Mit ‘Dolores Dorn’ getaggte Beiträge

Nach dem zumindest für mich enttäuschenden THE CRIMSON KIMONO bedeutet UNDERWORLD U.S.A. wieder einen Schritt in die richtige Richtung; dennoch erreicht er nicht die Klasse der 12 von Fuller zwischen 1949 und 1959 inszenierten Filme (behaupte ich jetzt mal, ohne THE CHINA GATE und RUN OF THE ARROW schon gesehen zu haben). Der Erfolg von UNDERWORLD U.S.A. wird etwas durch seinen aufgesetzten aufklärerischen Impetus torpediert, der sich in der Tagline des nebenstehenden Plakats Tagline und in mehreren rein deskriptiven Monologen äußert. Letztere reißen aus dem Fluss des Films, wirken holprig, unelegant und nur wenig authentisch. Es ist einfach nicht glaubhaft zu vermitteln, dass ein Staatsanwalt seinen Untergebenen im Büro Vorträge über das Wesen des organisaierten Verbrechens hält, während die still und andächtig lauschen. Kein Beinbruch, aber doch einer jener Schönheitsfehler, die man in den großen Filmen Fullers vergeblich sucht. Hier ging teilweise der Journalist mit ihm durch und geriet sein Geschick, griffige „yarns“ zu spinnen, ins Hintertreffen. Schade, denn über weite Strecken ist UNDERWORLD U.S.A. sehr spannend, mitreißend und von einer sehr dynamischen Kamera geprägt, die wirkungsvolle Bilder einfängt.

Der 14-jährige Tolly Devlin hat kein leichtes Leben: Im Knast in eine kriminelle Familie hineingeboren, verlor er früh seine Mutter und lernte von seinem Vater nur, wie man sich mit krummen Dingern durchs Leben mogelt. Als er sieht, wie sein Vater auf der Straße von vier Männern zu Tode geprügelt wird, schwört er Rache, der er sein ganzes Leben widmet. Die Spur führt den Jungen mehrfach in den Knast, wo er als Erwachsener (Cliff Robertson) schließlich einem der sterbenden Täter die Namen seiner Helfer abringen kann. Sie sitzen an der Spitze des organisierten Verbrechens, teilen sich Drogenhandel, Prostitution und Schmuggel und verstecken sich hinter der Fassade seriöser Geschäftsmänner. Tolly erschleicht sich ihr Vertrauen und beginnt dann, einen nach dem anderen aus dem Weg zu räumen. Aber er beschwört damit keine guten Geister …

Fuller zeigt in UNDERWORLD U.S.A. zweierlei: Zum einen, wie negativer, krimineller Einfluss ein Kind buchstäblich „verseuchen“ kann, sich das Verbrechen durch solchermaßen „Infizierte“ unaufhaltsam verbreitet und immer neue Verbrechen verursacht. Zum anderen, dass das organisierte Verbrechen sich nicht mehr länger auf offener Straße mit Maschinenpistolen bekriegt, wie zu Zeiten Al Capones, sondern längst unter dem Deckmantel der Legitimität operiert. Die Organisation aus Fullers Film sitzt in einem hochmodernen Bürohaus, sie betreibt mehrere rentable und legale Firmen und ist sogar sozial engagiert. Aber diese legalen Geschäfte sind in erster Linie Tarnung für die Schweinereien, die im Hintergrund ablaufen. Der Titel UNDERWORLD U.S.A. ist mit mehr als leiser Ironie versehen: Die Unterwelt ist längst salonfähig geworden. Sie befindet sich mitten in der Gesellschaft, wird repräsentiert von angesehenen Männern und braucht Gewalt nur noch im äußersten Notfall. Tolly, der Kleinkriminelle von der Straße, der noch den althergebrachten Hustle im Blut hat, übersieht, dass das System des organisierten Verbrechens längst nicht mehr an einzelne Personen geknüpft ist. Sein Kampf ist ein Kampf gegen Windmühlen, von einer verklärten Romantik geprägt, für die einfach kein Platz mehr ist. In dem Moment, in dem er Mitglied der Organisation wird, gibt es keine Chance für ihn mehr. Seine persönliche Involvierung, die Leidenschaft, mit der er sein Ziel verfolgt, wird ihm zum Verhängnis in einer Welt, die alles nach dem Paradigma der Ökonomie betrachtet.

Die Geschichte Tollys, des Jungen, dessen Weg von Anfang an vorgezeichnet ist, und der über seinen Rachdurst einen geradezu krankhaften Omnipotenzwahn entwickelt, ist interessant und spannend: Auch weil sich dieser Tolly von anderen Fuller-Helden deutlich unterscheidet. Zwar findet man in Fullers Filmografie viele zwielichtige Gesellen und Lumpen, doch zeichnen sie sich alle durch einen moralischen Kodex aus, der es möglich macht, sich mit ihnen zu identifizieren. Tolly, vom unheimlichen, zwischen schmieriger Selbstverliebtheit und rauhem Tough-Guy-Gehabe pendelndem Cliff Robertson überlebensgroß und voller Manierismen verkörpert, unterscheidet sich deutlich von diesen Protagonisten. Er ist für den Zuschauer erkennbar fehlgeleitet, man verfolgt seine Handlungen mit der unguten Ahnung, dass das alles ein böses Ende nehmen wird – so ähnlich wie ein hilfloses Elternteil den Lebensweg eines Kindes verfolgt, das sich seinem Einfluss entzogen hat. Mehr als bei allen anderen Fuller-Filmen ist man als Zuschauer von UNDERWORLD U.S.A. der Hauptfigur voraus, ihr überlegen. Und weil Tolly mit solcher Beharrlichkeit immer genau das tut, wovon wir ihm insgeheim abraten, weil wir die tragischen Folgen absehen können, entfernen wir uns im Verlauf des Films immer mehr von ihm. Am Ende betrachten wir sein Schicksal nur noch mit der emotionalen Distanz des Zeugen, der den tödlichen Autounfall von seinem Aussichtspunkt lange vorhersehen konnte und mit einer gewissen Enttäuschung registriert, dass die Opfer nicht in der Lage waren, das Offensichtliche zu erkennen und zu vermeiden.

UNDERWORLD U.S.A. ist ein nüchterner Film. Er reißt nicht mit, involviert nicht vollständig, sondern stößt eher ab. Er ist eine Mahnfabel. Dabei sind einige Szenen durchaus dazu geeignet, den Zuschauer bei der Gurgel zu packen: Der Auftakt, wenn der junge Tolly vor einem Polizisten entwischt; sein lüsterner, an einen Süchtigen erinnernde Blick, als seine mütterliche Freundin ihren Safe öffnet und er ganz isntinktiv versucht, sich die Kombination einzuprägen; die Ermordung seines Vaters, als gewaltiger Schattenwurf an eine Backsteinmauer geworfen; schließlich zwei Auftrags- und Rachemorde, von Fuller maximal effizient inszeniert. Letztlich ist es aber vor allem Hauptdarsteller Robertson, der em Film seinen Stempel aufdrückt. Sein Spiel distanziert Tolly von uns und irgendwie sind wir wütend auf ihn, dass er den jungen Tolly, den Jungen, der das Herz auf dem rechten Fleck trug, mit seiner Selbstherrlichkeit getötet hat.