Mit ‘Deborah Kara Unger’ getaggte Beiträge

VENGEANCE: A LOVE STORY ist kein guter Film. Er feierte seine Premiere in den meisten Ländern auf Streamingportalen oder auf Heimkinomedien, wo er, man muss dass deutlich sagen, auch hingehört. Der nominelle Hauptdarsteller Nicolas Cage ist eigentlich eine Nebenfigur und gibt eine seiner zurückhaltenden, wenn nicht gar müden Darbietungen. Deborah Kara Unger macht auch ein bisschen mit und sorgt mit ihrem Botox-Gesicht für mehr Schmerzen beim Zuschauer als alle Gewaltakte, die die Geschichte anhäuft. Don Johnson spielt einen schmierigen Anwalt, dem man mit wachsender Begeisterung die Fresse polieren möchte. Es geht um eine Justiz, die Straftäter freilässt, um Männerbünde, gedemütigte Frauen und um Rache, die aber spannungsarm, unaufgeregt und ohne große Actioneinlagen abgewickelt wird. Ja, irgendwo ist der Film auch, wie der Untertitel verspricht, eine Liebesgeschichte, aber auch die bleibt in ihrem Frühstadium stecken. Außerdem ist das alles erwartungsgemäß erzreaktionär und jede Figur so konstruiert, dass es dem Drehbuch für seine fragwürdige Message in die Karten spielt. Wie gesagt, VENGEANCE: A LOVE STORY ist kein guter Film. Aber es macht Spaß, über ihn nachzudenken. Irgendwie mochte ich ihn.

Der Film beginnt mit einer seiner spektakulärsten Szenen: Der Cop John Dromoor (Nicolas Cage) und sein Partner stellen einen Serienmörder. John kann ihn niederstrecken, nachdem sein Partner erschossen und er selbst verwundet wird (der Partner hatte zuvor den Fehler gemacht, von seinem bevorstehenden Heiratsantrag zu erzählen und John den Ring zu zeigen – ein sicheres Todesurteil). Wenig später lernt er in einer Bar die scharfe, allein erziehende Mutter Teena (Anna Hutchison) kennen, die ihn als „Helden“ aus der Zeitung erkennt und ihm deutliche Avancen macht. Bevor sie sich jedoch wiedertreffen, wird sie im Anschluss an eine Independence-Day-Feier von vier Rednecks vergewaltigt. Gemeinsam mit ihrer zwölfjährigen Tochter Bethie (Talitha Eliana Bateman) hatte sie eine Abkürzung durch ein dunkles Waldstück genommen. Bethie gelingt die Flucht, sie begegnet John, doch als der am Tatort ankommt, sind die Täter bereits verschwunden. Immerhin kann er Teena retten und sie in ein Krankenhaus bringen. Mithilfe von Bethie gelingt es ihm, die Vergewaltiger wenig später zu fassen, darunter auch zwei Brüder, deren Eltern den Anwalt Jay Kirkpatrick (Don Johnson) einschalten, um ihre Söhne rauszuhauen. Mit seinem schmierigen Charme zieht Kirkpatrick den Richter auf seine Seite, lässt die Anklägerin wie eine Anfängerin aussehen und stellt Teena als verantwortungslose Schlampe dar, die es eigentlich wollte. John wohnt dem Spektakel ungläubig bei und nimmt das Gesetz schließlich in die eigenen Hände.

Gute Selbstjustiz- und Rachefilme erkennt man meistens daran, dass es ihnen gelingt, einen auf ihre Seite zu ziehen, nur um einem dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Wenn es in VENGEANCE: A LOVE STORY zur Gerichtsverhandlung kommt, die Redneck-Familie die gedemütigte, schwer verletzte und vergewaltigte Teena als „Hure“ beschimpft und siegesgewiss grinst, Don Johnson als Kirkpatrick mit seinem Eine-Million-Dollar-Lächeln und Schmelz in der Stimme seine Lügengeschichte auftischt, die dieses Arschloch von Richter sofort frisst, klappt einem das Messer in der Tasche auf. Die Exekution des ersten Täters, dem John auf dem Parkplatz vor einer Kneipe furztrocken und ohne mit der Wimper zu zucken in den Kopf schießt, ist ungemein befriedigend. Und so geht das bei den folgenden drei Rachemorden weiter, die Regisseur Martin ohne jede Aufregung in Szene setzt. Es gibt keine lange Vorbereitung, keinen Konflikt, keine Gefahr, entdeckt zu werden. John konfrontiert die Täter, nietet sie um, steigt in sein Auto und fährt davon. Es fühlt sich gut an. Aber der Moment, in dem einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, bleibt aus: Am nächsten kommt ihm die finale Begegnung Johns mit Kirkpatrick, der sagt, dass die Verfassung jedem noch so miesen Verbrecher das Recht auf Strafverteidigung zubilligt, aber nirgends die Selbstjustiz legitimiere. Er hat natürlich Recht, aber er sagt das nicht aus echter Überzeugung, sondern weil er gern gewinnt. Auch er weiß, dass die Welt ohne diese vier Arschgeigen ein besserer Ort ist. Im absurdesten Moment des Films steigt der fein betuchte Anwalt danach auf seine fette Harley und braust davon. Teena und Bethie fangen in Kalifornien ein neues Leben an, John bleibt allein zurück. Er muss keine Sanktionen befürchten.

Ich habe in den vergangenen Einträgen oft über diese kleinen Exploiter geschrieben, die mit markigem Titel und Coverartwork sowie einem etwas verblassten Star um die Aufmerksamkeit von Streamingkunden oder DVD-Käufern werben. Sie sind mehr oder weniger nach Schema F gestrickt, aber die Einschnitte bei Budget, Zeit und involviertem Talent sorgen oft für seltsame Idiosynkrasien, die ein reibungsloses „Funktionieren“ oft verhindern, aber diese Filme auch auf ihre eigene Art und Weise interessant machen. Auch VENGEANCE: A LOVE STORY hat einige dieser Holprigkeiten: Die Eröffnungsszene um die Erschießung von Johns Partner hat eigentlich keinen anderen Zweck, als ihn danach in einer Kneipe zu zeigen. Die Protagonistin Teena scheint zwischen der ersten und zweiten Szene ein komplett anderer Mensch geworden zu sein. In Dialogen wird auf ihre privaten Probleme eingegangen, die letztlich aber keine weitere Rolle spielen. Bethie weint einmal darüber, dass sie sich nicht mehr an das Gesicht ihres verstorbenen Vaters erinnern können: Auch das bleibt ein einsam im Raum stehendes Fragment. John selbst taucht immer wieder für länger Strecken des Films ab, bevor er dann in dramatisch-sinnlosen Szenen an den Niagarafälle gezeigt wird, die vor allem dazu da sind, den Zuschauer daran zu erinnern, dass er auch noch da ist. Cage wirkt müde, gelangweilt, deutlich älter als im später entstandenen MANDY, und stand wahrscheinlich nur für ein paar Tage zur Verfügung, die man dann unter anderem damit vergeudete, ihn an der Klippe der Niagarafälle mit im Wind wehender Lederjacke zu zeigen. Fraglich ist auch, auf wen sich der Untertitel eigentlich bezieht, denn eine deutlich engere Bindung als zu Teena nimmt er zu Bethie auf. Und dann sind da eben diese völlig einseitigen Charakterisierungen der „Bösen“, die so krass überzeichnet werden, dass jeder Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Johns Racheakt von vornherein aus dem Weg geräumt wird.

Nicht nur sind die vier Täter frei von jedem positiven Charakterzug, vielmehr großmäulige, abstoßende, gemeine, obszöne und sadistische Arschlöcher, die die sich bietende „Chance“, ohne jedes Zögern nutzen, auch alle um sie herum sind Dreckschweine. Da sind die Eltern sowie die jüngere Schwester der beiden Vergewaltiger, die fest davon überzeugt sind, dass ihre Jungs nichts getan haben, wüst über das Opfer herziehen, sogar dessen Tochter in der Öffentlichkeit bedrohen. Ihr Anwalt entspricht dem Typus des schleimigen Opportunisten, der für Geld alles tut und insgeheim Spaß daran hat, der Ungerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Der Richter, ein alter Sack, dessen Voreingenommenheit einfach so als Tatsache hingestellt wird, verbündet sich sofort mit ihm, während Teenas Anwältin reichlich naiv darauf vertraut, dass die Gerechtigkeit siegen wird, ohne wirklich etwas dafür zu tun. Kirkpatricks bizarres Plädoyer bei der Anhörung wird vom anwesenden Publikum frenetisch bejubelt, die geschundene Frau hingegen geradezu verhöhnt: Als sie in den Zeugenstand gerufen wird, zwingt der Richter sie dazu, ihre Sonnenbrille abzunehmen, die sie wegen der erlittenen Verletzungen trägt, und Regisseur Martin kostet den Moment weidlich aus, filmt voll ins gleißende Gegenlicht, um die Blendung, die Teena erfährt, auch dem Betrachter zu verpassen. Anstatt die Füße stillzuhalten, alles dafür zu tun, um bis zur Verhandlung bloß nicht negativ aufzufallen und ihre Chance auf einen Freispruch zu wahren, bringen die Rednecks als erstes die Katze von Teena und Bethie um und belauern sie aus dem Auto heraus. Das alles ist so dermaßen übertrieben und unglaubwürdig, dass der Film sich fast selbst ein Bein stellt: Um etwa zu zeigen, dass das Gesetz von Männern gemacht wird, die sich im Hinterzimmer Herrenwitze erzählen und abklatschen, werden die Frauen als extrawehrlos und naiv gezeichnet. Würde eine Mutter, die ihrer zwölfjährigen Tochter eben noch verboten hat, auf einem Vordach zu sitzen, mit ihr wirklich im bauchfreien Shirt und mit Hotpants durch den dunklen Wald latschen, bloß um ein paar Meter abzukürzen? Würde eine Anwältin wirklich so krass unvorbereitet in eine Verhandlung gehen? Wohl eher nicht. Was ich auch faszinierend fand, ist die Orientierungslosigkeit der ganzen Unternehmung: VENGEANCE: A LOVE STORY hält sich wahrscheinlich für liberal und aufgeklärt, wendet sich sehr deutlich gegen die ekligen Rednecks, vertritt dann aber eine dumpfe Law-and-Order-Auffassung, mit der er sich gerade solchen Truckermützen-tragenden, Pick-up-fahrenden Patrioten andient. Wäre der Film nicht so gnadenlos mittelmäßig, würde ich ihn fast dafür loben, dass er auf so schön unreflektiert einfängt, wie verdammt kompliziert die Welt doch ist.

 

 

Eine Frau, deren Konturen sich im Schneegestöber aufzulösen drohen. Bilder einer Überwachungskamera, schwarzweiß, unscharf, mit ausblutenden Konturen, von Bildstörungen verzerrt, wie ein Blick ins Geisterreich des Vergangenen. Der verzweifelte Versuch, die Dinge festzuhalten, das Bleibende im Flüchtigen, Verschwindenden, Verblassenden zu fixieren. Das Bedürfnis nach Erklärung, nach Sinn, Ursache, Bedeutung, wo nur leere, willkürliche Datensätze und weißes Rauschen sind. Wie der Schmerz einen erfüllen kann, wenn sonst nichts mehr da ist. Wie die Leere ein Anfang sein kann, draußen in der Wüste. Wenn man nicht weiß, dass man belogen wird, kann das dann auch die Wahrheit sein?

Harry Caine (John Turturro) arbeitet beim Sicherheitsdienst in einer Mall irgendwo im Niemandsland von Wisconsin. Seit dort vor einiger Zeit seine schwangere Ehefrau von einem unbekannten Täter und aus völlig ungeklärten Gründen erschossen wurde, verbringt er seine Abende stumm vor dem Fernseher, stundenlang die Bänder aus der Überwachungskamera der Mall betrachtend, nach Hinweisen und verdächtigen Personen Ausschau haltend, wo kaum mehr als grobe Pixel zu erkennen sind. An seiner Wohnzimmerwand hängt das bisherige Ergebnis seiner Ermittlungen: Dutzende von vergrößerten Screenshots, denen akribische Notizen und Zeitungsausschnitte zugeordnet sind. Wie besessen versucht Harry einen Hinweis auf Täter und Motiv zu finden, aber da ist: Nichts. Als die Polizei ihm eines Tages in einer Befragung suggeriert, dass seine Gattin möglicherweise ein Geheimnis vor ihm hatte und den Täter kannte, geht Harry den nächsten Schritt. Einer plötzlichen Eingebung folgend, bricht er in das Haus gegenüber ein – ein Erinnerungs- oder Traumbild zeigte zuvor, wie seine Gattin es betritt – und findet dort einige Fotos. Überzeugt, dass die darauf abgebildete Frau etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnten, begibt er sich auf die Suche nach ihr …

FEAR X, Refns dritter Spielfilm nach PUSHER und BLEEDER, zwingt einem Vergleiche zu anderen Filmen geradezu auf: Wie sich Harry immer mehr in seine Hirngespinste zu verrennen scheint, anstatt loszulassen, erinnert an Paranoia-Filme wie Aronofskys PI oder Coppolas THE CONVERSATION (um nur mal zwei zu nennen), sein mit Bildern und Notizen gepflastertes Zimmer sowohl an Nolans MEMENTO wie auch an Schmids 23. Turturros Gesicht, immer eine seltsame Mischung aus nagendem seelischem Schmerz und eine Art masochistischer Belustigung spiegelnd, weiß man dank BARTON FINK einem psychisch labilen Mann zuzuordnen. Das Setting – verschneite, bis an den Horizont reichende Einöde – weckt Assoziationen zu FARGO, in dem das Banale unversehens dem Diabolischen Platz machte, und Refns Inszenierung – diese aufreizende Langsamkeit, das unterschwellige Dröhnen im Hintergrund, das Streben nach der Leere, die Durchdringung des Realen durch Traumbilder – kennt man aus Lynchs LOST HIGHWAY, dessen vermeintlich objektive Perspektive sich immer mehr als visueller stream of consciousness entpuppte. So wird man als Betrachter zwangsläufig auf eine Spur gezogen und fühlt sich dem Film voraus: Harry wird vollkommen arbiträre Hinweise in seinem Sinne interpretieren und damit noch weitaus größeres Unheil anrichten, schließlich jeden Kontakt mit der Realität verlieren und nur noch in seiner eigenen Welt heimisch sein. Man bereitet sich auf das Logbuch eines psychischen Abstiegs vor. Aber Refn macht etwas anderes.

Das Ende von FEAR X stellt wohl eine der größeren Verweigerungen der Filmgeschichte dar, auch wenn es für den Protagonisten tatsächlich den nicht für möglich gehaltenen Ausbruch aus der eigenen Wahnvorstellung und der zentnerschweren Trauer bedeutet. Harry findet sich allein an einer Kreuzung im Nichts, alle Wege stehen ihm offen, und er übergibt seine Fotos und Notizen dem Wind. Er hat nichts gefunden, aber die Suche ist dennoch beendet. Für den Betrachter ist dieses positive Ende dennoch nur schwer zu akzeptieren, denn er hat miterlebt, wie sich Harrys vermeintliche Paranoia als absolut berechtigter Verdacht herausstellte. Harry war auf der richtigen Spur, er hatte den Mörder  ausfindig gemacht, ohne es jedoch selbst zu wissen. Am Ende glaubt Harry selbst dem Klischee, das der Film geholfen hat, aufzubauen:  Er hat sich alles nur ausgedacht, erkennt – mit einer Kugel in der Hüfte – wie weit es mit ihm gekommen ist und dass es nun gilt, umzukehren. Harry ist noch nicht weit genug abgeglitten, um an seinen paranoiden Vorstellungen festhalten zu können. Für ihn ist das ein tolles Ende, man gönnt es ihm und vielleicht ist es sogar gut, dass er niemals erfahren wird, was der Hintergrund der Ermordung seiner Frau war.

Refn treibt ein gemeines Spiel mit dem Zuschauer: Er zwingt ihn dazu, Harrys Trugschluss am Ende zu akzeptieren, mit dem Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten, mit dem man doch mitgefühlt hat, weiterzuleben. Hinzunehmen, dass Unwissenheit manchmal der Schlüssel zum Glück ist. Dass es Dinge gibt, die besser ungesagt bleiben. Das alles gelingt mit einem Kniff, der FEAR X von allen weiter oben genannten Filmen unterscheidet: Refn löst die subjektive Perspektive irgendwann auf, zeigt, was außerhalb von Harrys Wahrnehmung liegt. Danach beginnt dann ein anderer Film, einer, in dem mit dem Tod von Harrys Ehefrau noch weitere Schicksale verbunden sind. Harry hat einen seelischen Verbündeten: Jene Frau auf dem Foto, die er nie kennenlernen wird, die auch von ihm nichts weiß außer seinen Namen, aber dennoch viel mit ihm teilt.  Wahrscheinlich geht auch ihr Leben am Ende einfach weiter, so wie Harrys. FEAR X war nur eine kurze, aber wichtige Zäsur.