Mit ‘David Thewlis’ getaggte Beiträge

Um mal gleich in medias res zu gehen: Ja, WONDER WOMAN ist tatsächlich allein deshalb schon ungewöhnlich, weil es bislang der erste in der in den letzten zehn Jahren auf uns niedergegangenen Flut von großbudgetierten, mit viel Marketingpower in die Multiplexe gepushten Superhelden-Comicverfilmungen ist, der sich den Luxus einer echten weiblichen Hauptfigur gönnt. Und auch wenn ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der das so sieht, halte ich es für mitnichten für einen Zufall, dass er aus dem Hause DC kommt und nicht von Marvel stammt, die sich wohl auch in hundert Jahren noch nicht dazu entscheiden können werden, ihrer Black Widow ein Soloabenteuer zu gestatten: Das MCU verströmt für mich in erster Linie gepflegte, weitestgehend mutlose Langeweile, während DC es mit ihren überkandidelten Kraftbolzen geschafft haben, so ziemlich jeden gegen sich aufzubringen. Weiter so! Die Kehrseite der Medaille: Es ist heute wahrlich nicht viel nötig, einen Film zu produzieren, der geradezu als feministisches Manifest gefeiert werden muss. Das möchte ich aber nicht Patty Jenkins ankreiden, vielmehr sagt es ziemlich viel über den Status quo in Hollywood aus, das ein Film allein deshalb schon revolutionär daherkommt, weil er eine Frau ins Zentrum eines effektgespickten, großbudgetierten, nicht explizit auf ein weibliches Publikum hin optimierten Eventmovies stellt.

Das ist in der Tat ziemlich traurig, macht WONDER WOMAN aber kein bisschen schlechter. Vielleicht wird man sich irgendwann, wenn sich der Rauch gelegt hat, daran erinnern, welche Vorarbeit Jenkins (oder Produzent und Drehbuchautor Zack Snyder) geleistet haben: Der Film war ein großer Erfolg, was angesichts der vernichtenden Kritiken, die MAN OF STEEL, BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE oder SUICIDE SQUAD zuvor eingefahren haben, an ein kleines Wunder grenzt, und könnte insofern einen neuen Präzedenzfall geschaffen haben: Ja, Superheldenfilme können tatsächlich auch dann Geld einspielen, wenn sie um eine Frau kreisen. Dass WONDER WOMAN diesen Aspekt gleich an der Oberfläche seiner Handlung mitverhandelt, liegt in der Natur der Sache. Schon die Comicvorlage entstand in den 1940er-Jahren aus der Beobachtung ihres (männlichen) Schöpfers, dass es keine weiblichen Superhelden gab. Er erdachte die Amazonenprinzessin Diana, die auf einer fernab der Zivilisation liegenden Insel ohne männliche Population aufwächst und die es dann für ihre Heldentaten in „unsere“ Welt verschlägt.

Auch im Film muss sich Diana (Gal Gadot) in einer reinen Männerwelt behaupten, eine Herausforderung, die die Auswahl der geeigneten Garderobe genauso miteinschließt wie den Einsatz auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Ganz selbstverständlich ist das in WONDER WOMAN nicht: Die ohne Männerkontakt aufgewachsene und deshalb in und an Liebesdingen ebenso unerfahrene wie uninteressierte Schönheit, muss natürlich die Liebe zu einem Mann entdecken und ihn mit Fragen über Sex und Beziehungen löchern. Ferner stehen ihr nach dem Auftakt auf ihrer Heimatinsel ausschließlich harte Macker zur Seite, die ihr helfen: Zum großen Sieg am Ende ist das Opfer ihres Freundes Steve (Chris Pine) nötig und in einer tränenreichen Rückblende gibt es dann auch das verbale Liebesgeständnis. Einen ähnlichen Rückzieher macht WONDER WOMAN auch in anderer Hinsicht: Als sie den vermeintlich für den Krieg Verantwortlichen Ludendorff (Danny Huston) umgebracht hat, in dem Glauben danach kehrte der Frieden ein, und feststellen muss, dass der einfach weiter geht, glaubte ich für einen Augenblick tatsächlich, WONDER WOMAN könnte ohne den langweiligen Superschurken und das obligatorische Duell enden. Dem ist natürlich nicht so: Wie alle DC-Filme, an denen Snyder mitgewurschtelt hat, verliert sich auch dieser in einem überkandidelten, vor Pathos triefenden und dem naiven Charme des Films krass zuwiderlaufenden Scharmützel mit einem in letzter Sekunde aus dem Hut gezauberten Obermotz.

Aber grundsätzlich hat mir WONDER WOMAN ganz gut gefallen: Mit seinem historischen Hintergrund schlägt er wunderschön die Brücke zu den Ursprüngen der Superheldencomics, als sich Captain America und Konsorten bevorzugt mit Nazis rumprügelten. Die gibt es hier zwar nicht, aber zwischen den deutschen Kriegsverbrechern des Ersten Weltkriegs und den Schergen um den Führer besteht zumindest in diesem Film nur ein äußerst marginaler Unterschied. Sogar ein entstelltes wissenschaftliches Mastermind gibt es, die teuflisch-geniale Giftgaserfinderin Dr. Maru (Elena Anaya). Die Mischung aus Action, Fantasy und Humor funktioniert über weite Strecken sehr gut und daran, dass bei den Spezialeffekten die Devise herrscht „mehr ist mehr“ habe ich mich dann mittlerweile auch gewöhnt. WONDER WOMAN ist einer der besseren Filme die die Superheldenwelle hervorgebracht hat: Das macht ihn zwar nicht zu einem Meisterwerk, schon gar nicht zu einem, das den Eventmovie genderpolitisch revolutionieren wird, aber man kann gewiss darauf aufbauen. Was ich so gelesen habe, reißt JUSTICE LEAGUE mit dem Arsch aber wieder ein, was Jenkins hier aufgebaut hat …

Die Produktionsgeschichte von THE ISLAND OF DR. MOREAU ist vielleicht bekannter als der Film selbst: Richard Stanley, zuvor als Regisseur der Independentfilme HARDWARE und DUST DEVIL positiv in Erscheinung getreten, hatte es geschafft, Hollywood von seinem Traumprojekt zu überzeugen und selbst eine ambitionierte Drehbuchadaption von H. G. Wells‘ Roman geschrieben. Normalerweise sollte eine solch persönliche Verbundenheit dabei helfen, Krisen zu überstehen: Dass Stanley nach nur drei (bzw. vier, es gibt unterschiedliche Stimmen dazu) Tagen entlassen wurde, entnervt von Kilmer und seinem berühmt-berüchtigten Verhalten, dem er nichts entgegenzusetzen hatte und der seinen Superstar-Bonus vermutlich dazu benutzte, um beim Studio gegen den unerfahrenen Regisseur zu intrigieren, ist der tragische Aspekt des Films. Veteran John Frankenheimer übernahm das zum Scheitern verurteilte Projekt, von dem er selbst nicht überzeugt war (auch er hatte nicht viel Gutes über Kilmer zu sagen, den er vom Set schmiss, als der seinen letzten Drehtag hinter sich gebracht hatte) und ließ das „bullshit script“ Stanleys während der laufenden Dreharbeiten umschreiben, was für weitere Verwirrung sorgte. Der exzentrische Marlon Brando, dessen Professionalismus zu diesem Zeitpunkt bereits weitestgehend erodiert war, brachte ebenfalls seine ganz eigenen, wenig nachvollziehbaren Vorstellungen von seiner Rolle mit. Und so gewann der Film, an den keiner der Beteiligten noch ernste Hoffnungen knüpfen wollte, eine teuflische Eigendynamik.

Als New Line sich nach einem erfolgreichen Startwochenende mit einbrechenden Zahlen und miesen Kritiken konfrontiert sah, machte das Marketing aus dem zuvor beworbenen High-Quality-Produkt kurzerhand eine Trashgurke, lancierte selbst die Geschichten über die komplizierten Dreharbeiten (darunter am berühmtesten sicherlich jene, dass der ursprüngliche Regisseur Richard Stanley sich in vollem Make-up als Tiermensch auf das Set schlich und „seinem“ Film als Darsteller erhalten blieb) und prägte die Rezeption des Films als Hollywood-Missgeburt, die „became an apotheosis of all that is absurd about Hollywood“ (der Link führt zu einer lesenswerten Geschichte über „Psycho Kilmer“, seine Rolle in Stanleys Rauswurf und weiteren Horrorepisoden vom Set des Films).

Zwar kann auch eine unvoreingenommene Sichtung des Films nicht darüber hinwegtäuschen, dass all diese Probleme nicht spurlos an THE ISLAND OF DR. MOREAU vorübergegangen sind, doch dem obigen Zitat würde ich dennoch widersprechen wollen: Es ist der sich in den Bildern manifestierende Wahnsinn, der ihn zu einem wirklich außergewöhnlichen Film macht, zu einem, der zwar alles andere als wohlgeformt, rund und den Konventionen entsprechend ist, aber gerade deshalb viel, viel interessanter als die unzähligen, stromlinienförmigen, von vorn bis hinten durchkalkulierten Abschreibungsprodukte, die Hollywood seit nunmehr 20 Jahren am Fließband auf den Markt zu werfen pflegt.

Es liegt etwas Fiebriges über den Bildern von THE ISLAND OF DR. MOREAU, schon von der ersten Szene an, die den Schiffbrüchigen Edward Douglas (David Thewlis) im verbissenen Kampf mit seinen beiden Mitüberlebenden auf einer Rettungsinsel zeigt, und dieses Fiebrige schlägt sich auch in den Darbietungen von Kilmer und Brando und der ganzen Ästhetik des Films nieder, der in seinem letzten Akt jede Kohärenz aufgibt und dem Wahnsinn seines Titelhelden zu verfallen scheint. Dieser Wahnsinn rührt neben den zahlreichen von Frankenheimer angeordneten Rewrites vor allem von den Egos der beiden Stars her: Beide überfrachten ihre Figuren mit merkwürdigen kleinen Details, die kaum Sinn ergeben, aber zu der dekadenten Stimmung des Films beitragen. Mehr als in den vorangegangenen Verfilmungen von Wells‘ Roman hat man den Eindruck, dass die beiden Wissenschaftler über ihrer Arbeit komplett den Verstand verloren haben. Jede Moral, jede Orientierung ist auf der Strecke geblieben. Kilmers Montgomery kleidet sich wie ein selbstverliebter Extremsportler, nimmt Drogen und vergeht sich an den Tiermenschen als sei das alles ein aus dem Ruder gelaufenes Spiel, und Brandos Moreau selbst, gekleidet in wallende Gewänder und mit geweißtem Gesicht, benimmt sich wie ein New-Age-Papst, lässt sich von seinen Kreaturen als „Father“ ansprechen, klagt über die Hitze und trägt in einer Szene gar einen Eimer auf dem Kopf, den er mit Eiswürfeln füllt, um sich abzukühlen (Marlon Brando kam auf diese Idee, weil er laut eigenen Angaben gelangweilt war).

Interessanterweise erscheint gerade der rigide Moralist Douglas gegenüber den irren mad scientists als der eigentliche Unsympath des Films. Der unverhohlene Ekel, den er für die Tiermenschen empfindet und dem er ungehemmt Ausdruck verleiht, die Abwesenheit jeden Mitleids für das Schicksal der Kreaturen, hinterlassen einen mehr als unangenehmen Beigeschmack. Ganz anders demgegenüber der fast liebevoll zu nennende Moreau: Seine Enttäuschung, als er bemerkt, dass seine „Kinder“ sich gegen ihn wenden, weil er für sie mitnichten der gute „Vater“ war, der er zu sein geglaubt hatte, beschert dem Film einen starken emotionalen Moment. Und Douglas‘ Scheinheiligkeit wird durch die leider unterentwickelt bleibende Liebesbeziehung zur Tierfrau Aissa (Fairuza Balk) noch unterstrichen. (Hier verpasst der Film die Gelegenheit, einen der beunruhigendsten Aspekte von ISLAND OF LOST SOULS auszubauen.) Zum Schluss, wenn Moreau seinen Kreaturen zum Opfer fällt, Montgomery sich im Drogenrausch als dessen Nachfolger inszeniert, die Tiermenschen mit Maschinengewehren bewaffnet in Jeeps durch die Settings rauschen, die Anarchie den die ganze Zeit über volltrunken am Abgrund entlang tänzelnden Film vollends gefangen nimmt, hat man das Gefühl, dass THE ISLAND OF DR. MOREAU ganz bei sich ist. Alle Versuche Hollywoods, das Tier zu bändigen, sind gescheitert, haben das Biest nur noch zorniger gemacht. THE ISLAND OF DR. MOREAU ist ein wichtiger Film, der dem Idealisten Mut macht: Das System ist nicht allmächtig.