Mit ‘Dietmar Schönherr’ getaggte Beiträge

Ein Film, der mit einer ausgedehnten Prügelei anfängt, kann nicht schlecht sein. KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE knüpft nach dem doch etwas langweiligen Vorgänger wieder an das Niveau der ersten beiden Filme um den Privatdetektiv an. Der Job führt Jo Walker (Tony Kendall) diesmal nach Istanbul, dessen beeindruckende Skyline gleichermaßen Exotik wie geschäftige Urbanität mitbringt, etwas, das den vorangegangenen Titeln, die in Sri Lanka respektive Singapur spielten, fehlte. Auch die Storyline – es geht um die Drohung einiger Ganoven, der titelgebenden „drei grünen Hunde“, die Trinkwasserversorgung der Metropole mit LSD zu verseuchen und die Stadt so zur Zahlung eines stattlichen Sümmchens zu erpressen. Glücklicherweise kann Captain Tom Rowland (Brad Harris) das Halluzinogen in Sicherheit bringen, mit den erwartbaren Konsequenzen: Auch KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE weicht kein Stück vom bisher etablierten Erfolgskonzept ab, was bedeutet, dass auch dieser Film in loser Folge Verfolgungsjagden, Mordanschläge, Prügeleien, Ballereien und Entführungen aneinanderreiht.

Ob man das nun anregend oder ermüdend findet, hat nicht wenig mit der Fähigkeit zu tun, die freifließende Lebensfreude hinter dem Spektakel zu erkennen. Dass Walker und Rowland laut ihrer Berufsbezeichnung im Dienste des Gesetzes unterwegs sind, ist eigentlich nur vorgeschoben. In ihrem Handeln zeigt sich überdeutlich die Berauschung an der eigenen Bewegung, an der Herrschaft über den Körper, die sich am klarsten natürlich dort zeigt, wo sie gleichzeitig den Triumph über andere bedeutet. Wobei KOMMISSAR X – DREI GRÜNE HUNDE trotz etlicher Tote niemals wirklich auf böse Art gewalttätig wird. Alles ist als Spiel gekennzeichnet und von geradezu kindlicher Euphorie getrieben. Im Showdown in der bizarren Felslandschaft Kappadokiens gibt es eine ausgedehnte Verfolgungsjagd, in deren Verlauf Rowland und seine Häscher die sandigen Hänge der Hügel hinabrutschen wie in einem Vergnügungspark, und eine Totale, die zeigt wie die Schurken nach einem Schlag von Rowland die Böschung hinunterpurzeln. Die Verbrecherjagd ist reiner Selbstzweck, im Grunde genommen egoistische Lustförderung der beiden Helden, und dass sie dabei noch etwas Gutes tun, nehmen sie eher amüsiert zur Kenntnis. Vor allem Walker kommt aus dem Grinsen gar nicht mehr raus, wenn er da in einer Tour mit hübschen Dingern anbändelt und auch schon mal zu einer in den Zuber steigen darf, um sich vor der Polizei zu verstecken.

Die gute Laune des Films ist ansteckend, die Sonne strahlt aus jedem Einzelbild und danach möchte man sich am liebsten so einen Schlapphut kaufen, wie ihn nur Herbert Fux tragen kann, der hier den Schurken Eddie Shapiro spielt. Seine Rolle ist ganz und gar nicht entscheidend, aber diese Wiener Lässigkeit, die er mitbringt und die jede Szene mit ihm durchzieht wie Zigarrendunst eine funzelige Eckkneipe, passt wie der Arsch auf den Eimer und ist das Element, das dieser vierte KOMMISSAR X-Film den Vorgängern voraus hat.

code_seven_victim_fivePrivatdetektiv Steve Martin (Lex Barker) folgt dem Ruf des wohlhabenden Minenbesitzers Wexler (Walter Rilla) nach Kapstadt: Der Millionär fürchtet um sein Leben, seitdem sein Butler von Unbekannten ermordet wurde. Auch Steve macht schnell Bekanntschaft mit einigen Übeltätern, die etwas gegen seine Ermittlungsarbeit haben. Von Inspector Dickie Lean (Ronald Fraser) erfährt er, dass der Tote ein Foto bei sich trug, das ihn mit Wexler und zwei weiteren Männern während des Krieges vor rund 20 Jahren zeigt. Nach und nach müssen auch die anderen Abgebildeten sterben …

Nach meinem Text zu DIE DIAMANTENHÖLLE AM MEKONG gibt es über dieses Schmuckstückchen aus der Schmiede des fleißigen Briten Harry Alan Towers gar nicht mehr viel zu sagen. Wie man dem Plakat unschwer entnehmen kann, suchte man die Parallelen zur gleichzeitig ungemeine Erfolge feiernden Bond-Reihe, mit der unschlagbaren Mischung aus kernigem Held, schönen jungen Frauen, exotischen Schauplätzen und zahlreichen Actioneinlagen. Die Fotografie übernahm Nicolas Roeg sechs Jahre vor seiner ersten eigenen Regiearbeit (im selben Jahr hatte er bereits Roger Cormans THE MASQUE OF THE RED DEATH abgelichtet), Dietmar Schönherr ist in einer kleinen, aber zentralen Rolle einmal nicht als Held, sondern – wie auch in Robert Lynns MOZAMBIQUE – als tragischer Mörder zu sehen, für den Sex Appeal sorgen Ann Smyrner und Véronique Vendell, deren Filmografie sich wie der Wunschzettel eines Europloitation-Liebhabers liest. Der heimliche Star des Films ist aber eindeutig Ronald Fraser, der seinen Inspector Lean als gut gelaunten Lebemann gibt, den Martin stets mit wechselnder Damenbegleitung in irgendeiner Bar bei einem guten Gläschen antrifft. Für etwas Verwirrung sorgt die deutsche Synchro, die ihm einen leicht effeminierten Ton gibt, der nicht so recht zu seiner deutlich heterosexuellen Ausrichtung passt. Nicht zu vergessen sind natürlich die Ausflüge in die südafrikanische Fauna: Höhepunkt ist der Ausflug auf eine Straußenfarm mit abschließender Straußen-Stampede, es gibt eine blutige Löwenattacke zu bestaunen und eine ausgedehnte Unterwassersequenz mit Riesenschildkröten, Rochen und Haien. Am besten hat mir aber der Auftritt eines kleinen, schüchternen Skorpions gefallen: Steve Martin und sein love interest, Wexlers Sekretärin Helga (Ann Smyrner), stehen in der Wildnis und tauschen sich über den Ermittlungsfortschritt aus, als sie plötzlich panisch zu schreien beginnt. Vor ihnen im Sand sonnt sich ein kleiner Skorpion, der in Großaufnahme und mit dramatischer Musik eingefangen wird wie ein tödliches Monstrum. Es kommt aber gar nicht erst zur weiteren Eskalation. Steve Martins Stiefel senkt sich ins Bild und zertritt das arme Tierchen mit humorloser Effizienz zu klebrigem Matsch. Ein reichlich unsensibler Moment, der aber auch zeigt, warum Filme dieser Art so toll sind: Hier geht es ohne viel Firlefanz ran an die Buletten.

Franz Antel, der Humorzerstörer, der Humorimpotente, der Mann, der keinen Witz zum erfolgreichen Höhepunkt bringt, auch wenn die Pointe nackt und mit gespreizten Beinen vor ihm liegt, schlägt mit OTTO IST AUF FRAUEN SCHARF wieder einmal erbarmungslos zu. Schon der Titel spricht Bände vom diesem Epos zugrunde liegenden Humorverständnis. Man fühlt sich unweigerlich auf den Grundschulhof zurückversetzt, als das Wort „Pimmel“ das Tor zu ewiger Glücksseligkeit sperrangelweit aufstieß und demzufolge im Zentrum ganzer Witzsalven stand. Pimmel, Pimmel, Pimmel. Vamos a la playa, ich hau dir in die Eier. Was haben wir gelacht. OTTO IST AUF FRAUEN SCHARF teilt diese kindliche, präpubertäre Begeisterung fürs Schlüpfrige, die zu einem Großteil auf Unwissenheit und der Sicherheit beruht, die aus dem Wissen resultiert, bis zum Vollzug noch einige Jahre Zeit zu haben. Irgendwie hat das was mit Sex zu tun, aber eigentlich überhaupt nicht. Antels Verhältnis zur Sexualität erinnert mich an ein Ereignis aus meiner Kindheit: Ich war wahrscheinlich 8, 9, 10 Jahre alt und stromerte an einem Sommertag durch meine Siedlung, als ich an zwei Mädels vorbeikam, die auf einem Stromkasten saßen und sich unterhielten. Sie waren ein bisschen älter als ich, 12, 13, 14, vielleicht 15, fingen an zu kichern und fragten mich von ihrer erhöhten Position herab, ob ich ihre Brüste sehen wolle. Ich war nicht wirklich interessiert, aber da ich gerade auch nichts Besseres zu tun hatte, sagte ich ja. Es war natürlich ein abgekartetes Spiel der beiden kessen Mädels: Sie hatten gar nicht vorgehabt, mir ihre Brüste zu zeigen und lachten mich lediglich ein bisschen aus. Ich ging weiter, war zwar etwas enttäuscht, aber auch irgendwie ganz froh, dass der Kelch an mir vorbeigegangen war. Mit Brüsten hätte ich noch nichts anzufangen gewusst, Masters-of-the-Universe-Figuren bedeuteten mir einfach mehr.

Genauso ist Antels Film: Schlüpfrig ist gut und witzig, irgendwas mit Sex zieht immer, aber wenn es dann drauf ankommt, kommt doch was anderes dazwischen, mit dem sich der Regisseur sichtlich wohler fühlt. Da macht er sich mit seinem Protagonisten durchaus gemein. Otto Zander (Gunther Philipp) ist Prokurist bei Bongert, ein verlässlicher, seriöser, aber durch und durch langweiliger Mann. Jeden Morgen überreicht er dem Liftboy Schirm und Koffer und marschiert dann frohen Mutes zu Fuß in den neunten Stock, wo er seine Sachen von ihm wieder entgegennimmt. Dass seine jahrelange Sekretärin gegen eine neue, jüngere ausgetauscht wurde, bemerkt er erst gar nicht, wohl aber, dass die seine Garderobe umarrangiert, den Schreibtisch aufgeräumt und den Teppich neu verlegt hat. In das Spießerdasein kommt bald Schwung, denn Zanders Chef, der Playboy Christian Bongert (Dietmar Schönherr), hat Probleme: Die Konzernmutter aus Amerika kündigt aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten den Besuch eines Wirtschaftsprüfers an. Die unausgeglichenen Finanzen gehen auf das Konto Bongerts, der sich auf Firmenkosten ein luxuriös ausgestattetes Liebesnest eingerichtet hat, in dem er seinem Hobby nachgeht. Er bittet nun den komplett asexuellen Zander, sich als Sexprotz auszugeben, um die Schuld von ihm selbst abzulenken. Womit Bongert nicht gerechnet hat, ist dass der Wirtschaftsprüfer selbst eine überaus attraktive Frau ist (Teri Tordai), die ebenso Interesse an Bongert entwickelt, wie er an ihr.

Die Geschichte schreibt sich eigentlich von allein. Umso erstaunlicher, dass es schon nach kurzer Zeit nicht mehr um Zander, den asexuellen Spießer geht, der eine neue Erfüllung als Playboy findet, sondern stattdessen um alles andere. Etwa darum, dass Zander von der Polizei für 25 Jahre unfallfreies Fahren ausgezeichnet werden soll, durch einen Fehler der inkompetenten Beamtenaber plötzlich aber als  Millionenbetrüger bundesweit gesucht wird. Oder um Zanders alten Schulfreund Wackernagel (Willy Millowitsch), der Zander für den Liebhaber seiner Tochter hält und schließlich als Schizophrener eine Elektroschocktherapie des wirren Dr. Kobalt (Ralf Wolter) verabreicht bekommt. Nebenbei bändelt Christian mit der schönen Wirtschaftsprüferin an, die sich nach wie vor dumm stellt. Das Verwechslungshickhack kulminiert in einem unfreiwilligen Auftritt Zanders in der Fernsehsendung „Was bin ich“, die von Heinz Erhardt moderiert wird, und einer von Zander initiierten Cross-Dressing-Orgie im „Hippi-Keller“, die die anwesenden Blumenkinder als „Happening“ bezeichnen, obwohl Rex Gildo für die Musikuntermalung verantwortlich ist. Echten Sex gibt es kein einziges Mal (der Titelsong fordert sehr vielsagend: „Seid lieb zu einander!“) und die verzweifelte Gespielin Bongerts, die gleich zweimal unverrichterter Dinge wieder abziehen muss, kann einem fast Leid tun. So geht es auch dem Zuschauer: Das Zwerchfell schmerzt nicht vor Lachen, sondern vor lauter unerfülltem Tease. Und die zwei, drei Male, in denen sich die Mundwinkel leicht nach oben bewegen, fühlt man sich fast vergewaltigt vom bayrischen Nazi-Sympathisanten Beppo Brem und der rheinischen Frohnatur Millowitsch. Ganz hartes Brot, was man nicht zuletzt an der ungesunden Gesichtsfarbe Schönherrs erkennt. Der hätte wahrscheinlich nur allzu gern mal den Pinsel geschwungen, aber er durfte halt nicht.

Im Nachtklub „Esquire“ wird ein Polizist mit einer Nylonschlinge anstelle von Mr. Wilkins erdrosselt, der zuvor ein Erpresserschreiben erhalten hatte. Inspector Harvey (Dietmar Schönherr) nimmt die Ermittlungen auf. Sie führen ihn zum Schloss Elford Manor, wo sich gerade diverse Unternehmer versammeln, um eine gemeinsame Ölgesellschaft zu gründen. Mehrere der Anwesenden haben den gleichen Brief wie Wilkins bekommen und einige weitere fallen im Folgenden dem unbekannten Mörder zum Opfer. Auch auf Harvey wird ein Mordanschlag verübt …

Rudolf Zehetgruber ist Menschen meines Alters wahrscheinlich vor allem wegen der Filmreihe um das Wunderauto „Dudu“ ein Begriff, die der gebürtige Österreicher auch mit seiner Tätigkeit als Hauptdarsteller adelte. Dass DIE NYLONSCHLINGE auf dem Cover der Pidax-DVD als Zehetgrubers „Meisterwerk“ tituliert wird, klingt vor diesem Hintergrund sowieso sowieso schon nicht übermäßig verheißungsvoll, aber geradezu deprimierend, wenn man dieses „Meisterwerks“ dann auch noch ansichtig geworden ist. Doch der Reihe nach: DIE NYLONSCHLINGE ist Erwin C. Dietrichs erster Versuch, mit einem nebeldurchwaberten Gruselkrimi am Erfolg der Edgar-Wallace-Filme zu partizipieren (der zweite und letzte ist der ungleich spaßigere DER WÜRGER VOM TOWER). Zehetgruber hatte zuvor mit DIE SCHWARZE KOBRA seine Eignung für dieses Genre unter Beweis gestellt (hat er?) und blieb ihm mit Titeln wie PICCADILLY NULL UHR ZWÖLF, DAS WIRTSHAUS VON DARTMOOR und DAS GEHEIMNIS DER CHINESISCHEN NELKE auch noch einige weitere Jahre treu, bevor er zwei Titel zur KOMMISSAR X-Serie beisteuerte und dann eben zum passionierten Käferfahrer avancierte. Er stattet DIE NYLONSCHLINGE mit den typischen Ingredienzen aus: Es gibt den tough-charmanten Ermittler mitsamt trotteligem Sidekick (Denis Seiler), ein altehrwürdiges Herrschaftshaus, einen sündigen Nachtklub, die illustre Gesellschaft britischer Gentlemen und Ladys, hübsche, verführerische Damen (Helga Sommerfeld & Laya Raki), ein vernarbtes, hünenhaftes Faktotum (Ady Berber), einen Mad Scientist (Gustav Kloster), ein unterirdisches Gewölbe samt Spinnenweben und Mumien sowie Nebel, Nebel, Nebel. Woraus Alfred Vohrer oder Harald Reinl jedoch ein veritables Geisterbahnvergnügen gezaubert hätten, damit produziert Zehetgruber nur gepflegte Langeweile. Es will ihm einfach nicht gelingen, der nackten Form Leben einzuhauchen, alles wirkt wie hingestellt und nicht abgeholt, nie hat man den Eindruck, eine Welt zu betreten, immer vermutet man hinter der nächsten Ecke den Kulissenschieber. Das Drehbuch hakt die einzelnen Plotpoints pflichtschuldigst und im Eiltempo ab (DIE NYLONSCHLINGE dauert gerade einmal 75 Minuten), ohne dabei auch nur die geringste Spannung zu erzeugen. Das ist nicht so katastrophal ermüdend wie im zuletzt durchlittenen HOTEL DER TOTEN GÄSTE, weil Zehetgrubers Film wenigstens einige Schauwerte aufbietet  und  auch visuell durchaus zu gefallen weiß, aber eben doch eher ernüchternd. Eigentlich ein bisschen schade um das durchaus vorhandene Potenzial: Schönherr gibt einen recht brauchbaren Held ab, Helga Sommerfeld ein entzückendes Zuckerschneckchen, Adi Berber ist immer eine Schau, besonders wenn er hier wie weiland King Kong an Häuserwänden emporkraxelt, und Gustav Knuth ist als Bösewicht auch eine gute Wahl. Die Settings sind hübsch, wenn auch – wie im Falle der Gruft – leichtfertig verschenkt, die Nachtklub-Szenen sorgen für schön verruchte Stimmung. Vieles stimmt, aber am Ende ist doch alles falsch. DIE NYLONSCHLINGE mutet eben nicht wie ein sorgfältig komponiertes Gericht an, sondern wie ein kaltes Büffet, auf dem das Sushi gleich neben dem Mettigel steht.

ungeheuer_von_london_city_dasWährend der Schauspieler Richard Sand (Hansjörg Felmy) in der Titelrolle des Boulevard-Theaterstücks „Jack the Ripper“ dem begeisterten Publikum Abend für Abend das Fürchten lehrt, geht auf den Straßen ein echter Frauenmörder umher. Die Ermittlungen des Scotland-Yard-Beamten Dorne (Hans Nielsen) konzentrieren sich bald ebenso auf Sand wie der Unmut des Politikers Sir George (Fritz Tillmann), pikanterweise der Vater von Sands Geliebter Ann (Marianne Koch), der das Theaterstück wegen schlechten Einflusses verbieten will. Derweil hat auch Sand Schwierigkeiten, seinen offensichtlich schlechten Einfluss mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Oder hat seine Rolle gar Besitz von ihm ergriffen?

Edwin Zbonek hat das Glück, die wunderbaren London-Settings nutzen zu dürfen, die schon Gottliebs DAS PHANTOM VON SOHO zu seiner mit beiden Händen greifbaren Atmosphäre verholfen hatten. Es macht einfach einiges her, wenn der maskierte Butzemann durch die düsteren, vom Nebel durchdrungenen Gassen streunt und meterhohe Schatten wirft. Die Geschichte um den Killer, der die Kunst nachahmt, die das Leben nachahmt, passt sich dem an, ist ebenfalls deutlich dichter und vielschichtiger als das, was einem im Gros der damals so beliebten Gruselkrimis so geboten wurde. Das scheint mir eh ein Charakteristikum von Atze Brauners Bryan-Edgar-Wallace-Filmen: Selbst, wenn die nur im Fahrwasser von Wendlandts Erfolgsreihe schipperten, waren sie inhaltlich doch sehr eigenständig und meist ernster als die eher spaßigen, selten wirklich nachhaltig wirkenden Vorbilder. Da fällt es dann auch nicht so sehr ins Gewicht, dass Zbonek als Regisseur keine echten Akzente setzen kann: Seine Inszenierung ist ein bisschen bieder und wahrscheinlich am ehesten als „zweckmäßig“ zu beschreiben. Und die Auflösung kann den vorangegangenen 90 Minuten auch nichts Wesentliches mehr hinzufügen: Wer der Mörder ist, ist einfach nicht so wahnsinnig interessant, nachdem irgendwann klar ist, dass Sand es nicht sein kann. Trotzdem: Auch wenn DAS UNGEHEUER VON LONDON-CITY etwas schwächer ist als DER HENKER VON LONDON, DAS PHANTOM VON SOHO oder DAS SIEBENTE OPFER, darf man Brauner einen weiteren Gewinner bescheinigen.

weisse_fracht_fuer_hongkong[1]Der Geschäftsmann Robert Perkins (Horst Frank) arbeitet in Hongkong zwar als die „Nummer eins“ eines unbekannt aus dem Hintergrund agierenden Drogenzars, versucht jedoch hintenrum, dessen Geschäfte an sich zu reißen. Gerade hat er die beiden nichtsahnenden Piloten Ted Barnekow (Dietmar Schönherr) und Larry McLean (Brad Harris) als Piloten engagiert, doch als die von der hübschen Claudia Laudon (Maria Perschy) erfahren, dass er sie unwissend als Kurier missbrauchen wollte, beenden sie ihr Arbeitsverhältnis noch bevor es begonnen hat und versuchen der armen Frau aus der Bredouille zu helfen. Natürlich geraten sie dabei selbst mit dem Gesetz in Konflikt und landen im Knast, während Perkins Claudia in seine Gewalt bringt. Werden die beiden tapferen Haudegen sie aus den Fängen des Schurken retten können? Wird es ihnen gelingen, ihre eigene Unschuld zu beweisen? Und wer ist eigentlich der geheimnisvolle Mann im Hintergrund?

Geschichte ist ein eigenartiges Konstrukt. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Einteilung der zäh und unaufhaltsam dahinfließenden Größe „Zeit“ in für Menschen erfassbare Dimensionen wie Jahrzehnte und Jahre und dann in Sinneinheiten wie Stilepochen oder Ären völlig willkürlich ist, der Glaube an einen Fortschritt, eine Bewegung hin zu einem Ideal aus philosophischer Perspektive mindestens diskutabel, sind manche bei der Betrachtung auffallenden Phänomene schlicht verblüffend. Da scheinen mehrere Jahre nahezu ununterschiedbar und ereignislos dahinzuschreiten und dann vollzieht die Historie binnen weniger Monate plötzlich heftige, an Geburtswehen erinnernde Zuckungen und gebiert dabei etwas völlig Neues, das noch kurz zuvor völlig undenkbar erschien. Zwischen HEISSER HAFEN HONGKONG, dem von Jürgen Roland inszenierten ersten Hartwig’schen „Hongkong-Reißer“, und seinem Nachfolger WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG liegen gerade einmal zwei Jahre, ein äußerst überschaubarer Zeitraum, und doch könnten beide Filme kaum unterschiedlicher sein. Während man in Rolands Film noch den Geist der Fünfziger durchs Bild wabern sieht, man gezwungen wird, Hongkong aus der Perspektive des über so viel Fremdheit staunenden Spießers zu betrachten, stürzt man sich im Sequel gemeinsam mit den weltoffenen Globetrotters ganz selbstverständlich ins Getümmel der Metropole. Irgendwann zwischen 1962 und 1964 scheinen die Sechzigerjahre entschieden zu haben, was sie zukünftig vom vorangegangenen Jahrzehnt unterscheiden soll.

Ashley schlägt einen deutlich ruppigeren Ton an, lässt gleich zu Beginn ein paar arme Chinesen auspeitschen und wenig später einen von Entzugserscheinungen geplagten Heroinsüchtigen gierig die Dämpfe der begehrten Droge inhalieren. An der Seite der beiden Haudegen Schönherr und Harris wird man nicht gemütlich durch die Stadt geführt, sondern von einem Konflikt in den nächsten gerissen und dabei mit markigen Sprüchen bombardiert. Alles ist bunter, lauter und greller, und wo zuvor vereinzelte Menschen, von schüchtern „Piff“ machenden Pistolenschüssen getroffen, grimassierend, aber keinesfalls blutend, aus dem Bild sanken, da werden sie hier in rasanter Folge und großer Zahl weggepustet, erdolcht, gesprengt oder mit dem Auto eine Klippe runtergeschubst. In den letzten Minuten steigert sich WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG in einen echten Amoklauf: Da löst Ashley alle Bremsen, tritt das Gaspedal mit sporenbewehrten Bleistiefeln geradewegs durchs Bodenblech tief in den von der flirrenden Hitze aufgeweichten Asphalt und rast frontal in eine Backsteinmauer mit der Aufschrift „Ende“. Aus den Trümmern schälen sich die beiden grinsenden Helden, für die jetzt alles gut ist, obwohl sich um sie herum die Trümmer- und Leichenberge türmen. Man kann hier auch beobachten, wie sich die Idee des modernen Actionfilms formt.

Auch die zeitgenössische Kritik bemerkte, dass sich da etwas verändert hatte im deutschen Kino, doch begnügte sie sich nicht damit, diese Veränderung nur zu beschreiben. Unter dem Titel „Flucht nach Teneriffa“ diagnostizierte Der Spiegel in Ausgabe 47 von 1964 ein „Verschwinden des deutschen Menschen und des deutschen Milieus aus dem deutschen Film“ und benannte WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG als ein Beispiel, an dem sich dieses Verschwinden abzeichnete, seinen Hauptdarsteller Horst Frank als einen der Schauspieler, an denen sich „die Verfremdung des deutschen Films“ „an deutlichsten […] spiegelt“. Ton und Wortwahl des Artikels muten heute etwas merk- und auch fragwürdig an, ausgerechnet in den gemütlichen Edgar-Wallace-Filmen den Keim der „Überfremdung“ zu wittern, aus heutiger Sicht zudem unfreiwillig komisch, doch an der (zumal durch viele Beispiele untermauerten) Diagnose gibt es kaum etwas auszusetzen. WEISSE FRACHT FÜR HONGKONG überraschte mich ja nicht zuletzt deshalb so positiv, weil der Film (eben im Vergleich zu Rolands Vorgänger mit seinem typisch deutschen Protagonisten Peter Holberg vom Hamburger Abendblatt) so erfrischend undeutsch ist, zeigt, dass man es auch hierzulande verstand, knallige Actionreißer von internationalem Format zu produzieren. Schade, dass die soeben erschienen DVD von Filmjuwelen den Film in äußerst mäßiger Bildqualität anbietet: Zumindest auf dem HD-Fernseher verwandeln sich die Bilder vor lauter groben Rastern beinahe in impressionistische Gemälde. Da wäre bestimmt mehr drin gewesen. Meiner Freude über diese Entdeckung tut das aber keinen Abbruch.

blondefrachtDer Pilot Brad Webster (Steve Cochran) ist arbeitslos, seitdem er vor einigen Monaten einen Absturz verursachte, den er als einziger überlebte. Als er nach einer Kneipenschlägerei in Lissabon im Knast landet, holt ihn der Polizeichef Commarro (Paul Hubschmid) raus und überreicht ihm ein neues Jobangebot, dessen eigentlicher Überbringer ermordet wurde. Webster soll in Mozambique als Pilot für einen gewissen Colonel Valdez arbeiten. Aus Mangel an Alternativen nimmt er das Angebot an. Auf dem Weg in die portugiesische Kolonie lernt er die blonde Sängerin Christina (Vivi Bach) kennen, die auch dem Ruf Valdez‘ folgt und ebenso wenig weiß, was sie dort erwartet. Vor Ort muss Webster erst einmal feststellen, dass sein Arbeitgeber bereits tot ist. Stattdessen arbeitet er nun für den zwielichtigen Da Silva (Martin Benson), der im Clinch mit Valdez‘ Witwe Ilona (Hildegard Knef) liegt. Fragen nach dem genauen Zweck des Unternehmens mag ihm niemand beantworten und dann verschwindet auch noch Christina. Neben anderen kriminellen Tätigkeiten betreibt Da Silva offensichtlich auch einen gut gehenden Mädchenhandel …

Nach 24 HOURS TO KILL ein weiterer bunter, an exotischen Originalschauplätzen entstandener Abenteuerfilm mit internationaler Starbesetzung aus der Schmiede von Harry Alan Towers. Der klassische Noir-Beginn – der ausgebrannte, aber unverdrossene, raubeinige, aber korrekte Held, der an einem fremden Ort in eine dubiose Organisation gezogen wird und auf der Suche nach Antworten eine Mauer des Schweigens und eine mysteriöse Frau trifft – zieht den Betrachter gleich in den Film hinein, vom Start weg ist das Geschehen interessant und angemessen mysteriös. Leider bleibt das nicht über die gesamte Spielzeit so. Der deutsche Verleihtitel BLONDE FRACHT FÜR SANSIBAR ruiniert die Spannung mehr als nur ein wenig, klingt aber dafür zugegebenermaßen gut und versieht den Film mit eben jener Schmierschicht, die der Originaltitel schamhaft vermeidet. Wenigstens in einer Hinsicht wird der deutsche Zuschauer also getäuscht, denn auf krasse Geschmacklosigkeiten wartet man vergebens. Es geht alles sehr gesittet und züchtig zu und selbstverständlich rettet Brad seine Christina, bevor man sich an ihr vergreifen kann. Letzten Endes wird eine recht handelsübliche Verbrecherklamotte abgespult, bei der es um das Vermögen des toten Valdez geht. Verschiedene Parteien beanspruchen das Vermögen für sich und geraten sich dabei in die Haare. Am Ende beißen die Schurken ins Gras oder werden verhaftet und der Held darf die blonde Schöne als Prämie mit nach Hause nehmen.

Nach dem viel versprechenden Auftakt pendelt sich MOZAMBIQUE also auf mittlerem Erregungsniveau ein, in sicherer Distanz zu den entgegengesetzten Polen „Spannung“ und „Langeweile“. Das alles ist ganz nett anzusehen, Steve Cochran gibt einen schön lässigen, vor allem nicht zu attraktiven Helden ab – er starb leider noch im selben Jahr mit gerade mal 48 Jahren an einer Lungeninfektion auf hoher See –, unsere Hildegard schlonzt auf ihre unnachahmliche Art das schöne Lied „Das geht beim ersten Mal vorbei“ herunter und das Finale an den Victoria Falls liefert die gewünschten Schauwerte – und serviert das Sahnehäubchen mit Kirsche obendrauf wenn Dietmar Schönherr zu Tode stürzt. Ein paar nette, für die Zeit typische politische Unkorrektheiten gibt es als Bonus, wenn etwa Brad seiner Christina vorschlägt, man könne ja in Mozambique bleiben und „Buschneger werden“. Ich habe 95 Minuten schon besser verbracht, aber ganz sicher auch noch deutlich schlechter.