Mit ‘Drive-in’ getaggte Beiträge

Roxy (Marilyn Manning), die Freundin des ambitionierten Teenieboppers Tom (Arch Hall Jr.), wird nachts auf offener Straße von einem riesenhaften Urzeitmenschen (Richard Kiel) attackiert. Ihr Vater (Arch Hall Sr.), hauptberuflich Autor und Abenteurer, begibt sich daraufhin mit Tropenhelm, Fotoapparillo, Bermudashorts und Hubschrauber auf die Reise in die Berge, in denen der Troglodyt nach dem Überfall verschwunden ist – und landet bereits nach wenigen Minuten, in denen es ihm nicht gerade gelungen ist, würdevoll und professionell auszusehen, in dessen Gefangenschaft.

Tom und Roxy machen sich in Toms duftem Buggy auf die Suche nach dem Papa, erreichen aber nur, dass die Tochter diesem bald schon als Gefangene Gesellschaft leisten darf: Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Schließlich können die beiden Unglücklichen aber fliehen, der tapfere Tom tut seinen Teil, damit die Flucht gelingt. Doch der arme Höhlenmann hat sich unsterblich in die fesche Roxy verliebt und verfolgt sie in die Zivilisation, wo sie eine wilde (NOT!) Poolparty feiert. Eegah der Riesendepp sprengt die Feier und kriegt zur Strafe eine Kugel in den Wanst. Ende.

Nach TOUCH OF EVIL kann man eben nur so was gucken: Eine quietschbescheuerte Aneinanderreihung von Bildern, die als „Film“ zu bezeichnen nur belegt, wie schwammig der Begriff eigentlich ist, das darunter sowohl Orson Welles als auch EEGAH Platz findet. Diese minderbemittelte KING KONG-Variation ist natürlich strunzblöd und eigentlich auch ziemlich öde: Spannung kommt jedenfalls nicht auf und selbst, um so richtig unfreiwillig komisch zu sein, ist er irgendwie zu bieder und zu billig. Aber – oh Wunder – da gerät ihm die Not durchaus zur Tugend: EEGAH ist so herrlich naiv, mit dem Gemüt und der Weltsicht eines Dreijährigen inszeniert (hinter dem Pseudonym „Nicholas Merriweather“ verbirgt sich Arch Hall Sr.) und mit diesem speziellen Charme ausgestattet, den man ausschließlich in US-amerikanischen Ultrabillig-Exploitern findet (der Orson Welles des Trash, Ray Dennis Steckler, wird auch am Ende von Eegah in den Pool geschubst).

Ehrlich, ich liebe diesen Quatsch, der mir fast die Tränen der Rührung in die Augen treibt: Wenn selbstgemalte Credits einen Film einleiten, in dem „Star“ Arch Hall Jr. seinen unfassbar lethargischen „Rock ’n‘ Roll“ intoniert – der mangels entsprechender Tontechnik natürlich vollinstrumentiert vom Band kommt, obwohl Arch nur eine Klampfe in der Hand hat –, dazu Bilder von seiner sich im Pool vergnügenden Freundin zwischengeschnitten werden als seien es die aufregendsten Aufnahmen seit Beginn der Filmkunst, endlose Szenen mit dem Buggy Spielzeit rauben, der lustig vor sich hinbrabbelnde Eegah sich von Roxy den Rauschebart rasieren lässt, der Abenteurerpapa nicht laufen kann, weil er einen gebrochenen Arm hat und am Ende ein hanebüchener Voice-over Kreationismus und Evolutionstheorie zusammenbringt als gehörten diese zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille, dann entwickelt sich aus dieser schieren Ballung des Blödsinns vor dem geneigten Auge eine ganz eigene Form von Schönheit.

Interessierte sollten eine Arch-Hall-Jr.-Retro in Erwägung ziehen, bestehend aus Stecklers WILD GUITAR – meiner Meinung nach einer der schönsten Low-Budget-Filme ever –, dem famosen Prä-Slasher THE SADIST und eben EEGAH. Zu welchem Schluss man am Ende kommt, steht in den Sternen, ganz gewiss ist man aber um eine Erfahrung reicher.

Eine junge Frau fährt in das verschlafene Küstenstädtchen Pointe Dune, um dort ihren Vater – einen Künstler – zu besuchen, der sich seit längerer Zeit nicht mehr gemeldet hat. Doch der Vater ist verschwunden und in dem Ort gehen merkwürdige Dinge vor sich: Die Einwohner scheinen allesamt unter fremdem Einfluss zu stehen und auf die Ankunft von etwas zu warten …

In meinem Text zu dem in Kürze erscheinenden THE HOUSE OF THE DEVIL von Ti West, hatte ich diesen mit US-amerikanischen Low-Budget-Horrorfilmen der Siebzigerjahre verglichen, denen ich die Eigenschaft „ultradoomslow“ zuschrieb, ohne jedoch einen Film als Beleg heranzuziehen. MESSIAH OF EVIL (den ich jetzt zum ersten Mal gesehen habe) wäre eine geeignete Referenz gewesen, denn obgleich seine ausgesprochen geschmackvollen und versierten Bildkompositionen ihn von rohem, billigem Exploitationschund deutlich abheben, hat er doch diese gewisse Langsamkeit, die bei den gelungenen Vertretern dieser Stilrichtung ganz entscheidend zur Schaffung einer fremdartigen, unangenehmen Atmosphäre beiträgt, die oft so viel mehr wert ist als ein besonders ausgeklügelter Plot. Auch wenn sich die Bedrohung in MESSIAH OF EVIL doch recht konkret manifestiert: Man hat immer den Eindruck, dass die Kamera nicht alles einfängt, das Ausmaß des Grauens nur andeutet und – was noch wichtiger ist – dass die Kamera als erzählende und organisierende Instanz keine ausreichende Erklärung für die Vorgänge liefern kann.

MESSIAH OF EVIL ist wirklich sehr beunruhigend und seine beiden besten Szenen machen mit zwei bedeutenden amerikanischen Zivilisationstempeln – dem Supermarkt und dem Kinosaal – das, was Hitchcock in PSYCHO mit der Dusche machte. Was MESSIAH OF EVIL aber von einem „nur“ effektiven Grusler zu einem sehr guten und vor allem auch filmisch spannenden Werk macht, ist seine formale Gestaltung. Neben der unheimlichen Tonspur muss seine visuelle Seite gelobt erden: Ob das das über und über mit (unheimlicher) moderner Malerei garnierte Haus des Vaters ist, die Trostlosigkeit der Innenstadt von Pointe Dune, das geradezu einer Lovecraft-Geschichte entsprungen zu sein scheint, oder die ziellos durch die Straßen wankenden Einwohner: Huyck und Katz ist es perfekt gelungen, eine Welt abzubilden, die zwar nur ein kleines Bisschen von der Normalität abweicht, aber trotzdem unmissverständlich klarzumachen, dass dieses kleine Bisschen auf sehr dramatische Vorgänge hindeutet. Ein Vergleich, der sich mir beim Gucken immer wieder aufdrängte: MESSIAH OF EVIL ist der Film, den Dario Argento vielleicht gemacht hätte, wenn er ein amerikanischer Genrefilmer gewesen wäre.

strike me deadly (ted v. mikels, usa 1963)

Veröffentlicht: August 6, 2009 in Film
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631595040258[1]Das frisch verheiratete Pärchen Jimmy (Gary Clark) – ein Forest Ranger – und Lori (Jeannine Riley) macht Urlaub in den Wäldern Oregons. Bei einem Rundgang beobachtet Jimmy einen Mord und wird daraufhin von dem Übeltäter (Steve Ihnat) verfolgt. Zwar kann sich Jimmy in seine Blockhütte zu seiner Gattin flüchten, doch es gelingt ihm nicht, den Verfolger abzuschütteln. Der Mörder nimmt die beiden als Geiseln …

STRIKE ME DEADLY ist das Debüt des notorischen Billigfilmers Mikels, der ca. zehn Jahre später einen durchschlagenden Erfolg mit dem für knapp 2.000 Dollar heruntergekurbelten THE CORPSE GRINDERS hatte. „Debüt“ muss man in diesem Fall aber relativieren: Mikels, als Distributor in Hollywood tätig, hatte zu diesem Zeitpunkt laut eigenem Bekunden bereits seit zehn Jahren Spielfilme gedreht, die er aber einzig und allein als Anschauungsmaterial zu Selbstausbildungszwecken verstanden und niemals veröffentlicht hatte. Das dabei erworbene technische Knowhow und erzählerische Geschick merkt man auch STRIKE ME DEADLY jederzeit an. Der größte Kniff des Films stammt dabei erstaunlicherweise nicht von Mikels, sondern vom Studio, das den Film aufkaufte: Da die Produzenten einen actiongeladenen Anfang wünschten, musste Mikels seinen Film umschneiden. STRIKE ME DEADLY beginnt demzufolge mit dem Mord und der anschließenden gut 25-minütigen Verfolgungsjagd durch die Wälder, erzählt die Vorgeschichte dann in einer Rückblende, bevor er für den Showdown wieder in die diegetische Gegenwart zurückkehrt. Auch wenn Mikels seinen Film lieber herkömmlich erzählt hätte, so kommt man nicht umhin, seine jetzige Struktur zu loben. Die eigentliche Exposition ist zwar anders als viele vergleichbare Filme ausgesprochen gut gespielt, aber auch sehr lang geraten und wirkt von den actiongeladenen Passagen eingerahmt deutlich besser. STRIKE ME DEADLY geht direkt in die Vollen (die budgetbedingte Relativierung sei immer mitgedacht), grenzt durch den zur Schau gestellten erzählerischen Minimalismus – zwei Männer hetzen sich minutenlang wortlos durch den Wald – fast avantgardistisch (dass Mikels jahrelang Location Scouting betreiben konnte, trägt seinen Teil zum Erfolg seines Films bei). Diesen Reduktionismus gibt der Film danach zwar auf, was das Interesse aber dennoch wachhält, ist die Art, wie Mikels in entscheidenden Momenten immer wieder den Zufall als strukturierendes Element ins Spiel bringt: Jimmy und Lori kommen in die missliche Lage nur dadurch, dass sich Jimmys Kollege einen Nagel in den Fuß getreten hat und deshalb mit ihnen die Plätze tauscht. In doppelter Hinsicht Glück für ihn, denn ihm wäre die Flucht vor dem Killer mit dem verletzten Fuß nicht geglückt. Später erfahren wir, dass unsere Protagonisten bereits zuvor Bekanntschaft mit dem Killer gemacht haben, und die Rettung erfolgt ebenfalls nicht durch das beherzte Eingreifen Jimmys, sondern durch dessen zufällig anwesenden Bruder. Der von Mikels ursprünglich im wahrsten Sinne des Wortes „angepeilte“ Titel CROSSHAIRS – zu deutsch: „Fadenkreuz“ – scheint diese Struktur sprachlich widerzuspiegeln: STRIKE ME DEADLY erzählt auf sehr einfache aber effektive Art und Weise von sich kreuzenden Linien und den Konsequenzen, die daraus erwchsen, wenn man sich eben am Punkt dieser Kreuzung befindet. Wenn man wie ich ein Faible für US-amerikanische Ultra-Low-Budget-Filme der Fünfziger-, Sechziger-und Siebzigerjahre hat, mit Al Adamson oder Ray Dennis Steckler etwas anfangen und die Poesie, die diesen Filmen innewohnt, erkennen kann (allein dieses herrliche Schwarzweiß lässt mir das Herz aufgehen!), der dürfte auch an STRIKE ME DEADLY seine Freude haben. Es gibt aufregendere Filme, ganz bestimmt, aber längst nicht lassen diese spürbare Liebe ihrer Macher fürs Medium erkennen,  die STRIKE ME DEADLY zweifelsohne beflügelt.

the glove (ross hagen, usa 1979)

Veröffentlicht: Juli 29, 2009 in Film
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Der Kopfgeldjäger Sam Kellog (John Saxon) kommt finanziell auf keinen grünen Zweig. Der Job bringt kaum mehr als einen Hungerlohn und zusätzlich liegt ihm die Exfrau mit ihren Unterhaltsforderungen auf der Tasche, die durch sein notorisches Pech beim Glücksspiel eh schon arg überstrapaziert ist: Wenn er seine Schulden bei ihr nicht abbezahlt, darf er seine Tochter nicht mehr sehen. Aber dann gibt es Anlass zur Hoffnung, denn sein Auftraggeber bietet ihm einen inoffiziellen, lukrativen Job an. Auf den ehemaligen Häftling Victor Hale (Rosey Grier), der seine einstigen Gefängniswärter mithilfe eines stahlbesetzten „Riot-Gloves“ vermöbelt hat, ist von eben jenen ein Kopfgeld von 20.000 Dollar ausgesetzt worden. Sam macht sich auf die Suche …

glove[1]Das Plakatmotiv verspricht einen saftigen Gewaltfilm und rückt den martialisch anmutenden Handschuh in den Mittelpunkt, doch stattdessen ist THE GLOVE eher dem Private-Eye-Film und dem Film Noir verpflichtet. Die offensichtlichste Parallele zu diesen Genres ist der Voice-over von Sam Kellog, der das Herzstück des Films bildet und seine triste Stimmung ganz entscheidend prägt. Wir lernen den Kopfgeldjäger Sam als Loser mit gutem Herz kennen: Souverän bewegt er sich durch die Straßen der Großstadt, knüpft hier und da seine Kontakte, doch richtig vorwärts kommt er nicht. Als der Silberstreif am Horizont zu erkennen ist, sieht er seine Zeit gekommen, doch auch dies ist nur ein Trugschluss: Victor ist weniger als Täter als als Opfer zu sehen, ein Pechvogel wie Sam, der immer nur Prügel bezogen hat und nicht mehr länger bereit ist, sich in diese Rolle zu fügen. Der Handschuh ist das Symbol seiner Machtergreifung: Wenn er ihn überstreift, wendet sich das Blatt. Die Waffe der Herrschenden – der Handschuh war ursprünglich dazu gedacht, von der Polizei bei Aufständen eingesetzt zu werden – verwandelt sich an seiner Hand vom Instrument des Rechts in ein Instrument der Gerechtigkeit, mit dem er seinen einstigen Peinigern die Strafe zukommen lässt, die ihnen gebührt. Aber diese Machtergreifung kann ebenfalls nicht zum Ziel führen. Der Afroamerikaner Victor, der in der Gesellschaft der USA sowieso zum ewigen Verlierer gestempelt ist, hat mit seiner Grenzüberschreitung den Zorn auf sich gezogen, dem er letztlich unterliegen muss. Und Sams Entscheidung zur handfesten Gewalt – und zum bereitwillig in Kauf genommenen Tod – beruht auf einem Fehlschluss. Es ist die bittere Ironie des Schicksals, dass er nicht nur ungeschoren davonkommt, sondern sein Leben weiterführen kann, weil er für einen Mord belohnt wurde, den er nicht begangen hat, an einem Mann, der diese Strafe nicht verdiente, von Männern, die die eigentlichen Verbrecher sind.