Mit ‘Diana Rigg’ getaggte Beiträge

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PARTING SHOTS trägt einen mehr als passenden Titel, beendete Michael Winner mit dieser schwarzen Komödie doch eine über 30 Jahre andauernde Regiekarriere. Ob das so beabsichtigt war, weiß ich nicht. Winner hatte noch andere Interessen und machte sich bis zu seinem Tod im Jahr 2013 noch einen Namen als Kolumnist und Buchautor (er hatte sich schon in seiner Jugend und während des Studiums als Journalist verdingt). Liest man seine Autobiografie „Winner takes all“ und beschäftigt sich mit seiner Filmografie, wird man den Eindruck, Film war für ihn nur Mittel zum Zweck, nicht ganz los. Seine Arbeiten sind unverwechselbar, aber mehr als Kunst zu schaffen, scheint es ihn interessiert zu haben, zu provozieren und Debatten anzuregen. Film war aufgrund der Aufmerksamkeit, die ihm entgegengebracht wird und sicher auch des Wohlstands, den er ermöglichte, der beste Weg, das zu erreichen. Möglicherweise beschloss er nach PARTING SHOTS – er war damals immerhin schon 63 Jahre alt -, dass es nun Zeit war, sich einer etwas entspannteren Ausdrucksform zu widmen. Vielleicht waren es aber auch die vernichtenden Resonanzen, die ihn dazu bewogen, das Filmedrehen aufzugeben.

PARTING SHOTS wurde bei Erscheinen in seltener Eintracht verrissen und die Journalisten überschlugen sich fast mit ihren Superlativen. Man unterstellte dem Film, den Stand des britischen Kinos um 20 Jahre zurückzudrehen, bezeichnete ihn als „Folter“, als „abstoßend“, „menschenverachtend“ , als „schlechtesten britischen Film aller Zeiten“ und einen der schlechtesten Filme überhaupt. Nun ist PARTING SHOTS (den ich nur in einer deutsch synchronisierten Fassung gesehen habe) gewiss nicht gerade der Film, den man einem einst gefeierten Regisseur zum Karriereabschluss wünscht. Er wirkt ein bisschen wie ein Fernsehfilm, ein ambitionierter zwar, aber eben doch wie ein Fernsehfilm und es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass sich Winner damals allzu viele Gedanken machte. Der Film wirkt hingeworfen und inhaltlich widmet er sich wieder einmal dem Thema der Selbstjustiz, fast so, als wäre Winner nichts mehr eingefallen, aber als könnte er sich immerhin noch daran erinnern, dass man den weichgespülten Liberalen damit ordentlich ans Bein pissen kann. „Lazy“ ist wohl der richtige Ausdruck für Winners Haltung als Regisseur dieses Werks. Aber: So ganz unsympathisch, wie ihn die Rezensenten darstellten, fand ich PARTING SHOTS nun auch wieder nicht.

Der Hochzeitsfotograf Harry Sterndale (Chris Rea) erfährt, dass er Krebs im Endstadium und nur noch knappe sechs Wochen zu leben hat. Weil nun eh alles egal ist, beschließt er, alle Menschen, die ihm übel mitgespielt haben, umzubringen. Als erste muss seine Ex-Frau Lisa (Diana Rigg) dran glauben, danach der schurkische Anlageberater Layton (Bob Hoskins), der Harry einst um sein ganzes Vermögen geprellt und so den Zusammenbruch seiner Ehe eingeleitet hatte. Beim Mord an Layton lernt er dessen Sekretärin Jill (Felicity Kendal) kennen und die beiden verlieben sich sofort. Sie hilft ihm bei seinen weiteren Racheakten, er will ihr eine stattliche Versicherungssumme zukommen lassen, indem er einen Killer (Oliver Reed) anheuert, ihn umzubringen. Doch dann kommt ihm die Polizei auf die Schliche …

PARTING SHOTS bedient all die Rachefantasien gegen missgünstige Eheweiber, eklige Betrüger, verlogene Chefs, arrogante Großmäuler und die Mitschüler, die uns die Schulzeit zur Hölle machten, die zumindest nach Winners Überzeugung in jedem schlummern. Dass Harry alles Recht der Welt hat, stellt der Film nie in Frage: Jedes einzelne seiner Opfer hat den Tod verdient und Winner/Harry zelebrieren ihn mit Genugtuung. Harry hingegen, ein liebenswerter Hänger, und seine neue Freundin, die brave, loyale Jill, werden von Winner ins moralische Recht gesetzt. Klar, Mord ist Mord, aber manchmal sollte man es eben nicht so genau nehmen mit dem Gesetz. Am Ende geht Harry tatsächlich straffrei aus, weil der gedungene Killer seine Morde auf sich nimmt. Als letzten Gefallen und Schlusspointe des Films bittet er Harry nur, seinen letzten Auftrag für ihn auszuführen. Alle lachen, Ende. PARTING SHOTS ist sicher in bad taste, vor allem, weil Winner alle Morde geradezu slapstickhaft inszeniert und die unschönen, blutigen Details im Off hält. Es gibt keine Konsequenz außerhalb der Genugtuung Harrys, seine Opfer sind Pappkameraden, deren Tod keinerlei Spuren hinterlässt, keinerlei trauernden Verwandten, und wenn doch, dann werden diese von Winner gleich mit lächerlich gemacht. Das darf man durchaus geschmacklos finden, aber es bestätigt ja streng genommen nur, was man von Winner eigentlich eh schon wusste.

Wenn ich PARTING SHOTS aber etwas eindeutig zugute halten möchte, neben der Besetzung, die zeigt, welches Gewicht Winners Name auch zu diesem späten Zeitpunkt seiner Karriere noch hatte, dann ist es die Rolle, die er Oliver Reed zuweist. Der Schauspieler war ein enger Freund Winners, hatte ihm seine Karriere zu verdanken und mit seiner Darbietung in THE SYSTEM, THE JOKERS und I’LL NEVER FORGET WHAT’S ‚ISNAME seinerseits einen Beitrag zum Aufstieg des Regisseurs geleistet. Hier bekommt er eine kleine, aber doch wichtige Rolle, die – ganz unabhängig von der fragwürdigen Qualität von PARTING SHOTS – ein schöner Abschluss seiner Karriere gewesen wäre. Wir wissen, dass es anders kam, dass Reed auch auf Anraten Winners dem Ruf Ridley Scotts ans Set von GLADIATOR folgte, bei dessen Dreharbeiten er dann ein Jahr später verstarb. Ich gönne es diesem großen Schauspieler und kompromisslosen Typen, noch einmal in einer großen Hollywood-Produktion agiert zu haben, von denen man ihm mehr gewünscht hätte, aber den schöneren Part, den hat er in PARTING SHOTS, der bestimmt nicht der schlechteste Film der Welt ist, aber ganz gewiss der schlechteste mit Schmuseblueser Chris Rea.

 

On Her Majesty's Secret Service (1969)In meinem Text zu YOU ONLY LIVE TWICE schrieb ich, der Film suggeriere im Titel und in seiner sich zart anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Bond und seiner Tarn-Gattin Kissy ein mögliches anderes Leben für seinen Helden, ein Leben außerhalb des Geheimdienstes, als Liebhaber, Ehemann, vielleicht Vater. ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE legt nahe, dass das auch den Verantwortlichen nicht verborgen geblieben ist, denn Peter Hunt verfolgt diese Linie mit seinem Film konsequent weiter und liefert seinerseits eine Utopie ab: Ein letztes Mal scheint in einem Bondfilm alles möglich, meint man, die vorangegangenen fünf Filme könnten nur die Exposition für etwas Größeres sein, etwas, dessen genauen Umrisse man noch nicht zu erkennen in der Lage ist, offenbart die Figur des Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten ungeahnte Tiefen, deutet sich eine Zukunft an, die deutlich schwierigere Herausforderungen bereithält als die Auseinandersetzung mit in letzter Konsequenz austauschbaren Megalomaniacs. Leider kam alles anders. Und die Strategie der Produzenten, diesen Film als Ausrutscher darzustellen, der aufgrund seines unfähigen Hauptdarstellers zum Scheitern verdammt war, ist ja durchaus aufgegangen. Dabei muss jeder, der Augen im Kopf und seine fünf Sinne beisammen hat, doch merken, dass ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE schlicht wunderschön ist, ein Gedicht, vielleicht der einzige Bond, der wirklich emotional nachhallt, und ja, vielleicht tatsächlich der beste Film der Reihe. Und Lazenby? Natürlich muss der neben dem natürlichen Charismas Connerys etwas blass wirken, aber tatsächlich schadet das der Rolle überhaupt nicht, akzentuiert viel eher ihre Normalität und Verwundbarkeit, die für diesen Film so wichtig ist. Lazenbys Darbietung – er interpretiert Bond mit juveniler Arroganz als etwas jungemhaft wirkenden Emporkömmling – ist keineswegs schlecht, und dass er heute in erster Linie als Treppenwitz der Geschichte gehandelt wird, ist eine der großen Ungerechtigkeiten der Filmgeschichte (die er durch einen mit dem Engagement einhergehenden Größenwahn möglicherweise mitverschuldet hat).

Schon die Auftaktszene ist reine Verführung: Bond erblickt an einem nächtlichen Strand eine schöne Frau (er scheint sie verfolgt zu haben), die drauf und dran ist, sich zu ertränken. Er zieht sie aus dem Wasser, wird dann aber von ein paar Schlägern überfallen. Er kann sie bezwingen, doch da ist die Frau bereits wieder mit ihrem Wagen abgerauscht, nur ihre Slipper hat sie zurückgelassen. Bond hebt sie auf, und schlendert dann hinein in die stilisierte Titlesequenz. Reine Perfektion. Da ist aber noch etwas, das zunächst etwas verstört: Als der Lazenby-Bond der Frau hinterherblickt, gibt er den selbstreflexiven Kommentar „That never happened to the other fella“ ab, damit natürlich auf den Connery-Bond anspielend und den Schauspielerwechsel offensiv ansprechend, die vierte Wand durchbrechend. ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE hat einige weitere solche Momente, die dem Film den Charakter eines Zwischenfazits geben, aber auch die Unsicherheit greifbar machen, die nach dem Verlust Connerys unweigerlich vorherrschte: Während der Titlesequenz sieht man Bilder der Bond-Girls aus den vorangegangenen Filmen, später pfeift ein Statist die Melodie von GOLDFINGER und als Bond seine Kündigung einreicht und seinen Schreibtisch durchsucht, stößt er dabei auf aus den Vorgängern bekannte Requisiten. All diese kleinen Momente waren nicht gerade dazu geeignet, Lazenbys Status zu stärken. Beim Zuschauer musste das als Eingeständnis ankommen, mit dem Australier eine ungeliebte Notlösung an Bord geholt zu haben, die mit Connery nicht mithalten konnte. Für den unvoreingenommenen Zuschauer spielt das freilich keine Rolle, denn Stammautor Richard Maibaum liefert ein vor Ideen nur so übersprudelndes Drehbuch ab, entwickelt das Franchise in völlig neue Richtungen, die es durchaus fraglich erscheinen lassen, ob das mit Connery funktioniert hätte.

Zwei Geschichten laufen parallel ab: Zum einen Bonds Suche nach Blofeld (Telly Savalas), die nach zwei Jahren ohne Erfolg stagniert, zum anderen eine Liebesgeschichte, die mit Bonds Entfremdung von seinem Job einhergeht. Bond wird von dem Fall Blofeld abgezogen, reicht seine Kündigung ein, bekommt stattdessen Urlaub. Während dieser Zeit nimmt er die Verbindung zu der Frau vom Strand auf, der verführerischen Tracy (Diana Rigg), Tochter des Bauunternehmers Draco (Gabriele Ferzetti), der selbst Beziehungen zum organisierten Verbrechen unterhält und auch Blofeld zu kennen vorgibt. Zwischen Bond und Tracy entspinnt sich völlig unabhängig von den sich eröffnenden Möglichkeiten eine Liebesgeschichte, die Draco mit Wohlwollen beobachtet. Seine labile, suizidale Tochter benötigt seiner Meinung nach einen Mann, der sie „dominiert“ und sie so zur Vernunft bringt. Bonds Ja-Wort ist ihm eine satte Million wert, doch zunächst hat Bond es auf Blofeld abgesehen. Wie Maibaum diese beiden Geschichte nebeneinander aufbaut, ist meisterhaft, weil er beide Stränge voll entwickelt, schließlich kreuzt und parallel zu einem niederschmetternden Ende führt. Die Liebe zu Tracy, die im Mittelteil des Films ganz verschwindet, schwebt auch über Bonds Mission, wenn er sich in Blofelds „Klinik“ in den Alpen inmitten einer Schar attraktiver Patientinnen wiederfindet, aber dabei so ungewohnt zurückhaltend bleibt, dass man ihn für homosexuell hält. Wenn Tracy dann unerwartet wieder auftaucht und beide zusammen in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelt werden, bekommt ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE etwas entschieden BONNIE & CLYDE-eskes: Das Adrenalin pumpt nur so und die sonst eher grimmige Action wirkt geradezu befreiend, wie ein Taumel der überschäumenden Emotionen. Eine kurze Pause in einer eingeschneiten Scheune bietet Raum für entfesselte Poesie und eine herrliche Weichzeichner-Vignette, bei der Riggs blutrote Lippen und der Kragen ihres Pelzmantel im Gegenlicht zu einer Sonne der Verheißung verschmelzen. Das ist Liebe, da auf der Leinwand.

Der Blofeld-Strang ist wesentlich stringenter entwickelt als sonstige Bond-Plots, bekommt durch Savalas‘ kantigen Machismo zudem eine Körperlichkeit, die in YOU ONLY LIVE TWICE mit dem schwächlich-neurotischen Pleasence-Blofeld ganz abwesend war. Die Bedrohung für die Doppelnull ist hier sehr viel greifbarer als jemals zuvor: Zwar verfolgt Blofeld auch hier wieder einen bizarren Weltbeherrschungsplan – die unter seiner Kontrolle stehenden Patientinnen werden mit einem biologischen Kampfstoff in die Welt entlassen, wo sie auf ihre Aktivierung warten –, aber der ist eigentlich ein klassischer red herring. Es geht um Bonds Überleben, simple as that. Zum ersten Mal in der Reihe hat er etwas zu verlieren, zum ersten Mal einen Gegner, der es mit bedrohlichem Fanatismus nur auf sein Leben abgesehen hat – Blofeld wirft sich hier in den von Willy Bogner choreografierten Ski-Verfolgungsjagden sogar selbst ins Gefecht. Aber Hunt betreibt nicht bloß eine materialistische Vereindeutigung bisheriger Bond-Muster: Wenn Blofelds donnernde Stimme per Lautsprecher in die Gemächer seiner Patientinnen dringt, sie mit Sätzen wie I’ve taught you to love chickens, to love their flesh, their voice.“, dann fühlt man sich in ein ganz anderes filmisches Universum versetzt. Grandios auch die Dinnerszene, in der die stakkatohafte Montage die nach strenger Quote aus allen Erdteilen rekrutierten Frauen bei ihrem Abendessen einfängt, das für jede aus genau einem Lebensmittel besteht, dem sie sich nun mit beinahe erotischer Hingabe widmen. ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE ist gleichermaßen off (oder far out, wie es das Plakat nennt) wie er auf emotionaler Ebene klar und eindeutig ist.

Das Ende ist einfach niederschmetternd: Bond ehelicht seine Tracy, träumt mit ihr auf einer mediterranen Küstenstraße von der Zukunft, als Blofeld anrauscht und das Feuer auf den Wagen eröffnet und Bonds Gattin tötet. Ein weinender Bond hält den leblosen Körper in den Armen, den eintreffenden Motorradpolizisten besänftigend, dass „alles in Ordnung“ sei. Der Film endet mit einer Großaufnahme des Einschusslochs in der Frontscheibe des Wagens. Dass dieses Ende im zwei Jahre später wieder mit Connery entstandene DIAMONDS ARE FOREVER komplett ignoriert wurde, ist eines der tragischen Versäumnisse der Reihe. Man kann heute nur davon träumen, was für Filme um einen ausgebrannten, manisch depressiven, hasserfüllten Bond stattdessen hätten entstehen können, welchen Weg die Reihe genommen hätte, hätte man die Vermenschlichung des Helden konsequent weiterverfolgt. Stattdessen bewegte man sich in die exakt entgegengesetzte Richtung, schlug mit der Moore-Ära den Weg zum effektreichen Kintopp ein. Vielleicht ist es aber auch gut so: Der Status von Hunts ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE als bizarres Unikat wird so in alle Ewigkeit bestehen bleiben. Die Wucht, mit der sein Finale ins Herz trifft, muss man allein verarbeiten. Da kommt nichts mehr. Der Schmerz bleibt.