Mit ‘Dominique Othenin-Girard’ getaggte Beiträge

Dieses bizarre Schnittchen Nineties-Mainstream-Splatter wurde soeben in augenbetörender HD-Qualität veröffentlicht – was eine dankbare Gelegenheit bietet, es nach langer, langer Zeit mal wiederzusehen. Unmittelbar nach HALLOWEEN V: THE REVENGE OF MICHAEL MYERS gedreht, bedeutete es auch schon das Ende der Kinokarriere des Schweizers Dominique Othenin-Girard: NIGHT ANGEL genoss einen limitierten Kinostart in den USA, wurde dann, wie auch bei uns in Deutschland, direkt auf Video veröffentlicht. Das ist schade, denn auch wenn sein Horrorfilm, der sowohl den slicken Designersex als auch männermordende, nymphomane Femme fatales von BASIC INSTINCT vorwegnimmt, inhaltlich ganz gut auf Video aufgehoben war, hätten seine Bilder die große Leinwand verdient gehabt.

Ober-Dämonenschlampe Lilith macht sich in Gestalt einer verführerischen, schwarzhaarigen Frau (Isa Jank) an die Redaktion eines Modemagazins heran: Von dessen Titelseiten aus will sie mit ihrem betörenden Blick die ganze Welt unterjochen. Naturgemäß hat sie mit den sexbesessenen Egomanen, die dort arbeiten, leichtes Spiel. Nur Craig (Linden Ashby), der Bruder der Redaktionsleiterin Rita (Karen Black), stellt eine größere Herausforderung dar, hat der sich doch gerade erst in die Schmuckdesignerin Kristy (Debra Feuer) verliebt …

NIGHT ANGEL ist in jeder Hinsicht eine Zeitreise in die frühen Neunziger: Hinsichtlich Kleidung und Frisuren bekommt man hier die volle Breitseite, aber auch der Film selbst entspricht in Look und Feel natürlich den damaligen Konventionen: Der Score orgelt relativ preisgünstig, die Ausleuchtung ist künstlich-bunt, von „echtem“ Horror ist der Film mit seinen Ideen und Gummieffekten (von FX-Wizard Steve Johnson) ziemlich weit entfernt, mehr darauf hinaus, Teenieprächen Stoff zum Schmusen zu bieten. Das einzige, was nicht so ganz ins Bild passt, ist die Thematik selbst. NIGHT ANGEL ist auffallend sleazy: Seine Antagonistin lutscht vor zwei lüstern gaffenden Männern den Schaum von einer Bierflasche, zwingt ihre Eroberung dann zum wilden Sex neben der eigenen Gattin, verwandelt die Redaktion schließlich in eine Horde hungriger Sexzombies, die wie einst in Cronenbergs SHIVERS hinter dem standhaften Heldenpärchen her ist. Auch in der Vorstellung, was „hot“ ist, ist der Film ganz in seiner Zeit verhaftet: Isa Jank interpretiert ihre höllische Hure als glutäugige Zigeunerbraut mit klimpernden Armreifen und ausuferndem Tanzstil, der alle Männer komplett den Verstand verlieren lässt. (Die zauberhafte Debra Feuer muss demgegenüber natürlich „wholesome“ wirken, weshalb ihr Charakter dann auch aus Milwaukee kommt und sie dem Protagonisten nach der obligatorischen Sexszene ihre Liebe gesteht.) Und als Abgesandte des Guten fungiert natürlich eine hutzelige schwarze Oma.

Das ist alles mehr als nur ein bisschen dämlich, eine wenig raffinierte, dafür aber geschäftstüchtige Verquickung von Sex und Horror, der der ganz große Erfolg dann eher versagt blieb. Was wiederum schade ist, denn man kann NIGHT ANGEL gewiss nicht vorwerfen, ohne Stilbewusstsein gemacht worden zu sein. Visuell ist der Film schon ziemlich toll, eine Zelebrierung der oberflächlichen Reize und nächtlichen Irrlichter, die einen so leicht vom Pfad der Tugend abbringen. Und er erinnert einen auch wieder daran, was uns bei heutigen Horrorfilmen mit ihrem color grading und ihrer monochromen Optik verloren gegangen ist.

Nach dem Finale von HALLOWEEN IV ist Michael Myers mitnichten tot. Ein Jahr später taucht er deshalb pünktlich zu Halloween erneut in Haddonfield auf, wo seine Nichte Amy (Danielle Harris) traumatisiert von den vergangenen Ereignissen in einer Kinderklinik ihr Dasein fristet. Eine telepathische Verbindung zu ihrem Onkel lässt sie jedoch dessen Nähe deutlich spüren und das ruft wiederum Dr. Loomis (Donald Pleasence) auf den Plan …

halloween5box[1]HALLOWEEN V bestätigt meine Ausführungen zu Littles viertem Teil: Man kann mit Michael Myers keinen anderen Film machen als den, den Carpenter 1978 inszeniert hatte. Zumindest keinen wirklich guten. Othenin-Girard hat die besten Vorsätze, nimmt zunächst kleinere, kosmetische und nicht uneffektive Änderungen vor, lässt etwa die gesamte erste Hälfte des Films am hellichten Tage spielen, was einen schönen Effekt hat, und unterzieht Michael einer optischen Verjüngungskur, die die Figur wieder etwas bedrohlicher erscheinen lässt als im Vorgänger. Seine ambitionierteren Einfälle sind aber allesamt fragwürdig, weil sie darauf abzielen, Michael als Menschen greifbar zu machen, das Monster zu psychologisieren, und damit verkennen, das es genau das Gegenteil war, was die Figur auszeichnete. Die telepathische Bindung zu seiner Nichte, die sich dann schließlich in eine emotionale Verbindung verwandelt (am Ende kullert gar eine Träne über Michaels Gesicht), fügt der Figur weniger hinzu als sie ihr etwas wegnimmt: Wenn Michael die Verkörperung einer bösen Kraft ist, kann er sich nicht in einen Menschen zurückverwandeln, der er niemals gewesen ist. Dass HALLOWEEN V stärker noch als sein Vorgänger als herkömmlicher Slasherfilm konstruiert ist – im Mittelteil gibt es eine lange Passage, in der die jugendlichen Besucher einer Party von Myers mittels „origineller“ Waffenwahl (Mistgabel, Sense) dezimiert werden -, gleichzeitig aber eine weitere Figur eingeführt wird, deren Identität und Funktion erst im nächsten, aufgrund des Misserfolgs von Teil 5 erst fünf Jahre später entstandenen sechsten Teil erläutert wird, lässt die ganze Ratlosigkeit der Macher erkennen, die wohl insgeheim erkannt hatten, dass sich ihr Titelheld gegen die üblichen Verwertungsmechanismen sperrte und die demzufolge irgendwie versuchen mussten, trotzdem noch einen Film zurechtzubiegen, der die Leute bei Laune halten würde. Das ist zwar nur bedingt gelungen, letztlich gilt aber dasselbe wie für Teil 4: Ich finde ihn eigentlich ganz ansehnlich.