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american pimp (albert & allen hughes, usa 1999)

Veröffentlicht: Januar 21, 2016 in Film
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americanpimp1Aus Blaxploitationfilmen oder Hip-Hop ist der Pimp nicht wegzudenken. Er ist der Prototyp des männlichen Hustlers, der es durch Beugung der Regeln zu Reichtum gebracht hat und seinen flashigen Lifestyle selbstbewusst zur Schau trägt. Er unterscheidet sich vom banalen Zuhälter dadurch, dass er den Pimp Lifestyle mit einer ganzen Lebensphilosophie und auch einer eigenen Sprache unterfüttert hat. Der Pimp ist sowohl ein Unternehmer wie auch ein Guru: Sein Geschäft fußt im Wesentlichen auf Manipulation, auf „brainwashing“, wie es eine der Prostituierten, die im Film zu Wort kommen, sagt. Er ist kein stumpfer Gewaltkrimineller, sondern ein mephistophelischer Verführer, ein Mann, der die Frauen durchschaut hat, dem sie aufs Wort gehorchen, die alles tun, was er will. Auch daher rührt die Faszination, der der Pimp seine bleibende Position in der Popkultur verdankt: Wie macht er das, dass Frauen ihren eigenen Willen für ihn aufgeben?

Die Hughes Brothers gehen in ihrer Dokumentation dieser Frage nach, auf die sie natürlich keine befriedigende Antwort erhalten. AMERICAN PIMP scheint den Verlockungen des Pimp Lifestyles zunächst hoffnungslos zu erliegen: Geblendet vom Glitzern der faustgroßen Juwelen, der in allen Regenbogenfarben schillernden Anzüge, schließlich betört vom unablässigen, wasserfallartigen Flow der Worte. Die Filmemacher wählen einen eher konservativen Interviewstil für ihren Film, den sie nur gelegntlich durch kurze Filmausschnitte aufbrechen, aber sie tun gut daran, denn ihre Gesprächspartner sind begnadete Erzähler und geschickte Verkäufer mit wettergegerbten Stimmen voller Lebensweisheit oder der Rapid-Fire-Delivery, die Rapper anstreben und die verhindert, dass man selbst zum Nachdenken kommt. Das ist wesentlicher Teil ihres Erfolgs: Das Funktionieren des mouthpiece, der gleichermaßen einschmeichelnde wie autoritäre Ton, der keinen Widerspruch duldet, am besten gar nicht erst das Bedürfnis nach ihm weckt. Auch der Zuschauer wird von ihnen eingewickelt, fragt sich, ob das denn wirklich Verbrecher sind oder ob es nicht doch so sein könnte, dass die in einer Tour mit dem wie ein Peitschenhieb knallenden „Bitch“ (einer der Zuhälter bagatellisiert den natürlich eine Funktion erfüllenden Begriff zum liebevollen pet name) bedachten Frauen aus ganz freien Stücken bei ihnen leben und dieses Leben sogar genießen. Wahrscheinlich gehört das mit zum Spiel: die Frauen so weit zu manipulieren, bis sie glauben, dieses Leben wirklich zu mögen oder gar zu brauchen.

Erst spät mehren sich die Anzeichen, dass das Leben als „Bitch“ doch nicht so rosig ist, dass da oft die Not ausschlaggebend ist. In Gegenwart ihres Pimps – eines der eher unangenehmen Exemplare seiner Zunft – ergeht sich eines seiner Mädchen in reichlich vorgeschoben wirkenden Erklärungen, warum sie ihn mag, während das andere ausdruckslos in die Gegend starrt. „Ich mag ihn, aber ich bin noch nicht lang bei ihm“, ist alles, was sie zu Protokoll gibt. Auf der Straße bekommt man mit, wie ein Zuhälter seine „Bitch“ unsanft zur Arbeit antreibt, ein anderer berichtet davon, dass eines seiner Mädchen dem Zodiac-Killer zum Opfer fiel, ein anderer betrauert den gewaltsamen Tod seiner ersten Prostituierten bei einem Überfall. Aber die glitzernde Fassade wird nie ganz durchstoßen oder gar niedergerissen, selbst in solchen Momenten nicht. Es bleibt dieses faszinierende, gleichermaßen anziehende wie abstoßende Bild einer Figur, deren Wirkung für einen Außenstehenden kaum zu begreifen ist.

biggie_26_tupac_dvdIch weiß noch ganz genau, wo ich war, als ich die Nachricht vom Tod Tupac Shakurs hörte. Ich kannte die Musik des Rappers zu diesem Zeitpunkt seit ca. vier, fünf Jahren, wusste sonst aber nur wenig über ihn (in diesen dunklen Vor-Internet-Zzeiten war es noch schwierig, Informationen über Themen zu bekommen, die abseits des Mainstreams lagen, und US-Hip-Hop gehörte zumindest im Deutschland der frühen bis mittleren Neunziger definitiv noch dazu), aber die Nachricht traf mich so sehr, dass ich selbst überrascht war. Shakur hatte kurz zuvor das Doppelalbum „All Eyez on me“ vorgelegt, vielleicht das letzte große Album der G-Funk-Ära, die mit Dr. Dres „The Chronic“ begonnen hatte, der Gipfel eines mehrjährigen Aufstiegs, dessen Ende nicht abzusehen war. Selbst seine Ausflüge ins Schauspielfach ernteten Anerkennung – durchaus nicht selbstverständlich für einen Popstar: Tupac schien zum Superstardom geboren. Bis ihn in der Nacht vom 13. September 1996 mehrere Schüsse aus dem Leben rissen.

Tupacs Tod brachte auch einen schwelenden Konflikt zum Ausbruch, resultierte im „Krieg“ zwischen East- und West Coast. Als Auftakt gilt heute eine anheizende Rede, die Death-Row-Labelchef und Westküsten-Capone Suge Knight bei den Source-Awards, der Preisverleihung des gleichnamigen Hip-Hop-Magazins, 1995 gehalten und damit Bad Boy, das Label von Ostküstenkonkurrent Sean „Puffy“ Combs, diffamiert hatte. Bad Boy war auch die Heimat von Christopher Wallace, besser bekannt als „The Notorious B.I.G.“, eines schwergewichtigen New Yorker Rappers, der mit intelligenten, wortgewandten und vielschichtigen Raps binnen weniger Jahre ebenfalls zu einem Rising Star mit schier endlosem Potenzial herangereift war. Er zeichnete sich durch eine tiefe Stimme aus, aus der eine Lebenserfahrung und Weisheit sprach, die sein junges Alter weit überstieg, doch er inszenierte sich nicht als Ghettopoet wie Tupac, sondern als Pulp Auteur, der seine und die Erfahrungen seiner Freunde in schillernden Crime Stories voller schwarzem Humor verpackte. Tupac und Biggie waren Freunde, Verbündete ihrer Kunst, doch in dem Krieg wurde diese Freundschaft aufgerieben: Als Tupac starb, wurde sofort das Gerücht lanciert, Bad Boy und Biggie stünden hinter der Ermordung. Tupac war schon zwei Jahre zuvor Opfer eines Attentats geworden, hinter dem er seinem Konkurrenten und dessen Entourage vermutete. Es war demnach zwar ein Schock, aber auch keine allzugroße Überraschung als Wallace im Frühjahr 1997, kurz nach der Veröffentlichung seines zweiten, prophetisch „Life after Death“ betitelten Albums, ebenfalls erschossen wurde. Der Verdacht eines Vergeltungsschlags lag nahe. Bis heute sind die genauen Umstände der beiden Exekutionen nicht geklärt, es kam nie zu einer Anklage. Ein von Voletta Wallace, Biggies Mutter, angestrebtes Verfahren gegen das LAPD, wurde 2010 abgeschmettert.

Nick Broomfields umstrittene Dokumentation stützt sich im Wesentlichen auf die These des aus dem Dienst entlassenen LAPD-Cops Russell Poole (der auf seinem Bürofernseher einmal Elvis und einmal Stevie Nicks laufen hat): Beide Morde gingen auf das Konto von Suge Knight, der den sich mit Abwanderungsgedanken tragenden Shakur abstrafte und den Mord an Wallace als vermeintlichen Vergeltungsschlag initiierte, um den Verdacht von sich abzulenken. Möglich wurden die beiden Morde durch die tatkräftige Unterstützung von Beamten des LAPD, von denen einige sich ein Zubrot als Leibwächter von Knight verdienten. Diese Verschwörungstheorie gilt als überholt und widerlegt, seit die L.A. Times kurz nach Erscheinen des Films das Ergebnis eigener Recherchen veröffentlichte. Nach deren Untersuchungen war Wallace durchaus nicht ganz unbeteiligt an der Ermordung Tupacs, während Knight nichts damit zu tun hatte. Die Kritik an Broomfields BIGGIE AND TUPAC beklagte vor allem die Leichtgläubigkeit des Filmemachers gegenüber seinen Zeugen: Poole sei nicht ohne Grund entlassen worden, zahlreiche andere, die Broomfield vor die Kamera zerrte, seien zweifelhafte Charaktere, die in späteren Verfahren zudem immer wieder angegeben hatten, unter psychischen Problemen gelitten zu haben. Er habe sich zudem vom Charme von Voletta Wallace einwickeln lassen, ihren Erzählungen über die Gutmütigkeit ihres Sohnes bedingungslos geglaubt, sich hingegen von der Weigerung von Tupacs Mutter, der ehemaligen Black-Panther-Aktivistin Afeni Shakur, ihm ein Interview zu geben oder auch nur Musik ihres Sohnes für den Soundtrack zur Verfügung zu stellen, negativ beeinflussen lassen. Echte Beweise würden zudem nie geliefert, die ganze Argumentation stütze sich letztlich auf die Aussagen höchst fragwürdiger Menschen.

Aber selbst wenn diese Kritik zutrifft, ändert das nichts daran, dass BIGGIE AND TUPAC ein höchst faszinierender und ungewöhnlicher Dokumentarfilm ist. Gerade die Tatsache, dass Broomfield da eine wahrlich beeindruckende Galerie seltsamer Vögel vor die Kamera zerrt, verleiht dem Film seinen Reiz. Verschwörungstheorien nachhängende oder kriminelle Ex-Cops, verurteilte Hochstapler mit Tourette-Syndrom, Ex-Bodyguards mit Rottweilerzucht und Cowboyhut, die ihre eigenen Aussagen abstreiten, Gangster, drittklassige Rapper, alte Weggefährten und natürlich, als krönender, denkwürdiger Abschluss, der einsitzende Suge Knight himself: Broomfield holt sie alle vor die Kamera und lässt sie reden und sein Film gewinnt durch den Kontrast zwischen diesen zwielichtigen Charakteren, die geradewegs einem alten Blaxploitation-Streifen entsprungen scheinen, und der schmalen, blässlichen Statur des britischen Filmemachers selbst, der, mit Mikrofon und Kopfhörer bewaffnet, ein bisschen wie ein Student aussieht, einen durchaus komischen Unterton. Broomfield bewegt sich hier völlig außerhalb seiner Komfortzone und scheint sich dessen mehr als bewusst zu sein.

Pleiten säumen seinen Weg, werden gnadenlos mitinszeniert: Als er einen alten Kumpel von Tupac trifft, von dem er ein Tape mit uralten Demoaufnahmen kaufen will, um den Mangel an Musik des Rappers wettzumachen, übertönt erst ein Helikopter den Sound aus dem kleinen Kassettenrekorder, dann kann sich der Freund nicht zu einem Verkauf des vermeitnlcihen wertvollen Tonbands entschließen. Als Broomfield in einem bunkerartigen Appartementhaus zögerlich an die Eisentür des dort lebenden Ex-Bodyguards von Biggie klopft, öffnet der Hüne mit einem Lachen und den Worten: „You knock like you scared.“ Danach erklärt er dem neugierig lauschenden Briten, das geöffnete Jalousien ein „white people thing“ seien. Suge Knights Stellvertreter lehnt am Telefon ein Interview mit Hinweis auf Broomfields Heidi-Fleiss-Film, der ihm überhaupt nicht gefallen haben, ab. Und wenn der Filmemacher Knight am Schluss im Gefängnis aufsucht, kann er sich den Hinweis nicht verkneifen, dass sein eigentlicher Kameramann sich aus Angst geweigert habe, mitzukommen. Der Vertreter filmt dann auch schon einmal ziellos ins Blaue hinein, „auf der Suche nach einem möglichen Fluchtweg“, wie Broomfield spöttisch kommentiert. In diesem letzten Kapitel fühlt man sich fast wie in einem Found-Footage-Film: Suge Knight ist durch das von ihm immer wieder eingeblendete Bildmaterial und die Aussagen über ihn zu einem echten Monstrum aufgebaut worden und man fürchtet tatsächlich um das Leben Broomfields, als dieser sich dem geschätzte drei Meter größeren Ex-Footballspieler mit der Unbedarftheit eines Kindes annähert. Der Dämon wird dann während des Interviews schnell entzaubert: Vor einem sitzt ein in der kalifornischen Sonne schwitzender Bär, der wie so viele Protagonisten des Films beharrlich um den heißen Brei herumlaviert.

Broomfields BIGGIE AND TUPAC mag von der Realität mittlerweile eingeholt worden sein, aber sehenswert ist er dennoch. Ganz abseits seiner beachtlichen „Schauwerte“ und der Faszination, die von solchen Verschwörungstheorien immer ausgeht, ist er vor allem als Metadokumentation unbezahlbar, zeigt er doch eindrucksvoll, wie entscheidend die Person des Dokumentarfilmers selbst für die gewonnenen Erkenntnisse ist, wie schwierig es ist, als Außenstehender Einblicke in einen verschworenen Kreis zu bekommen, wie leicht man Opfer von Beeinflussung und dem Wunsch wird, die große Enthüllung zu liefern.

the-decline-of-western-civilization-part-3-movie-poster-1998-1020447826Von diesem dritten und bislang letzten Beitrag zu Spheeris‘ einflussreicher Reihe habe ich erst im Zuge ihrer Blu-ray-Veröffentlichung erfahren: PART III feierte seine Premiere beim Sundance Festival, wo er mit dem „Freedom of Expression Award“ ausgezeichnet wurde, und lief danach unter anderem in Cannes. Einen regulären Kinoeinsatz oder auch nur eine Videoverwertung erfuhr der Film jedoch nicht, war mithin bislang nicht verfügbar. Das mag aus ökonomischer Sicht verständlich sein: Die gefeatureten Bands (Final Conflict, Naked Aggression, Litmus Green und The Resistance) besitzen wenig bis gar keine kommerzielle Strahlkraft und der Film kann daher auch fast 20 Jahre später anders als seine Vorgänger nicht für sich in Anspruch nehmen, ein wertvolles musikalisches Zeitzeugnis zu liefern. Die Musik ist aber sowieso eher Randerscheinung in Spheeris‘ Dokumentation, die mit ihrem Titel, der zuvor noch als ironische Appropriation gängiger Spießerurteile verstanden werden konnte, nun endgültig Ernst macht. PART III ist gewissermaßen das Ende einer in den vorangegangenen Einträgen (und in Spheeris‘ Spielfilm SUBURBIA) noch verhalten kreisenden Abwärtsspirale. Die Musiker in PART I verfügten in ihrem Zorn auf die Gesellschaft noch über einen gewissen intellektuellen Überbau, der sie erdete, bei den Metallern aus PART II: THE METAL YEARS spürte man jederzeit die eigentlich bürgerlich-materialistischen Tendenzen hinter der bloß oberflächlichen Rebellion. Doch die jugendlichen „Gutterpunks“, die mehr als die Musiker die Protagonisten von PART III sind, befinden sich nun tatsächlich und wahrhaftig außerhalb der Gesellschaft, auf abschüssigem Boden auf dem schnellsten Weg ins Verderben. Es ist schockierend, was man da zu sehen bekommt, und der Film endet dann auch mit der Hiobsbotschaft, die man die ganze Zeit über befürchtet.

Spheeris begleitet eine Clique jugendlicher, meist Anfang 20-jähriger Punks, lässt sie über ihren Alltag zwischen Vollrausch, Schnorren und der Suche nach dem nächsten Schlafplatz reden, über ihre Erfahrungen mit der Polizei, ihre Haltung zur Gesellschaft und natürlich über ihre Eltern. Nicht wenige schauen auf eine Missbrauchsvergangenheit zurück, entschieden sich aus freien Stücken für ein Leben auf der Straße oder wurden schlicht und ergreifend rausgeworfen. Was erschütternd ist, ist nicht nur die totale Ziellosigkeit, mit der sich die Kids durchs Leben schlagen, die völlige Unfähigkeit, sich irgendwie produktiv einzubringen, sondern auch die Nüchternheit, mit der sie ihre Perspektive einschätzen. „What will you be five years from now?“, fragt Spheeris mehrere. „Dead“, antworten die meisten von ihnen. Das ist keine Romantisierung, keine Angeberei. Alle haben Sie Freunde sterben sehen, alle wissen, dass ihr Lebensstil Gefahren mit sich bringt, dass man auf der Straße in der Regel nicht allzu alt wird. Zum Schluss passiert genau das: Das leerstehende Haus, in dem sich einige einquartiert haben, geht in Flammen auf, einer von ihnen schafft es nicht mehr rechtzeitig hinaus. Eine Schrifteinblendung informiert noch, dass „Squid“, ein gut gelaunter Saufbold, kurz nach den Dreharbeiten erstochen wurde, und dass „Spoon“, seine Freundin, auf den Urteilsspruch warte. Der „Family Spirit“, den sie alle beschwören, ist eben eine höchst unberechenbare Gestalt, vor allem wenn man sich ins Gedächtnis ruft, welche Erfahrungen sie bisher mit „Familie“ gemacht haben. Dass das mitten in den USA möglich ist, ist nichts weniger als erschütternd.

Ich hatte eben geschrieben, dass die Musik in PART III eher Randerscheinung sei. Das stimmt, aber dennoch meine ich, dass gerade das durchaus auch entscheidend ist. DIe Punks von Naked Aggression oder The Resistance haben eben etwas, was sie beschäftigt, was ihnen einen Weg vorzeichnet, ein Ventil für all die aufgestauten Aggressionen – auch wenn es ihnen keine wirtschaftliche Sicherheit bringt, so hält es sie doch bei geistiger Gesundheit. Die „Gutterpunks“ haben nichts außer viel zu viel Zeit, die im wahrsten Sinne des Wortes totgeschlagen werden muss. Alkohol und Drogen sind naheliegende Gehilfen, mit denen der Tag begonnen wird und endet. Diese Jugendlichen sind auf der Flucht und jedes innehalten ist schmerzhaft. Man sieht es manchmal in ihrem Gesicht und das sind die eindringlichsten Momente des Films. Der Blick des nach einem Autounfall querschnittsgelähmten Darius, der als Empfänger von Sozialhilfe als einziger eine Wohnung und deshalb jeden Tag Besuch seiner saufenden, sich zudröhnenden und kotzenden Kumpels hat. Er weiß wohl ganz genau, dass diese Freundschaften nichts wert sind, nichts bedeuten. Und trotzdem hängt er lieber mit diesen Leuten rum, als allein zu sein. Oder das kurze Blinken im Auge des gesichtstätowierten Missbrauchsopfers, das gesteht, sich einen schnellen Tod zu wünschen. „I’m not really happy in this life.“ Der Zerfall ist in vollem Gange und man fragt sich, wie wohl THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART IV aussähe.

Ich hatte schon in meinem Text zum Vorgänger betont, wie wichtig mir dieser Film ist. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war das noch einige Jahre bevor ich MTV empfangen konnte: Lemmy Kilmister, Alice Cooper, Megadeth, Ozzy Osbourne, Gene Simmons und Paul Stanley von Kiss oder Steven Tyler und Joe Perry von Aerosmith in bewegten Bildern sehen zu können, war noch etwas wirklich Besonderes, auch wenn ich gerade erst angefangen hatte, mich in Metal und Hardrock „einzuarbeiten“. Aber als echten „Metalfilm“ habe ich THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS eigentlich schon damals nicht erlebt. Der Schwerpunkt liegt eher auf Glamrock, der damals von Fans des „harten“, „ehrlichen“ und „echten“ Metal verachtet wurde (der Begriff „Poser“ war allgegenwärtig), und das aufgedrehte, ignorante und sexistische Gesülze von Poison und Faster Pussycat oder Never-have-beens wie London und Odin erschien mir damals vor allem peinlich. Eine Szene wie jene, in der Chris Holmes von W.A.S.P. sich vor den Augen seiner sichtlich besorgten Mama volllaufen lässt und Sätze äußert wie „I’m a full blown alcoholic“, war immer für einen herzhaften Lacher und ein entgeistertes Kopfschütteln gut. Ebenso wie die Naivität der zahllosen zu Wort kommenden Hobbymucker, die felsenfest davon überzeugt sind, der nächste Superstar zu werden und keinen Plan B in der Tasche haben. Oder natürlich der Typ, der meint, es schütze ihn vor Aids, dass der Vater seine Freundin Frauenarzt ist.

Spheeris‘ Film liefert immer noch einen äußerst munteren Blick auf die damalige Szene und schürt bei mir nicht wenig Nostalgie für eine Zeit, die irgendwie wunderbar einfach schien. THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS ist bunter, lebhafter, witziger als der Vorgänger. Trotzdem hat sich mit den Jahren, die ich inzwischen zugelegt, den Erfahrungen, die ich gemacht habe, und der Zukunftsperspektive mit zwei Kindern auch meine Wahrnehmung erheblich verändert. Was ich früher einfach nur haarsträubend komisch oder zum fremdschämen peinlich fand, offenbart mittlerweile eine andere Dimension. Und da wird dann auch deutlich, dass die Differenz zwischen den Protagonisten dieses Films und denen der vorigen Installation gar nicht so gewaltig ist, wie man vielleicht annehmen könnte. Ja, das Rockstardenken war den Bands, die in THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION vorgestellt worden waren, denkbar fern, während es im Sequel alles bestimmt: Man spürt, dass die Achtzigerjahre ein materialistisches und oberflächliches Jahrzehnt waren. „Rebellion“ und „Widerstand“ sind zu relativ leeren Gesten verkommen, man hat sich mit den  Umständen arrangiert und der Sunset Strip bietet dann auch einen Ort, an dem man diese Art des „Widerstands“ feilbieten darf und dafür mit Groupies, lokalem Ruhm und vielleicht sogar einem lukrativen Plattendeal entlohnt wird. Die Musik ist glatter, eskapistischer, die Ecken und Kanten sind abgeschliffen. Aber ansonsten sind sich die Kids beider Filme erstaunlich ähnlich. Mit den an sie gestellten Ansprüchen sind sie massiv überfordert, lieber wollen sie auf der Bühne die Kuh fliegen lassen – und schon das Einräumen der Möglichkeit, dass das nicht langfristig funktionieren wird, erscheint ihnen als erster Schritt zur Niederlage –, als einem langweiligen Job nachzugehen, Die Zukunft ist noch weit weg, die Gegenwart ist der Ort, an dem sich das Leben abspielt. Sex, Drugs and Rock’n’Roll liefern die gewünschte Ablenkung von der Tristesse des Alltags. Was die Rocker aus Teil 2 von den Punks aus dem ersten Teil hingegen wesentlich unterscheidet, mehr als alle Oberflächenmerkmale, ist der Wunsch, einen Platz innerhalb der Gesellschaft zu finden: einen privilegierten zwar, einen, der es ermöglicht, „sein eigenes Ding“ zu machen und dank des Geldes auf Distanz zum Mittelmaß gehen zu können, aber dennoch einen, der es ermöglicht, dazuzugehören. Es gibt keine Verachtung, keinen Wunsch zu fliehen oder das verlogene System zum Teufel zu jagen.

Daher ist es auch kein Wunder, dass THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS viel vom „Business“ erzählt: Was braucht es, Rockstar zu werden, welche Fallen lauern auf dem Weg, welche Gefahren drohen, wenn man es geschafft hat? Wenn man den Veteranen Lemmy, Tyler, Perry, Simmons, Stanley oder Osbourne zuhört, merkt man, dass das „Rockstar-Sein“ auch nur ein Beruf ist, einer der viel Disziplin erfordert und dessen Verlockungen nur eine Entschädigung für die vielen Entbehrungen sind, die man auf sich nehmen muss, wenn man erfolgreich sein will. Der Traum ist in gewisser Hinsicht systemerhaltend. Er verspricht ein Leben außerhalb des Regelsystems, dabei wirft er einen umso stärker auf diese Regeln zurück. Man muss unweigerlich an Adorno denken und an das, was er einst zu den Preisausschreiben und Gewinnspielen geschrieben hat: Zu suggerieren, dass einer es schaffen kann, hält tausend andere bei Laune. Die Kids in THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS, die vom Leben als Rockstar träumen und an ihrer „Karriere“ stricken, können dem System keinen Schaden zufügen. Die dümmlichen Mädels, die an einem Miss-Wettbewerb teilnehmen, und sich dafür vor der Rocker-Jury in Unterwäsche auf dem Boden räkeln, sind ein noch schlagkräftigeres Beispiel: Die eine wünscht sich, die lockenden 1.000 Dollar Preisgeld in eine Eigentumswohnung zu investieren, die andere erhofft sich einen Bekanntheitsschub fürs „modelling“ und „actressing“. Hier ist das alles noch beinahe unschuldig, heute werden mit solchen Fantasien Millionen geschaufelt und das Versagen flächendeckend im Fernsehen ausgestrahlt.

Sehr bezeichnend für das angeblich ach so zersetzende Potenzial von Rockmusik und Metal ist der Blick, den eine Sozialbeamtin der (wieder einmal hinter der Kamera zurücktretenden) Interviewerin Spheeris zuwirft: Sie ist für ein Programm namens „De-Metalling“ verantwortlich, mit dem auffällig gewordene Metalkids vom „gefährlichen“ Metal weggeführt werden sollen. Ausführlich spricht sie über die Misogynie von Metal, von seiner Gewaltverherrlichung und seiner Vorliebe für den Satan. Allesamt schädliche Einflüsse auf die beeinflussbaren Kinderlein. Doch als sie gefragt wird, ob sie wirklich daran glaube, dass Ozzy den Teufel anbetet, kann sie sich ein Lachen kaum verkneifen. Aber natürlich kann sie auch nicht sagen, dass sie lediglich dazu da ist Nebelkerzen zu werfen, einen Eindruck zu wahren. Ein toller Film, einer der besten über Rockmusik, die ich kennen und der dank der Veröffentlichung auf Blu-ray hoffentlich seiner verdienten größeren Bekanntheit zugeführt wird.

Ich muss zugeben: Ich war nie ein großer Punk-Fan. Klar, es gibt ein paar Bands und Songs, die ich mag, und grundsätzlich ist mir die Idee, die hinter der Musik steht, sympathisch. Aber mir war die ganze Punk-Ästhetik immer zu wenig theatralisch und fantasievoll, zu nüchtern und negativ. Als ich begann, mich für Musik jenseits der Singlecharts zu interessierten, da waren mir Hardrock und Metal mit ihrer Flamboyanz, ihren Posen, ihrem Omnipotenzwahn und der Möglichkeit zum Eskapismus einfach näher. Ich schätze, ich war politisch nie ein besonders aufmüpfiger oder rebellischer Mensch, ich habe nie „Hass“ auf die Gesellschaft oder die Menschheit verspürt. Die Wahrnehmung der Welt, die in Punk und Hardcore zum Ausdruck kommt, war nie die meine. Und die Musik schien mir immer etwas zu stumpf, zu eindimensional, sowohl tonal wie in der Aussage (wie gesagt: Ausnahmen bestätigen die Regel), als dass ich mich mit ihr wirklich hätte identifizieren können.

Die neu erschienene Box mit den drei Dokumentationen, die Penelope Spheeris zwischen 1980 und 1998 unter dem Titel THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION gemacht hat, habe ich mir logischerweise vor allem wegen des zweiten Teils gekauft: PART 2: THE METAL YEARS, in dem es um die Hardrock- und Metalszene im L.A. der ausgehenden Achtzigerjahre geht. In meiner Jugend im Fernsehen und später mit unverschämtem Glück als britisches Second-Hand-Videotape in einem Krefelder Comicladen aufgeschnappt, wurde der schier unglaubliche Film zu einem meiner absoluten Lieblinge und ich zittere jetzt schon vor Vorfreude auf das baldige Wiedersehen. Historisch signifikanter ist aber dieser Auftakt der Reihe, der die Punkszene der Westküstenmetropole unter die Lupe nimmt und heute, wo Punk seine Domestizierung auch schon wieder knapp zwei Jahrzehnte hinter sich hat, einen Blick in eine fremde, dreckige, hoffnungslose, asoziale und durch und durch kaputte Welt ermöglicht.

Spheeris widmet sich nacheinander Black Flag (mit ihrem zweiten Sänger Ron Reyes), Germs (kurz vor Auflösung der Band und ein knappes Jahr vor dem Tod von Sänger Darby Crash), Catholic Discipline, X, Circle Jerks, Alice Bag Band und Fear, lässt vereinzelte Mitglieder zu Wort kommen, besucht Shows sowie die Redaktion des Slash Magazines (mit dessen Chefredakteur sie zu der Zeit verheiratet war) und hört sich an, was Fans, Manager und Clubbesitzer zu sagen haben. Auffällig ist (vor allem im Vergleich mit einem Film wie METAL: A HEADBANGERS JOURNEY), dass sie nicht mit einer vorgefertigten Haltung an die Musiker herantritt: Die Interviews wirken sehr organisch in ihrem Verlauf, nur selten wird der Redefluss der Protagonisten durch Fragen der im Off befindlichen Regisseurin gestört. Mehr als um eine Klassifizierung der Musik oder darum, das vereinende Element in der Diversität zu finden, alles unter das Etikett „Punk“ zu zwängen, geht es darum, die Menschen hinter der Musik zu Wort kommen, sie sich so präsentieren zu lassen, wie sie das in der jeweiligen SItuation für richtig halten. Wenn der Film zu Ende ist, hat man dann auch nicht das Gefühl, sogleich einen Schulaufsatz über das Phänomen „Punk“ schreiben zu können, in dem alles schön geordnet nebeneinandersteht, was man mit der Szene immer schon assoziiert hat. Vielmehr erhält man einen Eindruck von der Vielgestaltigkeit von Punk nicht so sehr als einer ästhetischen Einheit als vielmehr einer bestimmten Weltanschauung und Lebenshaltung. THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION funktioniert vor allem als Porträt einer Generation an der Schwelle zwischen zwei Jahrzehnten und was zunächst desillusionierend wirkt, relativiert sich mit dem Abstand von 35 Jahren: Die meisten der gezeigten Musiker sind heute Opas, die von ihrem Legendenstatus zehren, vielleicht kein Leben in Saus und Braus führen, aber eben auch nicht untergegangen sind, wie man das in den Film für einige von ihnen befürchtet.

Es sind beileibe keine schönen Bilder, die Spheeris einfängt: Ron Reyes zeigt das besenkammergroße „Zimmer“, das er für 16 Dollar in einer alten Baptistenkirche gemietet hat (der Schlagzeuger wohnt in einem „Fach“ über ihm), schildert, dass er beim Gas- und Stromversorger vsowie der Telefongesellschaft verschuldet ist und sich deshalb nichts anderes leisten kann. Die Mitglieder von X stechen sich ihre eigenen Tattoos (wirken aber sonst auffallend normal und intelligent). Fans berichten von nicht mehr vorhandenen oder völlig gleichgültigen Eltern und der Freude an Gewalt. Konzerte geraten völlig aus den Fugen, arten zum Teil in Massenschlägereien aus. Fear überziehen ihr Publikum von der Bühne aus mit homophoben Beleidigungen und lassen sich dafür beherzt anrotzen. Es ist ein Spiel, aber eins, das keine schützenden Grenzen kennt. Die Locations sind klein und versifft. Und wie jung die alle noch sind! Besonders bitter ist natürlich das Segment um die Germs und den seelisch offenkundig schwer angeschlagenen Darby Crash. Um die Anfeindungen des Publikums zu überstehen, sagt er, gehe er nur unter Drogeneinfluss auf die Bühne, wo er sich dann regelmäßig selbst verletzt oder aber von Zuschauern malträtiert wird. Ihn darauf hinzuweisen, dass er ins Mikro singen muss, hat die konsternierte Managerin längst aufgegeben, seine Darbietung, bei der er sich unter anderem mit einem Edding beschmiert und die Zuschauer um Bier anschnorrt, ist mit „erratisch“ noch sehr, sehr freundlich umschrieben. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war es der Band schon nicht mehr möglich, in L.A. aufzutreten: Wegen der immer wieder ausbrechenden Schlägereien bei ihren Gigs hatten alle wichtigen Clubs ein Auftrittsverbot ausgesprochen, das Konzert im Film wurde eigens dafür organisiert. Hier sieht man tatsächlich einem jungen Mann (Crash war damals 22) beim langsamen Sterben zu und fragt sich: Wie konnte es dazu kommen?

Was veranlasste diese zum Teil gerade eben der Schule entwachsenen Kids dazu, eine solch eruptive Musik zu machen, sich jeden Abend in eine wahre Schlacht zu werfen? Was löste diesen Zorn, diese Desillusion aus? Die Antworten liegen natürlich auf der Hand, wirken aber auch eine Nummer zu klischeehaft: Wie viele andere Teenies wachsen unter den gleichen Bedingungen auf, ohne solchermaßen produktiv zu werden? Und was machen junge Leute, die sich heute in ähnlichen Bedingungen wiederfinden? Die Zeit, in der etwas dermaßen Rohes und Asoziales entstehen und zumindest kurzzeitig die Schmerzen und die Angst lindern konnte, scheint weit, weit entfernt. Und das darf man – Punk-Fan oder nicht – durchaus bedauern.

Über meine besondere Beziehung zu Menahem Golan, Yoram Globus und ihrer Produktionsfirma Cannon, die sich in den Achtzigern anschickte, mit verfilmten Jungsfantasien Hollywood zu erobern, muss ich wahrscheinlich nicht mehr viel sagen. Die von vielen heiß erwartete Dokumentation von Mark Hartley hatte bei mir von daher eh schon einen schweren Stand: Mit ein paar bunten Ausschnitten und Interviews allein bin ich nicht zufriedenzustellen. Dass bei ELECTRIC BOOGALLO aber nicht nur keine „Untold Stroy“ erzählt wird, sondern letztlich kaum mehr herauskommt als eine wortreiche Entschuldigung für ein Jahrzehnt angeblich fehlgeleiteten Billigschrotts, hatte ich nicht unbedingt erwartet. Für den Cannon-Fan wahrscheinlich trotzdem ein Must-see, aber insgesamt eine massive Enttäuschung, da gibt es nichts zu beschönigen. Mehr dazu gibt’s in meiner aktuellen Rezension auf Critic.de.

14. hofbauer-kongress: fwu-kurzfilme

Veröffentlicht: Januar 9, 2015 in Film
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In den letzten Jahren regelmäßig als kleine, kurze, amüsante Happen zur Einstimmung vor einem Spielfilm ins Kongress-Programm eingeschoben, haben die sogenannten FWUs  innerhalb des HK-Kosmos immer mehr an Bedeutung gewonnen und diesmal konsequenterweise ihren eigenen Programmslot erhalten. Der fiel zwar leider dem Zeitplan zum Opfer, dennoch wurden einige der skurrilen Filme zur Auflockerung geschaut. Bei den FWU-Filmen handelt es sich um kurze, 5- bis 30-minütige kleine Dokumentationen, Lehr- und Aufklärungsfilmchen oder „Diskussionsanreger“ die im Auftrag des „Institut für Bild und Wissenschaft in Wissenschaft und Unterricht“ inszeniert wurden/werden und für den Einsatz im Schulunterricht vorgesehen waren bzw. sind. Das Institut „mit Sitz in Grünwald ist das gemeinsame Medieninstitut der Länder der Bundesrepublik Deutschland. Gegründet wurde es 1945 als Nachfolgeorganisation der 1934 geschaffenen Reichsstelle für den Unterrichtsfilm“ und war bzw. ist mit seinen in fragwürdigem Bildungsauftrag entstandenen Werken fester Bestandteil bundesdeutscher schulischen Erziehung. Was die Filme eint oder ihren fragwürdigen Charme ausmacht, ist neben dem jeweiligen ihrer Zeit geschuldeten Kolorit der mahnende Tonfall, die stets steif und bemüht ernst wirkende Thematisierung von potenziell vergnüglichen Themen. In den FWUs wendet sich die besorgte Elterngeneration mit großer aufklärerischer Geste an eine Jugend, zu der sie längst jede Bindung verloren hat. Der heilige Ernst, mit dem da existenzielle Fragen, biologische Phänomene oder gesellschaftliche Probleme abgearbeitet werden, steht in putzigem Missverhältnis zu dem Gekichere, das die Filme von den Schülern oftmals geerntet haben dürften. Das Institut existiert immer noch, produziert aber keine „richtigen“ Filme mehr, sondern bietet – ganz im 21. Jahrhundert angekommen – Streams und Downloads an. Der jüngste der von uns gesehenen Filme stammte aus dem Jahr 1995 und fiel stilistisch ein bisschen aus dem Rahmen. Vor allem das, was da zwischen den Fünfziger- und Achtzigerjahren auf die Jugend losgelassen wurde, ist eine Fundgrube für Mentalitäts- und Kulturgeschichtler – oder natürlich für Freunde der Geman Gothic, die die alten Krimiserien oder aber Fernsehshows wie AKTENZEICHEN XY UNGELÖST schmerzlich vermissen. Anbei Kurzbesprechungen zu den gesehenen Filmen:

Yesterday when I was young – Ein Film über die Verlierer der Straße (Mario Cortesi, Deutschland 1976)

Diese Dokumentation über die Gefahren des Motorsports und junge verunglückte Motorradfahrer und Motorradfahrerinnen braucht den Vergleich mit Ruggero Deodatos meisterhaftem CANNIBAL HOLOCAUST in Sachen Publikumsmanipulation nicht zu scheuen. Gleich zu Beginn sieht man einen toten Motorradfahrer im Straßengraben liegen, und der Voice-over-Kommentator berichtet von den Verlockungen der Jugend und fragt zu dem sich stakkatoartig wiederholendem Szenario suggestiv-düster: „Erinnerst du dich noch?“ Das Ende ist nicht minder niederschmetternd: In der Geriatrie eines Krankenhauses liegt ein junger, vollkommen gelähmter Mann in seinem Bett. Er kann sich nur noch mithilfe eines mit dem Mund geführten Stiftes verständigen, ansonsten ist er zu keiner Regung mehr fähig. „Vor seinem Fenster steht ein Baum“, sagt der Voice-over-Erzähler, und man sieht einen blattlosen, tristen braunen Baum vor grauem Himmel. Das, was dazwischen passiert, ist kaum lebensbejahender. Szenen eines missglückten Motorradstunts, erinnern an die makabre Sensationsgeilheit der FACES OF DEATH-Reihe, und als wenn das alles nicht schon schlimm genug wäre, werden die Verunglückten, die nun im Rollstuhl sitzen, auch noch beharrlich als „Verlierer“ tituliert. Die Aussage des Films: Wer sich ein Motorrad – oder auch nur ein Moped – zwischen die Beine klemmt, geht einen Pakt mit dem Teufel ein, der unabhängig von den eigenen Fahrkünsten fast unweigerlich im Tod oder der Verkrüppelung endet. Die Kritik richtet sich natürlich auch gegen Gruppenzwang und das jugendliche Bedürfnis, etwas zu repräsentieren, sowie die Werbung, die die Erfüllung dieses Wunsches verspricht, doch Regisseur Cortesi macht das böse Spiel insgeheim mit, wenn er zweitklassige Motorsportler für ihren unbelohnt bleibenden Enthusiasmus verhöhnt und mit Unverständnis straft. Wer nicht gewinnt oder seine körperliche Unversehrtheit verliert, ist selbst schuld. In den frühen Morgenstunden war diese bittere Mahnfabel ein echter Runterzieher.

Pubertät bei Jungen (unbekannt, Deutschland ????)

Ein kurzer Aufklärungsfilm über die körperlichen Veränderungen im männlichen Körper während der Pubertät, ganz in einfach gehaltenen Animationen vor schwarzem Hintergrund, mit betont sachlich-medizinischem Voice-over. Bei all dem Gerede über Samenkanälchen, Hoden, Drüsen und Bildern von hypophysischen Telepathiestrahlen, die auf das männliche Geschlechtsteil einwirken, beginnt man selbst irgendwann zu schwimmen, wie eine Samenzelle auf dem Weg zum Ei, verdammt dazu, sich zu verirren und zu verdorren. Nie war Sexualität deutscher und freudloser. Nie schien es mir weniger verlockend und erhebend, einen Schwanz zu besitzen.

Achterbahn der Gefühle (Josef Kluger, Deutschland 1995)

Es geht auch anders. ACHTERBAHN DER GEFÜHLE ist ein poetisches Kleinod über das parallele Erwachen der Sexualität bei einem Geschwisterpaar. Schwesterchen bekommt morgens vor der Schule ihre erste Periode, der Bruder seinen ersten feuchten Traum. Das Interesse für das andere Geschlecht erwacht und der Film bebildert das in fragmentarisch bleibenden Episoden, kerzenlichtgeschwängertem Weichzeichner und Neunzigerjahre-Szenarios von 15-jährigen Mädels, die in ihrer Stammkneipe (der Begriff „Kneipe“ ist angesichts des Etablissements massiv fehl am Platze) Cola mit dem Strohhalm nuckeln und über Mädchendinge reden. Die Freundin der Protagonistin kommt gerade von einem einjährigen USA-Aufenthalt wieder und ist ganz verführerische Teeniesouveränität. Der Film fängt die Stimmung, die einen in diesem Alter befällt, gut ein: Jeder Moment scheint massiv aufgeladen, voller Potenzial und dabei ganz offen, in alle nur denkbaren Richtungen ausgedehnt zu werden. Am Ende liegt das Mädchen in ihrem romantisch beleuchteten Zimmer und masturbiert und man sieht für einen kurzen Moment tatsächlich ihre jugendlichen Brüste aufblitzen. Magie.

Du und deine Umwelt (unbekannt, 1984)

Der rätselhaft-vertstrahlte Höhepunkt des kleinen FWU-Programms. Der Film handelt nicht etwa, wie der Titel suggeriert, von Umweltverschmutzung und -schutz. Produziert wurde er von einem Pharmaunternehmen, wahrscheinlich unter Einwirkung starker Medikamente, und möglicherweise zu dem Zweck, schulische Diskussionen zum Thema „Drogenmissbrauch“ anzustoßen. (Ich vermute einen anderen, finstereren Plan dahinter.) Der Film dreht sich um den „Hilmi“, eine neue auf dem Markt angebotene Wundermaschine, die einen alle Sorgen vergessen lässt, wenn man an ihrem Mundstück einatmet. Der Film ist vollkommen dialogfrei und in fünf oder sechs streng voneinander getrennte „Kapitel“ geteilt, die alle denselben Protagonisten haben. Ein Junge sieht den Hilmi, auf knalligen Plakaten gepriesen, in einem Schaufenster liegen. Die Kamera fängt den seltsamen Apparat immer wieder bedeutungsschwanger und auch irgendwie bedrohlich ein. Man erfährt nichts über das Gerät, aber der Junge kauft es trotzdem, führt es an seinen Mund und atmet ein. Die aus der Apparatur ragenden Schläuche beginnen in psychedelischen Farben zu leuchten, der Junge scheint entspannt. Die folgenden Kapitel zeigen sehr einfach, fast abstrakt gehaltene Problem- und Stresssituationen, in denen der Junge immer wieder zum Hilmi greift. Nach ca. 10 Minuten endet der Film. Was macht der Hilmi? Verschafft er wirklich eine Besserung? Wie hat der Junge vergleichbare Situationen gemeistert, bevor er den Hilmi besaß? Könnte er diese Situationen überhaupt anders meistern? Alles Fragen, die man stellen kann und die der Film aufwirft, wenn man ihn aufmerksam betrachtet. Es bleibt aber die Frage: Wäre es aus pädagogischer Sicht nicht produktiver gewesen, diese Fragen etwas weniger surreal zu bebildern? In dieser Form ist er vor allem desorientierend, bizarr und unfreiwillig komisch. Schon allein diese rigide Stuktur mit den eingebeldneten Kapitelzahlen, den mit einer Handvoll Requisiten nachgestellten „Problemsituationen“, die nur die Ahnungslosigkeit der Macher bloßstellen. Er macht Lust, sich sofort hemmungslos zu bekiffen. Ich schätze, der verantwortliche Pharmakonzern vertrat eine böse Doppelagenda. DU UND DEINE UMWELT scheint übrigens weitaus älter zu sein, als es das Produktionjahr angibt. Wahrscheinlich gab es Konstruktionsprobleme mit dem Hilmi.