Mit ‘Diane Lane’ getaggte Beiträge

batmanvsupermanMarvel vs. DC: Das ist heute vielleicht noch mehr eine Glaubensfrage als damals, als es nur die Heftchen mit den bunten Bildern zu kaufen gab. DC hatte die Nase lange Zeit vorn, mit Batman und Superman zwei Charaktere vorzuweisen, die bereits in den amerikanischen Mythenschatz eingegangen waren. Marvels aufgekaufter Captain America war dagegen von Anfang an nur ein Westentaschen-Superman, Spiderman zwar immens populär, aber eben doch nur eine Variation der DC’schen Pionierarbeit. Nur mit den Filmen da will es bei DC nicht so recht klappen, zumindest, wenn man den Nerds und Geeks glaubt, die sich schon längst für das MCU, das „Marvel Cinematic Universe“, entschieden haben, das seit 2008 mit durchschnittlich ein bis drei Filmen pro Jahre fleißig weitergestrickt wird und das jetzt schon bis ins Jahr 2038 vorausgeplant ist. Dabei standen die Sterne für DC eigentlich immer günstig: Der erste Superman-Zyklus und die Burton-Batmans sorgten zu einer Zeit für Aufsehen, als Marvelhelden noch in superbilligen TV-Produktionen herumhampeln mussten bzw. verzweifelt den Sprung auf die Leinwand versuchten. Eine Wende kündigte sich erst um die Jahrtausendwende an, als X-MEN und vor allem SPIDERMAN die Marvel-Offensive einläuteten. Selbst als Marvel mit IRON MAN den echten Startschuss für ihr MCU gaben, hatte DC noch die Nolan-Batmans vorzuweisen, von denen der zweite, THE DARK KNIGHT zu ungeahnter Euphorie führte. Mit THE DARK KNIGHT RISES wurden dann die kritischen Stimmen zu einer Zeit laut, als Marvel in den nächsten Gang schaltete: Während man sich hier über gutgelauntes Popcornkino mit bunten Bildchen freute, wurde da die umfassende Düsternis und „grittiness“ beklagt. Alles aus war dann, als Snyder seinen Superman in MAN OF STEEL ganz Metropolis in Schutt und Asche legen ließ. Ein Affront, der die Weichen für den Backlash stellte, der mit dem Release von BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE über DC hereinbrach. Man konnte offensichtlich nichts richtig machen.

Dabei machen DC zum Auftakt sogar den Kotau vor den Fanboys: Hatte MAN OF STEEL noch die Möglichkeit gelassen, dass bei Supermans Kampf gegen den bösen General Zod nur leere Wolkenkratzer zerstört worden waren (Outlaw Vern hat einen wie ich finde sehr klugen Text zum angeblichen Skandal des Films geschrieben), bestätigt BVS die Interpretation der Zuschauer und lässt Superman (Henry Cavill) infolgedessen eine Art Sündenfall erleben. Die Menschen wenden sich von ihm ab, weil sie erkennen, dass er eine Bedrohung für sie darstellen könnte, Politiker überlegen, wie sie fortan mit ihm umgehen sollen. Und im unweit von Metropolis gelegenen Gotham City hat es einer schon immer gewusst: Bruce Wayne aka Batman (Ben Affleck), für den Superman auch nur ein weiterer Verbrecher ist, dem es das Handwerk zu legen gilt. Gleichzeitig macht sich Superschurke Lex Luthor (Jesse Eisenberg) daran, die Macht zu übernehmen. Der Hass Batmans auf Superman ist seine wichtigste Waffe – und natürlich der Riesenmutant Doomsday, den er aus einer Kreuzung des toten General Zod und seiner eigenen DNA erschafft …

Die Kritik, mit der Snyders Film vom Start weg überzogen wurde, war harsch – und lässt sich kein Stück mit meiner Sichtungserfahrung in Übereinstimmung bringen. Was daran liegen mag, dass ich den gut 30 Minuten längeren Extended Cut gesehen habe: den Vorwurf, der Film sei unzusammenhängend und konfus, den man überall hörte, kann ich BVS beim besten Willen nicht machen, im Gegenteil. Gerade wenn man, wie ich, an Marvelfilmen wie AVENGERS: AGE OF ULTRON beklagt, dass sie wie Collagen aus unfertigen und übereilten Storyfragmenten anmuten, sich mehr darauf konzentrieren, die nächsten drei Filme anzustoßen, als ihre eigene Geschichte zu erzählen, muss einem BVS wie eine Wohltat vorkommen. Der Konflikt zwischen Batman und Superman, der den ethischen Konflikt zwischen übergeordneter, universeller und individueller Moral widerspiegelt, bildet das klare dramaturgische Zentrum, um das sich die eher sparsamen Subplots herumgruppieren. Snyder baut seine Geschichte sehr geduldig auf, anstatt bloß kurze Episödchen aneinanderzureihen und irgendwann den Überblick zu verlieren. Lediglich das beim MCU abgeschaute Anteasern der nun wohl in den Startlöchern stehenden Wonder-Woman- und Justice-League-Filme lenkt etwas ab und steht unverbunden mit dem Rest herum, stört aber auch nicht übermäßig. Was man wohl lieben oder hassen kann, sind das Pathos und die Ernsthaftigkeit, mit der das Ganze umgesetzt wird. Auch ich habe schon mal behauptet, die Marvelfilme böten zu wenig Fun: So gesehen müsste ich BVS eigentlich hassen. Der Unterschied liegt wohl darin, dass Batman und Superman als Figuren einfach um ein Vielfaches interessanter und allgemeingültiger sind als Iron Man, Thor, Captain America oder Ant-Man (Hulk lasse ich mal außen vor, aber mit dem weiß Marvel ja offensichtlich auch nichts mehr anzufangen) und es demzufolge überhaupt als lohnenswertes Unterfangen ist, einen „ernsten“ Film um sie zu stricken.

Das scheint aber nicht mehr besonders gefragt zu sein: Spaßig soll es sein, möglichst wenig nachhaltig, gut wegzukonsumieren. Da kann einem BVS schon mal den Abend verderben mit seiner brüterischen, dunklen, deprimierenden Ader. Auch wenn Snyder den Bogen im ausufernden Finale mal wieder überspannt, kann ich mit seiner Interpretation der Comics mehr anfangen als mit diesen komplett leeren Marvel-Spektakeln, in denen sich ein Dutzend bunt kostümierter Figuren um einen Stein balgen, dessen Bedeutung erst im übernächsten Film geklärt werden wird. Ich fühle mich von BVS einfach als erwachsener Filmzuschauer ernst genommen, während ich mich bei Marvel auf die Rolle des Konsumenten reduziert fühle. Ich glaube, dahinter verbergen sich grundsätzlich andere Ansprüche an oder Konzepte von Unterhaltung. Als ein Makel von BVS wurde angeführt, wie der Streit zwischen Superman und Batman schließlich aufgelöst wird: Batman verschont den geschlagen am Boden liegenden Helden, als er erfährt, dass dessen Mutter auch auf den Namen Martha hört. M. E. wird hier von den Kritikern etwas Grundsätzliches nicht verstanden, nämlich dass Kunst (und vor allem Superheldencomics for chrissakes!) mit Verdichtungen arbeitet. Das sind keine echten, voll durchpsychologisierten Individuen, denen wir da zusehen. Es geht auch nicht wirklich um die zufällig Namensgleichheit, sondern darum, dass Batman erkennt, dass das zu vernichtende Alien wie er EINE MUTTER HAT, mithin „Mensch“ ist. Es ist vielleicht nicht die eleganteste Auflösung für den Konflikt, aber es ist weit von jener Lächerlichkeit entfernt, die mancher darin ausgemacht zu haben glaubt. Aber gut, bei Marvel kommt so etwas natürlich nicht vor, weil die Messlatte da von Anfang an sehr viel tiefer liegt. Wenn man die Sichtweise erfolgreich etabliert hat, dass sowieso alles nur ein buntes Späßchen ist, das man nicht zu ernst nehmen sollte, können auch solche Ausrutscher nicht passieren.

Das Problem von DC ist mithin Folgendes: Snyder (und vor ihm Nolan) haben etwas riskiert, haben Filme gemacht, an denen man sich reiben und die man auch richtig kacke finden kann. Marvel macht Filme, die allen gefallen sollen und sind damit bisher recht erfolgreich (was man anerkennen muss). Aber für die Filmkultur finde ich es trotzdem traurig, dass harmloser Bullshit wie die AVENGERS-Filme oder ein GUARDIANS OF THE GALAXY abgefeiert werden wie die Neuerfindung von geschnittenem Brot, während man sich über MAN OF STEEL oder BVS das Maul zerreißt, weil die Filme es wagen, einen eigenen Stil und eigene Ideen zu etablieren, vielleicht sogar mal von der Vorlage abzuweichen. Aber gut, so richtig wundern muss einen das in unserer Zeit ja nicht mehr.

 

 

936full-streets-of-fire-posterJesus, was für ein Arschtritt. Ich kannte STREETS OF FIRE natürlich schon, fand ihn auch vorher schon toll, aber so dermaßen gekickt wie gestern hat er mich bislang noch nicht. Es war eine dieser Sichtungen, bei denen alles auf wundersame Art und Weise zusammenkommt: Vor allem natürlich Riesenbock auf den Film, sein Dekor, seinen Sound, seinen Rhythmus, aber dann auch ein beinahe uneingeschränkt zu nennendes Verständnis der von Hill aufgebauten Kunstwelt, die Fähigkeit, mit den Figuren und ihren Bedürfnissen und Emotionen total eins zu werden, jedes Bild, jeden Ton, jeden Schnitt, jede Dialogzeile, jede Bewegung, jeden Gesichtszug und jede Geste begreifen und mitfühlen zu können.

STREETS OF FIRE ist ein Meisterwerk, einer jener Filme, die die Ästhetik ihres Jahrzehnts nicht nur in Reinkultur verkörpern, sondern sie transzendieren, totales Kino, ein Werk formgewordener Emotion, ein Traum in Bild und Ton. Eine Rock’n’Roll-Oper, ein Musical, ein Western, ein Actionfilm, ein modernes, dabei aber zeitloses Gewaltmärchen, eine Romanze, ein Neo-Noir, ein Videoclip. Walter Hill war seiner Zeit weit voraus, vereinte das anscheinend Unvereinbare, befreite seine archetypische Geschichte von jedem erzählerischen Ballast, griff auf eine damals revolutionäre Schnitttechnik und neuartiges Filmmaterial zurück, dass es ihm erlaubte, Nachtszenen ohne jede zusätzlich Beleuchtung zu fotografieren. Das Publikum war offensichtlich überfordert, STREETS OF FIRE floppte gewaltig, und heute kann man nur den Kopf schütteln, ob der von so vielen fahrlässig versäumten Gelegenheit, sich dieses Wahnsinnsteil auf großer Leinwand mit weit nach rechts gerissenem Lautstärkeregler zu geben. Es muss ein quaisreligiöses Erlebnis gewesen sein, um das man die, die dabei waren, heute nur noch beneiden kann.

STREETS OF FIRE spielt in einer kleinen, beengten Kunstwelt, die den US-amerikanischen Großstadtmoloch des Gangsterfilms der Dreißigerjahre, die Westernstadt, jene World in a nutshell, und die neonlichtbeleuchtete Verheißung des sehnsuchtsvollen Achtzigerjahre-Nachtfilms miteinander kurzschließt. Tom Cody (Michael Paré) ist der stoische drifter, der nach unbekannt bleibender Tätigkeit in einem mythisch überhöhten, außerweltlichen Draußen zurückkommt in seine Stadt, eine Frontier Town, in der es außer Bars, miesen Absteigen und Vergnügungstempeln, außer Cops, zwielichtigen Gestalten und verzweifelten Glücksrittern auf der Suche nach dem großen Wurf nichts zu geben scheint. Er kehrt zurück, weil seine große Flamme von einst, diese eine Geliebte, über die man nie hinwegkommt, die mittlerweile zur Pop-Heiligen aufgestiegene Ellen Aim (Diane Lane: göttlich) ebenfalls zurückgekehrt ist, für ein frenetisch gefeiertes Konzert, bei dem sie von der Rockergang um Raven (Willem Dafoe) in dessen Drachenhöhle, eine dampfende Industriebrachlandschaft, entführt wird. STREETS OF FIRE erzählt nun von Codys Befreiungsaktion, die der obercoole Loner vor sich und anderen zur bloß materiellen Interessen folgenden Auftragsarbeit rationalisiert, während es ihn innerlich fast zerreißt. Das Push and Pull zwischen ihm und Ellen, von opernhaften Popsongs untermalt und überspitzt, wird zum eigentlichen Motor eines Films, der auf allen Ebenen ständig in Bewegung ist.

Das Timing Hills ist unglaublich, STREETS OF FIRE weniger inszeniert als vielmehr komponiert und orchestriert, da sitzt jeder Schnitt, jeder One-Liner, jeder Blick, jede Kamerabewegung an der richtigen Stelle, wird Film tatsächlich zur Musik, die anschwillt und abebbt, den Zuschauer unrettbar seinen manipulierten Gefühlen ausliefert. Darum geht es: Emotionen. In der Welt von STREETS OF FIRE gibt es kein lauwarm, keine vernünftigen Entscheidungen, keine Kompromisse, keine Taktiererei oder Diplomatie: Alles ist genau das, was es ist. Wenn Cody Ellen liebt, dann will er sie ganz, nach seinen Vorstellungen, ohne Abstriche, und wenn das nicht geht, dann muss er sie ziehen lassen. Andersrum ist es egal, dass dieser Cody ein reichlich ungehobelter Klotz ist, der Ellen auch schon einmal mit der Faust KO schlägt, wenn es die Situation erfordert. Er liebt sie: Daran gibt es keinen Zweifel, das ist die Wahrheit, die von Hill oder den anderen Figuren niemals angezweifelt wird. Genauso verhält es sich mit der Freundschaft zwischen Cody und McCoy (Amy Madigan): Die beiden erkennen in einer Bar sofort ihre Seelenverwandtschaft und schließen sich zusammen. Sie brauchen nicht viele Worte, um sich ihrer gegenseitigen Sympathie zu versichern, müssen sich nicht viel erzählen, um sich zu erkennen. Sie sind aus einem Holz geschnitzt, gehorchen demselben Ehrenkodex, der sie miteinander verbindet. In STREETS OF FIRE liegt alles auf der Hand, aber man erkennt den anderen nicht so sehr an seinem Äußeren, als dass man durch diese Oberfläche direkt in sein Inneres blicken kann. Es gibt keine Lüge, keine Verstellung in Hills Film. Nur Reinheit, im Guten wie im Bösen. STREETS OF FIRE ist ein Märchen, weil er eine solche Welt als traumgleiche Utopie der Jugend an den Nachthimmel wirft.

„Tonight is what it means to be young“, heißt das in der Sprache dieses Films, in dem man sich für immer hoffnungslos verlieren kann, oder auch: „There’s nothin‘ wrong with goin‘ nowhere, baby, But we should be goin‘ nowhere fast, It’s so much better goin‘ nowhere fast“. Wenn es schon keinen Ausweg aus dem Leben in dieser heruntergekommenen Drecksstadt gibt, wenn die Liebe schon nicht lebbar ist, dann muss wenigstens aus jedem Moment das Maximum rausgeholt werden, bleibt keine Zeit für Spielchen und den braven Mittelweg. Dann gibt es nur Vollgas und Lautstärke 10. Einmal wie Cody sein, Ellen Aim anbeten, sie mit entschlossener Firepower aus den Fängen des Schurken befreien, sie im strömenden Regen küssen, Lebewohl sagen, sich umdrehen und in die Nacht hinausfahren, das wär’s.

Man-of-steel-Kann sich noch irgendjemand wirklich an SUPERMAN RETURNS erinnern, Bryan Singers Versuch, dem wohl berühmtesten Comic-Superhelden der Welt nach fast 20 Jahren Leinwand-Abstinenz zu einem Comeback zu verhelfen? Und zwar „Erinnern“ nicht bloß im einfachsten Sinne als Wissen um seine Existenz verstanden, sondern als zurückbehaltener, halbwegs lebendiger Eindruck von Bildern und Handlung, seinem „Wesen“? Ich auch nicht.

Ich prognostiziere, dass das mit Zack Snyders Film anders sein wird. Wahrscheinlich wird auch er nichts daran ändern, dass man Superman auf ewig mit Christopher Reeve verbindet – das hat etwas mit der Zeit zu tun, in der Donners und Snyders Filme jeweils entstanden; aber doch hat Snyder es geschafft, der von vielen als überkommen empfundenen Figur neue Facetten abzugewinnen und einen sehr eigenständigen Superheldenfilm vorzulegen, etwas, das Singer eben nicht gelang. Dennoch ist MAN OF STEEL nicht rundum beglückend. Es ist wie so oft, wenn Snyder einen neuen Film vorlegt: Meist eilen ihm seine Ambitionen hoffnungslos davon, kann er mit dem Tempo, das er selbst vorgegeben hat, nicht mithalten. So verkommt auch MAN OF STEEL im letzten Drittel zur zwar durchweg beeindruckend anzusehenden, aber auch ungemein ermüdenden Materialschlacht und Dauerbalgerei. Man verzeiht ihm das, weil die erste Stunde wahrhaft zum Niederknien schön ist.

Snyders MAN OF STEEL ist ein unglaublich trauriger Film. Die Fähigkeiten des Außerirdischen Kal-El (Henry Cavill), der zunächst als einziger Überlebender seines Heimatplaneten von seinen Eltern auf die Erde geschickt wurde, machen ihn nicht zum strahlenden Helden, sondern vor allem eins: einsam. Was seine Aufgabe sein soll, warum er auf der Erde landete, das gilt es erst herausfinden. Bis dahin muss ihm klar sein, dass er von den Menschen vor allem als Gefahr empfunden werden wird. Wie ein Flüchtling zieht er durch Amerika, dazu befähigt, Großes zu tun, aber eben angeraten, es zu unterlassen. Den Tod seines Vaters (Kevin Costner) sieht er hilflos mit an: Ihn zu retten bedeutete, sein Geheimnis zu offenbaren. Snyder lädt nicht mehr nur dazu ein, die Geschichte von Superman – dieser Name wird keine einziges Mal verwendet – als Jesus-Allegorie zu lesen, er inszeniert sie ganz offensiv als solche. Als den Menschen große Gefahr durch General Zod (Michael Shannon) droht, einen Verbrecher aus Clarks Heimat, der die Erde mit seiner Hilfe in einen neuen Planeten Krypton verwandeln will, sucht Superman einen Priester auf. Er kann Zod nicht trauen, aber den Menschen bislang genauso wenig. „Sometimes you have to take a leap of faith first. The trust part comes later.“, sagt der Priester. Die mit dieser Anlage einhergehende Mythologisierung verleiht dem Film eine Epik, die im Superheldenfilm bislang ihresgleichen sucht. Seine Bilder wirken wie Heiligenbilder, wie direkt aus dem kollektiven Bewusstsein der Menschheit telegrafiert. Snyders Erzählung, die sich in der ersten Hälfte des Films als Collage aus Szenen ohne echtes Zentrum darstellt, unterstreicht diesen Charakter: Die Geschichte von Superman ist schon tausendmal erzählt worden und diese Version ist nur eine von vielen möglichen. Aber es ist die Version, die alle anderen um sich vereint. Clarks Ziehvater sagt einmal, dass die Existenz seines außerirdischen Adoptivsohns alles verändere: wie die Menschen über sich selbst und ihre Rolle im Universum nachdenken. Snyders Film ist auch deshalb so schwer und massiv, weil er sich diese Fragen selbst stellt. Seine heiße Kälte rührt von der Ungewissheit, ob wir diesen Messias wirklich verdienen.

Corinne Burns (Diane Lane), eine Teenagerin, hat das Pech, in einer trostlosen Industriestadt in Pennsylvania aufwachsen zu müssen. Mit ihrer Schwester Tracy (Marin Kanter) und ihrer Cousine Jessica (Laura Dern) bildet sie die „Stains“, eine Rockgruppe ohne Drummer und Bassisten, und träumt von einer großen Karriere. Als die Punkband „The Looters“ (Ray Winstone, Paul Simonon, Steve Jones und Paul Cook) zusammen mit den Has-beens „The Metal Corpses“ in der Stadt auftreten, ergattern die Mädchen einen Support Slot und erlangen nationale Berühmtheit, als Corinne ihr desinteressiertes, vom Dilettantismus der Mädchen belustigtes Publikum wüst beschimpft. Schnell formiert sich eine fanatische Jüngerschar, die Corinne als neues feministisches Vorbild betrachtet. Doch die „Stains“ sind für diese Verantwortung noch nicht bereit …

Auf LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS bin ich über das tolle Buch „Destroy All Movies!!! The Complete Guide to Punks in Film“ gestoßen, das dem Film einen euphorischen Eintrag widmet. Bis nach Deutschland hat er es nie geschafft und auch in den USA hat es mehrere Jahre und ebenso viele Anläufe gebraucht, bis der Film seinen derzitigen Kultstatus erlangen konnte. UP IN SMOKE-Regisseur Lou Adler inszenierte den Film für die Paramount nach einem Drehbuch von Nancy Dowd, die für ihr Script zu COMING HOME mit einem Oscar ausgezeichnet worden war. Weil sie mit der Produktion und dem Final Cut des Films unzufrieden war, zog sie ihren Namen jedoch zurück und damit beginnt auch die Leidensgeschichte dieses Films: Nachdem eine Testvorführung nicht die erhofften Reaktionen erntete, verbannte die Paramount den Film in die Archive, wo er Staub ansetzte, bevor er Mitte der Achtzigerjahre dann doch noch in einigen kleineren Kunstkinos zum Einsatz kam. Seine Anhängerschar erreichte er jedoch erst, als er wiederholt im Kabelfernsehen gezeigt wurde (eine Heimkino-Veröffentlichung ließ bis 2008 auf sich warten): Die Figur der Corinne und ihre aufmüpfigen Stains inspirierten wie im Film jugendliche Mädchen und gelten als nicht unerheblicher Einfluss der Riot-Grrrl-Bewegung in den Neunzigern. Der Kreis, den der Film vollzieht, hat sich auch in der Realität geschlossen.

Was zeichnet den Film aus? LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS wirkt in seiner Zeichnung einer explosionsartig aufkeimenden Jugendultur, aber auch des porträtierten Musikermilieus sehr authentisch. In nur wenigen Szenen schafft es Adler, die Probleme seiner Protagonisten plausibel zu machen, ohne dabei zu plakativ zu werden. Außerdem auffällig ist, wie gleichmäßig er seine Sympathien verteilt: Es wird nicht geschönt, aber genauso wenig haut er seine Figuren in die Pfanne. Jeder hat seine Beweggründe, bringt seine eigene, außerhalb des Films liegende Historie mit. Selbst der geckenhafte Frontmann der hoffnungslos überkommenen „Metal Corpses“ (Tubes-Sänger Fee Waybill) steht nach dem überraschenden Drogentod seines Gitarristen (Grateful-Dead-Gitarrist Vince Welnick) nicht mehr wie der „Feind“ da, als der er zuvor aufgebaut wurde, sondern kann sch des Mitgefühls von Regisseur wie Zuschauer sicher sein.

Am deutlichsten zeigt sich dieser verständnisvolle, empathische Blick aber bei der Zeichnung Corinnes: Ihre jugendliche Naivität, mit der sie sich zu Sätzen versteigt wie jenem, dass jeder Jugendliche vom Staat eine E-Gitarre bekommen sollte, wird nicht verschwiegen, doch ist sie eben auch der Quell jener unverstellten, unbekümmerten Aufmüpfigkeit, die die Stains schließlich zur Overnight-Sensation werden lässt. Ihr Zorn ist instinktiv, ihm fehlt die Richtung, er entlädt sich nicht gezielt, aber gerade das macht ihn so wirksam. Die Musik der Stains ist technisch hoffnungslos unterbelichtet, aber eben auch ein absolut ehrlicher, individueller Ausdruck der Sorgen der dahinterstehenden Mädchen, noch nicht von ästhetischen Ansprüchen korrumpiert: Sie ist roh, wild und ursprünglich. Dieses Talent sieht auch Billy (Ray Winstone), der von der ungebremsten Wucht, mit der sich die aggressive Begeisterung der Stains-Fans entlädt, förmlich weggespült wird. Aber er ahnt auch, dass diese Wucht Corinne selbst mitreißen wird, wenn sie ihre Talente nicht in geordnete Bahnen umlenkt. Und genauso kommt es schließlich.

LADIES AND GENTLEMEN, THE FABULOUS STAINS zeichnet diesen Backlash, der Künstler ereilt, die quasi über Nacht zu Ruhm kommen und die damit in den „Besitz“ ihrer Fans übergehen, sehr schön nach. Ebenso wie er ein waches Auge für die Jugendkultur besitzt, die zwar meist ein Objekt braucht, aber dann eine unaufhaltsame Eigendynamik gewinnt. Und er begeistert auch als Musikfilm, bringt gleich mehrere Generationen von Rockmusik unter einen Hut und zeichnet ihre Metamorphose über die Jahre sehr schön nach. Es ist ein Film voller kleiner, wacher und wahrhaftiger Details, dabei aber absolut unaufdringlich. Man mag fast nicht glauben, dass das keine Dokumentation ist. Bruce Surtees zeigt das US-amerikanische Hinterland als deprimierende, nichts als Verzweiflung gebärende Pampa aus qualmenden Fabriken, regennassen und menschenleren Straßen in sterbenden Städten und anonym aussehenden Shopping Malls und Mehrzweckhallen. Und Diane Lane ist einfach anbetungswürdig als rebellisch schmollender Backfisch in Netzstrümpfen und Make-up. Bitte angucken!