zunehmend grassierenden „Inhaltismus“, bei dem Filme mit supercleveren „Subtexten“ aufwarten, die diesen Begriff nicht verdienen, weil es keinerlei Interpretationsspielraum mehr gibt, sie vielmehr wie Rätsel „gelöst“ werden müssen. Der Erfolg von IT FOLLOWS beruht zuerst auf seiner Visualität, er ist voller starker Bilder, die gerade deshalb eine solche Wirkung hinterlassen, weil sie eben nicht symbolisch überfrachtet sind, sondern zunächst einmal für sich stehen. Unbelebt wirkende Suburbs, ruinöse Vororte, Menschen, die sich streifen, ohne echten zwischenmenschlichen Kontakt zueinander aufzubauen. Gerahmte Fotos einer Familie, die nur noch auf dem Papier zu bestehen scheint, Sex im Auto als „Höhepunkt“ eines mechanisch ablaufenden Spiels, der Zuschauer als distanzierter, stumm starrender Zeuge immer dabei, mal ganz nah, dann wieder aus der Distanz wie ein Voyeur.

IT FOLLOWS handelt natürlich ganz wesentlich von Sex, vom Bedürfnis nach Intimität und Nähe in einer Realität, die beides nicht mehr wirklich zulässt. Vor 30 Jahren hätte man die geisterhaften Verfolgerwesen unweigerlich als AIDS-Allegorie verstanden, aber Mitchell geht es nicht um den Schrecken des eigenen nahenden Todes, sondern um das Grauen, das darin besteht, einen anderen verdammen zu müssen, um sich selbst zu retten. In der Zyklizität des Fluches erinnert IT FOLLOWS stark an Nakatas RINGU, aber die menschliche Komponente wiegt im US-Film schwerer, weil die Weitergabe des Fluchs eben an Sex geknüpft ist. Seine Protagonistin Jay weiß, dass sie infiziert ist: Ihr Freund Paul (Keir Gilchrist), den sie seit der Kindheit kennt und der neben ihrer Schwester Kelly (Lili Sepe) ihr einziger Vertrauter ist, rückt als möglicher Partner in weite Ferne; sie sieht einer Zukunft entgegen, in der körperliche Nähe nur noch mit völlig Fremden überhaupt denkbar scheint (nachdem Paul sich bewusst hat von ihr infizieren lassen, beobachtet er zwei Prostituierte, die selbst wie Geister an einer ausgestorbenen Straßenecke stehen).

Diese Kälte, die Unmöglichkeit, den anderen als Menschen zu verstehen, sich ihm vertrauensvoll und offen zu nähern, zeigt sich in IT FOLLOWS in allem: In der zersplitterten Familie von Jay und Kelly (eines der Phantome, die Jay verfolgen, nimmt die Gestalt ihres verschwundenen Vaters an), in den ruinösen Vororten des sterbenden Industriemolochs Detroit, den distanzierten Bildern voller leerer Räume, unwirtlich zweckmäßiger Bauten und ziellos umherwandernder Gestalten. Das Finale in einem nächtlichen Schwimmbad, das aufgrund seiner Effektlastigkeit hier und da auf Kritik stieß, erinnerte mich gestern stark an Cronenbergs ganz ähnliche Schlusspointe in SHIVERS: Da wurde der letzte noch verbliebene Mensch von den besessenen Sexzombies ins Wasser gestoßen und zu einem der ihren gemacht. In IT FOLLOWS lockt Jay das Monster ins Wasser, um die Liebe zu retten. Sie triumphiert, aber ganz anders als gedacht …