Mit ‘David Wain’ getaggte Beiträge

Ich bin über Nathan Rabins Website auf diesen Film gestoßen, sonst hätte ich ihn mir wahrscheinlich niemals angesehen – auch wenn die Anwesenheit von Amy Poehler und solcher begnadeter Komiker wie Bill Hader sowie die Namen von David Wain und Michael Showalter (WET HOT AMERICAN SUMMER) auf einen Blick hätten klar machen sollen, dass es sich hier eben nicht um die typische, austauschbare RomCom handelt, die das Poster suggeriert. Der Film lässt sich, wie Rabin richtig schreibt, tatsächlich als Parodie auf ebensolche RomComs und ihr heteronormatives Weltbild sowie als späten Nachfahren der Ein-Gag-pro-Minute-Filmen sehen, mit denen das Zucker-Abrahams-Zucker-Team einst berühmt wurde. Wie bei diesen sitzt hier nicht jede Pointe, aber man muss die Chuzpe, mit der auch noch der blödeste Witz eiskalt durchgezogen wird, einfach liebenswert finden. Zumal THEY CAME TOGETHER nebenbei auch noch etwas gelingt, was viele der neumodischeren Parodien, die sich in einem langweiligen und unkreativen Nachmachen und Durch-den-Kakao-Ziehen begnügen, eben nicht hinbekommen: nämlich in der Form der Parodie zu jener Form der Wahrheit zu gelangen, an denen die „echten“ Vorbilder leider abprallen.

THEY CAME TOGETHER legt seinen Metacharakter schon zu Beginn bloß, wenn er seine beiden Titelhelden gleich mehrfach sagen lässt, dass ihre Geschichte „wie aus einem Film“ ist: Joel (Paul Rudd) und Molly (Amy Poehler) sitzen mit dem befreundeten Ehepaar Kyle (Bill Hader) und Karen (Ellie Kemper) in einem Restaurant und erzählen, wie sie einst zusammenkamen: Er, aufstrebender Mitarbeiter eines bösen Süßigkeiten-Konzerns, wird von seiner heißen Freundin Tiffany (Cobie Smulders) mit dem intriganten Job-Konkurrenten betrogen, sie ist Single und glückliche Inhaberin eines kleinen, niedlichen Candyshops, der leider keinerlei Gewinne abwirft, weil sie in ihrem Enthusiasmus alles verschenkt. Natürlich will sein Konzern ihren kleinen Laden plattmachen, natürlich wollen ihre gemeinsamen Freunde sie bei einer Party verkuppeln, natürlich hassen sie sich zunächst – und natürlich kommen sie dann doch zusammen. Es folgen die genreüblichen Krisen und Versöhnungen und dann das große Happy End mit Hochzeit. Aber ist es wirklich ein Happy End?

Die Strategie, haarsträubend albernen Klamauk mit Metahumor und Gross-out-Witzen zu verbinden, zeigt sich schon im Titel, der nicht nur doppel-, sondern dreifachbödig ist: THEY CAME TOGETHER bedeutet nämlich nicht nur, dass die beiden Protagonisten „zusammenkommen“ und dann sogar „zusammen kommen“, er bezieht sich auch auf die Äußerung ihrer gemeinsamen Freunde, als die die beiden unabhängig voneinander eingeladenen und zu verkuppelnden Bekannten tatsächlich gemeinsam auf der Party auftauchen – „they came together!“ eben, eine eher unspektakuläre „Auflösung“. Wain, Showalter und ihr gesamter Cast haben große Freude daran, die dämlichsten Inszenierungs- und Dramaturgieklischees der RomCom bloß- und damit auf den Kopf zu stellen und ihre gnadenlose Spießigkeit zu entlarven. Es gibt die immer hilfsbereite Freundin, die Aussprache der beiden Brüder, nach der beide sich besser verstehen und eine nicht enden wollende Lawine ergriffener „Thanks“ über ihr Gegenüber losschicken, die Kumpels auf dem urbanen Basketballcourt, die zwar keinen einzigen Korb treffen, aber dafür abwechselnd kluge Ratschläge erteilen, die dämlichen Bekenntnisse noch nicht bereit zu sein, die wilden Sexattacken, bei denen die gesamte Wohnungseinrichtung zerlegt wird, die geile Freundin, mit der man den wildesten Atomsex hat und die Schwiegereltern in spe mit der seltsamen Marotte: Hier sind es White Supremacists, die sich beim Abendessen im freundlichsten Plauderton über die „Mongrelisation“ der amerikanischen Gesellschaft ereifern.

Das humoristische Spektrum reicht dabei von Fäkalhumor, wie dem Gag um Joels Chef, der sich bei einer Halloween-Party ins Kostüm scheißt und dann alle Vorwürfe trotz klarster Beweislage brüsk von sich weist, Sight Gags, wie dem Kellner, der laut Joel „einen Stock im Arsch hat“ und mit eben diesem dann ständig das Geschirr von den Tischen räumt, wenn er sich umdreht, aber auch bizarre Ausflüge nach Absurdistan, wie in der an den berühmten Rechen-Witz aus THE SIMPSONS erinnernden Szene, in der Joel nach der Trennung von seiner Freundin in eine Bar kommt und mit dem Wirt in einen Konversationsloop gerät, in dem wieder und wieder dieselben beiden Sätze gesprochen werden. In einer anderen Szene hat Joel eine Aussprache mit seiner geliebten Oma, mit der es dann fast zum Sex kommt – die Reaktionen von Hader und Kemper, die sich das ja alles anhören müssen, sind mit Gold nicht aufzuwiegen. Wie erwähnt, zündet längst nicht jede Pointe, mancher Versuch ist arg bemüht, anderes schlicht zu albern oder auch vorhersehbar, aber es gereicht THEY CAME TOGETHER nicht zum Nachteil: Auch dank der gut aufgelegten Darsteller fängt der Esprit viele missglückte Versuche auf, macht diese kleinen Fehltritte sogar sympathisch. Sie konnten halt einfach nicht anders, als diesen auf der Straße liegenden Witz auch noch mitzunehmen. Es ist vor allem diese Unbekümmertheit, die an die Zeiten von ZAZ oder an die hierzulande erfolgreichen SUPERNASEN-Filme erinnert und von der sich heutige Komödien gern eine Scheibe abschneiden dürften.

 

Im Camp Firewood bricht der letzte Tag an, bevor alle – die Kinder wie die Betreuer – wieder bis zum nächsten Sommer in den Alltag zurückkehren. Wer es bis jetzt noch nicht geschafft hat, sich einen neuen Freund oder eine neue Freundin zu angeln oder wenigstens reuelosen Sex zu haben, für den wird es höchste Zeit …

WET HOT AMERICAN SUMMER habe ich vor zehn Jahren mal ohne größere Erwartungen für einen Bierabend in einer Videothek ausgeliehen – und war begeistert. Außer Janeane Garofalo (und vielleicht noch David Hyde Pierce) kannte ich damals keinen der Beteiligten, sodass mich der Film komplett unvorbereitet erwischen konnte. Das erste Wiedersehen seit damals war eine kaum weniger große Überraschung, weil sich der Film heute als eine Art Bewerbungsschreiben heute mehr oder weniger berühmter Comedy-Größen darstellt. David Wain drehte vor ein paar Jahren den unterschätzten ROLE MODELS, Bradley Cooper und Paul Rudd sind in Hollywood mittlerweile erste Wahl, wenn es darum geht, männliche Herzensbrecher zu besetzen, Amy Poehler hat den Sprung von der SNL-Bühne ins Filmgeschäft ebenso geschafft wie Molly Shannon, Elizabeth Banks kann sich über mangelnde Engagements ebenfalls nicht beklagen und Christopher Melonis Gesicht kennt jeder, der sich abends schonmal gelangweilt durchs Fernsehprogramm gezappt hat.

WET HOT AMERICAN SUMMER ist eine Parodie auf das in den Achtzigerjahren so beliebte Teeniefilm-Subgenre des Summercamp-Films, zieht sein Programm aber weitestgehend straight durch, anstatt in die dekonstruktivistischen Gefilde der Zucker/Abrahams/Zucker-Filme vorzudringen. Der Gag besteht in erster Linie darin, dass alle als Betreuer besetzten Darstellers viel zu alt für ihre Rollen sind, doch was sich auf dem Papier wie eine kaum tragfähige Idee liest, entpuppt sich als komödiantisches Gold. Janeane Garofalo spielt ihre Campdirektorin Beth als sozial unbeholfenen Sonderling, Paul Rudd ist der attraktive Rebell Andy, der völlig unfähig ist, sich Regeln zu unterwerfen und jedes Commitment als unerträglichen Eingriff in seine Freiheit empfindet, Bradley Cooper gibt den schwulen Ben, der zusammen mit der überehrgeizigen Susie (Amy Poehler) für die Talentshow am letzten Abend zuständig ist, Molly Shannon soll als Gail die Bastelgruppe leiten, rutscht aber vor Schmerz über ihre kaputte Ehe von einem Nervenzusammenbruch in den nächsten, Christopher Meloni spielt den Koch Gene, der einen Schaden aus dem Vietnamkrieg mitgebracht hat, und David Hyde Pierce einen Astrophysiker, der sein Häuschen auf dem Campgrundstück hat, sich in Beth verliebt und am Schluss schließlich den Tag rettet, als er mit einer Gruppe von Nerds den Einschlag eines Teils einer Raumstation vorhersieht und großen Schaden verhindert. Aus dieser Personenkonstellation holt Wain das Optimum raus und wo das nicht reicht, das besorgen die absurden Einfälle den Rest.

Da steigern sich die Betreuer beim Trip in die nächste Stadt von der Zigarette bis zum Schuss in einem ranzigen Hotelzimmer, wird eine hochdramatische Verfolgungsjagd zwischen einem Motorrad und einem Fußgänger (!) kurz vor der Entscheidung von einem auf der Straße liegenden Heuballen unterbrochen, überzeugt eine Konservendose den Koch Gene zu seinen  Perversionen zu stehen, die der dann prompt in einer pathetischen und frenetisch bejubelten Rede vor vollbesetztem Speisesaal gesteht, überwindet der liebenswerte Versager Coop (Michael Showalter) seinen Liebeskummer in einer obligatorischen Montage-Trainingssequenz, die sowohl FLASHDANCE als auch ROCKY III persifliert, und begeistert der Obernerd Steve (Kevin Sussman) das Auditorium bei der großen Talentshow damit, dass er durch Gedankenkraft einen Wirbelsturm entfacht.

Ich kann mir schon vorstellen, dass WET HOT AMERICAN SUMMER mit seinem merkwürdigen Humor nicht jedermanns Geschmack ist; ich finde ihn große Klasse.

role models (david wain, usa 2008)

Veröffentlicht: Dezember 15, 2009 in Film
Schlagwörter:,

Danny (Paul Rudd) und sein bester Freund Wheeler (Seann William Scott) arbeiten als Vertreter für einen Energy-Drink namens „Minotaur“: Täglich fahren sie mit einem aufgemotzten Truck von Schule zu Schule und predigen den Schülern dort sowohl die Vorzüge ihres Getränks als auch die Gefahren des Drogenkonsums. Solche Bigotterie und Nutzlosigkeit fordert ihren Tribut: Als der freudlose Danny seine Lebensgefährtin Beth (Elizabeth Banks) verprellt und zu allem Überfluss den Minotaur-Truck zerstört, werden er und Wheeler zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit verdonnert. Von der Organisation „Sturdy Wings“ bekommen beide jeweils ein „Problemkind“ zugeteilt, um das sie sich fortan kümmern müssen. Danny bekommt es mit dem schüchternen Augie (Christopher Mintz-Plasse) zu tun, der sich mit Live-Rollenspielen von der Trostlosigkeit seines Lebens ablenkt, und Wheeler muss sich mit dem wenig zimperlichen Ronnie (Bobb’e J. Thompson) herumplagen. Doch die zu Beginn als lästig empfundene Aufgabe löst in beiden Männern bald einen Sinneswandel aus …

Dass Kinder Erwachsene zu besseren Menschen machen können, weil sie selbst die besseren Erwachsenen sind, ist ein uraltes Klischee und als solches unverwüstliche Grundlage für einige der unerträglicheren Ausgeburten des Komödiengenres. Kinder sind niedlich, sprechen die Wahrheit, sind unschuldig und haben ein reines Herz blablabla, man kennt das ja. Doch im schlimmsten Fall muss man die Filme, die solcher Weltanschauung anhängen, wenn schon nicht des Kinderhasses, so doch zumindest der Kinderdiskriminierung bezichtigen, weil sie die „kleinen Erwachsenen“ eben nicht als eigenständige Menschen begreifen, sondern bloß in ihrem Nutzen für die Erwachsenenwelt definieren. Genau diesen Fehler macht ROLE MODELS nicht: Er konstruiert keine makellosen Wunderkinder, sondern Charaktere, die genauso ein Recht auf Marotten haben wie ihre ausgewachsenen Artgenossen. Die Probleme erwachsen in ROLE MODELS dann auch nicht aus diesen Marotten, sondern genau daraus, dass Kinder nicht einfach „für sich“ sein dürfen, sondern immer von einem erwachsenen Elternpaar beobachtet und nach dessen Vorstellungen bewertet werden: Der kluge Augie flüchtet sich vor der Lieblosigkeit in seinem Zuhause in eine Fantasiewelt und wird von seinen Eltern dafür zusätzlich verachtet und offen verspottet. ROLE MODELS begeht einen zweiten großen Fehler nicht, der sich geradezu aufdrängt: Er singt nicht das (oft) heuchlerische Hohelied von der Unangepasstheit, die über den Durchschnitt triumphiert (ein Lied das – analog zum oben skizzierten Hollywood-Kinderbild – ja gar nicht der Nächstenliebe entspingt, sondern zuerst dem voyeuristischen Zuschauerbedürfnis nach „Freaks“, über die man sich gut amüsieren kann, solange man sie nicht selbst wirklich ertragen muss), sondern handelt letztlich von den Schwierigkeiten, die es uns bereitet, den für uns richtigen, gangbaren Weg zwischen den Extremen Selbstverwirklichung und Anpassung zu finden. Kurzum: ROLE MODELS handelt von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, doch mehr als an den seinen kindlichen Protagonisten exemplifiziert er dies an zwei Erwachsenen, die ihren Kinderschuhen noch nicht entwachsen sind.

ROLE MODELS trifft stets den richtigen Ton zwischen Apatow’schem Krawall- und Fäkalhumor (für den hier vor allem Seann William Scott steht) und leichtem Drama sehr überzeugend und sympathisch: Die Chemie zwischen den vier ungleichen Hauptdarstellern stimmt, die Nebendarsteller wissen ihre Gelegenheiten, zu brillieren, ebenfalls zu nutzen (hier seien stellvertretend die großartige Jane Lynch, der verlässliche Ken Jeong und Joe Lo Truglio genannt), die Gags sitzen und der ganze Film ist von einer aufrichtigen Sympathie für alle seine Figuren gekennzeichnet: Nie begnügt er sich nicht mit bequemen Plattitüden, die sich schon beim Wort „Live-Rollenspiel“ aufzufächern drohen. Und da ROLE MODELS dann auch noch eine der schönsten KISS-Huldigungen der Filmgeschichte beinhaltet, gibt’s von meine Seite aus nichts als Lob. Mir hat er sogar noch besser gefallen als der allseits gelobte THE HANGOVER.