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blacula (william crain, usa 1972)

Veröffentlicht: Februar 28, 2010 in Film
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Es gibt Filme, die scheinen einzig und allein aus einem Witz hervorgegangen zu zu sein, an einem bierseligen Abend erdacht und dann nur deshalb tatsächlich in die Tat umgesetzt, um diese eine vermeintlich gute Idee öffentlich gemacht zu haben. So konnte ich mir etwa kaum vorstellen, dass es den Machern bei BLACULA, in der kommerziellen Blüte des Blaxploitation-Kinos entstanden, um mehr gegangen war als die tituläre Verballhornung des berühmten Vampirfürsten.

Diese Unterstellung schlug sich entsprechend in meiner Erwartungshaltung nieder: BLACULA, von vornherein als nicht mehr als Gag konzipiert, macht sich einen Spaß daraus, einen Stoff zu „afroamerikanisieren“, der thematisch kaum weiter entfernt sein könnte. Ein schwarzer Dracula, der in allerbester Pimp-Manier mit schrillen Funkklamotten Babes abgreift und in heiße Vampirbitches verwandelt, bis ein noch tougherer Schwarzer ihm zeigt, wo der urbane Holzpflock hängt. Um nach diesen Ausführungen zum Punkt zu kommen: Diese Erwartung wurde enttäuscht. BLACULA ist nur mäßig witzig, billig sicherlich und inszenatorisch auf dem Niveau einer alten Fernsehserie. Und weil man den Hergang der Geschichte aus geschätzten hundert anderen Filmen kennt, darf man BLACULA durchaus als ein bisschen langweilig bezeichnen.

Aber dann ist da ja auch noch eine andere Seite: Es ist nicht wenig sympathisch, dass William Crain versucht, den Draculamythos adäquat auf afroamerikanische Verhältnisse umzuarbeiten, anstatt sich mit dem oben beschriebenen Bedienen von abgedroschenen Klischees zu begnügen. Das Blaxploitation-Genre wurde seinen schwarzen Urhebern ja recht schnell von findigen weißen Filmemachern und Produzenten entrissen und darf daher im Kern durchaus als zumindest latent rassistisch bezeichnet werden: Weiße Männer erzählen weißen Zuschauern wie der Schwarze denn so ist – oder wie sie glauben, dass er ist. BLACULA ist in dieser Hinsicht auffallend dezent. Sein Vampirgraf, ein afrikanischer Prinz, der beim Versuch, die Sklaverei abzuschaffen, von einem Befürworter dieses Systems – kein Geringerer eben als Graf Dracula –  zum Vampir gemacht und also selbst versklavt wird, ist die absolute Sympathiefigur des Films; ein tragischer Held und weit mehr als nur eine Witzfigur.

Das Erlebnis BLACULA bleibt insgesamt trotzdem zweispältig: Denn all diese lobenswerten, positiven Aspekte ändern eben nix daran, dass Crains Film einfach nicht so richtig aufregend ist. Schade, denn irgendwie würde ich ihn aufgrund der geannten Aspekte gern so richtig gut finden. Mögen darf man ihn auf jeden Fall.

Kleine Jungs stehen auf Monster – und große eigentlich auch. Aber diese Begeisterung ist ein merkwürdiges Phänomen, schließlich soll man ja Angst vor diesen Kreaturen haben. Und zwischen diesen beiden Polen – Furcht und Begeisterung – finden sich auch die zwölfjährigen Protagonisten von Fred Dekkers herrlichem THE MONSTER SQUAD wieder, als sie plötzlich auf ihre Idole aus dem Kino treffen.

THE MONSTER SQUAD geht auf eine kurzlebige US-Serie aus dem Jahr 1976 zurück, die im Kinderprogramm lief und Dracula, Frankensteins Monster sowie den Wolfsmensch zu einer Spezialeinheit im Kampf gegen das Verbrechen verband. Dieses hübsch infantile Konzept stellt Dekker für seinen Film ziemlich auf den Kopf: Die Monster, zu denen sich noch die Mumie und der Kiemenmensch aus Jack Arnolds CREATURE FROM THE BLACK LAGOON gesellen, wollen unter der Führung des Vampirfürsten Dracula die Menschheit unterjochen, doch sie haben die Rechnung ohne die Mitglieder des „Monster Clubs“ gemacht – Jungs, die sich den lieben langen Tag Monster ausdenken und in ihrem Club-Baumhaus mit entsprechenden Quizfragen löchern. Da diese die einzigen sind, die sich mit Monstern wirklich auskennen und überhaupt an deren Existenz glauben, formieren sie sich zur „Monster Squad“, um dem infernalischen Treiben Einhalt zu gebieten. Dekker findet mit dieser Abwandlung des albernen Serienkonzeptes genau den richtigen Dreh: Wenn Monster im Namen der guten Sache kämpfen, haben sie ihre „credibility“ im Grunde genommen verspielt. Die Faszination mit diesen Kreaturen ist ja unmittelbar daran geknüpft, dass sie böse sind. So können Dracula und Co. in THE MONSTER SQUAD ganz ihren ursprünglichen Trieben nachgehen, ohne dass der Film seinen Huldigungscharakter verlieren würde.

Im Grunde erschöpft sich Dekkers Film darin, kindlicher Monsterbegeisterung ein narratives Konzept zu verleihen. Der Film erreicht eben so die 80-Minuten-Marke und erzählt über die oben umrissene Plotline hinaus kaum etwas. Aber das ist eigentlich nur folgerichtig, schließlich reicht seinen kindlichen Protagonisten ja auch die bloße Gestalt ihrer Faves, um sich stundenlang mit ihnen zu befassen: Das Monster ist bereits seine eigene Geschichte und je weniger davon enttarnt wird, umso besser. THE MONSTER SQUAD lässt deshalb viel Raum zur eigenen Ausschmückung: Seine Kreaturen sind genauso lang im Bild, dass ihr Mythos nicht zerstört, nicht alle ihre Geheimnisse gelüftet werden. Auch die Skizzenhaftigkeit des Plots trägt dazu bei: Was vielleicht unfertig oder nachlässig wirkt, mag im Gegenteil Zeichen größter Behutsamkeit sein.  

Als Kinderfilm ist THE MONSTER SQUAD zumindest aus deutscher Sicht aber dennoch auch etwas merkwürdig: Hier und da wird er plötzlich und unvermittelt recht drastisch, wenn das bunte Treiben dann doch Todesopfer fordert. Und eine Anspielung auf das Dritte Reich und den Holocaust scheint zumindest konzeptionell fehl am Platze, obwohl sie natürlich daran erinnert, welche gesellschaftliche Funktion Monster haben: Sie verbildlichen etwas, wofür uns die Worte fehlen. Letzten Endes trägt aber genau diese Vielschichtigkeit zum Gelingen dieses Films bei, der unverkennbar „Achtziger“ ist und für mich ganz persönlich damit mit genau dem Maß an Nostalgie aufgeladen ist, dass ein Film über die magischen Jahre der Kindheit braucht.

3047233912_e73887c1d5[1]Graf Dracula braucht frisches und vor allem reines Blut: Todkrank vegetiert er in seinem rumänischen Schloss dahin, denn es gibt einfach keine Jungfrauen mehr. Sein treuer Diener Anton (Arno Juerging) schlägt ihm deshalb vor, nach Italien zu reisen. Die dort noch florierende katholische Kirche sorge nämlich dafür, dass es keinen Mangel an jungfräulichen Damen gebe, an deren Blut sich der marode Vampirfürst laben könne. Am Ziel angekommen erwirkt Anton sogleich eine Audienz beim adligen Ehepaar di Fiore (Vittorio De Sica & Maxime McKendry): Die sind verarmt, brauchen dringend eine Geldspritze und verfügen zudem über vier reizende Töchter, von deren Jungfräulichkeit sie überzeugt sind. Sie ahnen nicht, dass der Hausdiener Mario (Joe Dallessandro) alle schon kräftig durchgeorgelt hat …

 Inhaltlich knüpft DRACULA an Morrisseys FRANKENSTEIN an: Hier nimmt er den inzestuös durchseuchten Adel aufs Korn, der sich mit seiner Abschottung gegen neue Einflüsse sein eigenes Grab geschaufelt hat. Am extremsten zeigt sich das natürlich in der Figur des Grafen, der nur noch ein Schatten des potenten Vampirgfürsten ist, kaum noch die Kraft hat, sich auf den Beinen zu halten und deshalb von seinem Diener Anton im Rollstuhl umhergeschoben werden muss (Udo Kier ist nach seinem überdrehten Frankenstein als blutarmer Dracula nur anhand seiner markanten Gesichtszüge wiederzuerkennen). Doch auch die Fiores sehen einer trostlosen Zukunft entgegen: Von ihrem einstigen Reichtum ist nicht mehr viel übrig, die Töchter drohen auf dem verfallenden Anwesen zu versauern. Es ist der von den Ideen des Kommunismus beseelte Diener Mario (über seinem Bett prangen Hammer und Sichel), der die Töchter in Schwung hält, proletarisches Blut in die Familie bringt und sie so insgeheim vor dem Grafen Dracula – den die Fiores ironischerweise als Rettung sehen – bewahrt. Dem armen Vampir kommt regelmäßig das große Kotzen, wenn er das Blut der vermeintlichen Jungfrauen schlürft, nur um festzustellen, dass es mit ihrer Unberührtheit nicht weit her ist.

Auch formal liegen beide Filme auf einer Linie, beglückt DRACULA Auge und Ohr mit schönen, dunkelromantischen, morbiden Bildern, opulenten Settings und einem kammermusikartigen Score, sorgen Kier und Juerging für ein ordentliches Maß an Humor (ebenso Roman Polanski mit seinem kleinen Gastauftritt) inmitten der Tragik und fliegen zum Finale dann auch wieder die Gliedmaßen. DRACULA ist mehr „aus einem Guss“ als Frankenstein, homogener in Stimmung und Form, aber deswegen auch ein Stück langweiliger. Der Film schleppt sich recht spannungsarm dahin, die Hölzernheit der Darsteller (man hört, dass einige von ihnen der englischen Sprache nicht mächtig sind) fällt deutlich negativer ins Gewicht als noch bei FRANKENSTEIN, weil der sowieso vollkommen übertrieben war. In diesem Film, der eher von einer bestimmten Stimmung getragen wird, von einer Atmosphäre der Dekadenz, weniger von den Verwicklungen auf der Handlungsebene oder den Beziehungen der Figuren untereinander, muten diese Schwächen sehr viel störender an, weil sie aus dem Fluss herausreißen, den der Film anstrebt. Das ist schade, weil einige Szenen immer noch toll sind (der Auftakt etwa, Draculas Anfälle, die Szene, in der er das Blut einer eben Entjungferten vom Boden aufleckt, das Finale schließlich), aber eben etwas im Ganzen untergehen. FRANKENSTEIN bestand im Grunde nur aus Höhepunkten, war seine eigene Best-of-Zusammenstellung, während DRACULA eben auf einem sehr gleichmäßigen Erregungsniveau verläuft. Vielleicht sollte man ihn auch einfach nicht unmittelbar nach FRANKENSTEIN schauen, sondern ihn für sich und also nach seinen eigenen Maßstäben genießen. Das ist mir gestern immens schwer gefallen.