Mit ‘Drama’ getaggte Beiträge

BOOTLEGGERS törnt mich oberflächlich gleich in mehrfacher Hinsicht an: Es handelt sich, wie der Titel schon sagt, um einen Film, der in der Schwarzbrenner-Branche spielt, mit viel Dreißigerjahre-Zeit- und Südstaaten-Lokalkolorit. Da fiedelt und zirpt die Hillbilly-Musik auf dem Soundtrack, Latzhosen sind der heißeste Scheiß, Charaktere hören auf Namen wie „Othar“, „Rufus“, „Silas“, „Homer“ oder „Sally Fannie“, verständigen sich in breitestem, murmelmundigem drawl und saufen Selbstgebrannten aus Einmachgläsern. Mein kleines Glück ist da schon fast vollkommen und nun spielt mit Paul Koslo auch noch einer meiner absolut liebsten Seventies-Charakterdarsteller eine Hauptrolle: Heaven is a place on earth. Ich kann Charles B. Pierce kaum böse darüber sein, dass BOOTLEGGERS die hohen Erwartungen an ein solches Werk nicht erfüllt, im Gegenteil. Ich freue mich über die Existenz dieses Filmes und darüber, ihn wenigstens einmal gesehen zu haben.

BOOTLEGGERS erzählt vom Schwarzbrenner-Geschäft von Othar Pruitt (Paul Koslo) und seinem Freund Dewey Crenshaw (Dennis Fimple): Othar stammt aus einem Bootlegger-Clan, dem schon der Großvater (Slim Pickens) angehörte, und erlebte als Junge mit, wie der Vater (Steve Pruitt) von der verfeindeten Konkurrenz der Woodalls erschossen wurde. In der Gegenwart zieht er erneut den Zorn der Woodalls auf sich, als er diese durch einen Großauftrag ausbootet, und muss sich im finalen Showdown mit Feuergewalt gegen sie behaupten. Bis dahin verliebt er sich in Sally Fannie (Jaclyn Smith), treibt Schabernack mit seinem besten Kumpel und wird vom Sheriff verknackt.

Charles B. Pierce – zuletzt hier mit seinem True-Crime-Film THE TOWN THAT DREADED SUNDOWN vertreten – erzählt seine Geschichte als episodische Aneinanderreihung von meist beschwingten Ankedoten, die nur über eine geringe dramaturgische Bindung zueinander verfügen. Auch wenn der zentrale Konflikt früh etabliert wird, spielt er über weite Strecken des mit ca. 115 Minuten recht ausuferndern Films keine Rolle. BOOTLEGGERS „langweilig“ zu nennen, wäre angesichts seines Tempos und seiner generellen Gefälligkeit ungerecht, aber ein bisschen ziellos ist er schon: Man fragt sich, was das alles soll und warum das, was da doch von Anfang an im Hintergrund mitläuft, nicht schon früher zum Tragen kommt. Der Showdown bestätigt einen in diesen Fragen, denn nach dem gemütlichen Plätschern der vorangegangenen 90 Minuten entwickelt BOOTLEGGERS am Ende den Sog, den man sich schon früher gewünscht hätte. Wahrscheinlich hatte Pierce einfach etwas anderes im Sinn als einen harten Crime-Reißer: Aber für die große Epik oder den bunten Bilderbogen, die er möglicherweise stattdessen anpeilte, fehlt ihm der schöpferische Feinschliff. So wirkt BOOTLEGGERS ein bisschen wie der Zusammenschnitt einer beliebten Fernsehserie, dem die klare Linie fehlt. Es ist nicht weiter schlimm: Kurzweil ist garantiert, zumal das spätere Kamera-As Tak Fujimoto das Geschehen in fantastischen Bildern einfriert, die immer wieder für Aha-Effekte sorgen und BOOTLEGGERS über den faden Exploitation-Durchschnitt heben.

Und dann ist da noch Paul Koslo: Ich finde ihn auch hier, in seiner einzigen Hauptrolle, einfach großartig und halte es für einen mittelschweren Skandal, dass er nicht längst Objekt liebevoller Fanwürdigungen und fanatischer Verkultung geworden ist. Gerade hier in Deutschland, wo er das Licht der Welt erblickte. Wie viele geliebte Kultklassiker hat er mit seiner Präsenz geadelt, ohne dass man ihn wirklich wahrgenommen hätte? VANISHING POINT, THE OMEGA MAN, WELCOME HOME, SOLDIER BOYS, JOE KIDD, LOLLY-MADONNA XXX, CLEOPATRA JONES, THE STONE KILLER, THE LAUGHING POLICEMAN, MR. MAJESTYK, FREEBIE AND THE BEAN, THE DROWNING POOL: Es sind schon Schauspieler für deutlich weniger abgefeiert worden. Noch lebt er, also haut rein!

Vielleicht ist es nur ein oberflächlicher Eindruck, der einer genaueren Betrachtung nicht standhielte: Im aktuellen Hollywood-Film spielen Menschen, die außerhalb der großen Metropolen leben, eigentlich keine Rolle mehr, außer in diversen Subgenres, in die sie gewissermaßen ausgegrenzt wurden. Der Trend geht natürlich mit einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einher: Dass die Bewohner der maroden Industriestädte im Mittelwesten so begeistert für Trump stimmten, hatte gewiss nichts damit zu tun, dass sie sich auf der Kinoleinwand unterrepräsentiert sehen, aber ihre Situation hat dieselben Ursachen. Jack Starretts THE GRAVY TRAIN (auch bekannt als THE DION BROTHERS) ist heute nahezu völlig vergessen, ich hatte nie zuvor von ihm gehört, aber er ist ein schönes Beispiel für die tragikomischen Loserdramen um Landeier, die den tristen Verhältnisse zu entkommen versuchen, die sich noch in den Siebzigerjahren regelmäßig der Bevölkerung zwischen New York, Los Angeles und Chicago annahmen. Es ist ein toller Film und mir ist es völlig schleierhaft, warum er nicht häufiger Erwähnung findet. Das trüffelsuchende Cineastenschwein frohlockt natürlich: Immer wieder schön, wenn man etwas entdecken kann, was sonst unter dem Radar durchfliegt.

THE GRAVY TRAIN handelt von den beiden Brüdern Calvin (Stacy Keach) und Rut Dion (Frederic Forrest). Sie fristen ihr Dasein mit dreckigen Jobs in einem Kaff in West Virginia, das keinerlei Perspektive bietet. Bis Calvin eines Tages mit dem Plan um die Ecke kommt, das „beste Seafood-Restaurant in DC“ zu eröffnen. Das Geld dafür, das muss er gar nicht erst lang erklären, soll ihr Anteil an einem Überfall auf einen Geldtransporter bringen. Der Überfall verläuft trotz haarsträubend amateurhafter Ausführung erfolgreich, doch dann warten die Brüder vergeblich auf ihr Geld: Ihr Auftraggeber Tony (Barry Primus) hat sie nicht nur hintergangen, sondern ihnen auch noch die Polizei auf den Hals gehetzt. Es beginnt die Suche nach dem Verräter und dem Geld …

THE GRAVY TRAIN vereint auf sehr gekonnte Art und Weise Elemente des damals reüssierenden harten Crime- und Copfilms (Clint Eastwood wird einmal explizit erwähnt), des tragischen Sozialdramas wie es vom New Hollywood häufiger aufgegriffen worden war und der munteren Fish-out-of-Water Komödie. Keach und Forrest sind toll als naive hicks, die völlig verblendet ins große Abenteuer stürzen. Keach übernimmt den Part des selbstbewussten, „weltgewandten“ Anführers, Forrest ist der leicht zu begeisternde, etwas einfältige Trottel, der seinem Bruder überall hin folgen würde. Schon die Idee Calvins, ein feines Restaurant eröffnen zu wollen, ist absurd und fehlgeleitet, was sich bestätigt, als er dann das entwirft, was er für eine geeignete Speisekarte eines solchen Etablissements hält: sein Highlight ist mit Käse überbackener Aal. Später im Film gibt es eine Szene, in der die beiden Brüder ein Nobelrestaurant entern, Fritten zu ihren Gourmetgerichten und natürlich den teuerstes Wein bestellen, den es gibt. Als Zuschauer weiß man schnell, dass das alles nicht gut ausgehen kann, aber man fiebert mit den beiden mit, die grundsätzlich keine schlechten Kerle sind und eine Chance verdient haben. Der Film verliert seinen munteren Ton auch dann noch nicht, als der erste ihrer Partner sein Leben lässt, genauso wenig wie den Dions klar wird, dass sie sich auf etwas eingelassen haben, das eine Nummer zu groß für sie ist. Zu erfüllt sind sie von ihrem Wunsch, den amerikanischen Traum zu leben und eine Fahrt auf dem „gravy train“ zu buchen, der sie an lästiger Arbeit vorbei geradewegs zum Reichtum führen soll.

Der Film mündet dann in ein wirklich wahnsinniges Finale, das die selbstmörderischen Tendenzen der Brüder gnadenlos offenlegt. Die Jagd auf ihren Anteil führt sie in ein Gebäude, das gerade abgerissen wird. Während sie also Tony und seinem Killer hinterherhetzen, bricht um sie herum förmlich die Welt zusammen. Wände werden von einer Abrissbirne weggerissen, mehr als einmal bricht den Charakteren sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weg und gähnende Abgründe tun sich plötzlich unter ihnen auf. Das ganze natürlich ohne die visuellen Effekte realisiert, die das, was einem da ein ums andere Mal die Luft wegbleiben lässt, heute vollkommen gefahrlos ermöglichen würden. Anstatt ihr Heil in der Flucht zu suchen und zu erkennen, dass sie ihr Leben riskieren, denken die Dions nur an die Kohle – mit den erwartbaren Konsequenzen für einen von ihnen. Auch der gravy train kann von den Schienen abkommen, wenn man die Kontrolle über ihn verliert.

Jack Starrett ist kein besungener Name, auch wenn der Mann ein paar schöne Sachen gemacht hat: die Blaxploitation-Klassiker SLAUGHTER oder CLEOPATRA JONES wären zu nennen oder das putzige Okkultismus-Roadmovie RACE WITH THE DEVIL. Einen bleibenden Platz in der Filmgeschichte hat er auf jeden Fall als das einzige Todesopfer in Ted Kotcheffs Klassiker FIRST BLOOD. Er ist auch hier in einer kleinen Rolle zu sehen, ganz am Anfang in einer Fernsehsendung, die sich Rut ansieht, spricht er als „gentleman rancher“ vom „gravy train“ und davon, dass das Geld in den USA buchstäblich auf der Straße liege. Ich könnte mir vorstellen, dass THE GRAVY TRAIN sein bester Film ist. Haltet Ausschau danach!

 

Trotz vieler positiver Reaktionen von Bekannten, die ich für verlässlich halte, war ich skeptisch: Der Trailer von SWISS ARMY MAN sah zugegebenermaßen toll aus und entlockte mir das ein oder andere Lachen, aber den Verdacht, dass sich der Film als gimmickiges Novelty-Vehikel mit nur beschränkter Halbwertzeit entpuppen würde, konnte er nicht völlig entkräften. Daniel Radcliffe als Leiche mit Superfähigkeiten, mit denen ein auf einer einsamen Insel Gestrandeter sich am Leben erhält: Das roch nach einem auf Spielfilmlänge gestreckten Sketch. Und wahrscheinlich ist das auch der Ursprung von SWISS ARMY MAN: Im Bonusmaterial gestehen die Regisseure, dass ihr Film mit der Idee einer furzenden Leiche begann. Ihnen ist dann zum Glück noch etwas mehr eingefallen, aber grundsätzlich ist das eine treffende Beschreibung des Inhalts: Es geht um die Freundschaft eines Schiffbrüchigen mit einer furzenden Leiche, die ihm das Leben rettet. Das Schöne an SWISS ARMY MAN ist, dass der Film als auf diesem Gag basierender skurriler Bilderbogen funktioniert, aber dass man auch mehr in ihm sehen kann, ohne dass er darüber seinen infantilen Witz verlieren würde. Die Befürchtung, dass die beiden Daniels einen hoffnungslos ephemeren FIlm gedreht haben, erweist sich als unbegründet: Nicht weil SWISS ARMY MAN irrsinnig bedeutungsvoll wäre, sondern weil seine Leichtigkeit eine seiner großen Stärken ist.

Am Anfang fahren ein paar aus leeren Flaschen und Getränkepackungen gebastelte Bötchen auf dem offenen Meer an der Kamera vorbei. Die kontinuierlich komplexer werdenden Konstruktionen machen die Botschaft, die auf eines von ihnen gekritzelt ist, beinahe redundant: „Ich langweile mich“, steht darauf. Eine erstaunliche Aussage eines Mannes, der auf einer einsamen Insel gestrandet um sein Überleben ringt. Aber sie ist charakteristisch für die in SWISS ARMY MAN zum Ausdruck kommende lakonische Sicht auf das Leben – und das erste Anzeichen dafür, dass das, was der Zuschauer im Folgenden sieht, nicht immer das ist, was tatsächlich passiert. Zunächst aber ist der Verfasser der Botschaften, ein junger Mann namens Hank (Paul Dano), tatsächlich ein moderner Robinson Crusoe, der seinen Freitag just in dem Moment trifft, in dem er sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will: Plötzlich liegt da der Körper eines Mannes (Daniel Radcliffe) in der Brandung, der sich bei näherer Begutachtung als tot herausstellt. Die Enttäuschung weicht bald der amüsierten Verwunderung, als dem leblosen Körper heftige Blähungen entweichen. Und die nutzt Hank schließlich als eine Art Außenbordmotor: Auf dem Körper des Toten rast er über das Meer und landet schließlich an einer nicht mehr ganz so öd aussehenden Küste. Plötzlich scheint die Möglichkeit der Rettung nah. Und mit der Leiche, die sich bald als „Manny“ vorstellt, gar nicht mehr so tot ist und zahlreiche weitere nützliche Fähigkeiten zeigt, ist die ganze Situation viel leichter zu ertragen.

SWISS ARMY MAN ist die Geschichte einer sprichwörtlich wunderbaren Freundschaft. Hank überwindet die Einsamkeit, indem er eine Persönlichkeit für den Toten erfindet, mit ihm Gespräche führt und sich gemeinsam Freizeitbetätigungen ausdenkt. Am Ende erweist sich vor allem Hank als nicht ganz der, der er zu sein vorgab: Hinter seinem traurigen, aber auch etwas ausdruckslosen Gesicht verbirgt sich ein Drama, das der Film aber nie vollständig aufdeckt. Vieles, was im Film eine prominente Rolle spielt, scheint seinem Wahn zu entspringen, aber es wird keine saubere Grenze gezogen. SWISS ARMY MAN lässt sich nicht lückenlos auflösen wie ein raffiniertes Puzzlespiel. Und das ist gut so, weil der Film nicht zuletzt von der Fähigkeit des Menschen handelt, sich zu wundern, zu staunen, Schönheit zu finden im Banalen und Alltäglichen. In seinen besten Szenen erinnert SWISS ARMY MAN an die Filme von Spike Jonze, an den DIY-Charme, den sie gleichermaßen feiern, wie sie von ihm beatmet sind. In einer ausgedehnten Sequenz baut Hank seinem toten Freund einen Bus aus Ästen und Müllteilen, um die tägliche Begegnung mit einem hübschen, unbekannten Mädchen nachzustellen. Er bastelt sogar eine am Fenster entlanglaufende Spule mit Fotos, mit der er die Fahrt simuliert und dem Freund so zeigt, wie schön es ist, einfach nur auf die vorbeiziehende Welt zu schauen. Oder er stellt mithilfe von Stockpuppen und einer vom Feuerschein beleuchteten Plane berühmte Kinofilme für ihn nach. Das Titelthema von JURASSIC PARK wird intoniert und es ist ganz klar: Wenn man diesen Film nicht gesehen hat, hat man eigentlich nicht gelebt. Natürlich lernt Hank auch selbst etwas im Austausch mit der Leiche: Zum Beispiel, dass es gut ist, sich von gesellschaftlichen Zwängen nicht beherrschen zu lassen. Ein ihm am Ende entfleuchender Furz ist der große Durchbruch, den er wie einen großen Triumph feiern darf. Das ist gnadenlos albern, aber – und das ist doch eine ziemliche Leistung – auch einfach sehr schön.


Eines der tollsten, leider aber auch völlig vergessenen Genres der Welt ist das Sittenmelodram oder auch, weniger zurückhaltend ausgedrückt, der „Sittenreißer“ der Sechzigerjahre: Filme, in denen körperliche Lust, Ausschweifung und Lebensfreude zwar so weit das damals möglich war zur Schau gestellt werden, aber auch todsicher in den Untergang führen, wo mit viel Verve und Einsatz gelitten wird, bevor die Moralkeule jede menschliche Empathie mit beherzten Schlägen pulverisiert. Es handelt sich um ein internationales Genre, quasi den Vorläufer des Sex-, Report- und Mondofilms der Siebzigerjahre, und bildet eines der Kernthemen der Hofbauer-Kongresse. Fast alle dieser Filme zählten auf den jeweiligen Kongressen zu meinen Lieblingen und am tollsten sind sie natürlich, wenn sie aus Ländern kommen, dessen Einwohnern man ein heißblütiges Temperament nachsagt, weil dann noch heftiger geliebt und noch inbrünstiger gelitten wird und das fragwürdige Konzept von Schuld aus einem tief verwurzelten Katholizismus rührt. Der diesjährige Vertreter kam aus Griechenland, wo der Wein bekanntlich wie das Blut der Erde ist, und er markierte für mich zusammen mit Enzens VERBOTENE SPIELE AUF DER SCHULBANK den Höhepunkt der Veranstaltung. In dunklem Schwarzweiß wird hier die bittere Geschichte vom Untergang einer jungen Frau erzählt, die das Pech hat, dass die Männer um sie herum allesamt egoistische Arschgeigen sind: Aber eigentlich, da ist sich zumindest der Voice-over relativ sicher, ist sie eigentlich selbst schuld; zumindest war sie schon zu Lebzeiten tot, wie es nach dem tragischen Ende wortwörtlich heißt, ihr Tod war letztlich nur „planmäßig“, nicht etwa dadurch begünstigt, weil sie in einem moralisch rigiden, zutiefst frauenfeindlichen Milieu aufgewachsen ist.

Maro (Eleni Prokopiou) ist ein hübsches Mädchen aus einfachen Verhältnissen, ein bisschen der Typ Brigitte Bardot, aber ohne deren unbekümmerte Souveränität, und weil sie so attraktiv ist, fühlen sich alle Männer aus ihrem Dorf dazu bemüßigt, sie als Freiwild anzusehen – unter anderem auch ihr Schwager, der miese Kostas (Tony-Curtis-Lookalike Yorgos Moutsios), der sie erst vor einem dahergelaufenen Vergewaltiger rettet, nur um sich das Mädchen dann als Belohnung selbst zu nehmen. Zuhause kann sie erst nichts sagen, aus falschem Mitgefühl mit der von ihrem Gatten hintergangenen Schwester und aus Schuldbewusstsein, das ihr die vorherrschende Moral eingeimpft hat, als deren Vertreter vor allem der strenge Vater auftritt. Auf der Suche nach Hilfe landet sie bei einem Anwalt, einem älteren Herren, der sie auf einer seiner Parties mit Alkohol abfüllt, bis sie sich vor den reichen Damen und Herren der Gesellschaft in einem ekstatischen Tanz zum Gespött macht und schließlich in seinem Schlafzimmer landet, in dem sie zwar nicht vergewaltigt, aber immerhin von ihm durch ein Guckloch bespannt wird. So geht das weiter: Kostas‘ schmierige Kumpels entführen Maro, verschleppen sie in eine Strandhütte und fallen über sie her, der Arzt Alexis (Byron Pallis), der sih ihrer später annimmt, scheint sehr nett, nutzt sie aber ebenfalls nur aus. Alles führt auf die unvermeidbare Katastrophe zu …

Das Wunderbare auch an diesem Vertreter des Sittenreißers ist diese Übersteuertheit der Emotionen: Es gibt keine Moderation, keine Kontrolle oder Zurückhaltung, alle Figuren sind ihren Gefühlen und Trieben geradezu hoffnungslos ausgeliefert, sie schlagen über ihnen zusammen wie riesige Wellenberge und reißen sie dann fort. Das gilt für Maro, die sich nach einem Glas Schnaps von der Musik und den anderen Gästen angefeuert in fiebrigen Wahn tanzt, aber auch für Kostas, der sich mit dem unbekannten Vergewaltiger eine Böschung hinunter in einen Fluss stürzt, im Wasser mit ihm weiter- und sich dann schließlich wieder ans Land zurückkämpft, nur um anschließend mit seiner Schwägerin auf den Boden zu sinken. Da tut sich dann auch diese Kluft auf zwischen der Hilflosigkeit aller, dem Kalkül des Drehbuchs und der Härte, mit der die Hauptfiguren dann trotzdem verurteilt werden. Psychologie wird natürlich immer wieder vorgegaukelt, aber alle benehmen sich ausschließlich so, wie es die perfide Dramaturgie stützt. Der Eifer, mit dem da die feine Moral gegen alle Widerstände verteidigt wird, ist mit der Ohnmacht der handelnden Lustmenschen durchaus gleichzusetzen. Dunkel und verlogen, gewiss, aber auch irgendwie sehr … schön.

 

arton9513Während des Films habe ich tierisch Lust auf Vodka bekommen. Bei jeder Gelegenheit werden diese charakteristischen Weißglas-Flaschen hervorgezaubert, der Kartoffelschnaps in Männer- und Frauenschlünde gekippt, dass es nur so eine Art hat, in den Aschenbechern türmen sich  Kippenberge, die ein bisschen an die unwirtliche Landschaft erinnern, in der die Geschichte von LEVIAFAN angesiedelt ist. Wenn die Protagonisten ungefähr zur Mitte des Films einen Ausflug unternehmen, den Geburtstag einer Nebenfigur an einem einsamen, zwischen zerklüfteten Felsen liegenden See feiern, was bedeutet, dass sie flaschenweise Wodka saufen, mit Gewehren herumballern, rauchen und von den Frauen zubereitete Schschlikspieße grillen, hat man das Gefühl, dass LEVIAFAN ganz bei sich ist. Es geht natürlich um viel mehr in diesem 150-Minüter, aber diese freudig-depressive russische Art, mit der das eigene Leid und die Absurdität des Daseins umarmt wird, fast so, als suche man nur einen Grund, sich mal wieder volllaufen zu lassen, ist schon ein wichtiger Bestandteil des Films.

Nikolay (Aleksey Serebryakov) lebt mit seinem Sohn Romka und seiner Partnerin Lilya (Elena Lyadova) in einem selbst gebauten Haus auf einem attraktiven Grundstück über einer Bucht der Barentssee. Schon sein Großvater lebte auf der Halbinsel,  doch nun ist Nikolay durch einen Gerichtsbeschluss enteignet worden. Der korrupte Bürgermeister Schelewjat (Roman Madyanov) will das Grundstück für sich: Als Entschädigung soll Nikolay einen geradezu lächerlichen Geldbetrag erhalten, der in der Stadt nur für eine heruntergekommene Bruchbude reicht. Zur Hilfe holt er sich seinen alten Freund Dmitryi (Vladimir Vdovichenko) aus Moskau, einen Anwalt, der auf dem Rechtsweg allerdings auch nicht viel ausrichten kann. Aber er hat eine Akte mit kompromittierendem Material gegen den Bürgermeister, von der er sich einiges verspricht. Genauso wie von der Affäre mit Lilya …

Der erwähnte Ausflug ist auch eine Zäsur im Film. Schon vorher sind die Protagonisten, die ihn bevölkern, nicht unbedingt zu beneiden – ihr Leben ist karg, ihre Arbeit – Lilya verdient ihr Geld in einer traurigen Fischfabrik – schäbig, Zerstreuung gibt es eigentlich gar nicht, das Wetter ist mies und man erwartet nicht mehr viel vom Leben -, aber es wird für sie irgendwie weitergehen, zumindest glauben sie das. Aber von diesem Moment der Unbeschwertheit (die nicht lange anhält, wohlgemerkt) an geht es konsequent bergab, ohne Atempause, mit beängstigender, unausweichlicher Konsequenz und schockierender Banalität. Dmitryis Plan, vorgetragen mit der naseweisen Großkotzigkeit des Städters, der meint, alles geblickt zu haben, scheitert jämmerlich, seine Epressungsversuche prallen an dem brutalen Bürgermeister einfach ab, aber nicht ohne, dass er den Aufmüpfigen mit einem saftigen Denkzettel nach Hause schickt. Die Zukunft von Nikolays Haus ist besiegelt, aber auch sonst wird ihm nichts bleiben, denn die Ereignisse bei jenem Ausflug ziehen bittere Folgen nach sich, ein Dominosteinchen nach dem anderen fällt, bis nichts mehr bleibt. Alles, was in LEVIAFAN bestand hat, sind die Macht von Kirche und Politik sowie die kalte Gleichgültigkeit der grauen Berge und der schwarzen See.

Nicht gerade fun stuff und ich weiß auch nicht genau, ob solch eine finstere Weltsicht wirklich produktiv ist. Ich kenne das Leben nicht, das die Menschen da oben leben, weiß nicht ob das Bild, das Zvyagintsev zeichnet, der Realität entspricht. Denkbar ist es schon und schaut man sich die maroden Settings an, die Bilder sterbender, zerfallender Städte, im Schlick steckender Schiffswracks und wettergegerbter, stumpf dreinblickender  Arbeiter, dann deutet das schon darauf hin, dass es für die Menschen an der Barentssee nicht viel zu Lachen und noch weniger Grund zur Hoffnung gibt. LEVIAFAN ist ein Schwanengesang auf eine einst große Nation – hier oben besiegte Alexander Newskij einst die Schweden -, deren Randprovinzen in Willkür und Depression versinken. Es sind die Menschen, die daran Schuld sind, ja, auch der Staat, aber vor allem weckt Zvyagintsev den Eindruck, dass sich hier einfach natürlicher Wille vollzieht. All things fall apart.

nfp30bis99ff-57Josef von Bákys Verfilmung eines Dramas von Gerhart Hauptmann ist dieser Tage via Filmjuwelen auf DVD erschienen – und durchaus eine lohnenswerte Anschaffung für Menschen, für die die Liebe zum trivialen deutschen Film nicht bei Karl May und Edgar Wallace endet. Im allerweitesten Sinne ein Heimatfilm – die Handlung wurde aus Schlesien in die Alpen verlegt – ist FUHRMANN HENSCHEL eines jener Werke, die einem zwischendurch den Mund offen stehen lassen. Neben den entwaffnenden Einblicken in das Rollenverständnis der Fünfzigerjahre, sind es nicht zuletzt die Ausflüge in die German Gothic, die Bákys Literaturverfilmung auch für aufgeschlossene Genrefilm-Freunde interessant macht. Obendrauf gibt es eine verruchte Nadja Tiller in der Blüte ihrer Jugend, einen extraschmierigen Wolfgang Lukschy und ein putzige Maderl, das in einer verrauchten Gaststube mit Glockenstimmchen ein Liedlein singt, damit der versoffene Opa sich das Zwetschgenwasser leisten kann. Am Ende geht alles in Flammen auf. Meinen Text gibt es auf Critic.

mpw-52982Vielleicht überrascht diese Aussage jetzt, aber ich halte THE CABLE GUY für ein in jeder Hinsicht faszinierendes Stück Hollywood-Filmgeschichte. Damals ein absolutes High-Profile-Projekt, erlangte der Film schnell den Ruf eines markerschütternden Flops, auch wenn er weltweit etwa das Doppelte seines Budgets wiedereinspielte: Zu wenig, aber immer noch weit von einem Totalfiasko entfernt. Die Stigmatisierung des Films liegt m. E. nicht nur in seinem finanziellen Versagen begründet, sondern auch darin, dass der Film sich tonal zwischen alle Stühle setzt und bis heute ein beispielloses, nur schwer einzuordnendes Zwitterwesen zwischen greller Slapstick-Komödie, düsterem Psychodrama, fehlgeleitetem Psychothriller und Mediensatire darstellt. Kaum vorstellbar, dass das die Absicht der Columbia war, als sie das Drehbuch von Lou Holtz jr. nach einem harten bidding war für eine satte Million Dollar erwarben. Auch sonst ließ man sich nicht lumpen, engagierte Jim Carrey als Hauptdarsteller – nach den Hits ACE VENTURA: PET DETECTIVE, ACE VENTURA: WHEN NATURE CALLS, DUMB AND DUMBER, THE MASK und seiner Nebenrolle in BATMAN FOREVER der heißeste Scheiß in Hollywood – für die damalige Rekordgage von sage und schreibe 20 Millionen Dollar. Produzent Judd Apatow hätte gern selbst Regie geführt, aber diesen Wunsch schlug man ihm ab: Immerhin folgte man seinem Vorschlag, seinen Kumpel Ben Stiller den Job übernehmen zu lassen.

Steven (Matthew Broderick), frisch von seiner Freundin Robin (Leslie Mann) vor die Tür gesetzt, lernt den Fernsehtechniker Chip Douglas (Jim Carrey) kennen, der ihm den Kabelanschluss legt. Chip ist ein seltsamer Vogel, der von einem schlimmen Lispeln geplagt wird, soziale Etikette völlig vermissen lässt und darüber hinaus sehr, sehr anhänglich und überdies ausgesprochen peinlich ist. Eher aus Versehen lässt sich Steven auf eine Verabredung mit Chip ein und wird ihn danach nicht mehr los. Der neue „Freund“ drängt sich in Stevens Privatleben, verprellt seine Freunde und treibt den hilflosen Mann immer weiter in die Enge. Das ist jedoch nichts gegen den Terror, den Chip entfacht, als Steven ihm die Freundschaft aufgekündigt …

THE CABLE GUY beginnt zunächst, wie man es von einem Film mit Jim Carrey damals erwarten durfte: als One-Man-Show des Gummigesichts, das den „Cable Guy“ als überlebensgroße Comicfigur interpretiert, mit „lustigem“ Sprachfehler, Unterbiss und Fünfzigerjahre-Crew-Cut. Aber anders als etwa in ACE VENTURA, in dem sich dieser Gummimann mit aufreizender Souveränität durch eine Welt bewegt, in der alle anderen ihn wie einen Außerirdischen betrachten, wirkt dieser Chip in THE CABLE GUY wie ein Fremdkörper, wie das deplatzierte Element in einem „Was passt hier nicht rein“-Suchbild. Das ist einerseits ein Teil des Gags des Films, aber auch ein ständiges Irritiationsmoment, das sich nur in der Sequenz legt, in der Steven gemeinsam mit Chip in das absurde Szenario eines Mittelalter-Event-Restaurants verfrachtet wird, in dessen Mitte frustrierte Kleinkünstler Ritterspiele austragen. Abseits solcher Szenen fällt es schwer, Carreys hoffnungslos überdrehten Chip als „realen“ Charakter zu akzeptieren oder gar zu glauben, das ganz normale Menschen wie Stevens Eltern ihn als amüsanten Zeitgenossen betrachten könnten. Diese Anlage erschwert es auch, am Ende mit ihm mitzufühlen, wenn sein tragischer Hintergrund offenbart wird: Chip ist ein furchtbar einsamer Mensch und seine peinlichen Anwandlungen nur der verzweifelte Versuch, jemanden an sich zu binden. Diese Offenbarung verleiht der Figur zwar die nötige Ambivalenz, aber emotional will sich das nicht wirklich niederschlagen, zu psychopathisch ist Chips ganzes Verhalten in der entfesselten Darstellung von Carrey, die keine feinen Nuancierungen kennt, zu wenig scheint er überhaupt demselben Universum wie die „normalen“ Menschen um ihn herum zu entstammen.

Aber Stiller belässt es auch nicht bei dieser rätselhaften Mischung, irgendwie will er mit THE CABLE GUY auch noch Medienkritik betreiben, wobei nicht ganz klar ist, ob auch das nur ein Beispiel für den schrägen Humor des Filmes ist. Stiller selbst tritt als Zwillingsbruderpaar in innerfilmischen Nachrichtensegmenten auf, die über einen laufenden Mordprozess berichten. Ein ehemaliger Kinderstar, eben Stiller, steht vor Gericht, weil er seinen Zwillingsbruder – seinen Partner in einer alten TV-Show – umgebracht haben soll. Die vielleicht witzigste Szene von THE CABLE GUY ist der Trailer für einen True-Crime-Film über das Brüderpaar, in dem der Part Stillers von Eric Roberts übernommen wird (na gut, der Auftritt von Janeane Garofalo als grandios genervte Bedienung im Mittelalter-Resaturant ist auch sehr toll). Und am Ende, im großen Showdown über einer riesigen Parabolantenne, löst der herabstürzende Chip just in dem Moment einen stadtweiten Übertragungsausfall aus, als die Nation gebannt den Urteilsspruch erwartet – heute, wo jede News innerhalb von Sekunden im Netz abrufbar ist, würde das gar nicht mehr funktionieren. Da entdeckt dann eine verzweifelte Couch Potato mangels der Fernsehdauerberieselung sogar ein Buch wieder, das vorher einsam auf dem Tisch lag, und beginnt selig darin zu lesen. Kaum vorstellbar, dass Stiller das wirklich ernst meinte.

THE CABLE GUY ist ein reichlich merkwürdiger Film und es fällt mir schwer, ihn angemessen zu beurteilen. Er funktioniert nicht richtig, aber die Art und Weise, wie er nicht funktioniert, macht ihn auch wieder sehr interessant und ungewöhnlich und eben „besser“, als wenn er ausgewogener inszeniert und in der Hauptrolle traditioneller besetzt und gespielt wäre. Überraschenderweise haben ihm die vergangenen 20 Jahre auch keinen großen Schaden zugefügt, er ist im Gegenteil besser gealtert als andere Filme dieser Periode, die man damals als „gelungener“ bewertet hat. Ja, man kann durchaus sagen, dass THE CABLE GUY ein Unikat ist. Das sollte man honorieren, heute, wo Hollywood kaum mehr als stromlinienförmige Beliebigkeit und nur ganz selten echte Überraschungen produziert, schon gar keine solch fehlgeleiteten Querschläger wie diesen hier, mehr denn je.