Mit ‘Diana Scarwid’ getaggte Beiträge

Dieses ziemlich seltsame Burt-Reynolds-Vehikel heißt auf Deutsch HEAT – NICK, DER KILLER, ein Titel, den ich bei seiner Ankündigung in einer TV-Zeitschrift als HEAT-NICK, DER KILLER misslas. Ich finde es ja fast ein bisschen schade, dass die deutsche Titelschmiede die Chance fahren ließ, Burt Reynolds‘ Charakter den Spitznamen „Heat-Nick“ zu verpassen, es hätte zum Film auf jeden Fall gepasst.

HEAT basiert auf einem Roman des renommierten Autoren William Goldman, das er dann selbst für die Verfilmung adaptierte. Zu den Credits des Mannes zählen unter anderem solche illustren Titel wie BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID, PAPILLON, ALL THE PRESIDENT’S MEN, THE MARATHON-MAN, THE PRINCESS BRIDE oder MISERY, um nur einige zu nennen, was vielleicht erklärt, warum ursprünglich Robert Altman als Regisseur vorgesehen war. Der Altmeister absolvierte aber nur einen einzigen Drehtag, weil sein Stammkameramann Pierre Mignot kein Visum erhielt. Es war der Anfang einer ganzen Reihe von Komplikationen, die wohl dazu führten, dass HEAT so einen unfassbar holprigen Gesamteindruck macht. Insgesamt waren angeblich nicht weniger als sechs Regisseure an dem Film beteiligt. Für Dick Richards, der irgendwann übernahm und sich mit seinem Star so heftig in die Wolle bekam, dass dieser ihm den Kiefer brach, bedeutete das Engagement sogar das Karriereende. Für ihn sprang dann schließlich Jerry Jameson ein, der fast ausschließlich für das Fernsehen gearbeitet hatte, unter anderem für Serien wie CANNON, THE SIX MILLION DOLLAR MAN oder IRONSIDE, aber auch den stulligen AIRPORT ’77 zu verantworten hatte. Burt Reynolds nahm das Fiasko gelassen, gab irgendwann mal zu Protokoll, dass Filme wie MALONE oder eben HEAT wahrscheinlich nicht der heißeste Scheiß seien, ihm aber auch keinen wesentlichen Schaden zufügen würden. Wenn man ehrlich ist, befand er sich ja bereits seit den frühen Achtzigerjahren wenn schon nicht im freien Fall, so doch auf jeden Fall auf dem absteigenden Ast. Was HEAT hätte sein können, wenn ihm eine halbwegs normale Produktionsgeschichte zuteil geworden wäre, lässt sich aus dem orientierungslosen Tohuwabohu des fertigen Films kaum rekonstruieren. Irgendetwas müssen die Produzenten in dem Drehbuch Goldmans ja gesehen haben, nur was, das steht in den Sternen. Rund 30 Jahre später wurde der Roman unter dem Titel WILD CARD noch einmal verfilmt, diesmal mit Jason Statham in der Hauptrolle. Ich werde mir den bei Gelegenheit mal zu Gemüte führen, vielleicht verstehe ich HEAT dann ja retroaktiv besser.

Wie dem auch sei: Reynolds ist Nick Escalante, angeblich ein ehemaliger Söldner, zumindest behauptet das Wikipedia, der sich nun in Las Vegas als Privatdetektiv und Bodyguard verdingt und Kontakte zum organisierten Verbrechen hat. Sin City löst bei ihm Kopfschmerzen aus, weshalb er sich nach Venedig absetzen will, doch dafür benötigt er 100.000 Dollar. Hier könnte sich nun eine zielstrebig erzählte Geschichte über einen Auftrag für Nick anschließen, mit dem er das benötigt Geld verdienen will, stattdessen setzt es eine lose verbundene Abfolge von Episoden, die angerissen und fallen gelassen werden, am Ende aber doch zum Happy End in der Lagunenstadt führen. Der Ton changiert wüst von reißerisch über komisch bis hin zu depressiv-dramatisch, ohne dass es jemals Sinn ergeben würde. HEAT beginnt leichtfüßig mit einer Szene, in der Nick eine Frau in einer Kneipe auf schmierigste Art und Weise anbaggert und dann von deren schmächtigem Freund in die Schranken verwiesen wird. Das Ganze entpuppt sich in der nächsten Szene als abgekartetes Spiel: Der Freund hatte Nick engagiert, um seiner Freundin etwas vorzugaukeln und sie so an sich zu binden. Als nächstes beauftragt Nick der Milchbubi Cyrus Kinnick (Peter MacNicol), ihn beim Glücksspiel zu beschützen, was angesichts der lächerlichen Beträge, die er setzt, vollkommen sinnlos erscheint. Das bemerkt dann immerhin auch Nick. Wieder zu Hause wird er von seiner Freundin Holly (Karen Young) aufgesucht, einem Callgirl, das von seinem Freier, dem Gangster Danny DeMarco (Neill Barry), vergewaltigt und dann von dessen Leibwächtern übel verdroschen wurde. Nick gewandet sich in ein bizarres Pimpkostüm, schickt sich selbst als Strafzettel und nimmt dem Schmierlappen 20.000 Dollar ab, die Holly ihrem Beschützer überlässt. Das Geld setzt Nick im Casino ein und erhöht sein Vermögen schnell auf die 100.000, die er eigentlich braucht. Ende gut, alles gut? Nein, denn aus 100.000 könnte er ja auch 250.000 machen. Nick verliert alles und wird als nächstes wieder mit DeMarco konfrontiert. Es kommt zum Kampf, bei dem ihm Cyrus das Leben rettet und schwer verwundet wird. Am Ende reisen beide zusammen nach Venedig, denn das sich als ausgesprochen wohlhabend entpuppende Weichei hat einen Narren an Nick gefressen und überlässt ihm gern einen Teil seines Vermögens.

Ich versuche ja eigentlich, hier von ausufernden Inhaltsangaben und Zusammenfassungen abzusehen, weil das für mich genauso öde ist wie für meine Leser, aber im Falle von HEAT erscheint es mir durchaus als sinnvoll, mal eine Ausnahme zu machen. Der Film ist all over the place, mal Komödie, dann wieder Crimefilm und Zockerdrama, ein bisschen Neo-Noir über den ausgebrannten, desillusionierten Profi und am Schluss harter Actionreißer. Vor allem von letzterem serviert Richards aber leider viel zu wenig: Wenn Nick endlich zu Heat-Nick, dem Killer, wird, Bösewichte mit gezieltem Stahlstangenwurf an einem Stromkasten aufspießt, Leute anzündet, indem er sie mit Benzin übergießt und dann die Hängelampe über ihnen mit einem Sprungkick zertritt, sodass Funken hinabregnen, oder auch Kreditkarten als Schlitzinstrumente zweckentfremdet, kommt erhebliche Freude auf (die auch der fragwürdige Schnitt nicht ruinieren kann). Diese Freude ist aber nie von Dauer, weil als nächstes ein kompletter Genre- und Stimmungswechsel ansteht. Immer, wenn man denkt, dass es jetzt interessant werden könnte, gibt es einen harten Bruch und eine schlechte Idee. Dass Reynolds‘ angeborene Souveränität hier die Grenze zur Indifferenz deutlich überschreitet, trägt auch nicht gerade dazu bei, dass man dem Geschehen mit schlotternde Knien beiwohnt. Am Ende ist HEAT vor allem eine Kuriosität, wie sie sich Hollywood heute komplett abgewöhnt hat. Reynolds kam mit dem deutlich besseren MALONE zurück, danach ist sein Output eher zum Weglaufen, wobei ich RENT-A-COP auch immer mal sehen wollte. Der hat bestimmt auch so einen geilen Saxophon-Score wie HEAT.

 

Meiner bescheidenen These nach ist MOMMIE DEAREST ein sublimierter Rape-and-Revenge-Film, der das zentrale Thema des Subgenres auf eine Metaebene hievt: In der letzten Szene des Films wohnen Christina Crawford (Diana Scarwid) und ihr Adoptivbruder Christopher (Xander Berkeley) der Verlesung des Testaments ihrer berühmten Mutter  Joan Crawford (Faye Dunaway) bei und müssen erfahren, dass die Demütigungen und Qualen, die beide unter der Fuchtel der tyrannischen, manisch-depressiven, narzisstischen und zudem alkoholsüchtigen Frau erleiden mussten, auch mit ihrem Tod noch nicht beendet sind: Beide erhalten vom Vermögen des einstigen Superstars keinen Pfennig. „As usual, she has the last word.“ kommentiert Christopher die Testamentsverlesung und seine Schwester antwortet ihm mit einer Gegenfrage, die der Film nachträglich als rhetorisch kennzeichnet: „Does she?“

MOMMIE DEAREST – landauf, landab als sprachlos machender Trash berüchtigt, vor allem wegen der rasenden, furchteinflößenden und aller Sicherungen, doppelten Netze und jeglicher Zurückhaltung befreiten Vorstellung von Faye Dunaway – basiert auf dem 1978 veröffentlichten gleichnamigen Bestseller von Christina Crawford, die ihre Mutter darin posthum als unberechenbares Monstrum und  ihre Erziehung als nicht enden wollende Abfolge von Misshandlungen psychischer wie physischer Natur darstellte, und die der Film in oben beschriebener Szene als verspäteten Vergeltungsakt definiert. Roger Ebert hat zwar Recht, wenn er beklagt, MOMMIE DEAREST „makes no attempt to draw psychological insights from the life of its Joan Crawford. Not even through the shorthand Freudianism much beloved by Hollywood“, aber diese Kritik verfehlt dennoch ihr Ziel, weil es in diesem Film eben nicht darum geht, Verständnis für einen kranken Menschen zu evozieren, sondern um Rache. Frank Perry macht sich mit seiner Regie zu Christina Crawfords Komplizin, indem er seinen Film als kaum zusammenhängende Ansammlung von einzelnen Episoden anlegt, die nach einem immergleichen Prinzip ablaufen: Joan Crawford fordert etwas von ihrer Tochter ein, was diese unmöglich leisten kann, beobachtet ihr Scheitern und bestraft sie dann gnadenlos. Christina will ihr blutiges Steak nicht aufessen? Sie bekommt es noch Tage später vorgesetzt. Sie wagt es, einen teures Kleid auf einen Drahtkleiderbügel zu hängen? Sie wird brutal mit diesem verdroschen. Sie hat das Badezimmer nicht richtig geputzt? Sie wird mitten in der Nacht aus dem Bett gerissen und gezwungen, es erneut zu wischen. Sie überrascht die Mutter im Clinch mit einer ihrer zahlreichen kurzlebigen Liebschaften? Sie wird in eine Klosterschule gesteckt. Und kurz vor Schluss entgeht sie nur mit Glück dem Tod, als ihre Mutter sie zu Boden wirft und versucht, sie zu erwürgen. Faye Dunaway schmeißt sich mit Inbrunst in diese Rolle, reißt MOMMIE DEAREST vollkommen an sich und verwandelt ihn ganz allein kraft ihrer Gesichtsmuskeln in einen Horrorfilm. Und der mag zwar die Regeln klassischer Erzählkunst verfehlen (die neben dem Schauspielerbashing am häufigsten geäußerte Kritik bezieht sich auf den inkohärenten Schnitt, der nie ganz klar macht, wie viel Zeit inzwischen vergangen sein soll und sich widersprechende Szenen aneinanderknüpft), nicht jedoch seine Wirkung.

Das hier ist der Film, der das Quälen eines Kindes und die psychische Störung seiner Protagonistin zum fragwürdigen Entertainment erhebt: MOMMIE DEAREST ist schmerzhaft anzusehen, weil er zumindest in den ersten 60 Minuten konstant im roten Bereich verharrt und kaum Schonung gönnt. Doch je länger dieser Abstieg in menschliche Abgründe andauert, umso mehr gerät ein Aspekt in den Blick, der Perrys Film endgültig in seiner ganzen Widersprüchlichkeit enttarnt und ihn zu einem trügerisch schillernden Artefakt macht: Er zeigt, wie gnadenlos Hollywood seine Stars verheizt, um den letzten Penny aus ihnen herauszupressen, wenn sie mit ihren Filmen keine Gewinne mehr abwerfen. Wurde die Crawford schon während ihrer Karriere mehrfach totgesagt und aufs Abstellgleis geschoben, nachdem man sich während ihrer goldenen Zeiten gern mit ihr brüstete, so war sie nach ihrem Tod wohl endgültig zum Abschuss freigegeben. Es lässt tief blicken, mit welcher Einseitigkeit in MOMMIE DEAREST über das Leben eines der größten Hollywoodstars gerichtet wird: Die Crawford wird in der Darstellung von Faye Dunaway zum Freak gemacht. Entsprechende Details werden immer wieder ins Bild gerückt – die grotesken Masken, die sie im Bett trägt, um ihr Gesicht in Form zu halten, das Geschirr, dass ihr Sohn Christopher in seinem Kinderbettchen tragen muss -, ohne dass sie über ihren Beweischarakter hinaus noch irgendwie mit Sinn aufgeladen würden. Profitstreben und Anstand sind wohl absolut unvereinbar. Dabei bleibt ironischerweise kein Zweifel daran, wie sehr die Filmindustrie Stars wie die Crawford (oder Faye Dunaway for that matter, die den Schatten der Crawford nach dieser beängstigenden Vorstellung nie mehr ganz losgeworden ist) braucht. Perrys Film wäre ohne seine Hauptdarstellerin genauso wenig wert wie Christina Crawfords Buch ohne ihre Mutter. Gut, dass es die Crawford gab: Für ihre zahlreichen Klassiker, aber auch weil die Welt wesentlich ärmer wäre ohne diesen monströsen Film, der mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Körper gejagt hat und eines der faszinierendsten Filmerlebnisse der letzten Monate war. Larger than Life im Wortsinn.  

PS Einen sehr lesenswerten Text zum Film findet man hier.