Mit ‘Dee Wallace’ getaggte Beiträge

95385_frontEin Late-Period-Slasher, der trotz einer offenkundig komplizierten Produktionsgeschichte sehr hübsch geworden ist und aus dem oft tristen Einerlei positiv hervorsticht: Regisseur Alan Ormsby wurde nach wenigen Drehwochen von Mark Herrier ersetzt, auch Hauptdarstellerin Jill Schoelen kam erst später für die eigentlich besetzte Amy O’Neill an Bord. Gedreht wurde auf Jamaica, was den Auftritt der für das Sujet etwas ungewöhnlich gewählten Reggae-Band erklärt. Der Film ging an der Kinokasse leider völlig baden und wurde schon nach kurzer Zeit für kleinere Wiederaufführungskinos gebucht, um den Schaden gering zu halten. Herrier – eigentlich Schauspieler – drehte danach nur noch Kurzfilme, Ormsby widmete sich wieder dem Verfassen von Drehbüchern. POPCORN ist leider weitestgehend in Vergessenheit geraten, was schade ist, als er gegenüber vielem anderen Kram, der so als „Kultfilm“ wiederentdeckt und in Deluxe-Editionen auf Blu-ray veröffentlicht wird, doch sehr viel interessanter, origineller und liebevoller ist.

Herriers/Ormsbys Film kreist um ein Horror-Film-Festival, das eine Gruppe von Filmstudenten organisiert, um Geld für den darbenden Lehrstuhl zu generieren. Gezeigt werden „The Mosquito“, „The Amazing Electrified Man“ und „The Stench“ in ihren Originalformaten und mit zahlreichen an William Castle erinnernden Gimmicks. In dem ausgewählten Kino indes hatte sich vor 15 Jahren ein Massaker ereignet, als ein von seinem Publikum verlachter Avantgarde-Filmer seine Familie als letzten Akt seines Werks live auf der Bühne umbrachte bevor er in einer anschließenden Feuersbrunst sein Leben ließ. Das Festival wird dann auch recht bald von einem Killer heimgesucht. Die Studentin Maggie (Jill Schoelen) erfährt, dass sie die Tochter des psychopathischen Filmemachers ist und vermutet, dass dieser sein Unwesen treibt .

Das Herz von POPCORN sind die Ausschnitte aus den im Film gezeigten fiktiven Fünfzigerjahre-Klassikern. Ormsbys gelungene Hommage an die naiven Monster- und Sci-Fi-Filme von einst zeugt von großer Liebe für das Genre und drängt den Vergleich zu Joe Dantes etwas später entstandenem MATINEE ´förmlich auf. Besonders toll ist Bruce Glover als durch die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl mit elektrischen Superkräften ausgestatteter Schurke, der mit zu Berge stehenden Haaren und irrem Augenrollen Blitze verschießt. Dazu gesellen sich dann noch die wunderbaren Gimmicks – ein über das Publikum hinwegfliegendes Riesenmoskito sowie die bekannten Elektroschock-Sitze – und die schönen Originalposter, die man immer wieder im Bildhintergrund erblicken kann. Mehr als die eigentliche Slasher-Story, die ein paar schöne Make-up-Effekte, aber sonst nichts wirklich Neues bietet und am Ende auch etwas ermüdet, erobert POPCORN das Herz des geneigten Betrachters mit der Zelebrierung einer Kino- und Filmkultur, die es in dieser Form in Deutschland leider nie gegeben hat. Da strömen die Teens mit fantasievollen Verkleidungen ins Kino, veranstalten eine Riesenparty mit fliegendem Popcorn und tosender Begeisterung, bejohlen die ins kulturelle Gedächtnis eingegangenen Filme ebenso wie die Einfälle der Veranstalter. Fast wünschte man sich, POPCORN hätte sich ausschließlich dem Miteinander der Besucher gewidmet, dem Hin-und-Her zwischen Kinosaal und Popcorn-Ständer, dem Beziehungskuddelmuddel, das sich da unweigerlich entspinnt. So muss man sich halt auch durch eine eher uninspirierte Horrorgeschichte schlagen, die keinesweges schlecht ist, aber eben auch nichts wirklich Besonderes. Trotzdem: POCORN darf man ruhig mal wieder rauskramen.

Eine meiner Lieblingsthesen, wenn es um das Actionkino geht, besagt, dass es auf den Ursprung des Kinos als pure Freude am bewegten Bild zurückgeht. Action, und alles was dazugehört, also etwa Verfolgungsjagden, Shootouts, Faustkämpfe, sind gewissermaßen der Urstoff des Kinos; Bewegung, das, was das Medium in den Augen der Zuschauer auf den ersten Blick von Fotografie oder Malerei abhob, ihr Interesse weckte. Aber natürlich gibt es auch andere, komplexere Bildideen, die in der Kinosituation eine besondere Kraft entfalten. Eine davon ist gewissermaßen das Gegenteil der Abbildung von Bewegung: Ich meine kammerspielartige Ein-Raum-Situationen (wie sie lustigerweise als Belagerungsszenarien wichtiger Bestandteil ausgerechnet des Actionfilms geworden sind). Die Reduktion von Raum und Personal, die äußerste Verdichtung in einem Zustand der Bewegungslosigkeit und der Verlust der Handlungsmacht spiegeln die Situation des Zuschauers im Kino, der für zwei Stunden an seinen Sitz gefesselt ist und sich passiv einem Film ergibt, der vor ihm in Überlebensgröße abläuft. Auch Lewis Teagues CUJO bezieht seinen Reiz aus dieser Dynamik und legt dem Zuschauer in seiner zweiten Hälfte Daumenschrauben an, die er unaufhörlich fester dreht, bis sich der Druck irgendwann entladen muss und kann.

„Cujo“, der Roman, zählt zu den Werken, mit denen Stephen King seinen kometengleichen Aufstieg und den Stammplatz an den Spitzen der Bestsellercharts ergattern konnte (es war, die unter dem Pseudonym „Richard Bachman“ verfassten Romane nicht mitgezählt, sein siebtes Buch). Die deutsche Bastei-Ausgabe lag damals, Mitte bis Ende der Achtzigerjahre, mit großer Verlässlichkeit auf dem zu jener Zeit noch obligatorischen Stephen-King-Tisch jeder Buchhandlung oder -abteilung und wurde auch von mir regelmäßig umgarnt. So richtig interessiert hat mich die anhand der Backcover-Inhaltsangabe als sehr rudimentär offenbarende Geschichte um einen tollwütigen Wauwau aber nicht, und auch der Film, in einschlägigen Lexika weitestgehend der Rubrik „Kann man, muss man aber nicht“ zugeordnet oder als eine der vielen höchst mittelmäßigen King-Verfilmungen abgeurteilt, schien mir verzichtbar. Beim Surfen auf Joe Dantes schöner, nein, unverzichtbarer Seite Trailers from Hell stieß ich vor einigen Tagen dann aber auf den Trailer des Films, der von Regisseur Mick Garris wider Erwarten in den höchsten Tönen gelobt und als eine der sehr guten Adaptionen des Meisters gewürdigt wurde. Die bewegten Bilder des blutdurstigen Hundes machten mir dann auch spontan Lust, die „Bildungslücke“ zu schließen. Und selbst wenn ich CUJO nun nicht unbedingt als Meisterleistung feiern würde, so ist er zumindest in seiner zweiten Hälfte doch ein sehr effektiv inszeniertes Stück Spannungs- und Terrorkino, das durchaus unter Wert gehandelt wird.

Von Lewis Teague inszeniert, der mit seinem ALLIGATOR ein Händchen für Tierhorror bewiesen hatte, und von Jan de Bont in eindringlichen, aber auch schönen Bildern eingefangen, krankt er allerdings ein wenig an dem, was mich damals schon am Buch „abgeschreckt“ hatte: Die Story um den tollwütigen Bernhardiner, der die in einem fahruntüchtigen Auto gefangene Donna (Dee Wallace) und ihr Söhnchen Tad (Danny Pintauro) belagert, liefert nicht wirklich ausreichend Stoff für einen Neunzigminüter. Die erste Hälfte des Films, die das Belagerungsszenario vorbereitet, ist dann auch ein wenig zäh geraten und dürfte vor allem bei der Zweitsichtung den Griff zur Skiptaste anregen: Nachdem Cujo im hübschen Prolog einen Fledermausbiss abbekommen hat, wendet sich das Drehbuch dem trügerischen Failienidyll der Trentons zu. Trügerisch, weil Donna eine Affäre mit Steve (Christopher Stone) hat, dem Tenniskumpel ihres Gatten Vic (Daniel Hugh Kelly), die dann schließlich zur vorübergehenden Trennung führt, welche die prekäre Belagerungssituation überhaupt erst verursacht. Bis es dazu kommt, müssen aber zunächst einige eher uninteressante Alltagssituationen durchstanden werden, die uns die Trenton auf sehr generische Art und Weise näherbringen sollen. Zwischendurch macht Teague immer wieder kleinere Abstecher zum abgelegenen Haus des Mechanikers Camber (Ed Lauter), dem der infizierte, immer aggressiver werdende Hund Cujo gehört, dessen graduelle Verwandlung aber zunächst von niemandem bemerkt wird. Diese ruhige Einleitung ist sicherlich notwendig, nimmt aber rund die Hälfte der Gesamtlaufzeit ein, ohne, dass etwas Wesentliches passieren würde. Tads Angst vor den Monstern in seinem Wandschrank wird aufgebaut, um einen Kontrast zu dem sehr realen Monster zu schaffen, das ihn später bedrohen wird, aber dieses Konstrukt führt zu nichts, weil Tad am Ende eh der Ohnmacht anheimfällt – und wer würde es ihm verdenken –, anstatt seine Angst überwinden zu können. Wenn das Belagerungsszenario aber greift, vollzieht CUJO einen qualitativen Quantensprung: Der Hund sieht mit seinem vor Schleim triefenden Gesicht, den blutunterlaufenen Augen und dem verkrusteten Fell wahrhaft furchteinflößend aus, sein Belauern des Wagens mit den hilflosen Insassen darin wird von Jan de Bont mit einer hyperbeweglichen Kamera kongenial eingefangen. Die Angriffe werden immer heftiger, die Gewissheit, nicht ewig im Auto ausharren zu können, die Konfrontation suchen zu müssen, immer größer. Dee Wallace ist als Abbild mütterlichen Leids und wachsenden, archaischen Zorns einfach wunderbar, der Spannungsaufbau nahezu makellos. Als Tad plötzlich Krampfanfälle bekommt, meint man auch vor dem heimischen Bildschirm keine Luft mehr zu bekommen. Und dann kulminiert die Situation erst in einem furiosen, mehrfachen 360°-Schwenk im Inneren des Autos und dann natürlich im blutigen Kampf der Mutter gegen die Bestie. Wenn der versöhnte Ehemann Vic am Ende am Ort des Geschehens eintrifft, die triumphierende, zerschundene Mutter mit dem geschwächten Kind im Arm im Licht der untergehenden Sonne sieht, weiß man, dass er hier keine Hilfe gewesen wäre.

Mal wieder ein biografisches Detail, das an dieser Stelle unerlässlich ist, denn ich habe diesen nach wie vor zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gehörenden Spielberg-Klassiker gestern zum ersten Mal gesehen. Ein etwas peinliches Geständnis, doch 1982, als sich alle Welt im E.T.-Rausch befand und vor Verzückung über das Knuddelalien und den Knuddel-Elliott fast einem Zuckerschock erlag, war ich ein kleiner Sechsjähriger, dem die über die Mattscheibe flimmernden Ausschnitte aus dem Film panische Angst einjagten und jede Lust auf den Film im Keim erstickten. Besonders gruselig fand ich den Teleskophals des faltigen Außerirdischen und die Begeisterung meiner Altersgenossen wirkte auf mich  demzufolge ebenso befremdlich wie das die Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser flutende Merchandising. Wie konnte man nur eine solch grässliche Gestalt verehren, geschweige denn niedlich finden?

Diese Abscheu wich über die Jahre dann einem souveränen, aber altersgemäßen Desinteresse: Welcher Jugendliche schaut sich schon gern einen Kinderfilm über einen liebenswerten Außerirdischen an, wenn es doch so viel coolere Filme mit bösen extraterrestrischen Invasoren gibt, die statt mit dem heilenden Leuchtfinger mit Phaserkanonen herumwedeln? Eben. Das Verhältnis zu Spielberg ist eh ein kompliziertes, weil man als quasi nebenberuflicher Filmseher vor einem enormen Abgrenzungsproblem steht: Auf der einen Seite ist da die Hochachtung (und auch Begeisterung) vor (bzw. für) Spielbergs unzweifelhafte Regie- und Erzählkunst, auf der anderen die Skepsis und der Widerwillen, mit denen man seine Versuche, enorm schwierige und sensible Stoffe in teures massentaugliches und demzufolge möglichst Profit bringendes Affektkino zu verwandeln, betrachtet. E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL muss man in seinem Schaffen zwar als ganz und gar unproblematischen Film betrachten, doch macht ihn das ja im Vorfeld nicht gerade interessanter. Erschwerend hinzu kommt schließlich, dass man als Filmbegeisterter eh schon genau weiß, was in diesem Film passiert, von Spannung im herkömmlichen Sinn also kaum die Rede sein kann. Aber die Zeit war jetzt irgendwie reif dafür, die klaffende Lücke endlich einmal zu schließen. Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, an denen man rührseligen Stoff ja manchmal regelrecht braucht, bin ich dem Reiz, der von dem strategisch überaus clever direkt an der Kasse des bekannten Elektrodiscounters platzierten Sonderangebot ausging, erlegen wie das Kleinkind dem Überraschungsei: Stimmt, den habe ich ja auch noch nicht gesehen, her damit!

Und wie ich es schon geahnt hatte, genießt E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL seinen guten, wenn auch nicht mehr ganz so vehement verbreiteten Ruf natürlich zurecht und man darf die Spielberg-Skepsis ganz ohne schlechtes Gewissen zugunsten der Spielberg-Begeisterung vergessen. Es ist schon beeindruckend, wie Spielberg über weite Strecken des Films ohne expositorischen Dialog auskommt, stattdessen wichtige Informationen nur über die Bilder vermittelt. Während in anderen Filmen ohne Unterlass gequasselt wird, Charaktere beschreiben, was sie gerade tun, ankündigen, was sie in der nächsten Einstellung tun werden, oder berichten, was sie in der vorangegangenen Einstellung getan haben, dient Spielberg der Dialog ausschließlich zur Charakterisierung seiner Figuren oder zur Schaffung von Atmosphäre bzw. Authentizität. Vor allem die Exposition lebt ausschließlich von ihren starken Bildern – das Raumschiff in den Bergen über Los Angeles, die gewaltigen, in den Nachthimmel stoßenden Bäume, die Lichtschwerter der Taschenlampen, die das Dunkel auf der Suche nach den Außerirdischen zerschneiden, der Dunst im Garten von Elliotts Zuhause –, die bereits das dem Film zugrunde liegende Thema andeuten: Spielberg kontrastiert die unschuldige, offene und vorurteilsfreie Sicht der Kinder mit der zielgerichteten, selektiven, voreingenommen und deshalb aggressiven Perspektive der Erwachsenen und deutet an, das letztere die Welt nicht weiterbringen, sondern im Gegenteil viele Probleme schaffen wird. Das ist natürlich recht plakativ und einfach, aber trotzdem niemals kitschig oder rührselig, zumal man allzu krasse Schwarzweiß-Malerei, die das Thema ja eigentlich anbietet, vergeblich sucht. So ist etwa der federführende Wissenschaftler mitnichten ein gewissenloses Monster, sondern ein Gesinnungsgenosse des kleinen Elliott, ein Erwachsener, der immer noch in der Lage ist, die Welt durch Kinderaugen zu betrachten.

Abschließend muss ich noch erwähnen, dass ich eine Fassung des Films gesehen habe, die mit aufgehübschten Effekten und neuen Szenen „verbessert“ wurde. So sehr ich es nachvollziehen kann, dass die enormen Fortschritte, die die Effektkunst in den letzten 30 Jahren gemacht hat, in den Filmemachern das Bedürfnis weckt,  ihre „veralteten“ Werke zu korrigieren, so fürchterlich finde ich die Vorstellung, dass alles, was Filme als Produkte ihrer Zeit erkennbar macht, getilgt wird und diese so in buchstäblich zeit- und ortlose Artefakte verwandelt werden. Im vorliegenden Fall sind diese „Verbesserungen“ nicht nur unnötig – Eventkino-Megalomanie ist E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL reichlich fremd –, sie zerstören auch den Eindruck eines homogenen Werks, suggerieren, dass ein Film aus miteinander allenfalls in loser Verbindung stehenden Einzelbestandteilen zusammegfügt ist, die man austauschen kann. Gerade Spielberg sollte es eigentlich besser wissen.