Mit ‘Debbie Harry’ getaggte Beiträge

VIDEODROME zwingt den Betrachter fast dazu, ihn zu decodieren – zumindest legt er ihm diese Rezeptionshaltung sehr nahe. Nicht nur, um intradiegetische Realität von den Halluzination unterscheiden zu können, denen der Protagonist, TV-Senderchef Max Renn (James Woods) im Laufe des Films immer häufiger erliegt, sondern auch, um zu verstehen, was Regisseur Cronenberg eigentlich sagen möchte. VIDEODROME ist weniger ein handlungs- denn ein ideengetriebener Film, dessen Plot umso rätselhafter wird, je weiter er voranschreitet. Es geht um Snuff, Porno und Gewalt im Fernsehen, um das neue Medium Video, darum, wie der Mensch nach dem Verbotenen strebt und sich mit dem Fernsehen neue Möglichkeiten bieten, ihn dieses Bedürfnis zu erfüllen, um den Raum, den das TV-Gerät im Leben einnimmt und dabei Veränderungen bewirkt: psychisch, aber auch physisch. Es liegt nahe, Cronenbergs Film mit dem Begriff der „Medienkritik“ zu Leibe zu rücken: Die Welt, die er zeichnet, ist keine schöne und die Bilder, die sich Renn auf der Jagd nach dem neuesten Kick zu Gemüte führt, verursachen erhebliche Schäden. Viele Texte, die man zu VIDEODROME findet, handeln von Cronenbergs angeblicher Kritik an kommerziellem Fernsehen und Videos: davon wie der Kanadier Gewalt und Pornografie verurteilt, wie er eine Welt antizipiert, in der wir alle TV-Junkies sind, abhängig vom nächsten Fix, der natürlich stärker sein muss als der vorangegangene. Aber ich glaube, dass man dem Film damit nicht gerecht wird. Erstens weil Cronenberg sich selbst mit Horrorfilmen einen Namen machte und eher nicht dem Kreis medienverurteilender Moralapostel angehört, zweitens, weil die Welt, die er zeichnet, viel zu komplex ist für einfache Gut-Böse-Schemata. Und medial aufbereitete Gewalt und Pornografie natürlich viel zu interessant, um sie rundheraus zu verdammen. Was auch VIDEODROME belegt.

Max Renn betreibt also den kleinen privaten Fernsehsender Civic-TV. Um mit den Großen konkurrieren zu können, muss er seinen Zuschauern für kleines Geld etwas bieten, was der Wettbewerb nicht im Angebot hat: Sex und Gewalt sind die Marktlücke, in die er vorstößt, je abseitiger und perverser, umso besser. Sein Techniker Harlan (Peter Dvorsky) macht nichts anderes, als Fernsehsignale aus aller Welt aufzufangen und die nächste große Sensation für Renn zu suchen. Er findet sie in einem Programm namens „Videodrome“: billig produzierte, aber immens reale und verstörende Folter- und Mordszenarios ohne jede Handlung. Renn ist fasziniert und will mehr über das Programm und seine Macher erfahren. Bei seinen Nachforschungen kommt er einer Verschwörung auf die Schliche: Mit dem Programm wird ein Signal versendet, das Gehirntumore und Halluzinationen verursacht. Oder bildet Renn sich das alles nur ein?

Der Schluss, VIDEODROME wende sich gegen mediale Moral- und Sittlichkeitsverstöße liegt zunächst einmal nahe: Max Renn ist ein kapitalistischer Zyniker, der jedem, der seine Werte hinterfragt, antwortet, er reagiere ja nur auf ein bestehendes Bedürfnis. Womit er allerdings Recht hat: Der Mensch, nicht nur in VIDEODROME, ist ein triebgesteuertes Wesen. Die Manipulatoren, denen Renn auf die Schliche zu kommen meint, sind gesichtslose Konzerne, die diese Nachfrage nutzen, um ihre Saat zu streuen. Sex und Gewalt sind das Vehikel für sie und die Menschen werden geradezu abhängig nach dem Stoff, der ihnen dargeboten wird. Die Welt von VIDEODROME wäre wahrscheinlich besser, wenn es das Programm, um das es geht, nicht gäbe. Auf der anderen Seite sind weder die gezeigte Gewalt noch der gezeigte Sex schädlich. Es ist das hinter ihnen versteckte Signal, das körperliche und psychische Reaktionen hervorruft, und für das sie lediglich als attraktives Vehikel dienen. Klar ist aber auch: Die Macht von Fernsehbildern ist groß und es gilt, einen reflektierten Umgang mit ihnen zu erlernen.

VIDEODROME ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit vergleichsweise geringen Mitteln große Wirkung erzielt und was ihn so faszinierend macht ist neben seinem Thema das einzigartige World Building. Dafür braucht Cronenberg keine detaillierten Greenscreen-Backgrounds, keine aufwändigen Sets. Vielmehr spielt VIDEODROME überwiegend in kleinen Innenräumen, die auf eine eher unauffällige, aber sehr effektive Art und Weise designt sind. Renns Appartment etwa ist unaufgeräumt und dunkel, statt Fenstern dienen Glasbausteine neben der Eingangstür als Lichtquelle. Hier lebt ein Nachtmensch, ein Junkie, jemand, der es gewohnt ist, vor dem Fernseher einzuschlafen, der 99 Prozent seines Lebens ausmacht. Das sieht man an dem kurzen Blick auf seine wie ein lästiges Provisorium gestaltete Küche. Wenn sich der Film dann doch einmal nach draußen bewegt, zeigt sich eine Welt, die durch die audiovisuelle Revolution in eine Art Dickens’sche Vormoderne zurückgeworfen wurde: TV-Junkies mit eingefallenen Gesichtern und groben Mänteln stürmen in die kargen Räume der „Cathode Ray Mission“, einer Art Obdachlosenheim, in der es statt Eintopf Fernsehen für die Hungrigen gibt. Skandalöse Fernsehshows werden von dekadenten Geschäftsleuten gedealt wie Opium aus Fernost. Dass VIDEODROME in den kanadischen Metropolen Toronto und Montreal statt in New York oder Los Angeles gedreht wurde, trägt ebenfalls zum Gesamteindruck bei: Cronenbergs erstes echtes Masterpiece ist immer gerade so weit off, dass man die Desorientierung nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen kann bzw. dass man gar nicht wirklich merkt, desorientiert zu sein. Aber es ist diese sensible Störung, die das wesentlichste Element des Films ist, indem es dem Regisseur gelingt, den Zustand Renns auf de Zuschauer zu übertragen. Man fragt sich mehrfach, ob man jetzt etwas verpasst habe (etwa weil man kurz eingeschlafen sei), fühlt sich durch die Bilder des Films unangenehm bedrängt, auf eine rätselhafte Art und Weise stimuliert. Zu Cronenbergs hier zum ersten Mal explizierter Philosophie des „Neuen Fleischs“ passt es auch, dass VIDEODROME gleichermaßen Kopffilm wie extrem körperlich ist. Die Szenen um die eingebildete Vagina-artige Öffnung in Renns Bauch lassen sich durchaus als pornografisch beschreiben. Oft möchte man wegschauen, hat das Gefühl, die Bilder kommen einem zu nah, aber wie unter Hypnose schaut man dann doch hin.

Ich denke, dass es das ist, worum es Cronenberg ging: darum, die Kraft des Mediums zu bebildern, das Welten vor einem erschafft und über diesen Prozess Gefühle und körperliche Zustände hervorruft, die echt sind. Ob diese Kraft gut oder böse ist, hängt davon ab, was man mit ihr macht. Allerdings lassen sich diese beiden Seiten auch nicht immer klar voneinander trennen. So bin immer ich auch noch nicht ganz dahinter gekommen, ob VIDEODROME mich nun intelligenter gemacht oder einfach nur extrem verstört hat. Was ich weiß ist, dass seine Kraft unerschöpflich ist. Mit jeder Sichtung trifft er mich wieder bis ins Mark und aktiviert etwas in mir, das ich nicht beschreiben kann. Ist das das Neue Fleisch?

 

Ein wiederkehrendes Thema meiner Texte in diesem Blog ist das unabsichtliche Einschlafen während meiner Filmsichtungen. Das passiert in den letzten Jahren immer häufiger, wobei ich differenzieren muss zwischen Filmen, die ich gern sehen würde, aber bei denen mich die Müdigkeit übermannt, und solchen, die ich mehr oder weniger in dem Wissen einwerfe, dass ich sie eh nicht durchhalten werde und zum Einschlafen einlege. ROADIE, der schon seit Jahren ungesehen bei mir im Schrank rumsteht, gehört eher zur letzteren Kategorie und hält wahrscheinlich den Rekord für die meisten schlafbedingten Abbrüche und Neuanfänge. Ich habe nicht mitgezählt, aber ich versuche seit einem guten Monat, diesen Film zu schauen, wieder und wieder. Ich habe den Film bestimmt fünfmal an ein und derselben Stelle wieder aufgenommen, weil ich bereits zehn Minuten später bereits eingepennt war. Zum Zeitpunkt, zu dem diese ersten Zeilen geschrieben wurden, hatte ich es immerhin bis ungefähr zur Mitte und zum Auftritt von Debbie Harry geschafft. Erstaunlich daran ist, dass mir das den Film nicht komplett verleidet hat. Heute morgen habe ich das Langzeitprojekt dann endlich erfolgreich beenden können.

Ich bin nicht gerade ein intimer Kenner von Rudolphs Werk, habe vor bestimmt 20 Jahren mal seinen Aliens-infizieren-Kühe-Wissenschaftsschocker ENDANGERED SPECIES gesehen und kann sonst nicht viel zu ihm sagen, aber beim Blick auf seine Filmografie scheint ROADIE schon ein Außenseiter zu sein: Es handelt sich um eine schrille, überdrehte, comicartige, bisweilen satirische im Musikbusiness angesiedelte Komödie mit vielen Gastauftritten, die man zur leichteren Orientierung durchaus mit John Landis‘ BLUES BROTHERS bezeichnen könnte (die Blues Brothers haben auch einen kleinen Cameo-Auftritt, der aber nicht von John Belushi und Dan Aykroyd, sondern von zwei Lookalikes absolviert wird). Der Titelcharakter ist Meat Loafs liebenswert-einfacher Redneck und Lkw-Fahrer Travis Redfish, der durch Zufall zum Roadie wird und sich in das minderjährige Groupie Lola Bouillabaisse (Kaki PORKY’S Hunter) verliebt, die es sich wiederum in den Kopf gesetzt hat, von Alice Cooper entjungfert zu werden und den dicken Träumer damit fürchterlich verprellt. Am Ende kriegen sich die beiden dann aber doch, denn wie Cheap Trick im Quasi-Titelsong singen „Everything will work out if you let it“, aber dann kommt ihnen ein UFO in die Quere, das die Hilfe des Roadies braucht, um weiterfliege zu können.

ROADIE springt von der einfach strukturierten, aber ziemlich seltsamen Hillbilly-Welt Travis‘ geradewegs in den Wirbel des L.A.-Showbiz mit seinen Cokeheads, größenwahnsinnigen Promotern, verpeilten Hängern, sensiblen Stars und coolen Profis und macht seinen unwahrscheinlichen Protagonisten, ein Kleinkind im Körper eines Bären, zu einer Art unterbelichtetem, aber überirdisch begabtem Messias der Bühnentechnik. Der Film beginnt im texanischen Hinterland, wo Travis mit seinem Schrotthändler-Papa Corpus Redfish (Art Carney) und seiner an Popeyes Olive Oil erinnernden Schwester Alice Poo (Rhonda Bates) das mit unzähligen Röhrenfernsehern und anderem Elektroschrott vollgestellte Haus der Familie Sawyer aus Tobe Hopes THE TEXAS CHAINSAW MASSCARE bewohnt (noch eine Parallele zum Klassiker: Gürteltiere). Travis ist ein gutmütiger Simpleton, der einen Cowboyhut trägt, zu Countrymusic das Bein schwingt, mit Kumpel B. B. Muldoon (Gailard Sartain) im Biertruck herumfährt und von der Welt da draußen noch nicht viel mitbekommen hat. Das ändert sich, als er Lola und sie ihn wie ein Blitzschlag trifft. Sein technisches Genie kommt dem Konzertpromoter Mohammed Johnson (Don Cornelius) gerade recht und so rettet Travis zum Beispiel mit Kuhdung den Tag, als Konservative einem Festival den Strom abdrehen. ROADIE strickt an dem beliebten Mythos, dass es die Leute im Hintergrund sind, die den Rockzirkus eigentlich am Laufen halten, Groupies wie Lola, die sich als „spark plug“ bezeichnet, die mit dem Rock’n’Roll die „greatest energy in the world“ entfesseln, oder eben Roadies wie Travis, die die technischen Mittel bereitstellen und letzten Endes die Grundlage für die Rock-Poeten schaffen, denen die Herzen so oder so zufliegen.

ROADIE ist all over the place, aber er wird eben auch von dieser Energie, die er besingt, zusammengehalten. Auf dem Soundtrack geht alles drunter und drüber, stehen New-Wave-Acts wie Blondie (die dann aber „RIng of Fire“ intoniert) oder Pat Benatar neben mal mehr, mal weniger schnarchigen Country-Acts wie Hank Williams jr., Asleep at the Wheel oder Eddie Rabbit, dem Quasi-Punk Alice Cooper – der den Karriereknick schon hinter sich hatte, aber noch kurz vor dem Totalabsturz stand -, den Classic-Rockern von Cheap Trick und einer Legende wie Roy Orbison, der auch einen kleinen Gastauftritt absolviert. Zu dem Tohuwabohu aus Verfolgungsjagden, Musiknummern, hirnrissigen Dialogen, einer Szene, in der Waschmittel mit Kokain mit den erwartbaren Folgen verwechselt wird, und anderem Quatsch passt auch das Finale mit dem UFO, das man nicht zu Gesicht bekommt, weil es zuvor bei einer Panne zerstört wurde. Die größte Entdeckung ist die Soul Train-Ikone Don Cornelius, die großes Vergnügen mit seinem an Don King angelehnten Zampano hat: „I’m gonna rape you career!“ Auch Alice Cooper, der so gar nicht dem Bild des unchristlichen, unmoralischen Punks entspricht, das Lola sich von ihm gemacht hat, nutzt seine paar Minuten Screentime für eine Darbietung, die deshalb denkwürdig ist, weil sie kaum richtig auffällt. Das passt: ROADIE nicht wirklich gut, aber er ist auf durchaus interessante und nicht unsympathische Art und Weise anders. Er lebt in seiner eigenen Welt, wie Lola und Travis.