Mit ‘Denis Leary’ getaggte Beiträge

Als vor ein paar Jahren die Nachricht umging, dass Sam Raimi seine SPIDER-MAN-Reihe nicht fortsetzen würde, weil ein Reboot anstünde, war das Unverständnis groß. Nun hatte es ein Comicheld endlich mal auf ansprechendem Niveau bis zum dritten Teil geschafft, war der Boden für kommende Abenteuer, für die Arbeit an den Details und den akribischen Ausbau des Helden-Universums, bestellt worden, da machten ihm irgendwelche Studiofuzzis schon wieder ein Ende, nur um – mal wieder – von vorn zu beginnen. Dass SPIDER-MAN 3 insgesamt eine milde Enttäuschung war, schien kein ausreichender Grund für die Entscheidung, bei null anzufangen.

Wenn man sich die Kommentare der Nerds durchliest, etwa auf den Seiten ihres Zentralorgans Ain’t it cool news, wird man schnell auf stichhaltige Beweise gestoßen, warum THE AMAZING SPIDER-MAN Schrott ist, der es nicht verdient at, das Erbe Raimis anzutreten: er werde – wie immer – den Comics nicht gerecht und er sei ein Schnellschuss, von der Universal nur gemacht, um die Rechte an der Figur (die ein nomineller Protagonist für den nächsten AVENGERS-Film wäre) zu behalten, auf die Paramount schon ein Auge geworfen habe. Und dann ist da natürlich das absolut kriegsentscheidende Detail: die Sneakers, die zum Spider-Man-Kostüm gehören.

Ohne die fundamentalistische Verblendung des Comicfans betrachtet, ist THE AMAZING SPIDER-MAN ein wunderbar runder Film, der Raimis Serie tatsächlich relativ schnell vergessen macht, weil er ein ganz ähnliches Geschick und Herz in der Zeichnung seiner Charaktere zeigt. Spider-Man ist wahrscheinlich der menschlichste und zugänglichste Held des Marvel-Universums und daran ändern auch die etwas düsterere Ausrichtung und Garfields rebellischerer Peter Parker nichts. Orientierte sich Raimi eher am klassischen Silver-Era-Spiderman der 60er-Jahre, mit einem moralisch reinen Protagonisten, bekommt er in der Interpretation von Webb ein paar mehr Ecken und Kanten ab: Seine Jagd auf Verbrecher wird nicht zuletzt von einer fast selbstmörderischen Lust am Adrenalinkick angetrieben, in seinem selbstsicheren Autreten und seiner großmäuligen Art kommt der Narziss zum Vorschein, der bisher von seiner eigenen Minderwertigkeit gehemmt worden war. Die sprücheklopfende, biegsame Inkarnation des Helden, die man etwa aus den McFarlane-Comics kennt, findet ohne Reibungsverlust vom Comic auf die Leinwand. Die Kluft zwischen dem abtrünnigen Vigilanten und diesem Superhelden, sie ist sehr viel schmaler als bei Raimi. Im Versuch, Spider-Mans Fähigkeiten wissenschaftlich zu unterfüttern, liegt ein weiterer großer Unterschied zu den Vorgängern –  abgesehen natürlich von den Details der Origin-Story. Aus dem Fotografen ist ein angehender Naturwissenschaftler mit genialischen Zügen geworden, der nicht nur Kostüm und Ausrüstung nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konstruiert, sondern auch die Gleichung liefert, der der Forscher Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) seine Wandlung zum Lizard verdankt.

Die Schwächen von THE AMAZING SPIDER-MAN kennt man hingegen schon aus etlichen anderen Superhelden-Comicverfilmungen: Webb braucht so lang für seine Origin-Story, dass der Lizard am Ende zwangsläufig zu kurz kommt. Der Showdown wirkt übereilt und kann nicht mehr wirklich einen oben drauf setzen. Verschmerzbar, da Webb Spideys Fähigkeiten mit genau jenem sense of wonder ablichtet, der uns die Comics überhaupt erst ans Herz wachsen ließ. Wenn die Kranfahrer ihre Kräne am Ende so ausrichten, dass der verwundete und entkäftete Held sie benutzen kann, um sich entlang der Fifth Avenue zum Ziel zu hangeln, ist das einer eben jener wunderbar übertriebenen, pathetischen Momente, die in Heftform gleich eine  ganze prächtig gestaltete Seite abzubekommen pflegten. Nicht unwesentlichen Reiz bezieht Webb aus dem ausgiebigen Einsatz der Spinnenfäden: In einer kreativen Sequenz spinnt Spider-Man ein Netz in der Kanalisation, um darin auf ein Lebenszeichen vom Lizard zu warten. Wer gedacht hatte, Raimi habe alle bildlichen Möglichkeiten eines sich durch Manhattan schwingenden Helden ausgeschöpft, sieht sich schnell eines Besseren belehrt.

Angesichts dieses Ergebnisses kann man die Entscheidung der Universal, den Raimi-Spidey abzusetzen, kaum noch kritisieren. Man vermisst an THE AMAZING SPIDER-MAN vielleicht etwas die Unschuld, die typisch für die Silver-Era-Comics ist und die Raimis Film zu einem aller modernen Tricktechnik zum Trotz sehr nostalgischen Werk machte, aber die Möglichkeiten, die sich mit diesem Peter Parker eröffnen – und seine Liaison mit Gwen (Emma Stone) –, machen das mehr als verschmerzbar. Nice.

 

 

 

 

Als der Waffenhersteller Globotech sein Geschäft auf die Produktion von Spielwaren erweitert, landen hochmoderne Chips zur Steuerung von Raketen in einer Reihe von Actionfiguren: der „Commando Elite“ und ihren freundlichen außerirdischen Gegnern, den Gorgonites. Dass die Figuren ein Eigenleben entwickeln, wäre nicht so schlimm, würden in ihren Konflikt nicht auch Menschen hineingezogen. Der Junge Alan (Gregory Smith), der die Figuren von einem Lieferanten entgegen genommen hat, muss so nicht nur die friedlichen Gorgonites verteidigen, sondern auch seine Eltern, das Nachbarehepaar sowie deren Tochter, die von ihm angebetete Christy (Kirsten Dunst) … 

Nach einer fünfjährigen Pause, in der Joe Dante ausschließlich fürs Fernsehen arbeitete, bedeutete SMALL SOLDIERS seine Rückkehr zu den fantasie- und humorvollen Genrefilmen, mit denen er in den Achtzigerjahren bekannt geworden war. An deren Erfolg konnte er zwar leider nicht mehr anknüpfen, dennoch wird sich der Dante-Freund in SMALL SOLDIERS sofort heimisch fühlen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum das große Comeback mit diesem Film nicht gelingen wollte: Trotz der modernen Effekte mutet SMALL SOLDIERS fast anachronistisch an. Die Kleinstadt, in die die Spielzeugsoldaten einfallen, erinnert an Kingston Falls, das idyllische Neverland aus GREMLINS, die albernen Nachbarschaftsstreitereien zwischen Alans Eltern und den Fimples sind eine Fortsetzung der Konflikte aus THE ‚BURBS, die Laborszenen lassen an INNERSPACE denken und die Zitate und Verweise beziehen sich auf Dantes Werk (die obligatorischen Auftritte von Dick Miller und Robert Picardo) sowie auf Filme, die für die angepeilte jugendliche Filmseherschar fast als steinzeitlich bezeichnet werden müssen. Und der Mittelteil, in dem zeitgenössische Filme von einem Zwischenhoch zum nächsten hetzen, fällt hier aufreizend ruhig aus.

Mehr jedoch als diese Oberflächlichkeiten ist es wieder einmal der nostalgische Ton, mit dem Dante seinen Film inszeniert, und das klare Wertesystem, mit dem er ihn ausstattet, die in den ausgehenden Neunzigerjahren einen Bruch zwischen ihm und seinem vermeintlichen Publikum markieren mussten. Und von diesem Bruch handelt letztlich der ganze Film. Der Spielwarenladen von Alans Vater mit dem bezeichnenden Namen „The Inner Child“ (womit man auch Dantes Werk treffend beschrieben könnte) setzt nämlich gerade nicht auf die martialische Plastik-Actionpuppen und die seelenlosen Erzeugnisse von Franchisenehmern, von denen der Film handelt, sondern auf altmodisches Holzspielzeug und beraubt sich damit selbst seiner Kundschaft. Kein Kind will dort etwas kaufen, weil alles „uncool“ ist, und Christys kleiner Bruder empfindet es geradezu als Strafe, ausgerechnet in dieses Geschäft geführt zu werden, um sich ein Geburtstagsgeschenk auszusuchen. Dante wählt sehr folgerichtig nicht die schlagkräftige Soldateneinheit als seine Helden, sondern die Gorgonites, die von ihrem Erfinder eigentlich als freundliches Lernspielzeug erdacht worden waren – was der Globotech-Chef (Denis Leary) entsetzt als wirtschaftliche Fehlkonzeption erkennt und sie entsprechend umfunktioniert. Mit der Entscheidung für das Künstliche, Kurzfristige, Überwältigende und der Vorherrschaft des Paradigmas „finanzieller Gewinn“, das hinter dieser Entwicklung steht, droht die Welt aber auch ihre Schönheit zu verlieren. Nicht einmal die einst so heile Kleinstadt-Welt, in der Dante seinen Film ansiedelt, ist vor diesem Wandel noch gefeit: Fimple sägt den Baum des Nachbarn ab, um einen besseren Satellitenempfang zu haben, und klagt immer noch über das unscharfe Bild seiner pompösen Heimkino-Anlage. Und weil jede Gesellschaft das Spielzeug bekommt, das sie verdient, machen die Oneliner-bellenden Commando Elites (synchronisiert von den Darstellern aus Aldrichs THE DIRTY DOZEN – Ernest Borgnine, Jim Brown, George Kennedy – sowie Tommy Lee Jones und Bruce Dern) Jagd auf die sich nach ihrem Naturplaneten Gorgon sehnenden Aliens.

Diese Themen kennt man bereits aus GREMLINS 2: THE NEW BATCH, doch war der in sich angefressen, weil er selbst ein Auswuchs jenes Technikwahns war, den er auf der Handlungsebene kritisierte. In SMALL SOLDIERS ist das etwas anders: Dante sägt auf seine humorvoll-geistreiche Weise an dem Ast, auf dem es sich Hollywood bequem gemacht hat. Man kann fast spüren, wie schwer sich Dante damit tut, ihn von seinen Charakteren weg- und auf den effektgeladenen Showdown hinzuführen. Ich würde SMALL SOLDIERS so gesehen zwar als schwächsten Dante-Film bis zu diesem Zeitpunkt bezeichnen, aber das heißt letztlich nicht mehr, dass er nicht „sehr gut“, sondern nur „gut“ ist. Und aus diskursanalytischer Sicht ist er wie fast alles von Dante eh unbezahlbar.