Mit ‘Drama’ getaggte Beiträge

Die Cheerleader-Teams dreier rivalisierender Schulen fahren gemeinsam mit dem Bus zu einem Cheerleading-Wettbewerb in Sacramento. Unterwegs wird der Bus von den drei ehemaligen Footballspielern Wayne (Jason Williams), George (Anthony Lewis) und Big John (John Albert) entführt – auch die Lehrerin, die die Aufsicht über die Mädchen hat, sowie Waynes Bruder Billy (Robert Houston) gehören zu den Übeltätern. Sich als linke Aktivisten ausgebend, wollen die gar nicht so unsympathischen Ganoven zwei Millionen Dollar für die Befreiung der Mädels, die sie derweil in einer Blockhütte gefangen halten. Den Kontakt zur Außenwelt bauen sie über den Radiomoderator Joyful Jerome (Leon Isaac Kennedy) auf. Doch die Mädchen, die derweil verschiedenen Methoden erproben, sich ihrer Oberteile zu entledigen, denken gar nicht daran, brav auf ihre Befreiung zu hoffen, vielmehr planen sie die Überwältigung ihrer Peiniger.

THE GREAT AMERICAN GIRL ROBBERY, auch CHEERLEADER’S WILD WEEKEND genannt, ist angeblich ein Sequel zu der mit THE CHEERLEADERS begonnenen und mit REVENGE OF THE CHEERLEADERS fortgesetzten Reihe, zumindest behauptet das das Buch „Teen Movie Hell“. (Die IMDB zählt sogar noch Jack Hills THE SWINGIN‘ CHEERLEADERS dazu, den das Buch aus der Aufzählung ausspart.) Doch inwieweit THE AMERICAN GIRL ROBBERY wirklich eine Fortsetzung darstellt, sei mal dahingestellt: Inhaltlich besteht der einzige Zusammenhang (wie schon bei den beiden vorangegangenen Teilen) darin, dass es in allen Filmen um Cheerleader geht, die reichlich Gelegenheit erhalten, blank zu ziehen, und auch die Stabliste gibt keinen Aufschluss über einen gemeinsamen Hintergrund der drei Titel. Wohl aber stößt man auf den Namen von Chuck Russell: Der Mann, der später Filme wie A NIGHTMARE ON ELM STREET 3: THE DREAM WARRIORS, THE BLOB, THE MASK oder ERASER drehen sollte, verdiente sich hier seine ersten Sporen als Produzent.

Der Film verliert nicht viel Zeit, eröffnet mit den verfeindeten Cheerleader-Teams im Bus, die sich gegenseitig aufziehen und necken, dann aber schnell Hand in Hand daran arbeiten, ein hinter ihnen herfahrendes Landei durch abwechselndes Vorführen ihrer körperlichen Reize erst in den libidinösen Wahn und so von der Straße zu drängen: Natürlich steht auch ein kleiner Obststand parat, in den der Unglückliche reinheizen kann. Nach der Entführung entfalten sich die üblichen Psychospielchen, Demütigungen, Flucht- und Annäherungsversuche: Erst veranstalten die Entführer eine kleine Misswahl, dann bändelt die kesse Debbie (Kristine DeBell) sogar mit dem charmanten Anführer Wayne an. Die Situation eskaliert, als Wayne und Billy zur Lösegeldübergabe in die Stadt fahren: Die Mädels stellen den zurückgebliebenen Gangstern eine Falle, können sie schließlich überwältigen und mit dem Bus die Flucht antreten. Dabei begegnen sie wiederum den vor der Polizei fliehenden Brüdern: Sollen sie ihnen den Weg versperren und dafür sorgen, dass sie im Knast landen?

Ich will dieses Finale nicht spoilern, auch wenn wahrscheinlich die wenigsten nach meinem Text hinauseilen, um dieses kleinen, aber liebenswerten Exploiters habhaft zu werden. THE GREAT AMERICAN GIRL ROBBERY ist eher der Film, den man einwirft, wenn er einem zufällig begegnet. Man sollte nicht erwarten, dass er einem den Kopf verdreht oder dass danach alles anders ist als vorher, aber er ist schon recht liebenswert. Zu diesem Urteil komme ich auch, weil die Macher sich offenkundig bemühten, mal einen etwas anderen Sexploiter zu machen: Statt der immergleichen Scherze um die immergleichen Mädchen mit ihren immergleichen Brüsten gibt es hier also eine kleine Crime-Story, die ein wenig an „auf wahren Geschichten“ basierende TV-Dramen erinnert. Es gibt zu Beginn sogar eine Rückblende, die sich mit dem Schicksal der drei Footballer befasst, sie dabei zeigt, wie sie traurig ihre Spinte (Spints?) ausräumen, weil sie aufgrund eines Vergehens gefeuert wurden, während eine Voice-over-Kommentator seinen Senf dazu abgibt. Richtig schön und beinahe spannend ist auch das Ende, bei dem sich der Film fast in die Suspense-Höhen des Heist Movies emporschwingt, toll der Einfall, den Kampf um die Tasche mit dem Geld mit der Soundkulisse eines Footballspieler zu untermalen und so Wayne eine verspätete Genugtuung zu verschaffen. Bis dahin ist THE GREAT AMERICAN GIRL ROBBERY nicht unbedingt zwingend, aber er vertrödelt auch nicht allzu viel Zeit mit sinnlosem Quark und kann zudem auf eine nett anzuschauende Riege von Jungdarstellerinnen zurückgreifen, von denen zwar nur die allerwenigsten später noch in Erscheinung traten, die aber dennoch weniger flach sind als in anderen Filmen. Klarer Fall von sympathischer Timewaster.

Der Bürgerkrieg von El Salvador, einem mittelamerikanischen Kleinstaat mit einer Einwohnerzahl von rund 7,5 Millionen Menschen, dauerte von 1979 bis 1992 und kostete schätzungsweise 75.000 Menschen das Leben. Der Konflikt zwischen der Militärjunta und der linken Farabundo Martin National Liberation Front bedeutete die Eskalation eines krassen sozioökonomischen Missverhältnisses innerhalb der Bevölkerung, das bereits in den Dreißigerjahren zu einem Blutbad geführt hatte: Als sich die Bauern und Arbeiter 1932 erhoben, um gegen die Ungleichheit zu demonstrieren, die zwei Prozent der Bevölkerung mit 95 Prozent der finanziellen Mittel ausstattete, wurden sie in einer Schlacht, die als „La matanza“ – „das Massaker“ – in die Geschichtsbücher einging, umgebracht. Zwischen 10.000 und 40.000 Menschen, die Berichte variieren, verloren ihr Leben. Das Ereignis vergrößerte die eh schon bestehende Kluft zwischen den Herrschenden und dem einfachen Volk und führte zu Spannungen, die sich schließlich, knapp 50 Jahre später, im Bürgerkrieg entluden. Zusätzliches Feuer erhielt der Konflikt durch die Tatsache, dass die Regierungsmächte El Salvadors aufgrund ihrer antikommunistischen Haltung Unterstützung durch die USA erhielten, die in dem Kleinstaat einen Verbündeten im Kampf gegen den sowjetfreundlichen Fidel Castro sahen. Sie ließen der Regierung nicht nur finanzielle Mittel und Waffen zukommen, sie trainierten auch das Militär. Die Verbindung ging so weit, dass US-amerikanische Offiziere hohe Posten in der salvadorianischen Armee bekleideten. Mittendrin im Konflikt war der Journalist Richard Boyle, ein Kriegsreporter, mehr noch aber ein Draufgänger und Abenteurer, den die finanzielle Not, aber auch das Bedürfnis, dran zu sein am Puls der Geschichte, in das Land geführt hatten.

In einem Nachruf auf den 2016 verstorbenen Boyle, den Stone über den Vietnamveteran Ron Kovic (über den Stone später BORN ON THE 4TH OF JULY drehen sollte) kennengelernt und mit dem zusammen er das Drehbuch zu SALVADOR auf Basis von dessen Aufzeichnungen geschrieben hatte, beschreibt Stone Boyle als Getriebenen, Rastlosen, dessen Hang zum Chaos und zum Exzess James Woods, der ihn verkörpern sollte, geradezu abstieß:

„Jimmy Woods, who adores order and cleanliness in his otherwise chaotic mind, abhorred Richard and didn’t want him anywhere next to him, as Richard would miss a shower or two and his one set of clothes would generally stink. But when Richard, who was by my side throughout the shoot, would comment on his performance, Jimmy’d freak out.“

Und Kovic sagte über den Mann:

„He was one of a kind, larger than life, a true original, so complex, a consummate hustler, brave war correspondent, gifted author, rebel, lover, deviant, so many memories. […] He was fascinating, amazing, impatient, terribly driven. He made me feel anything was possible. Even your wildest dreams were possible. He bet his life on it constantly in a thousand crazy adventures and dangerous assignments abroad. We all thought he would outlive us all. We were sure of it. Even in his often reckless and deadbeat later years he reeked of royalty. He had dignity. He loved life and taught me and so many others that we could always do more, accomplish more, be more than we thought possible.“

Diese Beschreibungen lassen erahnen, was Stone an Boyle faszinierte und warum er mit ihm zusammen an einer Verfilmung seiner Erlebnisse arbeitete. Tatsächlich liefern die Figur und seine Geschichte – ob sie im Film wirklich wahrheitsgetreu wiedergegeben wird, sei mal dahingestellt – Stoff für einen faszinierenden Film, der rückblickend als einer der Höhepunkte von Stones Filmografie gelten darf. Aber die Figur selbst und die Faszination, die in den Zitaten oben und in SALVADOR zum Ausdruck kommen, sind auch ziemlich problematisch. Gerade vor dem Hintergrund von Stones politisch fragwürdigen Äußerungen und Aktionen in den letzten Jahren wirkt SALVADOR in gewisser Hinsicht prophetisch. Das wertet die heutige Sichtungserfahrung noch zusätzlich auf, führte bei mir aber auch dazu, dass ich emotional auf Distanz zum Gezeigten ging. Der Film ist in gewisser Weise „nachbelastet“ durch die Autorschaft Stones, der heute mit Putin sympathisiert, Castro hofierte und mit seiner generellen Begeisterung für einen bestimmten Typus Mann heute schrecklich gestrig rüberkommt.

SALVADOR beginnt mit dem in seiner abgeranzten Wohnung von einem Streit aufgeweckten Boyle (James Woods): Der Vermieter liegt im Clinch mit Boyles Partnerin, streitet mit ihr lautstark um die ausstehende Miete, das gemeinsame Baby schreit. Boyle versucht im Anschluss verzweifelt Kohle aufzutreiben, indem er alte Pressekontakte abtelefoniert: Sein Thema ist der Konflikt in Salvador, er könne dort hinfahren und eine spektakuläre Story liefern, denn der Staat droht zu implodieren und Boyle hat aus der Vergangenheit gute Beziehungen. Aber keiner ist interessiert und man entnimmt Boyles Reaktionen, dass das zu einem guten Teil daran liegt, dass sie mit ihm nicht zusammenarbeiten wollen, weil er notorisch undiszipliniert ist. Der Beweis dafür folgt auf dem Fuße, als er von einem Streifenpolizisten aufgrund seines kaputten Wagens und einer Vielzahl nicht beglichener Strafzettel inhaftiert wird. Sein Kumpel, der Radio-DJ „Dr. Rock“ (James Belushi) zahlt seine Kaution und lässt sich von Boyle dazu überreden, mit ihm zusammen nach El Salvador zu fahren, nachdem der in seiner leeren Wohnung ein schriftliches „Fuck you!“ von seiner Freundin vorgefunden hat. In El Salvador könne man für 300 Dollar im Jahr leben, das Gras sei großartig und für sieben Mäuse setzen sich einem die schönsten Frauen der Welt aufs Gesicht, für fünf mehr geselle sich sogar deren beste Freundin noch dazu. Die Schwierigkeiten fangen aber schon kurz hinter der Grenze an, als die beiden vom Militär gefangen genommen und erst nach Stunden des bangen Wartens freigelassen werden. Im Folgenden taumelt Boyle durch das in Aufruhr befindliche Land, immer in dem Bemühen, möglichst nah ran zu kommen ans Geschehen, ohne sich dabei jedoch die Finger zu verbrennen. Seine Liebschaft zur armen Maria (Elpidia Carrillo), die mit ihrer Familie den regierungsfeindlichen Rebellen nahesteht, bringt ihn immer wieder in Gefahr, und irgendwann, nach der (auf realen Ereignissen fußenden) Erschießung des Erzbischofs Romero und der brutalen Ermordung und Vergewaltigung von drei amerikanischen Nonnen und einer Entwicklungshelferin bleibt Boyle nichts anderes übrig, als das Land mit Maria fluchtartig zu verlassen.

SALVADOR ist ein eindringlicher Film von fiebriger Intensität, der das Gefühl, in der Fremde nur einen Schritt vom bodenlosen Abgrund entfernt zu sein, sehr greifbar macht. Und James Woods, der für einen Academy Award nominiert wurde, ist brillant als „Zocker“ Boyle, ein Mann, der dahin geht, wo es wehtut, weil er die Langeweile nicht aushält und weiß, dass sich humanitäre Katastrophen gut verkaufen – der aber auch nicht ohne Idealismus ist. Stone zeichnet Boyle als unbequemen, unbestechlichen Widerständler, der auch vor den Mächtigen kein Blatt vor den Mund nimmt – und damit seine Reputation, aber auch sein Leben riskiert. Er ist ein Wahnsinniger, davon besessen, die Wahrheit in die Welt zu tragen, und mehr als einmal schockiert davon, wie weit ihn diese Obsession treibt. Lange scheint es so, als könne ihm nichts etwas anhaben, als habe er einen zuverlässigen Schutzengel oder auch nur jenes Quäntchen Glück, dass ihn unbeschadet aus jeder Gefahrensituation hervorgehen lässt: Wohl nicht zuletzt deshalb, weil er selber an dieses Glück glaubt. Erst sehr spät schleicht sich da die Angst in seinen Blick, das Wissen, dass er es nicht überstrapazieren sollte und die Situation in seiner Wahlheimat zu weit eskaliert ist, als dass sie noch berechenbar wäre.

Stones Porträt Boyles zeigt ohne Zweifel eine spannende Figur vor dem Hintergrund eines grausamen Konfliktes, dessen politischen Mechanismen leider immer noch nicht passé sind, aber Stones Faszination für und Zeichnung dieser Figur wirft auch einige Fragen auf: Ist dieser männliche Omnipotenzwahn, der jemanden wie Boyle mit der Pulle Fusel am Hals, den Gedanken an preisgünstige, willige Nutten im Kopf und dem Ziel, ein paar Bucks zu machen, in ein Entwicklungsland treibt, nicht auch nur eine Ausprägung derselben Haltung, die US-Militärs ihre Stützpunkte bei „Verbündeten“ errichten lässt? Ist Boyle mit seinem Goldgräberethos nicht eigentlich ein ziemlich ätzendes Arschloch, dem man für die unter normal denkenden Menschen reichlich selbstverständliche Haltung, das Abschlachten von wehrlosen Bauern verachtenswert zu finden, nicht unbedingt ein Denkmal bauen sollte? Sind diese Leute, die mit der Kamera um den Hals und einem Vorrat an Billiguhren als Bestechungsmittel im Handschuhfach in Bananenrepubliken reisen, um dann Massengräber und Gemetzel zu fotografieren, wirklich Aufklärer oder gar Märtyrer oder nicht doch nur Söldner, die sich mit dem Leid anderer, von dem sie profitieren, gemein machen, aber dann, wenn es ihnen zu heiß wird, einfach wieder abreisen können? Ich weiß es nicht genau, aber mich hat Stones Heldenverehrung für diesen hypernervös-dauerrauchenden Kokser schon auch ein wenig abgestoßen. Vielleicht liegt das aber auch, wie gesagt, daran, dass Stone es anscheinend nicht für einen Widerspruch hält, hier für die salvadoranischen Bauern einzuspringen und heute Putin die Hand zu schütteln. Andererseits gibt es an SALVADOR rein handwerklich mal gar nichts auszusetzen, vielmehr fesselt der Film über die volle Laufzeit. Trotz oder wegen dieser Fragestellungen.

 

 

 

 

 

Ein Film namens FOXES, der sich um das Coming of Age von vier Highschool-Mädels dreht, inszeniert von Adrian Lyne: Da schrillen gleich alle Alarmglocken. Die von Lyne in schwül-steriler Videoclip-Optik inszenierten 9 1/2 WEEKS, FLASHDANCE und LOLITA haben den Ruf, vor allem den Voyeurismus lüsterner Herren zu bedienen und Frauen als makellose Objekte der Begierde zu stilisieren. Als völlig haltlos abzuschmettern ist der Vorwurf definitiv nicht und für FOXES, Lynes Debütfilm, lässt das Schlimmes befürchten, was sich dann aber nicht bewahrheitet. Im Gegenteil ist FOXES zurückhaltend, ehrlich, sensibel und empathisch und überhaupt nicht daran interessiert, seine jugendlichen Darstellerinnen zur Schau zu stellen. Die eröffnenden Bilder, die die Mädchen im Schlaf kurz vor dem Aufwachen zeigen und Detailaufnahmen ihrer bekleideten Körper zeigen, sind der einzige Moment, in dem man Lyne des Voyeurismus beschuldigen könnte, ansonsten bleibt FOXES angenehm zurückhalten, verhandelt das alles bestimmende Thema „Sex“ eher auf er Dialogebene statt in ausgebreiteten Erotikszenen.

„Jeanies Clique“, so der deutsche Verleihtitel, besteht aus Jeanie (Jodie Foster), die mit ihrer Mutter (Sarah Kellerman) allein lebt, seit die sich von ihrem Mann, einem englischen Musikproduzenten, getrennt hat. Nun wirft sie sich verzweifelt jedem Kerl an den Hals, um die Einsamkeit zu dämpfen, und holt ihr Studium nach. Jeanie ist meistens allein und hat trotz ihres Alters von 15 eine oberflächliche Reife erreicht, die sie zum Mittelpunkt ihres kleinen Freundeskreises macht. Insgeheim träumt sie von einer großen Loftwohnung, in der die vier Mädchen dann zusammenwohnen. Zu diesem gehöre außerdem Madge (Marilyn Kagan), das Mauerblümchen der vier, dass dann aber alle mit der Offenbarung überrascht, einen Verlobten zu haben (Randy Quaid), der die 30 schon hinter sich hat. Deirdre (Kandice Stroh) ist immer auf Beutezug, setzt gern ihre Reize ein und fühlt sich als die erwachsenste ihrer Clique, was sie in dramatisch inszenierten Nervenzusammenbrüchen zum Anlass nimmt, sich tränenreich über ihrer Verantwortung zu beklagen. Und dann ist da Annie (Cherie Curry), deren private Probleme – ein gewalttätiger Polizisten-Vater, eine sich in ihre Opferrolle ergebende Mutter und eine ausgeprägte Drogensucht – die Gruppe insgeheim zusammenhalten.

FOXES dreht sich im Wesentlichen um die Gespräche der Mädchen, die ihre Probleme, Träume und natürlich Jungs diskutieren. Noch im Highschool-Aalter, möchten sie eigentlich gern schon erwachsen sein, eine eigene, schick eingerichtete Wohnung haben, Parties feiern und sich von einem erfolgreichen Mann aushalten lassen. Sie halten sich für reif, doch ihr Blick auf das Leben weist sie als Kinder aus, deren Eltern es versäumt haben, ihnen einen Kompass an die Hand zu geben. Am deutlichsten zeigt sich das natürlich an Annie, die manchmal für Tage einfach in den Straßen Hollywoods verschwindet, sich mit merkwürdigem Volk einlässt und schon mit 15 im Eiltempo auf ihre Ende zurast. Das kaum weniger deprimierende Gegenstück bildet Madge, die am Ende den über 15 Jahre älteren Mann heiratet, um wiedergutzumachen, dass sie dessen Haus bei einer aus dem Ruder gelaufenen Party total verwüstet hat. Dazwischen taucht immer wieder der nette Brad (Scott Baio) auf, der eigentlich genau in ihrem Alter ist, von ihnen aber als „Kind“ bemitleide und abgelehnt wird. In einer rührenden Szene fragt er Annie auf der Rückfahrt aus der Disco, ob sie mit ihm schlafen wolle. Als sie lachend verneint, fragt er daraufhin nacheinander die anderen drei, von diesen ebenfalls nur albernes Kichern erntend.

FOXES war bei meiner Sichtung möglicherweise der richtige Film zur falschen Zeit – vielleicht ist er aber auch einfach nicht besonders zwingend: Er ist eigentlich recht schön, zeigt schon Lynes visuelles Gespür, ist aber noch nicht so gestreamlined wie seine späteren Kassenschlager – statt der Achtziger dominieren hier noch die Seventies -, aber er mäandert so etwas schwermütig dahin. Eigentlich ist es ja schön, dass er seine Protagonistinnen nicht den Zwängen eines Plots unterwirft, aber über weite Strecken wusste ich als Betrachter einfach nicht, wo das alles hinführen soll. Vielleicht sind mir diese Mädchen auch einfach zu fremd. Mike McPadden schreit in „Teen Movie Hell“ sehr richtig: „FOXES is the SEX AND THE CITY prequel for a generation of women who each love their girl gang, but always feel alne, and still live for a horse ranch fantasy dished out by an absentee  rock star dad who strokes his daughter’s hair, tries to pay her off with clothes-shopping money and tells her mom is doing her best.“ 

Die drei Darstellerinnen neben Jodie Foster, die hier alle als „Entdeckungen“ eingeführt wurden – die umwerfende Cherie Curry spielte vorher mit Joan Jett und Lita Ford in der Girlband The Runaways – traten danach nur noch sporadisch in Erscheinung, für eine Schauspielkarriere reichte es dann doch nicht. Wie Annie, Madge und Deirdre wurden sie von Hollywood geschluckt.

Wenn man sich seine Filmografie seit seinem Comeback mit ROCKY BALBOA im Jahr 2006 anschaut, könnte man zu dem Schluss kommen, dass Stallone sich seit nun fast 15 Jahren auf einer Art Abschiedstournee bzw. Ehrenrunde befindet. Der nominelle Abschluss der Boxersaga, die ihn zum Star und zur Ikone machte, ließ den 16 Jahre zuvor produzierten Fehlschlag namens ROCKY V vergessen und versöhnte die Fans mit dem einstigen Champ, der so sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden war. JOHN RAMBO versetzte im Anschluss allen, die nach dem melodramatischen Boxerfilm vielleicht vermutet hatten, Stallone könne weich geworden sein, mit dem vielleicht brutalsten Actioner aller Zeiten einen heftigen Nierenschlag. Mit THE EXPENDABLES und seinen Sequels beschenkte Stallone dann die Freunde des Actionkinos, die ihm über all die Jahre die Treue gehalten hatten, mit einem amtlichen Best-of-Paket, für das sich seine einstigen Weggefährten die Klinke in die Hand gaben. Und CREED zeugte dann zwar von der Einsicht, dass Rockys Geschichte vielleicht auserzählt war, dass seine Vergangenheit aber immer noch Stoff für neue Filme bot, in diesem Fall ein Spin-off um den Sohn seines einst größten Rivalen. Diese Liste liest sich tatsächlich nicht gerade, als könne Stallone das Feuer der lodernden Kreativität kaum besänftigen: Er begnügt sich seit einiger Zeit eher damit, sein Erbe zu verwalten. Aber er tut dies ohne Zweifel mit Herz und  Liebe für seine Schöpfung, die ja zudem wirklich beachtlich ist: Mit Rambo und Rocky hatte Stallone gleich zwei Figuren geschaffen, die zu Archetypen wurden – und dabei untrennbar mit ihm verbunden sind.

CREED 2 ist innerhalb des oben skizzierten letzten Abschnitts von Stallones Schaffen so etwas wie der Nachklapp zum Nachklapp. CREED war vor drei Jahren noch einmal ein unerwartetes Highlight gewesen, ein Film, der vielleicht nicht in der Liga von ROCKY spielte, wahrscheinlich auch nicht in der des Alterswerks ROCKY BALBOA, aber dennoch eine würdige Fortsetzung – auch wenn sich diese ja den Anschein eines Neustarts gab. Michael B. Jordan ist als Adonis, Sohn von Apollo Creed, zwar einnehmend genug, um auch ein Sequel zu tragen, aber so ganz verbergen kann dieses nicht, dass es im Wesentlichen von Nostalgie getrieben wird. Nachdem also zuvor die alte Rivalität zwischen Stallone und Creed aufgegriffen und abgeschlossen worden war, wird nun die russische Kampfmaschine Ivan Drago (Dolph Lundgren) aus ROCKY IV aus der Versenkung geholt, der damals Adonis‘ Vater im Ring umgebracht hatte. Dolph Lundgren in einem großen Hollywood-Film zu sehen, ist für mich immer Grund zur Freude, ebenso wie ich von Ausflügen in Rockys Vergangenheit nicht genug bekommen kann – ich liebe diese Geschichten einfach -, trotzdem kann CREED 2 den Eindruck, man habe hier einfach ein erfolgreiches Schema genommen und lediglich die Variablen neu gefüllt, nicht zerstreuen.

CREED 2 bedient sich dramaturgisch bei ROCKY III – Adonis muss wie einst Rocky das Kämpferherz wiederfinden – und logischerweise bei ROCKY IV – auf dem Weg zur Wiedergeburt muss die alte Haut abgeworfen werden, das Training findet nicht im mit allen Annehmlichkeiten ausgestatteten Fitnesstempel statt, sondern in der Wüste. Als Parallele zur Krebstherapie, die Rocky im Vorgänger bewältigen musste, wird Adonis Vater einer Tochter, die den Hörfehler der Mutter (Tessa Thompson) geerbt hat: Ein weiterer Rückschlag, der dazu beiträgt, dass sich Adonis als vom Schicksal Gebeutelter begreift, anstatt die Initiative zu ergreifen. Wenn man gleich zu Anfang den gealterten Ivan Drago durch die graue Tristesse Kievs joggen sieht, die Abrissbude, die er bewohnt, mit dem Luxus von Creeds Wohnung vergleicht, eröffnen sich zahlreiche interessante erzählerische Möglichkeiten, die der Film leider liegen lässt. So schön es ist, diesen Drago wiederzusehen: Die Autoren haben sich nicht viel Mühe damit gemacht, ihn zum vollwertigen, differenzierten Charakter zu machen. Seit 30 Jahren hegt er einen Groll gegen Rocky, plant er, einem Superschurken gleich, seine Rache. Das ist schade, weil ich ihm einen besseren Werdegang, ein gutes Leben gewünscht hätte: Den eindimensional Bösen musste er schließlich damals schon geben. Dass Drago es in all dieser Zeit nicht geschafft hat, seinen Frieden zu machen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben, macht ihn nicht nur uninteressanter, als er es verdient hat, es lässt auch seine finale Wandlung unglaubwürdig erscheinen. Brigitte Nielsen, die in ROCKY IV Dragos Frau verkörperte, tritt ebenfalls wieder auf, aber auch sie hat kaum eine andere Funktion, als den Fanservice. (THE EXPENDABLES 2 hatte schon dasselbe Problem.) Mir hat CREED 2 trotz dieser Mängel immer noch gut gefallen: Stallone ist toll, Jordan ebenfalls, der Besuch am Grab von Adrian hat mich wieder zu Tränen gerührt, genau wie Rockys Versöhnung mit seinem Sohn (Milo Ventimiglia) am Ende. Und die Boxkämpfe sind wie immer eine Schau, eh klar. Aber beim nächsten Mal darf sich Stallone ruhig wieder etwas mehr trauen. Das würde ihm ganz bestimmt auch Rocky empfehlen. Das Auge des Tigers, Mann!

Another blast from the past: WISDOM lief irgendwann, es muss Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger gewesen sein, auf RTL, wo er von mir mitgeschnitten und in der Folge mehrfach verköstigt wurde, bevor ihn andere Titel in meiner Gunst abgelösten und er in Vergessenheit geriet. Mithin ist es also rund 30 Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal geschaut habe – und es war ein schönes Wiedersehen! Es handelt sich bei WISDOM nicht nur um einen Film aus Estevez‘ aktivster Phase als Schauspieler von ca. THE OUTSIDERS bis JUDGEMENT NIGHT und exakt zwischen MAXIMUM OVERDRIVE und STAKEOUT, sondern auch um den Auftakt seiner zwar weniger produktiven, aber doch bis heute andauernden Laufbahn als Regisseur.

WISDOM ist ein, nun ja, „naiver“ Film (Estevez selbst beschrieb ihn rund 14 Jahre später als „vanity project“ und hatte wohl nur wenig Gutes über ihn zu sagen), was angesichts des Alters seines Regisseurs vielleicht nicht weiter verwunderlich ist. Estevez war damals Mitte 20 und damit der damals jüngste Writer-Director-Star in der Geschichte Hollywoods. Er spielt den 23-jährigen John Wisdom – der Name ist durchaus ironisch -, der aufgrund einer Dummheit vorbestraft ist und bei der Jobsuche zu spüren bekommt, was das bedeutet: Entweder er wird direkt wieder weggeschickt oder aber mit niederen Tätigkeiten betraut, für die er offenkundig überqualifiziert ist. Also beschließt er jenen Karriereweg einzuschlagen, den die USA offensichtlich für ihn vorgesehen haben: Er wird „Krimineller“. John Wisdom gerät nicht aus finanzieller Not auf die schiefe Bahn – er lebt noch bei seinen Eltern (Tom Skerritt und Veronica Cartwright) -, nein, er beschließt rationell und aus mehr oder weniger freien Stücken, ein Verbrecher zu werden. Aber welches Verbrechen kommt denn für ihn in Frage? Die Antwort liefert ein Fernsehbericht über Hausbesitzer, die von der Bank enteignet wurden, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten. Wisdom beschließt, in die Rolle eines modernen Robin Hoods zu schlüpfen, Banken zu überfallen und dort die entsprechenden Kreditunterlagen zu vernichten. Seine Freundin Karen (Demi Moore) zieht er mit in die Sache hinein und nach einem anfänglichen Streit findet sie bald Gefallen daran, die Bonnie zu seinem Clyde zu sein. Doch das FBI ist dem Pärchen auf den Fersen und nachdem es zu dem unweigerlichen Unglücksfall kommt, zeichnet sich immer deutlicher ab, dass diese Geschichte kein gutes Ende nehmen kann.

Es ist eigentlich unzulässig, Vermutungen über die Privatperson Emilio Estevez anzustellen, schließlich kenne ich den Mann ja gar nicht, aber ich hatte immer den Eindruck, dass er den sensiblen Jock in John Hughes THE BREAKFAST CLUB auch deshalb so überzeugend verkörperte, weil er ihm nicht ganz fremd war. Estevez spielte in seiner Karriere oft den schlagkräftigen Proleten aus prekären Verhältnissen oder den einfachen Mittelständler. Für mich suggerierte sein lausbübisches, leicht zurückhaltendes Grinsen immer auch einen kindlichen Träumer, der weniger mit großer Intelligenz und außergewöhnlichen Talent ausgestattet ist, als mit Beharrlichkeit, Ausdauer und einem großen Herzen. Estevez‘ Attraktivität hatte immer etwas entschieden Durchschnittliches, was wohl auch dazu führte, dass er als „Star“ nie so recht ernstgenommen wurde – im Unterschied etwa zu seinem jüngeren Halbbruder Charlie Sheen, der ja mal als das next big thing in Hollywood galt: Estevez war gut in seinen Rollen, vor allem wenn er diese unauffälligen Durchschnittstypen spielte, aber er hätte nie jemanden dazu motiviert, ein Ticket nur für ihn zu lösen. In WISDOM ist er dennoch ideal besetzt: die großen, hoffnungs- und erwartungsvoll dreinblicken Augen, das alterslose Gesicht, das verschmitzte Mausezahn-Grinsen, die unauffällige, gedrungene Figur, mit der er in einem feinen Anzug aussieht, als habe er in Papas Schrank gewühlt und sich verkleidet. Den Jungen, der sich mit einem Moment der Unbedachtheit das ganze Leben versaut hat, nimmt man ihm ohne Zögern ab. Und eben auch den Typen, der beschließt, ein moderner Robin Hood zu werden. Das Interessante an seiner Entscheidung ist ja, dass es dabei niemals, wie man eigentlich erwarten könnte, um wirtschaftliche Aspekte geht: Geld für sein eigenes Auskommen zu verdienen bzw. zu erbeuten, ist nie sein Ziel. Sein „Karriereplan“ ist keine Lösung für seine Probleme: Es ist eine totale Schnapsidee, eine Idee, auf die nur jemand kommen kann, der nur bis zu einem bestimmten Punkt denkt, der sich ein Stück kindliches Denken bewahrt hat, aber eben nicht den bewahrenswerten Teil, sondern eben jenen, der einem als Erwachsenem ausschließlich und berechtigterweise große Schwierigkeiten bereitet. Sich einer solchen Figur zu widmen ist natürlich völlig legitim und eigentlich auch eine gute Basis für einen faszinierenden Film. Ich erwartete bei der Lektüre der Trivia-Bits auf der IMDb-Seite des Films, einen Hinweis auf einen realen Hintergrund der Geschichte zu finden: Die Story von John Wisdom ist genau in dem Maße bescheuert, dass sie sich in kleinerem Rahmen wirklich genau so zugetragen haben könnte. Und Emilio Estevez verkörpert den Typen, der ernsthaft glaubt, er könne „dem System“ ein Schnippchen schlagen, indem er Akten in Bankfilialen verbrennt, nahezu perfekt. Genauer gesagt geht Estevez in der Rolle des John Wisdom so sehr auf, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Regisseur selbst glaubt daran, dass dieser Plan valide ist. Es gibt keinerlei Distanz zum Protagonisten, nie wird auch nur angedeutet, dass dieser John Wisdom ein Trottel ist, ein sympathischer zwar, aber eben doch ein Trottel. Vielleicht ist das sogar die „bessere“ Haltung, um diesen Film zu inszenieren, denn weil Estevez mit seinem Protagonisten mitgeht, sich voll und ganz mit ihm und seiner Denke identifiziert und eben nicht aus aufgeklärter Warte auf ihn hinabblickt, wirkt es überhaupt glaubwürdig, dass jemand auf diese Schnapsidee kommt und auch noch meint, sie umsetzen zu müssen. WISDOM hätte das Zeug zu einem überzeichneten Actioner um einen neumodischen Outlaw gehabt, zu einer grellen Satire mit tragikomischer Note vielleicht, einer bitteren Kritik am Kapitalismus, am Banken- und Strafsystem und an amerikanischer Heldenverehrung (natürlich wird Wisdom für seine Taten von den einfachen Leuten gefeiert und steigt zu einer Art Volksheld auf). Stattdessen inszeniert Estevez WISDOM voller Ernst als Tragödie um einen jungen Mann, dem keine andere Chance blieb und der sich dazu entschloss, den Gebeutelten zu helfen.

Der Film weicht erst sehr spät von dieser Strategie ab: Schon bevor die Konfrontation mit einem Polizisten für diesen tödlich endet, plagen Wisdom Zweifel an seinem Tun. Hat er wirklich etwas verändert? Nimmt er nicht billigend in Kauf, dass es irgendwann zu einer Katastrophe kommt? Schließlich: Hat das alles wirklich irgendetwas für ihn besser gemacht? Natürlich kommen diese Zweifel zu spät und so mündet WISDOM in ein Actionfinale mit fetten Autostunts, bevor das Unvermeidliche passiert. Das Abenteuer endet, wie es enden musste, denn das Gesetz hat keinen Sinn für Außenseiter-Romantik. Wisdom und Karen haben es ganz sicher gut gemeint, aber sie haben mehrere Verbrechen begangen und sich am Ende die eigenen Hände mit Blut besudelt. Ihre Idee war doch nicht so clever, die Zuneigung ihrer Fans ist schnell verflogen, die Banken werden weiter ihr Geschäft machen: Übrig bleiben ein Toter, unglückliche Eltern und zwei verschenkte Leben.

Vielleicht merkt man es diesem Text an, dass er in zwei Etappen entstanden ist, so wie ich auch den Film gesehen habe. Ich bin zunächst auf ihn hereingefallen und war schon bereit Estevez hier als liebenswerten Deppen hinzustellen, der eher durch Zufall einen guten Film gedreht hat. Aber die letzte halbe Stunde des Films hat meine Sicht noch einmal deutlich verändert: Dieser Film, den ich zunächst „nur“ sympathisch fand auf seine irgendwie einfache Art und Weise, hat mich am Ende wirklich ganz und gar erwischt. Das Schicksal dieser beiden Figuren hat mich tief bewegt und einen Kloß in meinem Hals hinterlassen – und es ist eben einzig und allein Estevez‘ Haltung als Regisseur zu verdanken, dass sein vermeintlich „naiver“ Film diese Gefühle hervorruft. Die vielleicht wichtigste Szene des Films – das „Duell“ zwischen Karen und dem Polizisten – ist zudem brillant inszeniert mit seiner Zeitlupe, den endlosen Close-ups und der extremen Zerdehnung der Zeit, die es dauert, bis der tödliche Schuss fällt. Und wie er den Spagat zwischen der totalen Empathie für seine Hauptfigur und der Verweigerung, ihr ein Heldendenkmal zu bauen, schafft, ist ebenfalls bemerkenswert. WISDOM ist ein wirklich schöner Film, der eigentlich größere Zuneigung verdient hätte. Ich bin geneigt, ihm jene Weisheit zuzusprechen, die er im Titel trägt – und die zu erlangen sein Held erst ins Gras beißen musste.

Die Siebzigerjahre waren ein merkwürdiges Jahrzehnt: Gesamtgesellschaftlich prägten die Demütigung in Vietnam und der Watergate-Skandal die Stimmung in den USA, sorgten für eine beachtliche Depression, die dann mit Drogen, Hedonismus, Yacht-Rock und Disco bekämpft wurde. Das zeigt sich auch an einer kleinen Reihe von Sportfilmen, die die nationalen Helden in ihren Football-, Baseball-, Basketball- oder Eishockeytrikots von ihrem Podest stießen. International am bekanntesten dürfte wahrscheinlich George Roy Hills wunderbarer SLAP SHOT sein (ein ewiger Lieblingsfilm): Er widmete sich den fragwürdigen Methoden, mit denen ein erfolgloses, zum Verkauf freigegebenes Eishockeyteam den eigenen Marktwert zu steigern suchte, und zeichnete die Sportler als Bande von ungebildeten Proleten, Säufern, Schlägern und Zynikern. Selbst ein „Kinderfilm“ wie THE BAD NEWS BEARS, den man wahrscheinlich als putzige Komödie abgespeichert hat, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als mindestens ambivalent: ein desillusionierter Säufer, der ein Kinder-Baseballteam betreut? Wenn man sich nicht einmal auf dem Sportplatz mehr sicher sein konnte, dass die amerikanischen Ideale Bestand hatten, woran konnte man sich dann überhaupt noch festhalten?

NORTH DALLAS FORTY, Kotcheffs Film über den Titelkampf einer texanischen Football-Mannschaft, beginnt mit dem Blick auf Wide Receiver Philipp Elliott (Nick Nolte), der morgens wie zerschlagen auf einem mit Nasenblut besudelten Kopfkissen aufwacht, sich mit schmerzenden Knochen stöhnend erhebt und die Schmerztabletten mit einem offenen Bier runterspült, bevor er von seinen wild mit einer Schrotflinte herumballernden Teamkollegen zur „Jagd“ auf Kühe abgeholt wird. Dieser Beginn setzt den Ton, der bis zum Ende ohne Brechungen durchgehalten wird. Philipp, mit Anfang/Mitte 30 bereits ein körperliches Wrack, wird von seinem ekligen Manager (G. D: Spradlin) aufs Abstellgleis geschoben, weil er angeblich nicht über genug „Teamgeist“ verfüge. Was immer er tut, es wird gegen ihn ausgelegt. Umgeben ist er von grunzenden Psychopathen wie Jo Bob (Bo Svenson) oder O.W. (John Matuszak), der Teambesitzer (Steve Forrest) ist ein schleimiger Menschenfänger, der stets seine anzugtragenden Vollstrecker vorschickt, um ungeliebte oder ausgediente Spieler rauszuschmeißen. Die Spieler werden mit miesen Manipulationen dazu gebracht, sich fitspritzen zu lassen, im gleichen Atemzug kann eine Dose Bier oder ein Joint den Rauswurf nach sich ziehen, wenn man eh schon auf der Abschussliste steht. Während die Sportler also Blut, Schweiß, Tränen und letztlich ihre Gesundheit geben, stehen hinter ihnen eiskalt kalkulierende Arschgeigen im Anzug, für die das alles nur ein Business mit austauschbaren Spielfiguren ist.

Es gibt Vieles an NORTH DALLAS FORTY, was ich mag: Die Besetzung mit Kerlen mit Stiernacken sowie Tabak- und Whiskey-gegerbten Stimmen. Die saxophonlastige, melancholisch-plüschige Musik von John Scott. Den schmerzhaften Humor, der allerdings ganz ohne Gags und Lacher auskommt. Die großartige Fotografie von Paul Lohmann. Diese ätzende, selbstzersetzende Resignation. Gleichzeitig schafft Kotcheff es aber leider nicht, das alles in eine Form zu gießen, in der es wirklich sinnhaft würde. NORTH DALLAS FORTY gefällt sich irgendwie in seinem Zynismus und seiner einseitigen Sicht der Dinge – Sportler sind vielleicht etwas „einfach“, aber eigentlich gute Kerle, die Besitzer sind hingegen profitgeile Kapitalisten ohne Empathie -, kulminiert in einer flammenden Rede, die Elliott vor dem Management hält und färbt die Entgleisungen seiner Teammitglieder als verzeihliche Marotten schön. Dazu kommen klischierte Elemente wie Elliotts Beziehung zur intelligenten Charlotte (Dayle Haddon), der er sein vor Jahren gekauftes, aber immer noch unbebautes Grundstück auf dem Land zeigt, un die ihn dazu überreden will, die Schuhe an den Nagel zu hängen – womit sie den obligatorischen Wutausbruch heraufbeschwört, denn Football ist natürlich sein Leben. Alles läuft exakt so ab, wie man das vorhergesehen hat, ohne Überraschungen und auch ohne echten Mehrwert. Die Kritik, die Kotcheff auf der Grundlage des autobiografischen Romans des Footballspielers Peter Gent übt, wirkt vorgeschoben: Sie ist letztlich ein Vorwand, um Verfall, Dekadenz und Tabubrüche publikumsträchtig auf die Leinwand bringen zu können. Dem Film fehlt sowohl die satirische Schärfe als auch ein gewisser Idealismus. Interessant ist NORTH DALLAS FORTY allerdings im Kontrast zum heutigen Business: Seine kettenrauchenden, saufenden und herumhurenden Sportler könnten das Pensum der hochgezüchteten Stars von heute gar nicht mehr absolvieren, ohne zusammenzubrechen. Ironischerweise steht hinter dieser Entwicklung aber weniger die „Moral“ als vielmehr die wirtschaftliche Risikominimierung. Insofern ist die kleine Welle bitterer Sportfilme, für die auch NORTH DALLAS FORTY steht, durchaus relevant. Die Beobachtungen, die ihre Macher damals – aus welchen Gründen auch immer – machten, waren geradezu prophetisch.

„Where were you in ’62?“ Die Marketing-Abteilung, die die Tagline erdachte, mit der Lucas‘ AMERICAN GRAFFITI beworben wurde, hatte genau erkannt, wer das Publikum des Films war. Die Baby Boomer, die zehn Jahre zuvor in die Adoleszenz eingetreten waren, strömten in Scharen in die Kinos, um ihre nostalgisch verklärte Jugend in Überlebensgröße auf der Leinwand zu sehen, noch einmal die Hits von einst zu hören und sich insgeheim zu versichern, dass sie sich gar nicht verändert hatten.

AMERICAN GRAFFITI geriet so nicht nur zu einem Riesenhit seiner Kinosaison, er legte auch das Fundament, auf dem andere Produzenten und Filmemacher aufbauen konnten. Das Fifties- und Sixties-Revival, das Lucas lostrat, erwies sich bis in die späten Achtzigerjahre als zugkräftiger Background und brachte solche unterschiedlichen Filme hervor wie etwa ESKIMO LIMON und seine Sequels, THE WANDERERS, STAND BY ME, NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE, DIRTY DANCING, THE FLAMINGO KID, THE OUTSIDERS oder LA BAMBA sowie Serien wie THE WONDER YEARS, um nur mal einige ganz spontan zu nennen. Darüber hinaus konturierte er die Typen, die den seinem Vorbild folgenden Teeniefilm im Wesentlichen bevölkern würden: Die „wholesome American boys“ (Ron Howard und Richard Dreyfuss), den Nerd (Charles Martin Smith) und die Rebellen (Paul LeMat und Harrison Ford), das brave Mädchen von nebenan, mit dem man seinen Lebensabend verbringen will sowie die blonde bombshell aus den eigenen feuchten Träumen. Interessant außerdem, dass der Teeniefilm-cycle 20 Jahre später mit Richard Linklaters DAZED AND CONFUSED geschlossen wurde, der sich für seinen Blick auf den letzten Schultag des Jahres 1976 deutlichst von Lucas‘ Film inspirieren ließ: Beide Filme spielen an einem einzigen Tag und folgen einer begrenzten Gruppe von Protagonisten, die sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, was sie mit ihrem Erwachsenenleben anfangen wollen. Aber Linklaters Film ist in seinem Ton noch konversationeller: Er weiß, dass seine Protagonisten in ihrem Leben kein großes Drama zu bewältigen haben werden. In AMERICAN GRAFFITI schwebt hingegen der Vietnamkrieg über dem Film, der zwar nicht direkt thematisiert, aber trotzdem einem seiner „Helden“ das Leben kosten wird – wie der Betrachter am Ende über eine Schrifteinblendung erfährt.

Die Nostalgie von AMERICAN GRAFFITI hinterlässt demnach einen bittersüßen Nachgeschmack – und das in zweierlei Hinsicht. Zunächst einmal fängt Lucas die Stimmung in der kalifornischen Kleinstadt Modesto gemeinsam mit seinem DoPs Jan D’Alquen und Ron Eveslage in wunderschönen, aufgeladenen Bildern ein, die alles mit einem seidenen Glanz überziehen. Wichtigste Handlungsorte sind Autos und Drive-ins, die mit ihren eleganten Formen, Farben und Lichtern das Traumgleiche der Handlung betonen. Curt (Richard Dreyfuss) und Steve (Ron Howard), die am nächsten Tag gemeinsam aufs College gehen wollen, treffen sich für einen letzten Abend an alter Wirkungsstätte mit dem nerdigen Terry (Charles Martin Smith), der endlich seine Jungfräulichkeit verlieren will, und dem gutherzigen badass John (Paul LeMat), der für sein ungeschlagenes Rennauto stadtbekannt ist. Während Curt ob des bevorstehenden Einschnitts kalte Füße bekommt und zweifelt, ob er wirklich von zu Hause weggehen will, probt Steve mit seiner Freundin Laurie (Cindy Williams) die Trennung. Terry findet in der Blondine Debbie (Candy Clarke) das unerwartete Liebesglück und John in dem draufgängerischen Fremden Bob Falfa (Harrison Ford) einen ebenbürtigen Rivalen. Lucas widmet sich diesen parallel laufenden, sich dann und wann überkreuzenden Plotlines, in einer Reihe von Episödchen, die sich allesamt durch ihre Alltäglichkeit auszeichnen. Erst am Schluss bekommen diese Geschichten einen größere Dimension: in der Begegnung Curts mit dem mysteriösen Radiomoderator (Wolfman Jack), der für ihn das Telefonat mit einer nicht minder mysteriösen Bewunderin initiiert, im spektakulären Unfall, der das Rennen zwischen John und Falfa beendet. Am Ende haben alle etwas gelernt und Entscheidungen für ihre Zukunft getroffen.

Dieser saubere Abschluss ist für meinen Geschmack die gravierende Schwäche des Films: Hier zeigt sich Lucas einer sehr traditionellen Erzählhaltung verpflichtet, die dem losen, lockeren, ziellosen Mäandern, das AMERICAN GRAFFITI bis dahin charakterisiert (und das den stärksten Eindruck hinterlässt), entgegensteht. Die angesprochenen Texteinblendungen, die den beiden langweiligsten Charakteren des Films – Curt und Steve – eine bürgerliche Mittelstandskarriere andichten, während sie lapidar den Tod der beiden „Loser“ verkünden, haben den Ruch eines faulen Tricks. Offensichtlich hatte Lucas sich weder getraut, seinen Film in der völligen Offenheit enden, noch seine Charaktere onscreen sterben zu lassen. Linklater ließ sein „Update“ in den Neunzigern sehr viel überzeugender in die Ungewissheit und auch in einen ungeschönten, aber dennoch zuversichtlichen Optimismus auslaufen. Das Leben ist kein Roman, das mit einer mundgerecht geformten Moral endet. Es besteht aus bits & pieces, die für sich genommen nichts bedeuten, nur durch den individuellen Blick darauf mit Bedeutung aufgeladen werden. Wenn man AMERICAN GRAFFITI heute sieht, ein Film, der wie oben kurz skizziert, seine Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen hat und einige Meisterschaft, sowohl in der Bildgestaltung, aber auch im Erzählrhythmus und in seiner Pointierung zeigt, versteht man aber auch, warum die Revolution der „movie brats“, zu denen ja auch Lucas gehörte, letztlich vor allem eine Revision wurde. Als nächstes kam STAR WARS und die Überraschung über die Hinwendung des Filmemachers zu Märchen und Archetypen durfte nur jenen Filmseher überraschen, der die letzten zehn Minuten von AMERICAN GRAFFITI verschlafen hatte.