Mit ‘Dieter Pröttel’ getaggte Beiträge

Um den Elefanten im Raum direkt anzusprechen: Ich halte GELD ODER LEBER für die Sternstunde dieser speziellen Ausprägung der deutschen Blödelkomödie, wie sie in den Achtzigern populär war (und meist der geschäftstüchtigen Produktionsschmiede der LISA-Film entstammte). Es ist der Film, in dem sich die üblichen Zutaten unter Zufügung einer schwierig zu isolierenden Geheimzutat zu einem Gesamten addieren, das deutlich größer ist als die Summer seiner Einzelteile. Dieter Pröttels Film sollte eigentlich nicht funktionieren, tut es aber überraschenderweise doch – und mehr noch: Hier wird nicht nur der Gaga-Humor endgültig zur Kunstform erhoben, hier wird man am Ende, wenn man schon völlig überrollt im Sessel hängt, gar noch Zeuge, wie sich die Zotenparade vor den eigenen Augen in einen geradezu magischen Liebesfilm verwandelt, das Genre gewissermaßen überwunden wird und etwas bleibt, das wirklich berührt. Die bizarren Verwicklungen der vorangegangenen 80 Minuten sind vergessen, und wie das Protagonistenpärchen da in den idyllischen Sonnenuntergang stapft, sich zärtlich seiner gegenseitigen Liebe versichert, der Score nach Dauerbeschallung mit den Hits der Ersten Allgemeinen Verunsicherung zum ersten Mal zurückschaltet, überträgt sich diese glücksselige Entspanntheit auch auf den Zuschauer, der nun endgültig nicht mehr weiß, wie ihm da geschehen ist.

GELD ODER LEBER bedient sich zunächst einer Struktur, wie man sie vielleicht aus den Komödien aus der Zucker-Abrahams-Zucker-Schmiede oder auch, um in Deutschland zu bleiben, den Hauptfilmen aus Didi Hallervordens TV-Sendung NONSTOP NONSENS kennt. Jede Szene bzw. gar jede Einstellung kulminiert in einem Gag, der mal eher verbaler, mal bildlicher Natur ist. Im Unterschied zu den erstgenannten US-Komödien hebt diese Strategie den Film aber nicht auf eine von der „Realität“ abgelöste Metaebene, vielmehr dient sie der Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und der Beziehung, die diese zur Welt unterhalten – oder eher: nicht unterhalten. Dem Wirbel, den die Welt um sie herum entfacht, sind Mike und Susanne Juing (Mike Krüger & Ursela Monn), ein seinem ganz eigenen Rhythmus folgendes Ehepaar, nämlich überhaupt nicht gewachsen. Beide sind arbeitslos und nicht in der Lage, ihre durchaus vorhandene Energie in die gesellschaftlich akzeptierten produktiven Bahnen zu lenken. Die als alternativer Lebensentwurf auserkorene Karriere als Bankräuber scheitert aber immer wieder an ihrer grenzenlosen Liebenswürdigkeit. MIt Spielzeugpistolen bewaffnet, werden sie entweder gar nicht ernst genommen oder lassen sich durch unvorhersehbare Ereignisse von ihrem Vorhaben abbringen. Mehr durch Zufall als Geschick kommen sie dann aber doch in den Besitz wertvollen Geschmeides, das sie auf der Flucht vor der Polizei in einer ausgenommenen Gans verstecken, die jedoch wenig später bereits verkauft ist. Sie erhalten sieben Adressen, wo sich die gesuchte Gans verstecken könnte, die sie im Folgenden nacheinander abklappern; bis kurz vor Schluss ohne Erfolg. Die anhaltende Pechsträhne führt zu einer vorübergehenden Trennung, schließlich gar zu einem Gefängnisaufenthalt, bis die Erkenntnis, dass Reichtum die Liebe nicht ersetzen kann, sie zu einem Happy End zusammenführt. Der Film ist in seinem episodischen Verlauf gespickt mit deutschen Stars, denen die passenden Rollen auf den Leib geschneidert wurden: Barbara Valentin spielt eine reiche Gräfin, die einen verzogenen Bengel ihren Sohn nennt. Lotti Krekel und Ernst H. Hilbich sind als altes Camperehepaar zu sehen, Jochen Busse als versnobter Spaziergänger, Hans Clarin als Chirurg und Christine Schuberth als seine liebeshungrige Assistentin, Bernd Stephan gibt einen großmäuligen, aber dummen Feldwebel (bester Spruch: „Sie haben wohl Elefantenarsch mit Birne gegessen!“), Corinna Genest eine Gefängnisdirektorin in Lack und Leder und Werner Kreindl einen Kommissar. LISA-Dauergäste wie Otto W. Retzer, Alexander Grill oder Kurt Weinzierl dürfen ebenfalls nicht fehlen. Besonders absurd sind aber die Auftritte von Raimund Harmstorf als Kapitän eines Ausflugsdampfers, der seine Dialogzeilen auf eine Art und Weise intoniert, die nahelegt, dass er bereits in ganz anderen Sphären weilte, und natürlich jener von Falco. Der Österreicher reißt den Film mit seinem exaltierten, wahrscheinlich koksbeflügelten Auftritt komplett an sich und führt ihn weit über die Grenzen von Absurdistan: In seinem Gefolge befinden sich neben den obligatorischen Bikinischönheiten auch ein Karateka und ein Rambo-Double, komplett mit Stirnband und Panzerfaust. Mike Krüger schleicht sich als sein Double auf dessen Anwesen, auf dem bald auch Rotkäppchen (Simone Brahmann) eintrifft, um dem exaltierten Popstar Wein und eben eine Gans zu bringen, und dann schließlich Susanne, als Pippi Langstrumpf verkleidet. Man muss es sehen, um es zu glauben. Das Ende des Falco-Auftritts besorgt dann noch ein Livemitschnitt von seinem Hit „The Sound of Music“ in schöner Amphitheater-Kulisse, der mir große Lust auf seine Platten gemacht hat. Epochal, das Sahnehäubchen auf einem rundum denkwürdigen Film.

Diese Beschreibungen, wenn sie dem ein oder anderen geneigten Leser vielleicht auch Lust auf den Film machen mögen, sind aber immer noch nicht geeignet, GELD ODER LEBER in seiner Gänze zu erfassen. Da passiert eben noch etwas hinter dem Klamauk, hinter den Episödchen, hinter den popkulturellen Verweisen, neben dem Zusammenspiel von Filmbild und EAV-Soundtrack. Der Film ist als abstruse Nummernrevue einerseits total künstlich, fühlt sich andererseits aber sehr organisch und warm an. Er ist sehr direkt und manchmal natürlich frontal blöd, dabei aber auch sehr liebenswert und einfühlsam. Er hat einerseits rein gar nichts mit der Realität zu tun, sagt auf der anderen Seite eine ganze Menge über sie. Sein größter Verdienst ist es wohl, dass es ihm trotz seiner für Immersion eigentlich denkbar ungeeigneten Form gelingt, echte Sympathie für seine beiden so unperfekten Protagonisten zu wecken, für die Art, wie sie versuchen, das Leben zu meistern, für die Energie, mit denen sie gegen den unerbittlichen Strom anschwimmen. Ich muss hier unbedingt auf Ursela Monn eingehen, die wirklich großartig ist, sowohl die leicht nervöse Lebenskünstlerin als auch die liebevolle und, ja, auch erotische Gattin überzeugend verkörpert, mal verletzlich und mädchenhaft, dann aber auch sehr resolut und entschlossen agiert. (Man vergleiche ihre Figur nur mal mit den Love Interests, die Gottschalk in den vier SUPERNASENFilmen angehängt wurden.) Ich glaube, die halbe Miete des Films ist ihre Stimme, für die ich seit den „Kleine Hexe Klavi-Klack“-Hörspielen meiner Kindheit eine große Schwäche habe, und die sowohl die schrille Komik wie auch das zarte, beruhigende Säuseln draufhat. Möglicherweise stehe ich mit meiner Meinung über diesen Film total allein, die verheerende IMDb-Wertung mit kläglichen 3,9 Punkten spricht dafür, aber ich finde ihn wirklich, wirklich toll. Viele der deutschen Gaga-Komödien genießen gerade unter Leuten meines Jahrgangs heute Kultstatus, erfahren von ihnen eine Wertschätzung, die über das verächtliche So-bad-it’s-good-Getue hinausgeht, aber GELD ODER LEBER wird da seltsamerweise nie genannt. Wenn ich hiermit einen kleinen Sichtungsanreiz geben konnte, bin ich zufrieden.

Noch vor Jahresfrist hatte mich DIE SUPERNASEN unerwarteterweise positiv überrascht. Die gestern erfolgte Neusichtung im Rahmen meiner kleinen Gottschalk/Krüger-Retro brachte keine wesentlichen neuen Erkenntnisse, sodass ich hier direkt zum Sequel übergehe, das ich damals wie so viele andere Bundesbürger im Kino sah. Es ist heute, wo man nur mit Schwierigkeiten eine brauchbare Abbildung des Filmplakats im Netz findet und die DVD-Veröffentlichung von einem Billiglabel mit selbstgebasteltem Cover besorgt wird, gar nicht so einfach, Menschen, die 1984 nicht selbst dabei waren, zu erklären, was für ein Ereignis dieser Film war. Der extremste Auswuchs des Supernasen-Hypes war sicherlich der Promo-Besuch der Hauptdarsteller beim „Aktuellen Sport-Studio“ im ZDF, wo sie zwar nix verloren hatten, das die im Film populär verwendeten Trikes aber trotzdem gern als fadenscheinigen Motorsport-Aufhänger benutzte, um vom erwarteten Erfolg des Films zu profitieren. Ich weiß noch, dass die beiden „Helden“ ihrem Image als glückliche Underdogs entsprechend erstaunlich gut beim Torwandschießen abschnitten, und die Trikes, eine genau genommen ziemlich idiotische Erfindung, weder Fisch noch Fleisch, für ein paar Tage der Traum jedes Jungen auf dem Grundschulhof waren, bis sie den Weg ins Vergessen antraten, wie ihre Kollegen Segway und Jetpack. Doch auch die Trikes konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass ZWEI NASEN TANKEN SUPER gemessen an den beiden Vorgängern eine Enttäuschung war, zudem Beleg dafür, dass weder das Autoren- und Hauptdarstellerteam noch Regisseur Pröttel noch die Geldgeber der LISA-Film verstanden hatten, was sowohl PIRATENSENDER POWERPLAY als auch DIE SUPERNASEN gegen jede Wahrscheinlichkeit hatte funktionieren lassen.

ZWEI NASEN TANKEN SUPER ersetzt die an einem dünnen roten Faden aufgereihten Gags, die Krüger und Gottschalk zuvor den losen Rahmen für ihre liebenswerten Taugenichtse gegeben hatten, nun gegen eine „echte“ Handlung: Der Raub zweier wertvoller Juwelen geht schief, die Gangster (András Fricsay & Achim Gunske) können die Klunker gerade noch in zwei Trikes verstecken, die Teil einer Motorausstellung sind. Durch Zufall gelangen ausgerechnet Thommy und Mike in den Besitz der Dreiräder und begeben sich ohne jede Vorahnung auf Deutschlandreise. Die Gauner heften sich an ihre Fersen und fordern die Herausgabe der Steine, die die beiden jedoch längst als Andenken an die Anhalterinnen Birgit (Simone Brahmann) und Farah (Sonya Tuchmann) verschenkt haben. Es gilt nun, die Mädels ausfindig zu machen und ihnen die Steine wieder abzunehmen. Zwar bietet auch diese Geschichte letztlich auch nur den recht beliebigen Anlass für Zoten, Kalauer und Slapstick-Einlagen, dennoch vermisste ich schon nach kurzer Zeit die Lockerheit und Unbekümmertheit, den mild-anarchischen Charme, der mich für PIRATENSENDER POWERPLAY und DIE SUPERNASEN so eingenommen hatte. Die Existenz einer Story bringt keinen Gewinn für Gottschlak und Krüger, schnürt sie im Gegenteil in ein Korsett und lässt ihre frappierenden Unzulänglichkeiten nur noch stärker hervortreten. Wirklich witzig ist ZWEI NASEN TANKEN SUPER nur selten und wenn, dann sind es eher kleine Beobachtungen oder Nebenepisoden, die für Lacher sorgen, etwa wenn der betrunkene Mike sich über ein paar Rocker empört: „Der hat ,Torte‘ zu meiner Ische gesagt!“ Dass die beiden nur deshalb in den Schlamassel geraten, weil Mike dringend pinkeln muss, ist im Grunde genommen der beste Einfall des Films, und diese Prämisse auszudehnen, hätte gewiss mehr hergegeben als die lahme Roadmovie-Handlung, die ohne jedes Gespür für Spannung, Bewegung und Körperlichkeit inszeniert wurde. Immerhin war schönes Wetter am Wörthersee.

Man merkt dem Film an, dass für die Beteiligten plötzlich etwas auf dem Spiel stand. Während sie vorher einfach irgendeinen Quatsch verzapfen konnten, knüpftn die Gags nun häufiger an irgendwelche zeitgenössischen Themen an, aber nicht, weil das besonders witzig wäre, sondern einfach, weil nichts besseres einfiel. Ein Anhalter, der nach Sarajewo will, wird von Krüger mit dem Erkennungsruf des Maskottchens der im selben Jahr in Sarajewo ausgtragenen Winterolympiade bedacht, und Jürgen von der Lippe darf sich in einem quälend unlustigen Gastauftritt als Kellner eines Burgerladen über ein berühmtes Fastfood-Restaurant lustig machen, für das Gottschalk seinerzeit warb. Der mit platinblonder Frisur und einem Silberohr ausgestattete Verbrecher soll wahrscheinlich an einen Bondschurken erinnern, die Marotte seines Chefs (Karl Spiehs), jede Äußerung mit der Phrase „Wenn ich x sage, dann meine ich auch x.“ abzuschließen, erinnert ein wenig an die Sprüche aus dem ein halbes Jahr zuvor sehr erfolgreich gelaufenen Hallervorden-Film DIDI – DER DOPPELGÄNGER. Überall wird ein bisschen was ausgeliehen und abgezweigt, Gottschalk darf einmal als Karateka auftreten und sich als Künstler über die doofen Intellektuellen lustig machen, die Bilder mit Dreiecken mögen, aber wirklich hängen bleibt nichts und so hat der fragwürdige Spaß nach 92 zähen Minuten ein Ende. Und es ist ja durchaus auch ein bisschen beruhigend, dass Nostalgie nicht alles schönfärben kann.