Mit ‘Dwayne Johnson’ getaggte Beiträge

Nach Sichtung der siebten oder sechsten Beitrags des derzeit wahrscheinlich erfolgreichsten Action-Franchises überhaupt, hatte ich mich – auch in Verteidigung der Filme, die von Kostverächtern leider immer noch gemieden werden, obwohl seit Teil 5 konstant Großes geleistet wird – zu der Aussage hinreißen lassen, dass es in ihnen „um Menschen“ gehe. Ich gebe zu, dass das eine großzügige Interpretation ist: Die coolen Bros und Sistaz um Dom Toretto (Vin Diesel) sind nun alles andere als facettenreiche Charaktere mit augefeilter Psychologie, zumindest wenn man die Maßstäbe eines Dramas an sie anlegt. Trotzdem bezog die Reihe ihren Charme ganz wesentlich aus dem Miteinander der Figuren, der Beziehung, die sie zueinander pflegten. Wie da immer wieder „Familie“ thematisiert wurde, mit der obligatorischen Versammlung zum Grillen am Schluss, bei dem „Papa“ Dom es sich nie nehmen ließ, das Tischgebet zu sprechen, war natürlich reichlich konservativ, die Männerkumpeleien und Broisms mitunter eher peinlich für Menschen, die sich auch mit Grausen an die „lustigen“ Späße in Gemeinschaftsumkleiden erinnern, aber innerhalb des F&F-Kosmos wirkte das Ganze eben echt, hatte die Betonung von Loyalität und Freundschaft etwas zutiefst Liebenswertes. Dieser Aspekt der Serie kulminierte mit dem Tod von Darsteller Paul Walker, der während der Dreharbeiten zum siebten Teil verunglückt war und in einer tränentreibenden Schlussmontage verabschiedet wurde. Das war nicht gerade zurückhaltend inszeniert, aber das überbordende Pathos fühlte sich dennoch ehrlich an. Das Franchise hatte einen plumpen Charme entwickelt, dem zumindest ich mich längst nicht mehr entziehen konnte.

Diese Entwicklung war nach einem holprigen Einstand nicht unbedingt zu erwarten gewesen (der lange Zeit beste Teil der Reihe, Lins TOKYO DRIFT, verzichtet gänzlich auf das heute nicht mehr wegzudenkende Figureninventar) – und der mittlerweile achte Teil wirft die Frage auf, wie lange der mit FAST 5 begonnene Lauf noch fortgesetzt werden kann. Für THE FATE OF THE FURIOUS nimmt F. Gary Gray auf dem Regiestuhl Platz, der bisher mit solider, aber auch etwas altmodischer Thrillerware auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Action ist nicht mehr ganz so elegant wie zuvor, dafür tatsächlich noch absurder: Der kreative Höhepunkt ist der Amoklauf hunderter von Cipher (Charlize Theron) per Computerhack übernommener Pkw, die nun wie eine blecherne Flutwelle fahrerlos durch die Straßen Manhattans jagen und schließlich sogar vom Himmel fallen; deutlich beknackter dagegen der Showdown, bei dem sich die Schnellen und Furiosen mit ihren Boliden auf dem russischen Packeis gegen ein Atom-U-Boot behaupten müssen, das sich unter ihnen befindet. Doms Special Move scheint es in diesem Film, bei rasendem Tempo mid-air aus seinen Fahrzeugen zu springen, ohne sich dabei auch nur eine Schramme zuzuziehen, am Ende überlebt er sogar die Explosion des besagten U-Boots, weil seine Wahlfamilie rechtzeitig eine Wagenburg um ihn herum aufbaut, die ihn vor der Feuersbrunst abschirmt. Is klar. Inhaltlich setzt Gray die Strategie fort, den Kreis der „Familie“ um einstige Kontrahenten zu erweitern: Nach dem FBI-Agenten Hobbs (Dwayne Johnson) gehört nun auch Deckard (Jason Statham) dazu, der zuletzt noch erbittert bekämpft worden war. Dahinter mögen in erster Linie kommerzielle Erwägungen stehen, aber während in den letzten Jahren selbst Kinderfilme immer wieder verlässlich auf Krieg und Konflikt hinauslaufen, finde ich es sehr schön, wie der kameradschaftliche Spirit von Doms Familie immer größere Kreise zieht.(Und Stathams Schwanzvergleich mit Johnson sind einer der Höhepunkte des Films.)

Leider ist THE FATE AND THE FURIOUS ein bisschen zu geschäftig, um von der beschriebenen Liebenswürdigkeit wirklich profitieren zu können. Alles wirkt etwas pro forma, hingeworfen. Gray hetzt von Set-Piece zu Set-Piece und der Film büßt dabei an Seele ein. Ich habe auch das Gefühl, dass der Verlust von Walker dem Franchise weitaus schwerer wiegt, als man das vielleicht angenommen hat. Neben dem immer etwas tumb wirkenden Diesel und den Karikaturen von Ludacris, Tyrese und Dwayne Johnson fungierte er nicht nur als Identifikationsfigur, sondern auch als Herz und Anker: Er war ganz wesentlich dafür verantwortlich, dass das Franchise bei aller PS-getriebenen Absurdität die Bodenhaftung nie ganz verlor. Ohne ihn fehlt etwas: THE FATE AND THE FURIOUS fühlt sich nicht mehr ganz so unverwechselbar an wie die Vorgänger, ohne den bisherigen Kontext ist die Action nur leerer Krawall, der zwar viel Spaß macht, aber auch relativ flüchtig an einem vorbeischießt. Mag sein, dass man der Meinung war, den Fans der Reihe ginge es in erster Linie um Autostunts, aber das wäre ein verhängnisvoller Fehlschluss. Ich hoffe, dass man für den kommenden Teil eine Lösung findet, wie man die durch Walkers Tod gerissene Lücke füllen kann.

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„The other guys“: Der nicht ganz leicht sinngemäß zu übersetzende Originaltitel akzentuiert den Unterschied zwischen den beiden New Yorker Supercops Highsmith (Samuel L. Jackson) und Danson (Dwayne „The Rock“ Johnson), die ihren Job mit jenem Maximalismus versehen, der normalerweise Filmfiguren vorbehalten ist, und den beiden Durchschnittstypen Allen Gamble (Will Ferrell) und Terry Hoitz (Mark Wahlberg), die neben diesen beiden Superhelden eben nur „die anderen Typen“ sind. Die, für die sich keine Sau interessiert. Adam McKay lässt seinen Film mit einer von Highsmith und Danson zelebrierten Autoverfolgungsjagd und Zerstörungsorgie beginnen, die er in Hochglanzoptik mit rasanter Kamera und in wilden Schnittfolgen inszeniert, um einige Minuten später, wenn er sich seinen wahren, weniger überlebensgroßen Protagonisten zuwendet, deutliche gemäßigtere Mittel aufzufahren.

Wie eigentlich in allen Ferrell-Komödien besteht der Witz auch hier in erster Linie darin, einem Mann, dessen Gesicht und Körperbau biederstes Mittelmaß sind, Aufgaben zu geben, die dazu in krassem Widerspruch stehen. Sein Allen Gamble ist mit der superheißen Sheila verheiratet (Eva Mendes), die er Hoitz gegenüber als „old lady“ bezeichnet und so behandelt, als sei sie von eher mäßiger Attraktivität, während sie mit größter Offenherzigkeit über ihr aktives gemeinsames Sexleben vor dem staunenden Partner spricht. Dass er keinerlei Interesse an all jenen Aspekten seines Jobs hat, wegen derer Hoitz den Beruf einst ergriff, erklärt er mit einem „dark chapter“ seines Lebens: Es stellt sich heraus, dass er zu Collegezeiten ein erfolgreicher Zuhälter namens „Gator“ war, auch wenn er der Meinung ist, es habe sich dabei um einen ganz normalen Job gehandelt. Als „Aufpeitschmusik“ hört er den einschläfernden Folkpop der „Little River Band“ und eine Tasse mit der Aufschrift „FBI – Female Body Inspector“ hält er für die Sternstunde des Humors.

Adam McKay, der mit Ferrell schon die großartigen ANCHORMAN: THE LEGEND OF RON BURGUNDY, TALLADEGA NIGHTS und STEP BROTHERS gedreht hat (und noch ANCHORMAN 2: THE LEGEND CONTINUES folgen ließ), weiß, dass man Ferrell an einem guten Tag nur die Brocken hinschmeißen und ihn machen lassen muss. Einige der witzigsten Szenen entstehen demzufolge, indem er seinen Star einige seiner unnachahmlich abseitigen One-Liner improvisieren lässt, etwa, wenn dessen spießiger Prius von Obdachlosen für wilde Sexorgien missbraucht wurde und nun nach „deer vagina“ riecht. Was an THE OTHER GUYS indessen weniger gut als in den genannten Filmen gelingt, ist das Halten der Balance zwischen diesen aneinandergereihten Sketchen und der Handlung, einer Krimigeschichte um einen Finanzbetrüger à la Bernie Madoff (Steve Coogan). Den kriminellen Machenschaften, um die es geht, fehlt einfach der Sexappeal, weshalb eine Gang von henchmen um den Australier Wesley (Ray Stevenson) für die nötigen Ballereien eingeflochten wird, mit der Folge, dass die Abwicklung der immer komplizierter werdenden Story von den Figuren, um die es eigentlich gehen soll, wegführt. Die letzte halbe Stunde knickt gegenüber den rasanten ersten 60 Minuten deutlich ein. Hätten sich die Macher an den altbewährten Leitsatz des „Weniger ist mehr“ erinnert, das Resultat wäre noch deutlich besser ausgefallen: Die Schlusscredits, die von Statistiken rund um Finanzkrise, ungerechte Geldverteilung und illegales Geschäftsgebaren von Banken und Kredithäusern gesäumt werden, lassen vermuten, dass die Ambitionen für eine einfache Komödie vielleicht eine Spur zu groß waren, man sich nicht allein auf die ausreichend beknackte Prämisse verlassen wollte. Sei’s drum, THE OTHER GUYS ist immer noch einer der besseren Ferrell-Filme der letzten Jahre.

Die Bilder ähneln denen von Roland Emmerichs Weltuntergangsfilm 2012 frappierend: Eine Kette verheerender Erdbeben verwüstet die gesamte US-Westküste von Los Angeles bis San Francisco, Häuser stürzen ein, Explosionen erschüttern die Ruinen, eine gewaltige Flutwelle  reißt erst die Golden Gate Bridge fort, bricht dann über den ächzenden Trümmern der Stadt zusammen, bewirft sie zur Krönung noch mit einem riesigen Kreuzfahrtschiff. Die Vogelperspektive zeigt immer wieder beeindruckende Panoramen der zitternden Städte, schwankender Wolkenkratzer, aufreißender Erde, während die Froschperspektive einen ins Zentrum der Katastrophe mitnimmt, dorthin, wo man von herabfallenden Trümmern, Staublawinen, Feuersbrünsten, klaffenden Schlünden oder Tsunamis begraben zu werden droht. Am Ende können die Überlebenden im Licht der untergehenden Sonne nur noch auf die qualmenden Krater schauen, die einst ihre Metropolen waren, den Star Spangled Banner hissen und den Wiederaufbau schwören.

Aber trotz dieser Gemeinsamkeiten könnten beide Filme kaum weiter auseinanderliegen. Wie ich in meinem Text zu 2012 geschrieben habe, geht es bei Emmerich meist um Größe. Ihn interessiert am meisten tatsächlich die Katastrophe, sie in überwältigenden Bildern einzufangen, den Menschen gegenüber der Macht der Natur als Zwerg darzustellen oder gar als Staubkörnchen. Die zahlreichen menschlichen Protagonisten mit ihren dramaturgisch fein abgezirkelten Problemen, akkurat gespannten Entwicklungsbögen und tränenreichen Abschiedsszenen sind bei ihm eigentlich nur Staffage, um maßstabsgetreu zu bleiben, Platzhalter für „den Menschen“ schlechthin. Bei SAN ANDREAS ist das anders: Auch wenn die gesamte Westküste der USA dem Erdboden gleichgemacht wird, bleibt der Film doch immer bei seinen im Zentrum stehenden Hauptfiguren. Das Erdbeben wird nicht so sehr zum nationalen Ernstfall, sondern eher zur familiären Therapiestunde. Es ist ein Bild für die Hürden, die man für seine Geliebten bereit ist zu nehmen, die übermenschlichen Kräfte, die die Angst um das eigene Fleisch und Blut freisetzt, die Zerstörung, die der Verlust dieser Liebe verursacht.

Ray (Dwayne „The Rock“ Johnson) ist Pilot eines Rettungshubschraubers und mit seiner Crew als fleischgewordener Schutzengel unterwegs. An der Heimatfront hingegen kriselt es: Die Scheidungspapiere von Gattin Emma (Carla Gugino) liegen auf dem Tisch, ihrer neuen Beziehung zum Architekten Riddick (Ioan Gruffudd) steht nichts mehr im Weg, die gemeinsame Tochter Blake (Andrea D’Addario) wird bei der Mutter bleiben. Auslöser für den Zusammenbruch des einstmals perfekten Familienglücks war der Unfalltod der zweiten Tochter, den auch Ray nicht verhindern konnte. Unfähig, den Schmerz mit seiner Frau gemeinsam zu verarbeiten, schottete er sich gegen sie ab und trieb sie so dem anderen in die Arme. Nun hat er eine letzte Gelegenheit, Emma zu beweisen, dass sich an seinen Gefühlen rein gar nichts verändert hat. Er rettet erst sie aus den Ruinen L.A.s, fliegt dann zusammen mit ihr nach San Francisco, von wo Blake einen Notruf abgesetzt hat. Auf dem Weg dorthin, wachsen die entfremdeten Eheleute wieder zusammen.

Ob es besonders geschmackssicher ist, die Zerstörung ganzer Landstriche und den Tod Tausender Menschen zum Backdrop für die Privatprobleme einer einzelnen Familie zu machen, sei mal dahingestellt. Aber es ist eben auch dieses Framing Device, das SAN ANDREAS für mich so wirkungsvoll machte. Dieses „intime“ Zentrum erdet den Film, macht das Unvorstellbare nachvollziehbar und erhält den menschlichen Kern inmitten der Materialschlacht. Da ist es auch nicht weiter schlimm, dass es am Erfolg der Mission ja nie einen Zweifel gibt. Nicht dass man in einem solchen Film jemals etwas anderes erwarten würde, aber die Besetzung Rays mit Dwayne Johnson ist hinsichtlich der Spannungserzeugung schon krass kontraproduktiv: Wenn seine Familie beim Hereinrauschen der Flutwelle einfach hinter dem menschgewordenen Fels in der Brandung Schutz gesucht hätte, er sie an seinem Brustkorb hätte abprallen lassen, ich hätte es auch geglaubt. Die Ruhe, die er auch in der aussichtslosesten Situation noch bewahrt, der Mut, den er aufbringt, die unbegrenzte Aufoperfungsbereitschaft, die Fähigkeit, genau zur richtigen Sekunde am richtigen Ort aufzutauchen, machen ihn zu einem gnädigen Halbgott, auf den man weder als Ehemann noch als Vater ernsthaft verzichten möchte. Emma braucht nicht lang, um einzusehen, dass ihr blasierter neuer Partner da nicht mithalten kann. Das ist offensichtlich alles sehr einfach gehalten – auch Blake ist eine heranwachsende Mutter Theresa mit den Fähigkeiten MacGyvers -, aber es funktioniert. Besonders schön fand ich die Szene, in der Ray seine Gattin dazu bringt, mit ihm zusammen am Fallschirm aus einem abstürzenden Flugzeug abzuspringen. Er ist in seinem Element, sie hat einfach nur Angst, wie es jeder Normasterbliche hätte, aber sie vertraut ihm und macht mit, weil es schließlich um das Leben Blakes geht. Es ist die äußerste grafische Überspitzung familientherapeutischer Klischees, aber es fühlt sich wahr an.

Man kann gar nicht oft genug betonen, welches Wunder die Entwicklung der FAST & FURIOUS-Reihe bedeutet. Mit den vergangenen beiden Installationen avancierte das Franchise endgültig zum Actionphänomen, das derzeit keine Konkurrenz hat. In keiner anderen Reihe wurde und wird so beherzt das Gaspedal durchgetreten – bildlich wie wörtlich –, keine andere ist so ungebremst kreativ in der Konzeption ihrer größenwahnsinnigen Action-Set-Pieces, keine andere hat dabei aber gleichzeitig eine solche Bodenhaftung. Man kommt für die Highspeed-Zerstörungsorgien und bleibt wegen Dom Toretto (Vin Diesel), Brian O’Connor (Paul Walker), Letty (Michelle Rodriguez) und ihrer Crew, die eigentlich eine große Familie ist. Zu dieser Familie gehörte seit dem grandiosen dritten Teil THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT auch Regisseur Justin Lin, der für die Entwicklung der Reihe vom potenziellen DTV-Stoff hin zum Box-Office-Giganten maßgeblich verantwortlich war. Dass er sich nach dem sechsten Teil verabschiedete und der nun nicht gerade actionerprobte und generell streitbare James Wan ihn ersetzen sollte, durfte durchaus skeptisch stimmen. Was ein herber Schlag schien, wurde jedoch noch überschattet vom tragischen Unfalltod des erst 40-jährigen Paul Walker: Nun werden Schauspieler in Sequels immer wieder durch andere ersetzt, das ist das Geschäft. Aber für die FAST & FURIOUS-Reihe, die doch ganz wesentlich über die natürlich gewachsene Chemie zwischen ihren Protagonisten und eine jederzeit authentisch wirkende Kameradschaft funktionierte, war der Tod Walkers eine mittlere Katastrophe, dazu geeignet, das ganze Unternehmen entgleisen zu lassen. Dass FURIOUS 7 der Film geworden ist, der er ist, ist kaum angemessen zu würdigen. Nicht nur setzt er in puncto Action noch einmal einen auf die auch schon nicht gerade zurückhaltenden Vorgänger drauf, er schenkt dem viel zu jung verstorbenen, endlos sympathischen Walker einen wunderbaren Abschied, der noch einmal deutlich macht, worin der eigentliche Erfolg der Serie besteht: in ihrer Menschlichkeit.

Sicher, die Protagonisten sind allesamt keine komplexen Charaktere, zeichnen sich im Wesentlichen durch ein bis zwei markante Wesenszüge und Talente aus, mit denen sie das Kollektiv vervollständigen, das Beschwören von konservativen Werten wie Loyalität und Treue ist manchmal arg pathetisch und der Habitus des Ganzen eher prollig. Dom Toretto machte sich mit angewachsenem Wifebeater-Unterhemd und kiloschwerem Kettchen gut an jedem Autoscooter, die Musik bewegt sich in der Schnittmenge zwischen Eurodance und Hip-Hop, die Bilderwelt sieht bisweilen aus, wie aus dem Urlaubsprospekt entsprungen, und lediglich durchschnittlich attraktive Menschen sucht man gänzlich vergebens. Es ist nicht so, dass die Reihe immun gegen Kritik wäre, aber das ist ja auch gut so. Sie trägt ihr Herz offen am Revers, versucht nicht, sich als etwas auszugeben, was sie nicht ist, kommt vielmehr genauso so zum Ziel wie ihre Protagonisten: durch Einsatz, Herzblut, Kreativität und Teamgeist. Und so gelingt es ihr auch, es gleichzeitig vollkommen ernst zu meinen mit all dem PS-Overkill, den von Film zu Film unglaubwürdiger werdenden Stunts, den stoisch vorgetragenen One-Linern und albernen Witzchen (die meist auf das Konto von Tyrese Gibson gehen), der sich bis zum Ende unaufhörlich überbietenden Zerstörungsorgie und den warmherzigen Freundschaftsbekundungen, und sich trotzdem nie zu ernst zu nehmen. Ich weiß nicht, ob ich in den vergangenen Jahren bei einem anderen neuen Film so oft und so herzhaft gelacht habe wie bei FURIOUS 7. James Wan umarmt die Idee der sich ins Nirvana katapultierenden Überbietungslogik, scheißt auf Airbag, Seitenaufprallschutz und Antiblockiersystem und tritt das Gaspedal beherzt durchs Bodenblech in den dampfenden Asphalt. Da lassen sich die Helden mit ihren Autos an Fallschirmen aus einem Flugzeug fallen, um auf einer Gebirgsstraße einen Konvoi zu attackieren. Da springen Dom und Brian mit einem superteuren, superseltenen Rennauto von einem Hochhaus ins nächste und übernächste. Da werden die Kumpels von einer wild um sich ballernden Drohne durch die Straßenschluchten von Downtown L.A. gejagt. Da rast Dom aus einem hinter ihm einstürzenden Parkhaus über ein Rampe auf einen Hubschrauber zu, um midflight einen Rucksack mit Handgranaten an diesem zu befestigen. Tony Jaa läuft als fleischgewordener Spezialeffekt durch den Film und erinnert einen daran, wen man seit Jahren im Actionkino vermisst. Das Umsteigen einer Beifahrerin zwischen zwei sich in einer 360°-Schleuderbremsung umkreisenden Wagen ist dagegen schon fast als realistisch zu bezeichnen. Besonders absurd ist das alles, wenn man bedenkt, dass FURIOUS 7 aufgrund seines Ratings ohne echte Gewalt auskommt. Dass Menschen sterben, sieht man nie, und wie da Explosionen, metertiefe Stürze, Hochgeschwindigkeits-Unfälle und Ballereien überlebt werden, erinnert mehr als einmal an das selige A-TEAM, dessen Feinde auch stets mit Kopfschmerzen davonkamen, selbst wenn sie zuvor mit einer Handgranate in die Luft gejagt worden waren. Spätestens wenn zu guter letzt der den ganzen Film tatenlos mit einem Gipsarm im Krankenhausbett liegende Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) aufsteht, die Manschette durch Anspannen des Bizeps platzen lässt und mit einer Riesenkanone ballernd durch die Stadt läuft, ist alles aus. James Wans Film ist wish fulfillment für kleine Jungs und junggebliebene Erwachsene, ein zweieinhalbstündiges Fest, ein nicht enden wollender Adrenalinrausch. Und wenn am Ende Paul Walker verabschiedet wird, können auch die härtesten Kerle ein Tränchen nicht verkneifen. Noch nie war tearjerking schöner, herzergreifender, verdienter.

Dass James Wan es aber auch durchaus versteht, die kleinen Nuancen hinzubekommen, zeigt der großartige Anfang: Oberschurke Deckard Shaw (Jason Statham) steht da am Krankenhausbett seines Bruders und schwört Rache. Es ist ein unscheinbarer, intimer, ruhiger Moment, doch dann zieht die Kamera auf und zeigt, welche Zerstörung Deckard bereits hinterlassen hat, um die Besuchszeit wahrzunehmen. Wie Vern sagen würde: „Oh shit, it’s on.“ Das ist einfach überaus clever gemacht und stimmt einen für das, was kommt, optimal ein. FURIOUS 7 mag, wie die gesamte Serie, auf die niederen Instinkte, auf vordergründige Reize ausgerichtet sein, wenig subtil, sondern stattdessen immer frontal und überlebensgroß, aber er ist dabei niemals plump oder ungeschickt, sondern immer witzig und originell. Keine Ahnung, wie die das immer wieder hinbekommen. Man darf gespannt sein, wie es jetzt weitergeht und wie man den Verlust Walkers im nächsten Film ausgleicht. Nach FURIOUS 7 würde es mich aber fast schon wundern, wenn nicht auch das mit Bravour gelänge.

 

„Entitlement“. Das englische Wort, für das es im Deutschen keine Entsprechung gibt, bezeichnet eine Haltung des Egoismus, des Neids und der Gier. Jemand, der sich „entitled“ fühlt, ist der Meinung, dass ihm bestimmte Dinge zustehen, ganz gleich, ob es sich dabei um materielle oder ideelle Güter handelt, und er vertritt diesen Glauben mit einer gewissen passiven Aggressivität: Er fordert lautstark ein, dass man ihm das, was er meint, sich verdient zu haben – qua bloßer Existenz oder besonderer Leistungen –, zukommen lässt. Leistet man dieser Forderung nicht folge, kann es ungemütlich werden. Das besondere Problem am Entitlement ist, dass jemand dieser Haltung meint, es sei gar nicht nötig, seinen besonderen Anspruch überhaupt zu begründen: Schon die bloße Nachfrage ist eigentlich ein Affront, weil das Entitlement bedingungslos ist. Es versetzt sein Subjekt in eine absolute Position, die gleichermaßen Ursache wie Folge seines Status ist. Entitlement ist ein Zirkelschluss: Man ist entitled, weil man entitled ist. Und jemand, der das anzweifelt, der zweifelt den Menschen, der der Meinung ist, dass ihm etwas zusteht, total an. Entitlement ist aber schon per se nicht zu befriedigen: Denn wer A bekommen hat, dem steht natürlich auch B zwangsläufig zu.

In PAIN & GAIN, einer auf wahren Begebenheiten aus den Neunzigerjahren basierenden Geschichte dreier Bodybuilder, die in Verfolgung des amerikanischen Traums zu Kidnappern, Betrügern und schließlich zu mehrfachen Mördern werden, zeigt Bay, wie der Turbokapitalismus die Haltung des Entitlement begünstigt, wenn nicht gar fördert, und zwar genau in jenen Menschen, die denkbar weit davon entfernt sind, überhaupt etwas einfordern zu dürfen. Wie nur wenige Filmemacher der letzten Jahre entzaubert er den außer Kontrolle geratenen US-amerikanischen Materialismus und Warenfetischismus, zeigt die Gefahren, die die Verheißungen des Tellerwäscher-Mythos bereithalten und was sie mit den weniger intelligenten Menschen anstellen, ohne dabei jedoch in plumpen Agit-Prop oder selbstgefälligen Zynismus zu verfallen: Bay versteht den Sexappeal von Reichtum und Affluenz, kleidet ihn in verlockende Bilder aus dem Hochglanz-Werbeprospekt, macht die Getriebenheit seiner Protagonisten nachvollziehbar und zeichnet sie weniger als ruchlose Kriminelle, denn als bemitleidenswerte Dummköpfe, die den Suggestionen der Medien und der Werbung hilflos ausgeliefert sind (durchaus im Kontrast zu den „echten“ Verbrechern übrigens, wie man hier nachlesen kann). PAIN & GAIN ist schreiend komisch, macht jedoch auch nicht den Fehler, seine fehlgeleiteten Helden zu verherrlichen oder zu entschuldigen: Wie sie mit der Logik von Cartoonfiguren in wilden Slapstickchoreografien immer tiefer in die Katastrophe schlittern, wie aus einer Schnapsidee fast übergangslos ein brutales Kapitalverbrechen wird, dessen Kaltschnäuzigkeit einem die Kinnlade herunterfallen lässt, ist zutiefst verstörend und furchteinflößend. In dieser gleichzeitigen Auslösung völlig unterschiedlicher, ja sogar gegensätzlicher Affekte – und natürlich in seiner neonbunten, sonnendurchfluteten und von hedonistischen Freuden frönender Popmusik durchzogenen äußeren Erscheinung – gäbe PAIN & GAIN zusammen mit Harmony Korines monströsem SPRING BREAKERS ein ideales Double Feature ab. Danach fühlte man sich wahrscheinlich wie auf Koks und Ecstasy, vollkommen euphorisiert und mit dem Duft von Sonnenöl in der Nase.

Daniel Lugo (Mark Wahlberg) ist Bodybuilder und Personal Trainer, von seinem eigenen Körper und seiner Fitness berauscht, von allem Schönen angezogen, während er sich von Hässlichem abgestoßen, ja geradezu beleidigt fühlt. „I believe in fitness“, lautet sein Credo und er sagt es auf, als seien darin die Antworten auf alle unbeantworteten Fragen enthalten. Doch sein Leben steht in inakzeptablem Kontrast zur selbst diagnostizierten Herrlichkeit und Überlegenheit: Bildung und Qualifikation reichen nicht aus, um sich den Lebensstil, den er zu verdienen meint, leisten zu können. Vom Ermächtigungssülz eines Selbstverwirklichungsgurus (Ken Jeong) berauscht, schmiedet er einen Plan, ans das große Geld zu kommen, das ihm das Schicksal verweigert: Er will seinen Kunden, den halbjüdischen Millionär Victor Kershaw (Tony Shalhoub), selbst mit halbseidenen Methoden zu Reichtum gekommen, entführen und ihn dann unter Androhung von Konsequenzen dazu bringen, ihm sein gesamtes Vermögen zu überschreiben. Bei der Verwirklichung seines „genialen“ Plans sollen ihm zwei Bodybuildung-Kumpels helfen: Paul Doyle (Dwayne Johnson), ein gläubiger Ex-Sträfling mit zu großem Herzen, und Adrian Doorbal (Anthony Mackie), der vom hemmungslosen Steroidgebrauch impotent geworden ist. Es ist die geballte Dummheit und Einfalt, gepaart mit dem unerschütterlichen Glauben an das eigene Genie, das den idiotischen Plan schon während der ersten Etappe scheitern lässt: Lugo bemüht zwar einen von seinem Idol Tony Montana abgeschauten Akzent, verwendet aber nach wie vor dasselbe unverwechselbare Parfüm. Somit ist klar, dass man sich des überaus hartnäckigen Opfers, das nach erfolreicher Transaktion eigentlich unversehrt entlassen werden sollte, entledigen muss. Doch auch als Mörder sind Lugo und Co. schlicht zu dämlich. Kershaw überlebt schwer verletzt und aller Habseligkeiten beraubt, seiner haarsträubenden Geschichte mag jedoch keiner der ermittelnden Beamten Glauben schenken. So setzt er den Privatdetektiv Ed DuBois (Ed Harris) auf die Peiniger an, die mit dem neu erworbenen Reichtümern nicht wirklich umzugehen wissen und daher bald finanziellen Nachschub brauchen …

PAIN & GAIN ist ein einziger Rausch, schießt dem Betrachter in die Birne wie eine gute Droge oder pures Adrenalin, benebelt die Sinne mit synthetischer Musik und leuchtenden Bildern des Urlausbparadieses Miami, einer Oase materieller Affluenz und geistiger Armut. Es ist der ideale Nährboden für die größenwahnsinnigen Ideen seiner Hauptfigur, der umgeben von modellierter Schönheit und geschmacklosem Luxus bald schon nicht mehr zufrieden ist mit dem, was das Leben für ihn vorgesehen hat. Es ist aber auch schwer zu verstehen, warum man sich tagtäglich damit herumschlagen muss, hässliche alte Frauen fitzumachen, nur um dann abends in sein verramschtes Apartment zurückzukehren, wenn die Helden aus Film und Fernsehen durch pure Chuzpe zur ganz großen Kohle kommen. Dass es weder mit Tony Montana noch mit dem Corleone-Clan ein nacheifernswertes Ende nimmt, ist ein zu vernachlässigendes Detail, zumal Lugo sich eh für intelligenter als die Vorbilder hält. Mark Wahlberg, dessen Erfolg ich nur schwer nachvollziehbar finde, brilliert als verblödeter Einfaltspinsel mit Omnipotenzfantasien in einer Rolle, die an seinen Durchbruch mit BOOGIE NIGHTS erinnert. Wie er sich zum Anführer und Mastermind seines traurigen Trios emporschwingt, ruft die grandiose Brock-Landers-Sequenz besagten Films ins Gedächtnis: In ihm verschmilzen oben beschriebenes Entitlement, Dummheit, Konsumwahn und ein mit der Realität verwechseltes Filmwissen zu einer hochexplosiven Mischung, die von seinem stets etwas farblosen Gesicht und der regungslosen Mine zu großem komischen Effekt kontrastiert wird. Dwayne Johnson zeigt als Kind im Körper eines Bären ungeahntes Potenzial und frisst sich gegen Ende, vom Koks in andere Stratosphären des Bewusstseins gepeitscht, mit seinen strahlend weißen Zähnen durch den Film, dass einem Hören und Sehen vergeht. Aber make no mistake, den Löwenanteil am grandiosen Gelingen dieses Films trägt Michael Bay auf seinen schmalen Nerdschultern und er straft hier all jene Lügen, die ihn immer nur für einen Durchlauferhitzer schwachbrüstiger Ideen, als handwerklichen Dünnbrettbohrer oder das filmische Äquivalent eines Dampfplauderers gehalten haben. Sein visuelles Gespür konnte man ihm schon vorher nur mit äußerster Böswilligkeit absprechen (was die meisten nicht davon abgehalten hat), aber hier zeigt er auch, dass er sich zu zügeln versteht. Die streitbaren Schnitteskapaden sucht man vergebens, und auch wenn PAIN & GAIN von seiner Anlage her bestimmt nicht der Film ist, den man als „gezügelt“ bezeichnen sollte, so zeigt Bay doch, dass er in der Lage ist hochökonomisch und pointiert zu arbeiten. Ihm hilft ein Drehbuch, dessen beste Dialogzeilen reine, wenngleich bitterböse Poesie sind und die Gesellschafts- und Konsumkritik in treffsichere Aphorismen packen: „I don’t just want anything. I want you not to have it!“

Es ist wahrscheinlich schwer vermittelbar, aber Michael Bay hat mit PAIN & GAIN genau das kritische amerikanische Meisterwerk geschaffen, das sonst mit größter Vorhersagbarkeit P. T. Anderson und Konsorten zugeschrieben wird. Und Armond Whites Review ist spot on.

Dom Toretto (Vin Diesel) und Brian (Paul Walker) haben sich mit den im Vorgänger erworbenen Reichtümern zur Ruhe gesetzt und sehen einem ruhigen Familienleben entgegen. Doch daraus wird nichts, denn eines Tages steht der Elite-Polizist Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) bei Dom auf der Matte: Eine Bande von hochspezialisierten und motorisierten Ex-Soldaten treibt in London ihr Unwesen und Dom soll Hobbs dabei helfen, sie zur Strecke zu bringen. Nachdem die alte Mannschaft wieder vereint ist, geht es ans Eingemachte …

Nach FAST FIVE nun also FURIOUS 6: Über die kuriose Entwicklung, die das FAST & FURIOUS-Franchise bis heute genommen hat, habe ich mich vor nicht allzu langer Zeit in aller angemessenen Ausführlichkeit ausgelassen. In Kurzform geht die Geschichte so: Nach rumpeligem Start mit einem leicht überdurchschnittlichen, aber nur wenig außergewöhnlichen Auftakt und einem miserablen Sequel übernahm der damals nahezu unbekannte Justin Lin ein Reihe, die zum schnellen Abstieg ins DTV-Genre wie prädestiniert schien. Das Gegenteil trat ein: Mit großem visuellem Gespür und ausgezeichnetem Actionhandwerk machte er aus der filmischen Totgeburt ein Erfolgsfranchise, das sich mit seinen beiden letzten Installationen verdientermaßen an die Spitze des großbudgetierten Hollywood-Actionkinos setzte. Verfügte die Serie zu Beginn weder über eine eigene Identität noch über einen ausgeprägten eigenen Stil, hat sie nun ein ganz und gar unverwechselbares Gesicht und einen Charakter, der ihr innerhalb des Actiongenres den ihr vorbehaltenen Platz zuweist.

Man mag über die machohaften Bro-isms der Serie geteilter Meinung sein – gerade die männlichen Protagonisten wirken wie in einem Stadium suspendierter Postpubertät gefangen und der Hip-Hop-Cool, den sie in ihren Dialogen bemühen, kann durchaus etwas anstrengend werden –, aber die damit verbundene Betonung von Freundschaft, Familie, Loyalität und Zusammenhalt sendet ein starkes Signal an den Zuschauer. Trotz ihrer umfassenden Over-the-Topness, die sich nicht nur in den die Grenzen der Plausibilität weit überschreitenden Actionsequenzen, sondern auch in den Charakteren und dem audiovisuellen Styling der Filme niederschlägt, bleiben die Filme aufgrund dieser bodenständigen Moralität für den Zuschauer menschlich und emotional nachvollziehbar. Der ganze High-Tech- und Markenfetischismus zieht nie die ganze Aufmerksamkeit auf sich, stiehlt den menschlichen Protagonisten nicht die Show, wie das bei anderen modernen Actionern  oft der Fall ist (man denke an Birds MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL). Im Zentrum stehen Dom, Brian, ihre Freunde und die Beziehung, die sie zueinander haben. FURIOUS 6 thematisiert das sogar auf Handlungsebene: Das Schurkenteam um Shaw (Luke Evans) wird als spiegelbildliches Negativ von Torettos Crew vorgestellt und setzt der Familiarität der Protagonisten eiskalten Zynismus entgegen. Shaws Code lautet nicht „Familie“, sondern „Funktionalität“: Er betrachtet jedes einzelne Mitglied seiner Mannschaft nicht als Individuum, sondern als eine Funktion erfüllendes Zahnrad im Getriebe. Wenn es fehlerhaft ist, muss es ersetzt werden, für Sentimentalitäten ist dabei kein Platz. Dieser krasse Pragmatismus muss sich gegenüber dem menschlichen Ansatz von Dom und Brian natürlich als unterlegen erweisen. Wer mit dem Herzen bei der Sache ist, ist eben auch bereit, die extra mile für seine homies zu gehen, während der ersetzbare Lohnsklave bald an seine Grenzen stößt. Am Ende versammelt sich die ganze Familie wieder zum gemeinsamen Barbecue um Doms Tisch, wie sie das schon im ersten Teil getan hat. Wer den ersten Bissen nimmt, wird zum Sprechen des Tischgebets verdonnert. Man kann das mit einigem Recht als spießigen Konservatismus kritisieren, aber dieses feste Wertesystem ist es, das die Ausnahmestellung des FAST & FURIOUS-Franchises in einer Actionfilm-Welt ausmacht, die zunehmend von Zynikern bevölkert wird. Die Helden von FURIOUS 6, sie sind nicht die maulfaulen Loner, sondern die Typen von nebenan, mit denen man auch mal ein Bierchen trinken und Playstation spielen kann.

Der Vorgänger hatte mit der Verfolgung durch die Favelas von Rio De Janeiro vielleicht die bessere, einprägsamere, zupackendere Actionszene, doch ich glaube, mir hat der neueste Teil sogar noch etwas besser gefallen. Den absurden Größenwahn, der die aktuellen Action-Set-Pieces auszeichnet, muss man dabei zu nehmen wissen: Freunde des Realismus steigen möglicherweise  aus, wenn die Flugzeug-Startbahn, auf der sich der 15-minütige Showdown abspielt, immer länger und länger wird, oder der Bösewicht Shaw mit einem Panzer Chaos und Zerstörung auf einer Autobahnbrücke anrichtet. Aber Justin Lin weiß im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, wie man solche Szenen inszeniert, sodass sie nicht wie Trickfilme aussehen. Das visuelle Geschick, das er dabei an den Tag legt ist erstaunlich. Auch komplexe Actionsequenzen – man muss bedenken, dass an den ausufernden Verfolgungsjagden immer ein ganzes Arsenal handelnder Figuren an verschiedenen Orten beteiligt ist, zwischen denen hin und her geschnitten wird – werden nie chaotisch, sondern bleiben glasklar und nachvollziehbar. Keine Spur vom hektischen Kameragewackel, mit dem weniger talentierte Leute auf billige Art und Weise Dynamik vortäuschen, weil sie sie anders nicht hinbekommen. Man sollte FURIOUS 6 ganz sicher nicht zu Ernst nehmen. Aber man verzeiht ihm gern auch die absurderen Einfälle, weil er die richtige Einstellung zu sich selbst findet. Ein größeres Lob kann man einem großen Event-Actioner kaum machen. Ich freue mich schon sehr auf den kommenden siebten Teil. Diesen Enthusiasmus hervorzurufen, wäre bei jeder anderen so weit fortgeschrittenen Reihe schon eine echte Leistung; denke ich an die Ernüchterung zurück, die der mit viel Tamtam gestartete erste Teil vor nunmehr 12 Jahren bei mir auslöste, kann man nur von einem handfesten Wunder sprechen.

Der Terrororganisation Cobra war es zum Ende des Vorgängers gelungen, den Präsidenten der USA unbemerkt durch einen ihrer Männer auszutauschen. Der nächste Schritt ihres Planes zur Erlangung der Weltherrschaft besteht nun darin, die Spezialeinheit G.I. Joe auszulöschen. Doch der Plan geht nur bedingt auf, denn 5 Mitglieder überleben. Für Roadblock (Dwayne Johnson), Flint (D.J. Cotrona), Jaye (Adrianne Palicki), Snake Eyes (Ray Park) und Jinx (Elodie Yung) geht es nun darum, den Verräter in den eigenen Reihen ausfindig zu machen, um Cobra zu stoppen. Die sind nämlich im Besitz einer neuen Superwaffe, deren zerstörerische Energie jede Atombombe in den Schatten stellt. Und sie sind bereit, sie einzusetzen. Bei ihrem Kampf gegen das Böse bekommen die Joes unerwartete Hilfe von ihrem Gegner Storm Shadow (Lee Byung-hun), der herausgefunden hat, dass er von den Mächten Cobras benutzt wurde, und ihrem einstigen Gründer, General Joe Colton (Bruce Willis) …

G.I. JOE: RISE OF THE COBRA markierte vor drei, vier Jahren einen Höhepunkt im Bereich des auf Popkultur basierten Trivialkinos der letzten 15 Jahre. Regisseur Stephen Sommers, dessen Filme meist den ungesunden Geruch von Plastik, Farbstoffen und umweltbelastendem Verpackungsmüll verströmen (mit Ausnahme des grandiosen DEEP RISING natürlich), war genau der Richtige, der Actionfiguren-, Zeichentrick- und Comicserie zum Sprung auf die Leinwand zu verhelfen. Er stopfte seinen Film randvoll mit bombastischen, kinetischen Set Pieces und gewaltigen Bildern, die sich unweigerlich im Gedächtnis festbrennen. Der dem Franchise inhärenten Absurdität trug er mit einer nur rudimentär entwickelten Plotline, einem Sammelsurium starker Figuren und einer entfesselten Cinematografie Rechnung.  In Jon M. Chus oft verschobenem Sequel weicht der unschuldig-naive Spaß nun dem Bemühen um Ernsthaftigkeit. Mit der Auslöschung der Eliteeinheit und dem verräterischen falschen Präsidenten im Weißen Haus gründet der Film auf einer düsteren Prämisse, die die Stimmung des Films deutlich prägt. Die Geschichte wird über mehrere parallel laufende Stränge erzählt und erhält so einen epischeren Anstrich, zudem deutliche Schlagseite Richtung des Spionage- und Agentenfilms mit seinen Schauplatz- und Frontwechseln. Es gibt viel mehr Handlung als noch im Vorgänger und das geht etwas zulasten der Oberflächenreize, die hier meines Erachtens nach im Vordergrund stehen sollten. Zu guter letzt geraten die Actioneinlagen etwas „realistischer“: Over-the-Top-Sequenzen wie die Verfolgungsjagd mit den Highspeed-Anzügen aus Sommers‘ Vorgänger sucht man eher vergebens, vergleichsweise „normale“ Schießereien und Gefechte machen den Löwenanteil der Actionszenen aus. Das spektakuläre Centerpiece des Sequels, ein ausdauernder Ninjafight im Hochgebirge, steht eher in der Tradition des Hongkongkinos der Neunzigerjahre, der Science-Fiction-Anteil beschränkt sich weitestgehend auf die Superwaffe von Cobra und kleinere Details. Dieser tonale Wandel beraubt G.I. JOE: RETALIATION leider auch des naiven Camp-Charmes, der den vorangegangenen Teil so unwiderstehlich machte, ihn zu einer nahezu perfekten Umsetzung einer Spielzeugreihe, die sich ganz der martialischen Fantasie heranwachsender Jungs verschrieben hatte. Das Streben nach Respektabilität, das man Chus Film anmerkt, wirkt dagegen vergleichsweise fehlgeleitet, weil es die Wurzeln der Herkunft des Quellmaterials verleugnet. Ein Fehler, den Hollywood bei der Umsetzung solcher Franchises immer wieder macht: Anstatt eben jene Leute mit farbenfrohem Nonsense restlos zu beglücken, die schon damals mit den Figuren im Sandkasten spielten, die Zeichentrickfilme verschlangen oder einst das Computerspiel auf dem C64 spielten, versucht man auch „normale“ Actionfans ins Boot zu holen, denen der erste Teil zu abgehoben war. Der Kompromiss gelingt hier zugegebenermaßen besser als bei anderen Filmen, die Hollywood in dem Bemühen, es allen Recht zu machen, zu Tode optimierte, wohl auch, weil es nahezu unmöglich ist, eine mit diesem Figureninventar ausgestattete Reihe komplett auf den Boden der Tatsachen zu holen. Mir hat G.I. JOE: RETALIATION jedenfalls trotz der genannten Schwächen noch gut gefallen und Spaß bereitet. Er ist schön bunt, bietet herrlich überzogene Schurken- und Heldenfiguren, jede Menge Krawumm und Krawall, „The Rock“ Dwayne Johnson in einer grandiosen Comic-Rolle, die erwähnte Ninja-Sequenz, die allein das Ansehen des Films lohnt, RZA als blinden Kung-Fu-Meister, mit Snake Eyes (Ray Park) eine der schönsten „stummen“ Figuren der Popcorn-Filmgeschichte, viele, viele große Bilder (die bildgewaltige Zerstörung Londons sei hier auch deshalb erwähnt, weil der Film sie fast beiläufig einstreut) und einige weitere Ideen, die mir unweigerlich ein breites Grinsen ins Gesicht zauberten. Dass Roadblock am Ende von General Joe Colton als Geschenk die Handfeuerwaffe Pattons überreicht bekommt und sie in Ehrfurcht entgegennimmt, kann man nur einem solchen Film verzeihen. Allein dafür bin ich froh, dass es ihn gibt. Und hoffe inständig, dass weitere G.I. JOE-Filme folgen werden.