Mit ‘Eckhart Schmidt’ getaggte Beiträge

AlphaCity-Cover-124152Es dauert ca. eine Stunde, bevor man in ALPHA CITY zum ersten Mal Tageslicht sieht. Es ist nur eine kurze Szene und sie ist nur dazu da, zu zeigen, was vorher schon einmal gesagt wurde: „Ich habe seit drei Jahren kein Tageslicht mehr gesehen.“ Die Protagonisten verschlafen den Tag, ihre Welt ist die Nacht.

Eckhart Schmidt orientiert sich für ALPHA CITY streng an den Motiven des Film Noir. Sein Protagonist Frank (Claude-Oliver Rudolph) verdient sich sein Geld als Pianist in einem illegalen Spielcasino. Blind vor Liebe rennt er der Femme Fatale Raphaella (Isabelle Willer) hinterher, einer Prostituierten, die den Männern reihenweise den Kopf verdreht und sie dann zurücklässt. Seine Jagd führt ihn durch nächtliche Straßen, in Nachtclubs, Bars, Restaurants und Hotellobbys, und auf seiner Reise begegnet er dubiosen Halbwelt-Gestalten, Gangstern, Schlägern, Zockern, Freiern, Clubbesitzern, Tänzerinnen und Polizisten, bevor es zum Showdown gegen seinen Kontrahenten, einen namenlosen Amerikaner (Al Corley), geht. Franks Kampf, so stellt sich am Ende heraus, sein fiebriges Anrennen gegen die Widerstände, sein verzweifeltes Ringen um Raphaella, war nichts anderes als das Vorspiel für seinen von Anfang an unausweichlichen Tod. In dem Moment, in dem der Mann zum Noir-Protagonisten wird, ist er bereits dem Tod geweiht.

Doch anders als in den US-amerikanischen Noirs der Dreißiger- und Vierzigerjahre, die von einem zumindest auf den ersten und zweiten Blick souveränen, coolen Helden dominiert werden und in denen Sexualität – den Zensurbestimmungen jener Zeit geschuldet – nur verklausuliert, in zweideutigen Dialogzeilen und Blicken, vorkommt, explodiert ALPHA CITY gerade vor Emotionen. Das Limbo des Noir, eine blasse, dunstige Nacht, wird in ALPHA CITY zum lodernden Fegefeuer, einem Ort, an dem man sich selbst verwirklichen will und dabei verliert. Frank ist nicht der souveräne Held, der alle Gefühle und Gedanken hinter einer ungerührten Maske der Coolness verbirgt: Er steht ständig auf der Schwelle zur Explosion, und die Aggressivität, mit der er sich vermeintlichen Gegnern entgegenwirft, bringt seine tiefe Verunsicherung zum Vorschein. Auch sein pockennarbiges Gesicht und die Messerverletzungen auf der Brust zeigen, dass er „verwundet“ ist. Der Amerikaner, der ihm gegenübersteht, entspricht schon eher dem Klischee des Noir-Helden, lässt die Maske der Selbstsicherheit nie fallen, hält seine wahre Motivation immer verborgen. Er bleibt verschlossen und mysteriös, gewinnt damit das Interesse von Raphaella, aber nicht ihr Herz. Als sie mit ihm schläft, zeigen kurze Inserts, dass sie dabei an die Nacht mit Frank zurückdenkt, der anders als der Amerikaner stets „offen“ war und damit auch menschlich.

ALPHA CITY ist filmgewordene Stimmung. Es gibt einen Plot, der bis auf das nackte Skelett reduziert ist und von Schmidt fast widerwillig abgewickelt wird. Wie seine Figuren verliert er sich immer wieder auf den nächtlichen Straßen, lässt sich wie eine Motte vom verführerisch flackernden Licht der Neonreklamen anziehen, vom Wummern des Beats in Discotheken locken, wo das Leben sich in all seiner verheißungsvollen Latenz präsentiert. Frank und Raphaella sind auf der Suche nach dem Leben, der Erfüllung, vor allem aber süchtig nach dem Rausch, dem Kick, den die Nacht mit all ihren Vergnügungen verspricht. Längst ist die ziellose Suche zum Selbstzweck geworden und der sprichwörtliche Teufelskreis lässt sich nicht mehr durchbrechen. ALPHA CITY zeigt kaum echte Freude, so oft er auch die Orte des Müßiggangs und des „Lasters“ aufsucht, den Eindruck der sich wie Blei auf den Körper legenden Müdigkeit kann er nie abschütteln. Es gibt keinen Kontrast mehr zu den Vergnügungen, der ihnen überhaupt erst die erhoffte kathartische und befreiende Wirkung verleihen würde. Aber dieser Bannzauber, den die Nacht auf Raphaella und Frank ausübt, überträgt sich im Zusammenspiel von Bernd Neubauers Kameraarbeit, dem famosen Eighties-Soundtrack und dem Score, der wie die New-Wave-Approximation von Kirchenmusik klingt, lückenlos auf den Betrachter. ALPHA CITY hat diese viel beschworene „hypnotische Qualität“, er lullt ein, macht einen wehrlos und beeinflussbar für seine Reize. Man will sofort raus, auf die Straße, ins Leben, zwischen all die verlorenen Seelen und Traumtänzer, in die Bars und Discotheken, Zigarettenrauch einatmen, Schweiß riechen, Bier trinken, dieses Prickeln auf der Haut spüren, dass sich einstellt, wenn einem bewusst wird, dass zu jeder Sekunde alles passieren könnte. Aber dann fällt einem auch wieder ein: Diese Welt, die ALPHA CITY – in West-Berlin gedreht – zeigt, die gibt es in dieser Form nicht mehr. (Eine Szene am Schluss ist erst vor Rolf Edens „Big Eden“, dann darin angesiedelt, und der Nachtclub-Besitzer spielt sich in einem kleinen Gastauftritt selbst.) Das Nachtleben scheint hier noch nicht so gnadenlos segmentiert, kommerzialisiert und abgesichert. Die Straßen sind schmuddelig, die Verheißung des schnellen käuflichen Sex hängt in der Luft, die Kriminalität lauert hinter jeder Ecke. Es ist gefährlich, da rauszugehen, man muss sich auskennen, wissen, wie man sich zu bewegen hat. ALPHA CITY zeichnet eine Parallelwelt, die ihren ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Man muss für sie geboren sein, wie ein Vampir.

Interessant ist der Film auch im direkten Vergleich mit DER FAN. Tonal könnten die beiden kaum weiter voneinander entfernt sein – die Leere von DER FAN auf der einen Seite, die fast barocke Neon-Gothik von ALPHA CITY auf der anderen –, aber es gibt doch deutliche Parallelen. Die Beziehung zwischen Frank und Raphaella erinnert durchaus etwas an die zwischen Simone und R, wird gewissermaßen mit umgekehrten Rollenvorzeichen durchgespielt. Hier ist Frank der „Stalker“, der der schönen Frau hinterherrennt, sie mit all seinen Hoffnungen, Wünschen und Träumen auflädt, während sie die Rolle der Ablehnenden einnimmt. Doch den Zorn über die Ablehnung, der sich bei Simone in der Zerlegung und Einverleibung des Objekts ihrer Begierde äußert, richtet Frank in seiner Raserei konsequent gegen sich selbst. Nicht direkt, aber indem er sich kopfüber in die Konfrontation mit dem Amerikaner begibt, der ihn am Schluss endgültig befreit. Die Musik von Rheingold, die in DER FAN sowohl textlich wie musikalisch noch mit dessen Aufgeräumtheit korrespondierte, macht einem zwar kaum weniger in seiner Zeit verorteten Sound Platz, der aber weniger als intellektuelle Aufarbeitung gesellschaftlicher, politischer und kultureller Strömungen zu verstehen ist, sondern ganz unreflektiert romantisch wirkt und damit die ideale Entsprechung der Blindheit der Protagonisten, die gar nicht merken, auf welches Ziel sie zusteuern. ALPHA CITY funktioniert mithin nicht, wie DER FAN, als psychoanalytische Allegorie auf die zeitgenössische Entfremdung des Menschen: Schmidt überführt sie stattdessen in ein düsteres Gemälde, das zum Teil an die infernalischen Panoramen eines Hieronymus Bosch erinnert.

Ein beeindruckender Brocken, visuell herausragend und voller schüttelfrostiger Gänsehaut-Momente. Ein potenzieller Lieblingsfilm für Eighties-Fetischisten, so wie ich einer bin.

Noch bevor ich überhaupt wusste, worum es in dem Film überhaupt geht, wusste ich, dass er ein „Skandalfilm“ ist. Wenn es um DER FAN geht, dauert es garantiert nicht lang, bis der Begriff fällt, und natürlich habe auch ich heute, als ich Kollegen von DER FAN erzählt habe, denen der Titel unbekannt war, selbst auf diese Kategorisierung zurückgegriffen. Man macht damit sofort klar, dass man nicht nur irgendeinen alten Film gesehen hat, sondern einen, der für einen kurzen Moment einmal die Gemüter erregt hatte, eine gewisse gesellschaftliche Bedeutung erlangte. Lustigerweise soll das Wort „Skandalfilm“ so verwendet eine gewisse Respektabilität bringen, anstatt zu stigmatisieren. Das zeigt natürlich auch, wie unsinnig es ist, mit solchen Begriffen, die binnen von 30 Jahren komplett ihre Bedeutung verlieren, überhaupt zu operieren. Die Aufregung um DER FAN hat sich natürlich irgendwann gelegt, und 2003 wurde der Film sogar vom Index genommen. Heute ist der Weg frei für seine Neubewertung unter künstlerischen Gesichtspunkten. Sicherlich mag er auf manche auch heute noch allein wegen der Tatsache, dass die damals 16-jährige Désirée Nosbusch darin in ihrer ganzen jugendlichen Pracht zu sehen ist, eine gewisse Anziehungskraft ausüben (warum auch nicht, sie war ja tatsächlich sehr hübsch), aber das ist eher zu vernachlässigen. Wer sich DER FAN heute aus der Distanz anschaut, der wird wahrscheinlich darüber staunen, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit damals an etwas so Oberflächlichem wie der Nacktheit der Hauptdarstellerin aufhing. Vielleicht war das eine Schutzmaßnahme, denn alles andere an DER FAN ist noch deutlich verstörender als es jede vermeintliche „Ausbeutung“ gewesen sein könnte (die Nosbusch klagte kurz nach Erscheinen des Films, weil sie behauptete, man habe ihr die Zusage gegeben, ihre Nacktszenen zu kürzen).

Kurz zum Inhalt: Simone (Désirée Nosbusch), Schülerin im Teenageralter, ist glühender Verehrer des Popstars R (Bodo Steiger) und schreibt ihm regelmäßig Liebesbriefe, auf die sie sehnsüchtig eine Antwort erwartet, die jedoch ausbleibt. Schließlich gelingt es ihm, bei einem Fernsehauftritt seine Aufmerksamkeit zu erringen. Er nimmt sie mit zu sich nach Hause, schläft mit ihr und will sie dann wieder verlassen – sie ist nur eines von vielen Mädchen, die ihm ihre Liebe gestehen und die er benutzt, bevor er sich der nächsten zuwendet. Sie  erschlägt ihn, zerstückelt seine Leiche mit einem Elektromesser, kocht und verspeist ihn, bevor sie seine Knochen zu Staub verarbeitet. In der letzten Szene schreibt sie ihm einen Brief, in dem sie ihm gesteht, dass sie schwanger von ihm ist. Der Film endet mit einem Türklingeln.

Wie bei GIB GAS – ICH WILL SPASS wusste die zeitgenössische Kritik mit dem Film rein gar nichts anzufangen. Die Handvoll Rezensionen, die exemplarisch auf der Wikipedia-Seite des Films zitiert werden, lassen die tiefe Verunsicherung und Ratlosigkeit erkennen, die Schmidt mit seiner Inszenierung verursacht hatte. Das steife und leichenhafte Spiel der beiden Hauptdarsteller, das im Spiegel kritisiert wird, ist, das sieht ein Blinder mit Krückstock, natürlich beabsichtigt und soll das detachment von einer Gesellschaft illustrieren, die den beiden Protagonisten völlig fremd geworden ist. Und wenn das Lexikon des internationalen Films bemängelt, dass „weder das Verhalten des Mädchens noch die gesellschaftskritischen Ansätze glaubhaft entwickelt“ würden, dann übersieht der Autor dieser Zeilen total, dass es Schmidt weder um eine konkret ausformulierte Gesellschaftskritik noch um Psychologie geht. Was Schmidt in DER FAN besser und eindrucksvoller gelingt als zahlreichen anderen Filmemachern, die sich mit dem Abdriften in den Wahnsinn beschäftigt haben, ist gerade die Darstellung der Zäsur, des Risses, des Sprungs. Es gibt keine Erklärung, die Simones Tat hinreichend erklären würde. Anstatt Indizien anzuhäufen, die sich dann wie bei einem Puzzle zu einem lückenlosen Bild zusammensetzen, macht Schmidt das Gegenteil: Er saugt alles, was als Träger von Bedeutung fungieren könnte, aus dem Film heraus. Zurück bleibt eine Welt ohne Verständnis, ohne Wärme, ohne Empathie, die totale Leere. Wie sollte man die anders füllen, als damit, den Menschen, den man zu lieben glaubt, kurzerhand zu verspeisen und damit für immer zu behalten, jedoch ohne jemals auf ihn hören zu müssen?

Zu spartanischer Synthiemusik intoniert R in typischer New-Wave-Sprechgesang-Diktion den Text zu „Augenblick“: „Ich lebe für den Augenblick“, heißt es da, doch was das genau bedeutet, wie ein Leben, das man im Bewusstsein seiner Flüchtigkeit leben soll, aussehen könnte, diese Erklärung bleiben sowohl R wie auch der Film schuldig. Auch Simone weiß das nicht, nur dass das Leben, wie es sich für sie darstellt, nicht lebbar ist. Es findet keine Kommunikation statt außer der einseitigen mit R in ihren Briefen (die er nicht beantwortet). Ihre Eltern sprechen zu statt mit ihr, ohne durchzudringen und ohne wirkliches Interesse für ihre Belange zu zeigen. Ein kurzes Insert zeigt den Vater, der direkt in die Kamera schreit, dass sie etwas erleben könne, wenn sie noch einmal blau mache. Ihre Reaktion darauf sieht man nicht, aber es ist klar, dass es in DER FAN nichts zwischen Gleichgültigkeit und Konfrontation gibt. Die Leute stehen so rum, ergehen sich in Konventionen, aber darüber hinaus passiert nichts. Wie sollte eine 16-Jährige darauf anders reagieren, als sich einen Traumprinzen als Antwort auf alle ihre Fragen zu schaffen? Doch auch der ist ja nur ein Mensch und Sex mit ihm nur eine fast geschäftliche Transaktion, bei der sich zwei Körper berühren, sonst nichts.

DER FAN ist eiskalt, ohne sich aber in typisch „kalten“ Bildern zu ergehen. Es ist eher die Haltung, die Schmidt zum Geschehen einnimmt bzw. die Distanz, die er wahrt, der sein Film diese zutiefst hoffnungslose, traurige Atmosphäre verdankt – und natürlich der Musik von Rheingold, der Band von R-Darsteller Steiger. Noch einmal zum „Skandalfilm“: Es ist schon klar, dass das Finale damals verstörte. Die gut 15-minütige Sequenz, die Simones Abstieg in den Wahnsinn mit herausfordernder Ruhe begleitet, ihr grausames Verbrechen ohne jeden Anflug von Aufregung protokolliert, ist harter Tobak, auch wenn es kaum Grafisches zu sehen gibt. Und die Nosbusch, eine unschuldige Fernsehmoderation in dieser Rolle zu sehen, war natürlich ein starkes Stück. (In einer Szene ist Joachim Fuchsberger als Moderator von „Auf los geht’s los“ zu sehen, der noch Jahre später als Fürsprecher der Moderatorin fungierte, die mit einigen undiplomatischen, aber ehrlichen Aussagen in der deutschen Öffentlichkeit zur Persona non Grata geworden war.) Das Unbehagen, das der Film verursacht, resultiert aber nicht aus der Tat allein: Es ist die Ungewissheit darüber, wie die Geschichte weitergehen wird, die Vorstellung Simone könne ganz normal weitermachen, ohne dass jemals etwas von ihrem Verbrechen ans Licht kommt, die so schockierend ist. In der Welt von DER FAN fällt Simone nicht aus dem Rahmen.