Mit ‘Dominik Graf’ getaggte Beiträge

Ich schaue derzeit alle Schimanski-Tatorte in chronologischer Reihenfolge. Leider nicht ganz mit dem Erfolg, den ich mir davon erhofft hatte. Die ersten zehn Filme sind mal schwächer, mal besser, insgesamt aber doch vor allem konventionelle Fernsehkrimi-Ware, die sich als einzige Extravaganz die Hauptfigur gönnt. Horst Schimanski (Götz George) war, das werden die meisten noch wissen, ein deutsches TV-Phänomen. Sein Schnäuz, die berühmte Jacke plus Cowboystiefel, der freimütige Gebrauch des Wörtchens „Scheiße“ (den die „Bild“ dann sogar mal zählte), die zahllosen Liebschaften im Verlauf seiner zehnjährigen Mattscheiben-Karriere, die Verlagerung von kopflastiger Ermittlungsarbeit hin zu handfesten Keilereien, Verfolgungsjagden und Schießereien, der üppige Pils-Konsum, der fast an alte KOMMISSAR-Zeiten erinnerte: Das alles war damals neu, hob den Duisburger Ermittler von seinen eher biederen Vorgängern ab. So neu, dass auch die Regisseure, die mit den Schimanski-Fällen betraut waren, gar nicht so recht wussten, was sie mit dieser Figur anfangen sollten. Die ersten zehn Schimanski-Filme leben in erster Linie von ihrem reizvollen Lokalkolorit – der Ruhrpott sah in den Achtzigerjahren einfach unglaublich abgefuckt aus – und eben dem Protagonisten sowie Georges Zusammenspiel mit Eberhard Feik in der Rolle des anzugtragenden Partners Thanner. Erst mit Episode 11, DAS HAUS IM WALD, einem zum Belagerungsszenario verdichteten Actionstoff von Peter Adam, und DER TAUSCH, in dem Schimanski mit Maschinenpistole gegen palästinensische Terroristen antritt (Regie: Ilse Hofmann), finden die Schimanski-Tatorte einen wirklich neuen Modus. Und der absolute Höhepunkt dieser Entwicklung ist Dominik Grafs SCHWARZES WOCHENENDE, vielleicht das erste Meisterwerk des Regisseurs.

SCHWARZES WOCHENENDE beginnt mit dem schlafenden Ermittler. Eine Einblendung verrät uns, dass es Samstag morgen ist. Sofort nimmt die Erzählung dadurch Fahrt auf: In Verbindung mit dem Titel ahnen wir, dass das, was in den folgenden 90 Minuten passieren wird, auf 48 Stunden konzentriert ist, die Schimanski alles abverlangen werden. Zu diesem Zeitpunkt weilt er aber noch im Reich der Träume und lässt dort die vergangenen Ereignisse Revue passieren: Am Vortag hatte sich ein Büroangestellter mit einer Handgranate in die Luft gesprengt, nachdem er einen Mord begangen hatte. Schüsse dringen in seinen Traum, Schritte, dann wird er auch schon geweckt. Zwischen unzähligen Bierflaschen wacht er würgend, sich den Kopf haltend auf. Direkt unter seinem Fenster ist jemand erschossen worden. Keine Zeit, Vergangenes zu verarbeiten.

Der Fall, der sich entspinnt, dreht sich um zwei seit Jahrzehnten konkurrierende Möbelunternehmer aus Ostwestfalen sowie eine dysfunktionale, patriarchisch geführte deutsche Familie: Der Tote ist Heinrich Hencken, sofort landet der Verdacht von dessen Sohn Siggi (Jochen Striebeck) auf dem ewigen Rivalen Heinz Möhlmann (Siegfried Wischnewski), seinem Sohn Hubert (Dieter Pfaff) und der Tochter Reinhild (Barbara Freier), mit der Hencken junior mal ein Verhältnis hatte. Ebenfalls involviert sind der Journalist Engelbrecht (Michael Wittenborn), der gegen die Möhlmanns wegen eines vorgetäuschten Bankrotts ermittelt sowie Erwin Patzke (Hans-Dieter Asner), einst Henckens bester Vertriebler, bevor er von Möhlmann abgeworben worden war. Die Feindschaft der Möbel-Clans reicht bis zurück in die Nachkriegszeit, als Hencken für seine Nazi-Anhängerschaft vom Konkurrenten verprfiffen worden war. Je tiefer Schimanski in den Fall eintaucht, desto mehr Verflechtungen und Verwicklungen treten zu Tage und desto schwärzer wird der Morast aus jahrzehntelang gepflegtem Hass und Missgunst.

Dass SCHWARZES WOCHENDE kein durchschnittlicher Schimanski-Tatort ist, deutet sich schon während der ersten oben geschilderten Sekunden an: Aber die Sicherheit, die die Formel sonst üblicherweise bietet, bricht endgültig krachend in sich zusammen, als eine der vermeintlichen Hauptfiguren nach ca. 20 Minuten aus dem Nichts und vor den Augen des Kommissars brutal erschossen, ja: hingerichtet, wird. Auch sonst geht Graf – nach einem gemeinsam mit Bernd Schwamm geschriebenen Drehbuch – eigene Wege. Schimanski tritt als Figur in den Hintergrund, seine sonst viel Raum einnehmenden Marotten machen hier zermürbender Polizeiarbeit Platz. SCHWARZES WOCHENENDE, eigentlich schon 1984 gedreht, lag zwei Jahre im Giftschrank, wurde erst 1986 ausgestrahlt, weil die Verantwortlichen befürchteten, die Zuschauer könnten von insgesamt rund 15 Minuten intensiver Verhörszenen abgeschreckt werden. Dann ist da als ständiges Hintergrundrauschen der Polizeifunk präsent, ein Stilmittel, auf das Graf immer wieder mit großem Effekt zurückgreift. Auch die Musik (Andreas Köbner) vermittelt Dringlichkeit mit ihren kurzen, fast percussiven Akzenten. Wer Krimi als Whodunit begreift, bekommt eine harte Nuss zu knacken: Schnell ist klar, dass hier alle Dreck am Stecken haben, und mehr als die Frage nach dem „Wer“ stellt sich die nach dem „Warum“. Am Schluss sind die Motive enttarnt, die Täter dingfest gemacht, Schimmis schwarzes Wochenende, das auch noch durch einen Disput mit seiner Freundin Hilde getrübt wird, endet mit einem Happy End, die Wolken sind vorübergezogen. Aber es bleibt das Gefühl, das hier im Grunde gar nichts „gelöst“ wurde.

In den Krimis von Dominik Graf geht es ja nie nur um den Fall als singulärem Verbrechen. Er ist immer nur der aktuellste manifeste Ausdruck von Konflikten, die meist schon Jahrzehnte schwelen. Und diese Konflikte sind stets Bestandteil deutscher Geschichte, die wiederum immer, zwangsläufig, Nachkriegsgeschichte ist. Der Krieg der Möbler begann im Dritten Reich und dort wurde auch der Charakter von Patriarch Möhlmann geformt, dessen ganzes Wertesystem sich dann in seinen Kindern fortpflanzte, mt verheerendem Effekt. Wo andere Krimis und Krimiautoren ihr „Spielfeld“ aufräumen, indem sie den Ermittler Puzzleteile zu einem sinnstiftenden Ganzen zusammenfügen lassen, da ist die neu geschaffene Ordnung bei Graf nur ein Zwischenfazit, quasi der erste Schritt, der nötig ist, um sich überhaupt einen Überblick über das ganze Ausmaß des Chaos zu verschaffen. Aber unter jedem Stein, der da weggehoben wird, um den Weg freizumachen, liegen drei weitere, die erst beiseite geschaffen werden müssen. Das ist eine nie endende Aufgabe und man kann immer nur dieses Zwischenfazit, eine vorläufige Wahrheit anpeilen. Irgendwann ist man dann plötzlich selbst Teil der Gleichung.

SCHWARZES WOCHENENDE ist wunderbar konstruiert, von zupackender Dramatik und einer beinahe apokalyptischen Düsternis, die aber nie um des Effekts willen bemüht wird. Siegfried Wischnewski und vor allem Barbara Freier – mit letzterer arbeitete Graf jahrelang für DER FAHNDER zusammen – liefern Darbietungen ab, die eine große Leinwand verdient gehabt hätten (auf der landete Schimmi ja wenig später mit ZAHN UM ZAHN). Der Film entwickelt einen unwiderstehlichen Flow, der sich auch im bizarren Verlauf einer Schusswaffe durch mehrere Hände widerspiegelt, den das Drehbuch entwickelt (ein verantwortlicher Redakteur beim WDR bemängelte diesen überkomplizierten Verlauf, doch Graf und Schwamm zeigten Rückgrat und beließen ihn unverändert), und legt ein immenses Tempo vor, das nichts mit Schießereien und Verfolgungsjagden zu tun hat. Kurz vor der großen Auflösung gibt es eine wunderschöne, ruhige Sequenz, in der Schimanski die verdächtige Reinhild im Familiendomizil im herbstlichen Ostwestfalen besucht. Er findet sie, wie sie den leeren Pool im verwilderten Garten von Ästen befreit, lässt sich dann von ihr bekochen und unterhält sich mit ihr. Es ist ein Moment intimer Vertrautheit, der anderswo wahrscheinlich mit einer Sexszene geendet hätte. Hier nicht. Was bleibt ist ein Augenblick jener Latenz, in der menschliche Entscheidungen über den weiteren Verlauf der Geschichte bestimmen. So oder so.

sigi götz entertainment #30

Veröffentlicht: Dezember 27, 2017 in Film, Zum Lesen
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Hipp-hipp, hurra! Die 30. Schrift des Sigi-Götz-Entertainment ist ab sofort erhältlich. Nach zehn Jahren ist in der aktuellen „Jahrhundert-Edition“ ein neuer, 99 Titel umfassender „Neuer Kanon des deutschen Films“ enthalten, der ganz gewiss viele, viele Anregungen für archäologische Entdeckungsreisen enthält und garantiert einige blinde Flecken gnadenlos bloßlegen wird. Leser meines Blogs interessieren sich vielleicht bzw. hoffentlich auch für meine umfassende Würdigung der FAHNDER-Episoden, die unter der Regie von Dominik Graf entstanden sind. Außerdem im Heft: Clemens Klopfenstein über Polo Hofer, Henry John Kaiser über Roland von Oystern und Benedikt Eppenberger mit einem Nachruf auf Lukas Ammann. Das Heft kann man für gut angelegte 3,50 Euro hier bestellen oder am besten gleich abonnieren: http://www.sigigoetz-entertainment.de/?n=abo_bestellung

die-zielfahnder-flucht-in-die-karpatenNormalerweise kann ich mich nur selten dazu aufraffen, mein eigenes Heimkino-Angebot links liegen zu lassen, um mich dem Fernsehprogramm zu widmen. Für Dominik Grafs ZIELFAHNDER: FLUCHT IN DIE KARPATEN habe ich gestern eine Ausnahme gemacht, die sich gelohnt hat. Der Film lässt seinen Autoren unschwer erkennen in den kleinen Details der Inszenierung, vor allem in der Art, wie die Figuren miteinander sprechen, wie Räume und Orte erkundet werden und die kleinen Exkurse, die sich die Handlung erlaubt, nie bloße Ablenkungsmanöver sind.

Graf kehrt für seinen neuesten Film zunächst in meine Heimat des Herzens Düsseldorf zurück, wo auch schon DIE KATZE und DIE SIEGER gespielt hatten: Aus dem Gefängnis in Solingen ist der rumänische Schwerverbrecher Caramitru (Dragos Bucur) ausgebrochen, dem die Fahndungsbeamtin Hanna Landauer (Ulrike C. Tscharre) ein handfestes Trauma zu erdanken hat. Sein Fluchtziel ist Rumänien, Landauer und ihr Kollege Sven Schröder (Ronald Zehrfeld) heften sich an seine Fersen, müssen ihn aber an der Grenze ziehen lassen. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen in Bukarest erweist sich anschließend als etwas schwierig, doch dann gibt es einen Hinweis, dass Caramitru die Hochzeit seiner Schwester in einem Dorf am Fuß der Karpaten aufsuchen wolle …

ZIELFAHNDER: FLUCHT IN DIE KARPATEN ist ein geradliniger Actionfilm, was bedeutet, dass der Zuschauer nicht allzu viele Überraschungen hinsichtlich des Handlungsverlaufs erwarten darf, wohl aber einen ereignisreichen Weg dahin. Highlights waren für mich die Szenen im Besprechungsraum des LKA, weil Graf es wie kein zweiter in Deutschland versteht, diese in anderen Filmen lustlos hingeworfenen Momente so zu inszenieren, dass sie nicht bloß lästige Exposition sind, sondern ein Gefühl für die Welt schaffen, der seine Protagonisten entstammen. Wunderbar ist das Zusammentreffen der deutschen und rumänischen Kriminalbeamten: Letztere betrachten die „Eindringlinge“  natürlich mit kaum verhohlenem Spott und Ablehnung, aber die Annäherung funktioniert dann doch – ein Standard des Polizeifilms natürlich, aber es fühlt sich hier trotzdem echter an als üblich. Bukarest, das man aus zahlreichen DTV-Actionern der letzten 15 Jahre kennt, erstrahlt hier in einem ganz anderen Licht und in den bunten Farben eines rauschhaften Nachtlebens, in das sich auch die beiden Helden stürzen. Richtig toll wird es dann aber im Karpatendorf, wo Landauer und Schröder erst eine peinliche Niederlage einstecken, dann in die Feierlichkeiten mithineingezogen werden, mit dem Fund einer gestohlenen Kirchenglocke zu Lokalhelden avancieren und dann schließlich in einem Showdown auf Caramitru treffen, der mich im positivsten Sinne an die alten Karl-May-Filme erinnert hat. Auch wenn ZIELFAHNDER: FLUCHT IN DIE KARPATEN das Rad keineswegs neu erfindet: Es gibt hier einfach Sachen zu sehen, die man so im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat und die deutlich machen, dass Graf eigentlich auf die große Leinwand gehört. Allein wie am Ende die Schatten der Wolken über die grünen Gebirgswiesen ziehen, hat das Einschalten gelohnt …

53c8c66dca8b1Das ausstattungsintensive, respektvoll-bildungsbürgerliche Dichterdrama gehört zu den hartnäckigsten Trends des nun schon seit einigen Jahrzehnten zeitgenössischen deutschen Films, gleich neben Drittes-Reich- und DDR-Aufarbeitung. Vor allem die „Dichterfürsten“ Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe werden mit ihrer als geradezu übermenschlich eingeschätzten literarischen Genialität immer wieder gern in geschmackvollen Inszenierungen ins rechte Licht gerückt, bevor danach wieder der etwas problematischere Thomas Mann an der Reihe ist. Dass die historischen Stoffe und Personen durchaus mehr hergeben als museale Staffage für hölzerne Ausstattungsfilme mit ostentativ vor sich hergetragenem Bildungsanspruch, zeigt Dominik Grafs DIE GELIEBTEN SCHWESTERN, der sich nicht in huldvollem Respekt vor der historischen Persönlichkeit und im einfallslosen Abklappern zigfach geschilderter Anekdoten ergeht. Stattdessen lässt er seine Charaktere tatsächlich als Menschen aus Fleisch und Blut auferstehen, mit durchweg nachvollziehbaren Sorgen und Nöten. Die Jahre, die zwischen uns und den Protagonisten liegen, sind keine unüberbrückbare, bodenlose Kluft, durchwabert von mystischem Nebel: Nein, da ist eine Brücke, die hinüberführt und die wir beschreiten können, um Schiller und seinen beiden geliebten Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld die Hand zu reichen.

Dominik Grafs Film erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung mit großer Detailgenauigkeit und Sensibilität (die Stimme des Regisseurs, die sich immer wieder erläuternd und kommentierend einschaltet, bemüht sich hörbar, seine Charaktere nicht zu stören), aber ohne Ehrfurcht vor den großen Namen. Was zum Glück nicht bedeutet, dass er unsere Vorstellung von Schiller auf den Kopf stellen will. Nein, aber anstatt weiter am Mythos des jungen Wilden der deutschen Klassik zu stricken, stellt er ihn auf den Boden der Realität. Als spät im Film, in einem Dialog zwischen Schiller (Florian Stetter) und seinem Freund Wilhelm von Wolzogen (Ronald Zehrfeld) einmal die französische Revolution und ihre Folgen zur Sprache kommen, dient das nicht bloß der Kontextualisierung. Wenn Wolzogen sagt, dass er sich aus Angst, mit seinem aristokratischen Namen dem Zorn des Volkes zum Opfer zu fallen, tagelang in seinem Zimmer versteckt habe, wird das historische Ereignis plötzlich erschreckend greifbar. Das Gleiche gilt für die Gefühle, die die drei Protagonisten in Unruhe versetzen. Die bedingungslose Liebe der beiden Schwestern Caroline (Hannah Herzsprung) und Charlotte (Henriette Confurius) füreinander, ihre zärtliche Bewunderung für den mittellosen, empfindsamen Schiller, schließlich die tiefe Leidenschaft Carolines gegenüber der maßvollen, gezügelten Partnerschaft, die Charlotte und den Dichter verbindet: Das ist eben nicht, wie so oft in Historienfilmen, mit milder Herablassung inszeniert, als seien die Menschen damals in einem Stadium emotionaler Infantilität gefangen gewesen. Man weiß ganz genau, was in den Charakteren vorgeht, weil man sich ihnen verwandt fühlt.

Wenn Graf dem klischierten Bild, das man sich von jener Zeit gemacht hat, dann doch entspricht, dann in der großartigen Fotografie von Michael Wiesweg, die immer wieder die opulenten Gemälde der Romantik in Erinnerung ruft. Am meisten hat es mir der mehrfach eingesetzte Blick aus dem Fenster der Lengefeld-Schwestern auf die unweit am Haus in Rudolstadt vorbeifließende Saale angetan. Hier wird „Realität“ nicht verfremdet, vielmehr hilft diese Perspektive dabei, unser kulturelles Erbe vom Schleier der Jahrhunderte zu befreien. Dominik Graf schafft das mit DIE GELIEBTEN SCHWESTERN ganz ohne furchtbare Modernisierungsgesten. Er muss Schiller nicht rappen lassen, um ihn seinem Publikum anzudienen und um die Relevanz seiner Geschichte zu betonen. Hier ist Geschichte tatsächlich zeitlos. DIE GELIEBTEN SCHWESTERN ist mithin nicht nur ein Film über eine historische Liebesbeziehung, sondern über unsere Beziehung zu kulturellem Erbe und dem ewigen Fluss der Geschichte.

b640x600Dominik Grafs zweiter Beitrag zur Reihe POLIZEIRUF 110, nach DER SCHARLACHROTE ENGEL erneut mit dem Ermittlerpaar Jürgen Tauber (Edgar Selge) und Jo Obermaier (Michaela May), ist eine Art Wiederaufnahme der Themen, die ihn so ähnlich schon im vorangegangenen Film beschäftigt hatten. Im Zentrum des Geschehens steht Maria (Rosalie Thomass), ein kaum den Kinderschuhen entwachsenes Mädchen, dessen Lebensweg schon von ihrer Jugend an kontinuierlich bergab zeigt: Nach diversen Heimaufenthalten landet sie im Rotlichtmilieu, aus dem sie sich mit großen Geldsummen freizukaufen sucht, die sie alten, alleinstehenden Männern mit dem verlockenden Versprechen einer Liebesbeziehung abschwindelt. Natürlich schweißen diese Geldbeträge sie nur noch fester an ihre Zuhälter, die über die neue Einnahmequelle hoch erfreut sind und gar nicht daran denken, die fleißige Maria gehen zu lassen. Es kommt, wie es kommen muss: Um die Erbschaft des Rentners Waller (Josef Thalmeier) einzustreichen, muss Maria mit Gewalt nachhelfen. Grafs Film lebt von einer doppelten Tragik, indem sein Täter gleichermaßen Opfer ist, das von den Lebensumständen dazu gezwungen wird, sich an den einzigen Menschen zu vergreifen, die wahrscheinlich noch ärmer sind als sie. Graf zeichnet ein trostloses Bild einer Gesellschaft voller Einsamer, Verlassener, Suchender und niemals Findender.

ER SOLLTE TOT wird fast ausschließlich in Rückblenden erzählt: Nach ca. einer halben Stunde steht Maria als Täterin eigentlich fest, lediglich echtes Beweismaterial oder ein Geständnis fehlt. In einem langen, an eine Therapie erinnernden Gespräch, das den Rest der Laufzeit ausfüllt, versucht Tauber der verstörten jungen Frau die Wahrheit abzuringen. Diese Erzählstrategie verstärkt noch das Gefühl der Ausweglosigkeit, das der Film transportiert: Marias Weg führt geradewegs auf die Katastrophe zu, die zu enträtseln Tauber und Obermaier in der Gegenwart angetreten sind. Und wenn die Schuldigen am Ende ihre „gerechte“ Strafe erhalten, ist das keineswegs ein polizeilicher Triumph, da die Gewissheit bestehen bleit, dass es in unserer Gesellschaft Verlorene gibt, Menschen ohne Hoffnung, ohne Hilfe, ohne Halt, die unaufhaltsam ihrem traurigen Ende entgegenstreben – und dabei möglicherweise andere mit sich reißen. Der Polizei bleibt nur die undankbare Aufgabe, die Trümmer wegzuräumen. Für echte Hilfe ist es meist schon zu spät.

Wie DER SCHARLACHROTE ENGEL ist ER SOLLTE TOT eigentlich ein sehr aufgeräumter Krimi, der sich für ungefähr die Hälfte seiner Laufzeit als Zwei-Personen-Stück präsentiert. Die Rückblendenstruktur und Grafs Talent, eine Geschichte durch kleine Kniffe mit Details aufzuladen, hauchen dem Stoff, der auch ganz schön trocken hätte werden können, oszillierendes Leben ein. Gleich zu Beginn etwa eilt bei der Tatortbegehung eine freudig aufgeregte Nachbarin mit den Worten „I hob die Leiche g’sehen!“ an den Ermittlern vorbei, damit wunderbar illustrierend, wie nahe Tragik und Freude beieinander liegen, ja, wie verwoben sie teilweise sind. Ein Subplot befasst sich mit dem auf die Rente zugehenden Kommissar Kruppke (Jochen Striebeck), der vielleicht der einzige war, der Maria an ihrer Tat hätte hindern können, aber genauso auf ihren Mädchencharme hereinfiel wie die alten Männer, denen sie ihr Geld verdankte. Er verstirbt nach einem Drittel der Laufzeit sehr plötzlich, doch Tauber hält die Erinnerung an ihn am Leben, indem er für seine Billardspiele stets ein Bier für den Toten mitbestellt und seinen Hut auf dessen alten Stammplatz legt. Solche kleinen Einfälle sind für den eigentlichen Handlungsverlauf unerheblich, aber sie schaffen Authentizität: Ist der deutsche Fernsehkrimi in der Regel eine sehr mechanistische, formelhafte Angelegenheit, nutzt Graf diese „Formel“ lediglich als Sprungbrett, um auf allgemeinerer Ebene etwas über den Menschen zu erzählen. Ich halte auch die Ermittlerfigur Tauber dabei für sehr wichtig: Er erschien mir in DER SCHARLACHROTE ENGEL als etwas konturlos, doch nach ER SOLLTE TOT weiß ich, dass es gerade seine Stärke ist, dass man ihn nicht auf Anhieb in eine Schublade stecken kann. Meuffels aus CASSANDRAS WARNUNG ist als intellektuelles, dazu noch adliges Nordlicht mitten in Bayern hinreichend charakterisiert, aber Tauber lässt sich nicht auf seinen fehlenden Arm reduzieren, auch wenn der immer mal wieder zur Sprache kommt. Tauber ist ruhig, zurückhaltend, beinahe unscheinbar, ein Mann ohne Eigenschaften, wenn man so will. Das heißt, es gelingt ihm, diesen Eindruck zu erwecken. Stattdessen ist er im Gegenteiaber geistig sehr wach, empathisch und enorm flexibel: Man weiß nie genau, was man von ihm erwarten darf. Damit ist er der ideale „Partner“ für Grafs Inszenierung, die sich ebenfalls dadurch auszeichnet, das zu jeder Sekunde alles möglich scheint.

Nach den drei großartigen Graf-Filmen, die ich in den letzten Tagen gesehen habe (DER SKORPION, EINE STADT WIRD ERPRESST und CASSANDRAS WARNUNG) erscheint DER SCHARLACHROTE ENGEL zwangsläufig als kleine Enttäuschung. Was nicht bedeutet, dass er schlecht ist: Aber während Graf das enge Format des Fernsehkrimis mit den genannten Filmen als riesige Spielwiese erscheinen ließ, auf der man seiner Kreativität nahezu ungehindert laufen lassen kann, als fruchtbaren Boden für die Aussaat von aufregenden Genrestoffen, für die im Kino kein Platz neben all den Bezeihungskomödien und Historienfilmen zu sein scheint, operiert er mit DER SCHARLACHROTE ENGEL überwiegend innerhalb seiner Grenzen. Wirkte CASSANDRAS WARNUNG wie ein eigenständiger Teutonen-Giallo, den man mit einigen Kniffen erfolgreich ins Korsett der Krimiserie POLIZEIRUF 110 gezwängt hatte, sind die Errungenschaften von DER SCHARLACHROTE ENGEL weniger auffallend und spektakulär.

Der einarmige Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) wird von einer Frau namens Floriane Engelhardt (Nina Kunzendorf) angerufen, die behauptet, einen Eindringling angeschossen zu haben. Vor Ort finden Tauber und seine Kollegin Jo Obermaier (Michaela May) Bluspuren und eine gefasste Täterin, die vom Kampf mit einem möglichen Vergwaltiger berichtet. Die Frau stellt sich später als Striptänzerin heraus, die Kunden gegen Zahlung private Webcam-Vorstellungen gibt. Einem ihrer Kunden (Martin Feifel) hat diese Form des virtuellen Kontakts jedoch nicht mehr ausgereicht. Nach einem zweiten Übergriff mit Vergewaltigung kann der Mann festgenommen werden. Doch vor Gericht weiß die Strafverteidigerin das „unmoralische“ Geschäft des Opfers zum Nutzen ihres Mandanten einzusetzen …

Der oben angestrengte Vergleich ist wahrscheinlich ungerecht, denn dem epischen, Jahrzehnte umspannenden Ansatz von EINE STADT WIRD ERPRESST und CASSANDRAS WARNUNG steht DER SCHARLACHROTE ENGEL als intimes Kammerspiel gegenüber. Die Ausgangssituation ist recht schnell klar (der anfängliche Verdacht, dass Floriane selbst Dreck am Stecken haben könnte, verflüchtigt sich schon bald) und mehr als irgendwelche möglichen Verwicklungen oder Ermittlungen von Tauber und Obermaier steht der Charakter der Tänzerin im Vordergrund bzw. das gesellschaftliche Verhältnis zu käuflichem Sex, das von Verständnis für die männlichen Kunden geprägt ist, die Dienstleisterinnen aber mit Verachtung straft und stigmatisiert. Viel Zeit wird für die Gerichtsverhandlung aufgewendet, die hinsichtlich der Affektsteuerung eine Meisterleistung ist: Dem Zuschauer, der weiß, dass Floriane die Wahrheit sagt, muss die Halsschlagader anschwillen, wenn er merkt, wie ihr Beruf benutzt wird, ihre Glaubwürdigkeit und letztlich sogar ihr Recht auf Unversehrtheit zu untergraben. Weil Floriane davon lebt, Männerfantasien zu erfüllen, muss sie gewissermaßen damit leben, dass mancher Kunde den Unterschied zwischen Fantasie und Realität nicht begreift: Das ist zumindest die Sichtweise der Verteidigerin oder wenigstens die Argumentationsstrategie, von der sie weiß, dass sie Erfolg verspricht.

In seinem Showdown macht DER SCHARLACHROTE ENGEL einen wichtigen Punkt: Opfer, die vom Rechtssystem keine Hilfe zu erwarten haben, werden irgendwann selbst zu Tätern. Diese Erkenntnis wiegt dann auch schwerer als die Kehrseite der Medaille: Triebtäter, deren Obsessionen man keinen Riegel vorschiebt, werden immer wieder rückfällig werden. Das ist (zum Glück) nicht das, was Graf interessiert. Er bleibt bei Floriane Engelhardt, der „die Gesellschaft“ aufgrund ihres Berufes bestimmte Rechte aberkennt und selbst in ihrer Passivität noch einen Angriff erkennt. Als Statement zu Gender Politics, Gleichberechtigung und zur Wahrnehmung von Sexualität ist DER SCHARLACHROTE ENGEL absolut niederschmetternd.

„Ein lupenreiner Giallo!“ So ungefähr machte mir Christoph von Eskalierende Träume Dominik Grafs CASSANDRAS WARNUNG schmackhaft, der gleichzeitig das Debüt des von Matthias Brandt gespielten Kriminal-Hauptkommissars Hanns von Meuffels innerhalb der Krimireihe POLIZEIRUF 110 ist. Aus seiner Begeisterung vor allem für das italienische Genrekino – das der Regisseur einmal als „die schönste aller Filmwelten“ bezeichnet hat – hat Graf in den vergangenen Jahren keinen Hehl gemacht, sich damit im Gegenzug einen Ehrenplatz im Herzen von Freunden des abseitigen, unterschlagenen, missachteten, vergessenen und verdrängten Films gesichert. Ich wage zu behaupten, dass es ihm leicht fallen sollte, diesen Platz zu behaupten, wenn er seine Liebe auch in Zukunft weiter in solche wunderbar kreativen und eigenständigen Filme gießt wie CASSANDRAS WARNUNG.

Der Kommissar von Meuffels – ein Nordlicht mit adligen Wurzeln – tritt soeben seinen Dienst in München an, da wird er schon an den Tatort eines brutalen Mordes gerufen, der besondere Brisanz dadurch erhält, dass das Opfer die Gattin des Polizeikollegen Gerry Vogt (Ronald Zehrfeld) ist. So scheint es zumindest, bis sich nach der Obduktion herausstellt, dass es sich bei der Toten um eine Freundin von Vogts Gattin Diana (Alma Leiberg) handelt, die für einige Tage im Haus des Ehepaars untergeschlüpft war. Offensichtlich galt der Anschlag Diana und in Verdacht gerät sofort eine Frau namens Cassandra, mit der der polygame Gerry eine kurze Sexbeziehung unterhielt. Die Gesuchte ist allerdings nirgends ausfindig zu machen: Existiert sie tatsächlich oder ist sie nur eine Erfindung Vogts, um seine eigene Tat zu vertuschen? Und was hat der ungeklärte, Jahrzehnte zurückliegende Fall eines Kindsmordes mit all dem zu tun?

Will man die Giallo-Parallele nachvollziehen, muss man zunächst einmal einen Kompromiss eingehen. Als Teil einer klassischen Krimiserie ist CASSANDRAS WARNUNG natürlich an bestimmte strukturelle Elemente gebunden, die eher Giallo-untypisch sind: Steht dort meist eine weibliche Opferfigur im Mittelpunkt, der ein männlicher Helfer zur Seite gestellt wird, liegt die Konzentration hier auf einem Kriminalbeamten und seiner Ermittlungsarbeit, von Graf mit dem bekannten Gespür für die „Parallelgesellschaft Polizei“ und deren Jargon inszeniert (eine sehr schöne Szene spielt auf der Beerdigung einer Kollegin und dem danach in einer Kneipe abgehaltenen „Leichenschmaus“). Der Vergleich mit den hochgradig stilisierten italienischen Thrillern lässt sich trotzdem nicht so einfach beiseite wischen, lädt Graf seinen Film doch mit genau jener Sexualität auf, die auch dem Giallo seinen archaischen Drive verleiht. Man ist ein paarmal versucht zurückspulen, um sicherzustellen, dass man da tatsächlich gerade richtig gehört hat. Vogts unstillbare Lust schlägt sich in zahlreichen expliziten Dialogzeilen nieder, die im deutschen Abendprogramm eher Seltenheitswert genießen. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten nicht: Eine weitere wichtige Nebenfigur ist der Cross-Dresser Pandora Büchschen (Tobias van Dieken), während Alma Leiberg ihre Diana als unterkühlte Femme fatale anlegt. In einer Szene, in der Meuffels Gerry mit der Möglichkeit konfrontiert, dass dieser statt mit einer „echten“ Frau mit Pandora ins Bett gestiegen ist, vielleicht gar seine Homosexualität vertuschen will, bringt Diana die ungewöhnliche Auflösung: Sie steigt kurz entschlossen auf einen Tisch und lüpft ihren Rock, um allen zu zeigen, wonach es ihren Mann wirklich gelüstet. Was im Rahmen eines POLIZEIRUFS befremdlich und geradezu außerirdisch wirkt, wäre in einem beliebigen Giallo ein Akt von geradezu bestechender Logik.

Wie schon in EINE STADT WIRD ERPRESST widmet sich Graf auch hier in einem kurzen, aber immens wirkungsvollen  Abstecher der neuzeitlichen Gentrifizierung deutscher Großstädte, macht einen kunstvollen Schlenker vom Speziellen zum Allgemeinen und gibt dem einstigen Sex-Symbol Doris Kunstmann eine prägnante Nebenrolle. Was wichtig für jeden Giallo ist, darf in CASSANDRAS WARNUNG nicht fehlen: Der gegenwärtige Mordfall scheint tief in die Vergangenheit zu reichen. Aber am Ende entpuppt sich – auch das ist giallotypisch – alles als relativ „normal“, und dass Meuffels erst über zahlreiche Umwegen zum Ziel gelangt, liegt weniger an ihm, als daran, dass die Welt bei Graf nicht monokausal strukturiert ist. Überall ergeben sich Querverbindungen, Assoziationen, Vergleichsmöglichkeiten und Parallelen, wenn man nur einmal an der Oberfläche kratzt. Das Leben pulsiert und schafft seine eigenen Realitäten. Graf ist ein Meister darin, seine Filme als nur einen von vielen möglichen Blicken durch ein Kaleidoskop erscheinen zu lassen, das beim nächsten Mal schon ein ganz anderen Bild zeigen würde. Jede Szene, jede Einstellung birgt die Möglichkeit, vom Hauptpfad abzubiegen und eine andere Geschichte zu verfolgen. Es liegt etwas Spielerisches in Grafs Filmen und er genießt es, ganz unterschiedliche Ausdrucksformen zu erproben. Seine Charaktere versteigen sich manchmal zu kleinen Performances, singen oder halten plötzlich politische Vorträge. Dann und wann wirft einen das aus dem Film raus – die Wutrede von Doris Kunstmanns Polizistin gegen bürgerlich-liberale Ökos zum Beispiel ist arg deklamierend und on the nose, wahrscheinlich auch dem Zwang deutscher Krimis zu Relevanz und Aktualität geschuldet –, aber dem positiven Gesamteindruck tun auch solche „Fehler“ keinen Abbruch. Vielmehr sorgen sie dafür, dass man als Zuschauer immer auf der Hut bleibt, weil man weiß, dass in jeder Sekunde etwas Unerwartetes passieren, der Ton von einem Extrem in ein anderes kippen kann. Und Graf weiß eben tatsächlich, jeden Zentimeter Film auszunutzen: Einmal streiten sich Gerry und Diana vor Meuffels über seine Untreue. Sie wirft ihm vor, sie während eines Schwedenaufenthalts betrogen zu haben, er macht sich darüber lustig, erzählt spöttisch, dass er ihr sogar einen wundervollen Holzschuh mitgebracht habe, den man als Blumentopf verwenden könne. Man überlegt nur kurz, ob das ein Witz des Polizisten ist, eine erfundene Anekdote in seiner humoristischen Performance, da schneidet Graf auch schon zu genau jenem blaugelb angemalten Holzschuh mit Blumengesteck, der dem Schwerenöter von seiner Gattin beherzt an den Kopf geschmissen wird. Ein anderes Mal wird über den Polizisten, den alle nur „McFly“ nennen, weil er nach Schottland auswandern wolle, gesagt, er spiele auch Dudelsack, und zur kurzen Bestätigung schwenkt Graf auf das in der Ecke liegende Instrument. Der Film bewahrt sich bei aller Schicksalsschwere immer seine Leichtfüßigkeit, weshalb es nur konsequent ist, dass von Meuffels seinen finalen Triumph mit einem Freudentänzchen beendet. Sehr italienisch, auch wenn die Musik dazu aus der Türkei stammt.