Mit ‘Denzel Washington’ getaggte Beiträge

„There are two kinds of pain in this world. The pain that hurts, the pain that alters. Today, you get to choose.“ Mit diesen Worten konfrontiert der ehemalige CIA-Spezialist Robert McCall einen türkischen Gangster, der seiner amerikanischen Ehefrau das Kind entrissen und es in die Türkei verschleppt hat. Wenige Sekunden zuvor hat McCall die Lakaien des Ganoven mit der ihm eigenen eiskalten Präzision unschädlich gemacht, das überlegene, arrogante Grinsen des Schurken in eine eingefrorene Maske der Angst verwandelt. Kaum ist das letzte Wort verklungen, umfängt die Dunkelheit eines Tunnels den Zug, in dem sich die Konfrontation abspielt, und der markerschütternde Schrei, den auch dessen Rattern nicht übertönen kann, legt den Schluss nahe, dass da jemand die falsche Wahl getroffen hat. Es ist der Anfang von THE EQUALIZER 2.

Vor rund fünf Jahren erzielte Antoine Fuqua mit seinem auf einer alten Fernsehserie basierenden Actionthriller einen doch eher unerwarteten Erfolg. Sein furztrockener Film erinnerte in seiner brachialen Kompromisslosigkeit nicht wenig an die No-Nonsense-Actioner, mit denen Kampfwurst Steven Seagal Ende der Achtzigerjahre seinen Ruhm begründete. THE EQUALIZER war – allem visuellen Style zum Trotz – grimmig und brutal und demnach nicht unbedingt der Stoff, der die Massen in Zeiten bunten Comic-Entertainments und unschuldiger Zerstreuung ins Kino lockt – schon gar kein zweites Mal. Und so cool und abgezockt sein Star Denzel Washington in der Rolle des Profis auch agierte, so gern man diese Figur noch einmal auf ihren Rachefeldzügen begleiten wollte, so fraglich schien es doch, ob man ihr bei einem Wiedersehen wirklich noch etwas Neues abgewinnen können würde. Weil sich die Hollywood-Player ihr Geschäft aber bekanntermaßen noch nie von Erwägungen der Sinnhaftigkeit kaputtmachen ließen, dauerte es nicht allzu lang, bis die Fortsetzung angekündigt wurde. Und so gut diese auch gelungen ist, sie bekräftigt eigentlich alle Vorbehalte, die man gegen sie ins Feld führen konnte.

THE EQUALIZER 2 bietet dem wortkargen, schmucklosen Titel gemäß more of the same, was bei einem Sequel zwangsläufig auch bedeutet, dass der initiale Kick verflogen ist. Denzel studiert als vermeintlicher Durchschnittsbürger McCall wieder ganz genau seine Umwelt, nimmt kleinste Störungen zur Kenntnis und schreitet dann zur Handlung. Vor seinen humorlosen Aufräumaktionen betätigt er die Stoppuhr, gibt den von ihm bestraften Übeltätern die Mahnung auf den Weg, sich künftig nichts mehr zu Schulden kommen zu lassen und hilft den Bedürftigen aus der Patsche – meist ohne ihnen gegenüber als Helfer in Erscheinung zu treten. Zu Hause führt er ein bescheidenes Dasein, er liest Bücher, die er danach bündig zur Tischkante ablegt, faltet seine Taschentücher ordentlich und gedenkt in stiller Trauer seiner verstorbenen Ehefrau. Er ist wertkonservativ und von der Überzeugung erfüllt, dass man sich aktiv für eine bessere Welt einsetzen und seine Chance ergreifen muss, auch wenn sie noch so klein ist, weil man sonst auch das Recht verwirkt, sich zu beklagen. Diese charakterliche Disposition – mit allen Wassern gewaschener Ex-Profikiller auf der einen,  oberlehrerhafter Disziplin-Fanatiker auf der anderen – spaltet das Sequel erzählerisch in zwei Hälften, die das Drehbuch nicht recht befriedigend zusammenzubringen weiß. Der Killer McCall muss den gewaltsamen Tod seiner einstigen Mentorin Susan (Melissa Leo) aufklären und schließlich ihre Mörder zur Strecke bringen, der brave Bürger McCall den sein Talent, seine Zukunft und sein Leben mit Drogendealerei aufs Spiel setzenden afroamerikanischen Nachbarsjungen Miles (Ashton Sanders) zur Vernunft bekehren. Das führt dazu, dass der interessantere der beiden Handlungsstränge Spielzeit zugunsten einer strengen Moritat über die Diszipinlosigkeit der Jugend von heute einbüßt, die „Eigenverantwortung“ predigenden Neoliberalisten wohlige Wärme ins kalte Herz zaubern dürfte. Dass THE EQUALIZER 2 in diesen Momenten nicht völlig versumpft, liegt an Washington, der die rigide Lebensphilosophie seines McCall tatsächlich attraktiv erscheinen lässt.

Trotzdem: Lieber als bei der Gardinenpredigt sehe ich ihm beim Töten zu und dafür bekommt er zu wenig Gelegenheit. Dabei lässt sich der Handlungsstrang um den Mord an der guten Freundin mehr als interessant an, bevor er dann plötzlich mit größter Eile abgewickelt wird. Die Aufdeckung der Identität des Mörders stellt keinerlei Überraschung dar, noch nicht einmal für McCall, der den Mordfall mehr oder weniger im Vorbeigehen aufklärt. Der Showdown in einem von einem Sturm heimgesuchten ausgestorbenen Küstenkaff ist dann aber wieder ganz großes Kino, bei dem man dem Protagonisten lediglich eine etwas größere Gegnerschar zum Hinrichten gewünscht hätte. Es geht alles zu schnell vorbei und wenn der Schurke im Endfight unterliegt, lässt sich das nur mit einem vorzeitigen Samenerguss vergleichen: Man kann schon Freude mit dem Film haben, aber echte Befriedigung stellt sich nicht ein, Am Ende überwiegt auch das Gefühl, dass die Macher selbst am wenigsten überzeugt davon waren, dass sie dem Vorgänger noch etwas Entscheidendes hinzuzufügen haben und sich deshalb verzettelten. Ich wäre mit einem tighten 80-Minüter, in dem McCall kurzen Prozess mit einer Bande mieser Punks macht, mehr als zufrieden gewesen. Aber irgendwie ehrt es Fuqua und Co. ja auch, dass sie es sich nicht so einfach machen wollten. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

Fuqua bleibt unvorhersehbar: Nach dem doch arg biederen SOUTHPAW folgt mit dem Remake von Sturges ewigem Westernklassiker von 1960 (der, gähn, natürlich auch schon ein Remake war, wir wissen es) wieder ein Film, der es mit den Höhepunkten seiner Filmografie – SHOOTER, BROOKLYN’S FINEST und THE EQUALIZER – aufnehmen kann. Er modernisiert die alter Heldengeschichte, interpretiert ihre Protagonisten als Kriegsversehrte, die USA als einen Ort, der sich schon viel zu lang über Gewalt definiert und liefert mit dem Showdown ein adrenalinpumpendes, physisches Actionfeuerwerk, wie man es im Kino dieser Größenordnung nicht mehr allzu oft geboten bekommt.

Das Örtchen Rose Creek, eine Siedlung, in der sich brave weiße Christen niedergelassen haben, wird von dem skrupellosen Kapitalisten Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard), der in der Nähe eine lukrative Mine betreibt, in Angst und Schrecken versetzt. Er will die Siedler vertreiben und schreckt dabei auch vor Gewalt nicht zurück. Emma Cullen (Haley Bennett), die in einem Scharmützel ihren Mann verloren hat, sucht den Gesetzeshüter Chisolm (Denzel Washington) auf, um Bogue Einhalt zu gebieten. Der Revolverheld stellt darauf ein schlagkräftiges Team zusammen. Dazu gehören der Ganove Faraday (Chris Pratt), der mexikanische Strauchdieb Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo), der Südstaaten-Scharfschütze Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke) und sein Partner Billy Rocks (Lee Byung-hun), den legendären Jack Horne (Vincent D’Onofrio) und den Indianer Red Harvest (Martin Sensmeier) …

Der Unterschied zum Original ist deutlich: Ja, die zu verteidigenden Siedler sind keine Mexikaner mehr, sondern treue Amerikaner, aber der Feind kommt nun ebenfalls aus dem Inneren des Landes. Bogue ist Vertreter eines brutal vorpreschenden Kapitalismus und bei seinem blutigen Vorgehen gegen die die widerspenstigen Siedler muss er nicht auf die Hilfe von Kriminellen zählen, sondern kann sich auf die Bereitschaft diverser offizieller „Sicherheitskräfte“ verlassen. In Chisolms spontan zusammengestellter Armee kommen hingegen Parteien zusammen, die noch vor nicht allzu langer Zeit verfeindet waren: Nord- und Südstaatler, ein Mexikaner, dessen Großvater den Amerikanern beim Angriff aufs Alamo eine empfindliche Niederlage bei- und dabei möglicherweise Faradays Großvater umgebracht hatte, der Indianerkiller Horne und ein Indianer sowie ein von allen als Exot kritisch beäugter Chinese. Anders als in Sturges‘ Film – und klassischen Heldenerzählungen generell – sind Chisolm und seine Männer damit aber eben nicht nur Außenseiter, die am Ende des Films in den Sonnenuntergang davonreiten müssen, sondern ein wesentlicher Bestandteil amerikanischer Geschichte, die immer wieder in Scharmützel mündet. Gewalt ist in Fuquas Film gleichermaßen Triebmotor für den „Prozess der Zivilisation“ wie sie immer wieder droht, alles um Jahrhunderte zurückzuwerfen – von den emotionalen Wunden, die sie schlägt, ganz zu schweigen. Fuqua ist wahrscheinlich eher einem konservativen politischen Spektrum zuzuordnen, aber er zeigt eben ziemlich deutlich, dass der Traum vom sauberen, gewaltlosen Fortschritt ein Irrglaube ist.

Ganz toll fand ich, wie er das finale Duell zwischen Chisolm und Bogue auflöst, wie er die Konventionen umdreht und Chisolm vom Machtrausch fortgetragen wird, was ihn beinahe das Leben kostet. Sein Blick spiegelt die ganze Ambivalenz des Films. Letztlich ist es Willkür, ob einen die Geschichte ins Recht setzt oder auf die Seite der Schurken.

Alle, die insgeheim von einem großen, fett produzierten, visuell aufregenden Steven-Seagal-Altersactioner träumen: Dies ist the next best thing, der Film, den Seagal machen sollte und wahrscheinlich machen könnte, wenn er nicht zu desinteressiert und mittlerweile wohl auch zu verbrannt für Hollywood wäre. THE EQUALIZER, basierend auf einer Achtzigerjahre-Fernsehserie mit dem WICKER MAN-Hauptdarsteller Edward Woodward, die leider kaum noch jemand kennt und mit der der Film nicht mehr allzu viel gemeinsam hat, ist ein slow burner, kein CGI-lastiger Effektrausch wie die meisten zeitgenössischen Actionfilme, sondern ein finsterer, schwer aufs Gemüt drückender Nachtfilm mit einem Helden, dessen Triumph eine dumpfe Taubheit hinterlässt wie man sie spürt, wenn man nach einer zehrenden Krankheit zum ersten Mal wieder Bett und Haus verlässt. Gleichzeitig belebt er ein Gefühl, dass der großbudgetierte Mainstream-Actionfilm kaum noch zu evozieren versteht: Es ist dieses „Fuck, yeah!“-Gefühl, den die von Outlaw Vern so getauften „Oh shit, it’s on“-Momente nach sich ziehen, Momente, in denen man begreift, dass es gleich ernst werden wird, dass gewissermaßen Schluss ist mit lustig, dass das Töten effektiv und erbarmungslos, das Sterben schmerzhaft und dreckig werden wird. Robert McCall (Denzel Washington), der einem bis unter die Jochbeine tätowierten russian mobster gegenübertritt und ihn mit einem kaum zu rekapitulierenden, zum bloßen Reflex mutierten move entwaffnet. Robert McCall, der einen Raum voller Schwerverbrecher im Rücken hat, zu sich selbst sagt „16 seconds“, den Timer seiner Digitalarmbanduhr stellt, sich umdreht und dann einen nach dem anderen mit der Effienz eines Roboters umbringt. Robert McCall im Verhandlungsgespräch mit dem Killer Teddy (Marton Csokas) kurz vor dem unvermeidlichen Showdown, ganz gefasste, selbstbewusste Autorität, Entschlossenheit und Gewissheit. Die Frage ist nicht, wer hier am Ende als Sieger das Feld verlässt, sondern was von den Leichnamen der Schurken noch übrig bleiben wird und ob ihnen die Zeit bleibt, zu realisieren, was mit ihnen geschieht. Seit OUT FOR JUSTICE war das Kräfteverhältnis zwischen Held und Schurke nicht mehr so aus dem Gleichgewicht wie hier.

Das allein würde ja schon reichen, mir THE EQUALIZER ans Herz zu schweißen, aber da ist noch mehr. Die Exposition ist ganz nachtschwarze Melancholie, voller stimmungsvoller Bilder urbaner Einsamkeit. Washingtons McCall ist ein Witwer, der Tag für Tag einer traurigen Routine folgt, sein Leben mit einer Ruhe und Ordnung lebt, die im Grunde genommen eine Vorbereitung auf das Sterben ist. Diszipliniert nimmt er nach der Arbeit in einem Baumarkt seine Mahlzeit allein am Tisch in seiner kleinen Wohnung sitzend ein, spült dann in stiller Andacht Besteck, Teller und Glas, stellt sie ordentlich in das Abtropfgitter und legt dann gewissenhaft das Handtuch zusammen, das er mit sicherem Handgriff an seinen angestammten Platz am Griff des Spülschrankes hängt. Er faltet einen Teebeutel fein säuberlich in ein Stofftaschentuch, streift die Kanten glatt und steckt es in seine Jackentasche, nimmt sein Buch (Hemingways „Der alte Mann und das Meer“) und sucht das 24-Stunden-Diner auf, das von außen wie das Bild des in die Ewigkeit gedehnten Wartezustands aussieht, den Edward Hopper auf seinem Gemälde „Nighthawks“ festgehalten hat. Dort legt McCall das bereitliegende Besteck bis auf den Löffel beiseite, faltet das Tuch auf, entnimmt den Teebeutel, legt das Buch bündig an die seitliche Tischkante und wartet darauf, dass der Kellner heißes Wasser in eine Tasse gießt. Man könnte diesem Mann stundenlang dabei zusehen, wie er die nichtigen Handlungen, aus denen sein Leben besteht, mit größter Würde, Genauigkeit, Haltung und dem Wissen absolviert, dass man bereits die kleinen Dinge richtig machen muss. Da weiß man freilich noch nicht, dass McCall sein brachliegendes Potenzial bereits kennt und die in Alltagshandlungen gesteckte Akribie reine Ersatzhandlung ist. Aber man kann seinen Dämonen nicht entfliehen. „Got to be who you are in this world, no matter what.“

Ironischerweise fungiert THE EQUALIZER für mich persönlich ganz entgegen seiner existenzialistischen Haltung als schönes Beispiel dafür, wie sich die Dinge ändern können, dass eben nicht alles in Stein gemeißelt ist. Es ist noch nicht lange her, da war Denzel Washington für mich ein Grund, einen Film nicht zu sehen genau wie Antoine Fuqua. TRAINING DAY habe ich seinerzeit gehasst und das, was ich danach über KING ARTHUR gelesen hatte, bestätigte mich in meinem Glauben, dass es da wieder einmal ein besonderer Stümper in die oberen Etagen Hollywoods geschafft hatte. Seitdem hat der Mann aber Knaller wie SHOOTER und BROOKLYN’S FINEST gedreht und Denzel Washingtons Stärken kommen mit den Jahren, die er zulegt, immer mehr zum Tragen. Seine Entwicklung vom smarten, oft unangenehm selbstgefälligen Charmeur zum altersweisen badass ist absolut begrüßenswert und ein wenig mit dem überraschenden Karriereverlauf Liam Neesons vom langweiligen Charakterdarsteller zum Actionhelden zu vergleichen. Washington ist grandios in THE EQUALIZER, die lässige Gravitas seiner Stimme allein macht schon den Film, die elegante Ökonomie seiner Bewegungen und Mimik ist Ausweis des Profis, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Und Fuqua malt ihm zusammen mit DoP Mauro Fiore die ikonischen Bilder, die so ein Film braucht, um sich unauslöschlich einzubrennen. Ich hatte große Hoffnungen in THE EQUALIZER gesetzt, aber dass ich so weggebügelt werden würde, hätte ich nicht zu träumen gewagt. Ein Kracher, der aber, so hoffe ich, ohne das angekündigte Sequel auskommen wird. Denn so sehr ich mich über den Erfolg des Filmes freue und so gern ich mehr von McCall sähe, so wenig braucht THE EQUALIZER einen Nachklapp, so sehr dieses auch arschtreten mag. Jede Fortsetzung kann diesen Charakter nur trivialisieren, ihm Bedeutung und Nachhaltigeit rauben (auch hier siehe als Vergleich den traurigen TAKEN 2). Und ich will ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn hier gesehen habe, will, dass er wieder im Nebel des Mythischen verschwindet, in seinem urbanen Schlummerzustand, aus dem er hier einmal aufgeweckt wurde.

Durch die Unachtsamkeit eines Bahnmitarbeiters rast ein führerloser, mehrere hundert Meter langer und mit hochexplosiven Chemikalien beladener Zug auf eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes zu. Zur gleichen Zeit befinden sich der alte Zugführer Frank (Denzel Washington) und der neue Schaffner Will (Chris Pine) auf Kollisionskurs. Nachdem sie dem Tod haarscharf entgangen sind, begeben sie sich auf eine Verfolgungsjagd: Ihr Ziel ist es, den außer Kontrolle geratenen Zug einzuholen, mit ihrer Lokomotive anzudocken und ihn so zu bremsen …

Man kann sich darüber streiten, ob Tony Scotts letzter Film ein passender Abschluss einer leider vorzeitig beendeten und oft nicht genug gewürdigten Regielaufbahn ist. Mit den Hightech-Thrillern, die Scotts Filmografie seit den mittleren Neunzigerjahren bestimmten, hat UNSTOPPABLE herzlich wenig zu tun. Die einzige offenkundige Anbindung an sein Werk ist die Mitwirkung seines Lieblingsschauspielers Denzel Washington, der  in 4 der letzten 5 Filme Scotts die Hauptrolle übernahm. Passend zu seinem Sujet ist UNSTOPPABLE ungemein geradlinig, läuft von der ersten Sekunde zielstrebig auf sein Finale zu, wird dabei wie der führerlose Zug immer schneller, entwickelt einen immer stärkeren Sog. Keine Tricks, keine Twists, keine Verschwörungen oder technischen Gimmicks: Nur ein Zug und zwei Typen, die den Tag retten wollen, weil sie die einzigen sind, die dazu noch in der Lage sind. Und weil es irgendwie auch ihr Job, ihre Pflicht ist. Ja, auch hier gibt es die obligatorische Kommandozentrale mit ihren zahlreichen Bildschirmen, Telefonen, ein- und ausgehenden Updates, die Blicke auf den Fernseher mit seinen News-Flashes. Aber diese Elemente sind hier eher der Genrekonvention geschuldet – UNSTOPPABLE entspringt der in den Siebzgerjahre geprägten Tradition des Katastrophenfilms, der sich ja nicht nur Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Feuersbrünsten,  Fluten und Stürmen, sondern auch abstürzenden Flugzeugen, sinkenden Schiffen und eben außer Kontrolle geratenen Zügen widmete –, weniger Scotts persönlicher Obsession. Sie sind ein nötiges Handlungselement, nicht selbst Thema. Hier rückt stattdessen etwas in den Mittelpunkt, was bei Tony Scott oft von der Technik an den Rand gedrängt wird: der Mensch. Und insofern ist UNSTOPPABLE dann vielleicht als eine Art erklärender Exkurs, als Kommentar, Fußnote zum eigentlichen Textkorpus zu verstehen: Alle schöne und nützliche Technik nutzt uns nichts, wenn es keine Menschen gibt, die verantwortungsvoll damit umgehen. Irgendwann versagen alle tollen Hightech-Gadgets und dann liegt es an zwei gottverdammten Eisenbahnfahrern, die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Die trotz aller Spannung nicht ganz von der Hand zu weisende Enttäuschung über die Simplizität von UNSTOPPABLE ist bei mir irgendwann totaler Euphorie gewichen. Gibt es etwas Schöneres, Erhebenderes als diesen „Alltagsheroismus“, dem Scott hier ein Denkmal errichtet? Zwei Arbeitern dabeizuzusehen, wie sie ihr Leben riskieren, ohne jedes Kalkül, ohne Selbstherrlichkeit und falsches Pathos, um eine Katastrophe zu verhindern, die sie persönlich ja nicht trifft? Einfach, weil sie Menschen sind, die es als ihre Pflicht ansehen, das Leben anderer Menschen, die genauso gewöhnlich sind wie sie selbst, zu retten. Dieser vermeintlich banale Katastrophen-Thriller ist plötzlich gar nicht mehr so banal, sondern im Gegenteil überaus profund. Er ist voller Liebe und wenn man ihn sich ansieht, mit zunehmend feuchteren Augen, dann begreift man, dass es keine Alternative zur Solidarität gibt. Jeder könnte ein Opfer sein. Und ein Held. Vielleicht gibt es Filme, die geeigneter sind, zu zeigen, was für ein Filmemacher Tony Scott war. Aber wenn man wissen will was für ein Mensch Tony Scott war, dann muss man UNSTOPPABLE sehen.

Die Änderungen, die Regisseur Tony Scott und Drehbuchautor Brian Helgeland, gegenüber der Erstverfilmung von John Godeys Roman, Joseph Sargents eiskaltem THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE, vorgenommen haben, sind geringfügig, aber markant. Sie zeigen auch, wie sich die öffentliche Wahrnehmung und staatliche Handhabung einer die Grenze zum Terrorismus beschreitenden Geiselnahme in den letzten 40 Jahren (vor allem natürlich im Jahrzehnt nach 9/11) verändert haben – und welche unheilvolle Bedeutung dem Finanzwesen heute zukommt. Sargents Adaption war im weitesten Sinne dem Heist- und dem Polizeifilm verpflichtet: Es ging um den Coup einiger typischer Profis und ihre Ergreifung durch die akribische Polizeiarbeit des stoischen Ermittlers Garber (Walter Matthau). Eher am Rande thematisierte Sargent die Angst einer Stadt, deren Schicksal von der Gnade eines Verbrechers abhängt, zeigte, dass es damals keinen Präzedenzfall für ein Verbrechen der gezeigten Dimension gab, keinerlei verlässliche Routine in seiner Aufklärung. In Scotts mit dem Begriff „Remake“ nur unzureichend beschriebenen Film (in der Titlesequenz beruft er sich direkt auf den zugrundliegenden Roman, nicht auf Sargents Film) handelt es sich beim Oberschurken um einen ehemaligen Wall-Street-Mann, dem die Erpressung der Stadt New York nur Mittel zum eigentlichen Zweck ist: Er spekuliert auf einen großen Börsencrash in der Folge seines Verbrechens, der ihm die eigentlichen dicken Gewinne bescheren soll. Ihm gegenüber steht mit Garber nicht länger ein Polizist, sondern ein wegen Korruptionsverdacht in Ungnade gefallener Bahnbeamter, in dem der Gangster einen Verbündeten zu sehen glaubt. Und so sehr es letztlich die persönliche Verbindung der beiden ungleichen, aber doch verwandten Männer ist, die das Ende des Geiseldramas herbeiführt, so deutlich wird doch, wie sich die Vorzeichen eines solchen Coups durch Überwachungstechnologie und Vernetzung sowie einen aufgerüsteten Krisenapparat verändert haben.

Bei Letzterem wird natürlich sofort hellhörig, wer sich in den vergangenen Jahren mit Scotts Werk beschäftigt hat: Auch THE TAKING OF PELHAM 123 hat sie wieder, diese unzähligen Aufnahmen von Bildschirmen und den Männern, die vor diesen sitzen, um die Bilderflut zu analysieren, aus ihnen das herauszufiltern, was nicht zu sehen ist. Der Protagonist – und seine Helfer, aber auch seine Feinde, ja, eigentlich alle – ist bei Scott stets Medie-Interpret, -Übersetzer, -Psychologe und -Archäologe mit dem Problem, ein Zuviel an irrelevanter oder auch einnader widersprechender Information zur Verfügung zu haben. Information ist bei Scott immer nur Information zur Information. Das letzte Puzzlestück, des Rätsels Lösung, findet sich nicht auf den Bildschirmen, in den Telefongesprächen, auf den Tonbändern und Zeitungsausschnitten. Es liegt am Ende doch beim Menschen oder vielmehr zwischen ihnen, in einem Blick oder einem hingeworfenen Satz. Das Problem eines dicht gewebten Informationsnetzes: Das, was durch die Maschen rutscht, wird immer kleiner, seine Kraft dadurch aber immer größer.

THE TAKING OF PELHAM 123 ist ein Hochglanz-Thriller, der auch ohne tiefschürfende Exegese bemerkenswert rund läuft, vor allem aber wieder mal ein Film, in dessen raffinierte Bilder man stundenlang abtauchen möchte. Von den krassen Schnittgewittern eines MAN ON FIRE oder – extrem bis zur Unverständlichkeit – DOMINO ist Scott schon seit einigen Jahren abgekommen. Die Fragmentierung interessiert ihn nicht mehr, jetzt sucht er wieder innerhalb der Bilder nach dem tieferen Sinn. Passend zu seinem Thema, das sich vielleicht abstrakt als das Wechselverhältnis von Schärfe und Unschärfe beschreiben lässt, zeigt er hier wie per Sofortbild gestochen Scharf aus dem Strom der Zeit isolierte Gestalten vor in der Bewegung sich verflüchtigenden Hintergründen, wirft immer wieder den Blick durch mit Wassertropfen benetzte Scheiben, die das, was dahinter liegt, mit einem zarten Schleier bedecken. Und dann natürlich: Menschen, die auf Menschen auf Bildschirmen starren, oder auf blinkende Lichter auf einer elektronischen Karte, die irgendetwas bedeuten, aber doch nichts verraten. Am Ende sind die USA auch nur eine Hightech-Version des Wilden Westens, in dem der Bad Guy und der Good Guy ihren Konflikt im Duell austragen müssen. Und dabei fliegen dann ordinäre Kugeln und fließt das gleiche Blut wie seit Jahrhunderten.

30 Jahre nachdem die Erde von einem Atomkrieg zerstört wurde, wandert Eli (Denzel Washington) mit dem letzten verbliebenen Exemplar der Bibel durch die einstigen Vereinigten Staaten gen Westen, weil ihm eine Stimme dies befohlen hat. In einer Siedlung begegnet er Carnegie (Gary Oldman), der eine neue menschliche Zivilisation begründen will und dafür auf der Suche nach ebenjenem Buch aller Bücher ist – vor allem, weil er sich davon erhofft, so selbst zum Führer messianischen Ausmaßes zu werden …

Fast zehn Jahre nach ihrer letzten gemeinsamen Regiearbeit FROM HELL versuchen sich die Hughes-Brüder mit THE BOOK OF ELI am Endzeitgenre, allerdings wie schon beim Vorgänger mit eher mittelmäßigem Erfolg. Das größte Problem des Films ist wohl, dass er ästhetisch absolut vorhersehbar ist: In ausgewaschenen monochromen Farben wird die postnukleare Welt als endlose Staubwüste gezeichnet, die marodierenden Banden streunen in aus der MAD MAX-Requisite entliehenen Klamotten herum, hin und wieder suggeriert eine Aufnahme aus der Vogelperpektive den göttlichen Blick, der über Elis Mission wacht und sich anschaut, was die Menschen aus der Schöpfung gemacht haben. Ich vermute mal, dass man hinterher nicht mehr weiß, wo der eine Film aufgehört und der andere angefangen hat, wenn man THE BOOK OF ELI im Double Feature mit THE ROAD schaut. Denzel Washington, der eine ganze Karriere lang am Image des rechtschaffenen Ehrenmannes, hinter dessen kultivierter Fassade der Badass schlummert, gefeilt hat, ist zwar die Idealbesetzung für den Endzeitpropheten Eli, der sich vom gewiesenen Weg nicht abbringen lässt und unter göttlicher Protektion steht, doch raubt dieser Besetzungscoup dem Film auch noch die letzte Spannung. Und weil die Hughes-Brüder wohl selbst wussten, dass ihr Film nicht besonders aufregend ist, müssen am Ende gleich drei große Enthüllungen her, die THE BOOK OF ELI nichts Wesentliches hinzufügen, außer zu beweisen, dass Einfallslosigkeit nicht durch schnöde Gags kompensiert werden kann.

THE BOOK OF ELI ist, machen wir uns nichts vor, nicht mehr als Hollywood-Mainstream. Als solcher ist er zwar eine ganze Ecke besser als vieles, was man mittlerweile über sich ergehen lassen muss, krankt aber immer noch daran, dass er viel zu viele Standards inkorporiert, die dem Zuschauer zwar schnell die Orientierung ermöglichen, aber eben auch verhindern, dass irgendetwas wirklich Spuren hinterlässt. Man muss den Hughes-Brüdern dankbar dafür sein, dass sie auf einen aufgeblasenen Showdown und allzu großen Lärm verzichtet haben: THE BOOK OF ELI endet angemessen unspektakulär und nicht im religiös-pathetischen Überschwang, den man sich bei dieser Thematik längst gewöhnt hat, schlucken zu müssen. Und auch sonst profitiert er sehr davon, dass vergleichbare Werke sonst deutlich dümmer sind. Das macht ihn aber entgegen landläufiger Meinung im Umkehrschluss noch nicht zu einem intelligenten Film.